Efeu - Die Kulturrundschau

Im wilden Spiel des Zeitdrucks

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31.07.2019. Im Tagesspiegel erzählt der neue künstlerische Leiter der Berlinale, Carlo Chatrian, wie er mit dem neuen Wettbewerb "Encounters" zarte Filmpflänzchen fördern will. In der SZ erklärt Monika Grütters, weshalb sie auch die weniger zarten Filmpflanzen mit üppigen Fördergeldern gießt. Zeit Online wandert durch die Wälder Tallinns ins neue Arvo-Pärt-Zentrum. Skeptisch betrachtet die Welt das verkohlte Holz im temporären Notre-Dame-Zwilling. Der Standard staunt, wie beim Wiener Impulstanz-Festival Identitätsdiskurse aufgespießt werden. Außerdem würdigen die Feuilletons Primo Levi zum Hundertsten.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2019 finden Sie hier

Film

Für etwas Verwunderung hat Carlo Chatrians Ankündigung als neuer künstlerischer Leiter der Berlinale gesorgt, einen zwischen dem klassischen Wettbewerb und dem Forum angesiedelten weiteren Wettbewerb namens "Encounters" einzuführen. Im großen Tagesspiegel-Gespräch konkretisiert er seine Vorhaben etwas: "Ich möchte zwei kohärentere Wettbewerbe schaffen, in denen die Unterschiede zwischen den konkurrierenden Produktionen nicht zu extrem ausfallen. Es hilft der Jury, wenn sie nicht Äpfel mit Birnen vergleichen muss. Und es hilft den Filmen, wenn sie den Markt zielgenauer adressieren können. ... In 'Encounters' sollen Filme laufen, die noch keine großen Produktionsstrukturen im Rücken haben oder von den Regisseurinnen und Regisseuren selbst an uns herangetragen werden. Die neuen Technologien sorgen dafür, dass manche Filme komplett in Eigenregie entstehen. Sie haben ein anderes Verhältnis zum Markt, es sind zartere Pflänzchen."

Das SZ-Feuilleton macht heute mit einem seitenfüllenden Gespräch mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters auf, die Tobias Kniebe Rede und Antwort in Sachen Filmförderung steht. Etwa auch zu der oft brennenden Frage, warum selbst noch im besten wirtschaftlichen Saft stehende Mega-Seller wie die "Fack Ju Göhte"-Reihe noch immer beträchtliche Fördersummen einstreichen: Es geht um Standort-Konkurrenz. Andere Produktionsstandorte "werben auch mit staatlichen Subventionen, weil sie wissen, dass eine solche Standortförderung im Filmbereich ein relevanter wirtschaftlicher Faktor ist, der Folgeinvestitionen im eigenen Land nach sich zieht. Zudem trägt er dazu bei, dass die einheimische Produktionsinfrastruktur und die Beschäftigten im Filmbereich ausgelastet sind und Know-how im Inland gebunden wird. Und weil auch die deutsche Filmförderung neben dem kulturellen auch den wirtschaftlichen Erfolg im Blick hat, macht es durchaus Sinn, selbst die kommerziell erfolgreichen Filme mit Steuergeldern zu fördern, oder im Fall von 'Fack Ju Göhte 3', deren Produktion im eigenen Land zu behalten."

Weiteres: In der Berliner Zeitung schreibt Thomas Klein über den wachsenden Einfluss Chinas auf die Hollywood-Blockbuster. Holger Kreitling rät in der Welt dazu, sich gerade heute, da Donald Trump gegen Baltimore ätzt, den Serienklassiker "The Wire" wieder zu Gemüte zu führen, der in den Jahren von 2002 bis 2008 ein detailliertes Bild der Stadt gezeichnet hat.

Besprochen werden Mariano Llinás an die 14 Stunden dauernder Film "La flor" (SZ), die Netflix-Serie "Another Life" (online nachgereicht von der FAZ) und Eckhart Schmidts "Die Story" von 1984 (critic.de).
Archiv: Film

Kunst

Bild: Carlee Fernandez: Bear.

"Erfrischend" findet Christoph Heim in der SZ die Ausstellung "Passion" im Bündner Kunstmuseum in Chur, die ihm neben historischen Perspektiven auf die Jagd auch Bilder von Klee, Mapplethorpe, Vallotton oder Franz Gertsch zeigt und die Jagd zeitgenössisch hinterfragt: "So gafft die Betrachter nur wenige Meter neben dem Gertsch ein ausgestopfter Wolf ins Gesicht, der auf einem kleinen Anhänger samt zugehörigem Waldboden befestigt ist. Künstlicher geht es nicht, aber dieses Diorama von Mark Dion aus dem Jahr 2006 zeigt, dass Wildnis zu einer Denkfigur geworden ist, die man wie einen Wagen an jeder gerade passenden Stelle an- und abkoppeln kann. Ein Gedanke, der überall geparkt werden kann."

In der FAZ erinnert Rainer Stamm an die Eröffnung der "Neuen Abteilung" der Berliner Nationalgalerie durch deren damaligen Leiter Ludwig Justi vor hundert Jahren, die zum ersten deutschen Museum für Gegenwartskunst wurde: "Mit Rücksicht auf das Fundament der Sammlung, das die französischen Impressionisten und Postimpressionisten bildeten, und auf die im Krieg gefallenen Franz Marc und August Macke sowie auf Lehmbruck, der sich im März 1919 das Leben genommen hatte, verzichtete Justi darauf, das Neue Museum 'Galerie der Lebenden' zu nennen. Als Galerie der Zeitgenossen verstand es sich gleichwohl. 'Hier erwartet den Besucher die große Überraschung', verkündete Max Osborn am Eröffnungstag: 'Der Expressionismus hat seinen Einzug gehalten!"

Besprochen wird die Leiko-Ikemura-Schau "Nach neuen Meeren" im Kunstmuseum Basel (FAZ).
Archiv: Kunst

Musik

In überwältigender Stille gelegen: Arvo-Pärt-Zentrum bei Tallinn. (Tönu Tunnel/Arvo Pärt Centre

Ziemlich beeindruckend findet Zeit-Autorin Christine Lemke-Matwey das neue, in einem Kiefernwald eine kurze Autofahrt westlich von Estlands Hauptstadt Tallinns gelegene Arvo-Pärt-Zentrum, das sich zum Werk des Komponisten ziemlich kongenial verhält, zumal wenn man auf der Fahrt dorthin nochmal Pärts Arbeit "Fratres" hört: Wer sich so "dem Pärt Centre nähert, auf federndem Waldboden, in überwältigender Stille, den überfällt plötzlich die Vision, dass die Natur sich eines Tages zurückholen könnte, was man ihr hier, nein, nicht geraubt, aber doch in den Pelz gesetzt hat. Dass Blaubeeren, Kiefern, Sand und See letztlich über alle Partituren und Papiere, alle Tagebücher, Briefe, Tonbänder und Fotos in ihren Klimaschränken obsiegen. Die Schöpfung war immer das Ziel von Pärts Kunst, nie wollte seine Musik (jedenfalls nicht die, die er gelten lässt) etwas anderes als in dieser aufgehen. Dass ausgerechnet ein Archiv das so versinnbildlicht, ist außergewöhnlich." Und natürlich hören wir gerne nochmal in "Fratres" rein:



Weitere Artikel: Udo Badelt porträtiert im Tagesspiegel den Pianisten Saleem Ashkar. Bjørn Schaeffner hat sich für die NZZ mit dem früheren DJ Roger Giger getroffen, der einst den House nach Zürich brachte.

Besprochen werden Jens Balzers neue Bücher über die Popkultur der 70er und über Populismus im Pop der Gegenwart (Freitag), das neue Album von Helge Schneider (Standard), ein Konzert von Katie Melua (Tagesspiegel), ein heute Abend im Ersten gezeigter Dokumentarfilm über 50 Jahre Woodstock (Tagesspiegel, FR, taz) und neue Popveröffentlichungen, darunter das Debütalbum "Blume" der Londoner Jazzformation Nérija, das SZ-Kritikerin Annett Scheffel ziemlich umhaut.

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Archiv: Musik

Literatur

Primo Levi in den 60ern bei der Lektüre (Quelle)

Heute vor 100 Jahren wurde der Auschwitz-Überlebende Primo Levi in Turin geboren. Er legte frühzeitig literarisches Zeugnis über die Ermordung der Juden durch die Deutschen ab und wurde so zu "einem der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts", schreibt Arno Widmann in der FR. "Levi wollte nicht anklagen, sondern verstehen. Weil er wissen wollte, was war und wie es war. Weil er analysierte, statt Stimmung zu machen. Seine beharrliche Lakonie machte ihn einzigartig. Es ging ihm nicht um Einfühlung. ... Levis ganze Anstrengung war darauf gerichtet, klar und deutlich zu sehen wie die 'Untergegangenen und die Geretteten', die Täter und die Opfer, die Guten und die Bösen den Aggregatzustand von Auschwitz durchlebt hatten. Er wollte auch sicherstellen, dass niemand nach Auschwitz so weiterleben konnte, als habe es Auschwitz nicht gegeben. Die Menschheit hatte sich in Auschwitz erkannt. Es wäre ein Verbrechen gewesen, sich dumm zu stellen und hinter diese Erkenntnis zurückzufallen."

Auch Welt-Redakteur Marc Reichweich würdigt Levis 1947 erschienenes Buch "Ist das ein Mensch?" als eines der "konkretesten und zugleich humansten Zeugnissen über den Holocaust. ... Es bringt unserem manchmal akademisch-distanzierten Reden über den Holocaust jene Unmittelbarkeit zurück, die nur schwer zum Sprechritual erstarren kann. Auch weil Levi - lange bevor sich im Gefolge der gleichnamigen Zeitzeugen-Doku der Begriff Holocaust, die zeithistorische Forschung und das Fernsehphänomen der Zeitzeugen-Dokus etablierten - Auschwitz als Hölle beschrieb, im Sinne Dantes." Außerdem erinnern Ulrich Gutmair (taz) und Maike Albath (Tagesspiegel) an Levi. Der BR bringt eine einstündige Lesung aus Levis "Ist das ein Mensch?".

In der "10 nach 8"-Serie auf ZeitOnline denkt die Publizistin Andrea Roedig über die Konjunktur des Ichs in Literatur und Essays angesichts der fortschreitenden Digitalisierung nach: "Eigentlich müsste das Ich sich jetzt besonders schützen, aber stattdessen, im wilden Spiel des Zeitdrucks und der Konkurrenz, macht es sich immer weiter auf. Text muss her und in gewissem Sinn ist es einfach, über sich zu schreiben, wenn auch nicht unbedingt leicht. ... Entgegen aller journalistischen Weisheit ist der gute Text einer, der sich um die Zielgruppe nicht schert, weil er eben innerlich ist, nicht äußerlich. Mir scheint allerdings, dass sich da gerade etwas verändert: an der Dialektik von Innen und Außen, an der Bedeutung des Schreibens, an dem, was politisch ist, am Ich."

Besprochen werden unter anderem Ludwig Lahers Essay "Wo nur die Wiege stand. Über die Anziehungskraft früh verlassener Geburtsorte" (Standard), Berit Glanz' "Pixeltänzer" (SZ) und Jane Gardams "Bell und Harry" (FAZ).
Archiv: Literatur

Bühne

Lisi Estaras & Ido Batash. "The Jewish Connection Project". Bild: Thomas Dhanens

Selten wurden die Verbissenheit von Identitätsdiskursen so locker zerlegt wie in den Tanzperformances "The Sea Within" von Lisbeth Gruwez und "The Jewish Connection Project" von Lisi Estaras mit Ido Batash, staunt Helmut Ploebst (Standard) beim Wiener Impulstanz-Festival: "In The Jewish Connection Project geht es um ironische Korrekturen an sich wieder verfestigenden Stereotypen von einer jüdischen Identität, wie sie von aktualitätsgebundenen Medien nur schwer zu erfassen sind. Estaras und Batash zerfasern mit ihrer bunt zusammengewürfelten Tanz- und Performancegruppe alle Festlegungen. Aber nur, um einzelne Details und Fäden neu aufzugreifen und zu einem lockeren Gewebe zusammenzufügen, mit dem sich die Pluralität des heutigen Judentums erfassen lassen könnte. Gerade diese Lockerheit, die sich gleich zu Beginn aus dem weiblichen Wortwitz eines Rap-Songs darüber, was alles jüdisch sein kann, entspinnt und zu einer clever komponierten choreografischen Performance aufblüht, enthält bereits einen Strang dieser Identität, robusten Humor, auch wenn dieser wie auf nur dünn überkrusteter Lava einhertanzt, weil, wie wir wissen, die Hölle der Geschichte noch nicht erkaltet ist und die Bewegungen der Gegenwart erneut erhöhte Aufmerksamkeit verlangen."

In der NZZ erzählt Wolfgang Stähr, wie Mozart in den drei gemeinsam mit dem Librettisten Lorenzo Da Ponte geschaffenen Opern ("Le nozze di Figaro", "Don Giovanni" und "Così fan tutte") das Weltbild des Ancien Régime auf den Kopf stellte und das höfische Menschenbild mit Humor demaskierte: "Ein bösartiger Humor? Reden wir noch über Mozart? Doch vergessen wir nicht, dass dieser apollinische Klassiker durchaus ein hämisches Vergnügen genießen konnte, wenn er seine Interpreten mit undankbaren und heimtückisch schwierigen Partien ins Schwitzen brachte (und seinen Spott sogar in die Noten schrieb) oder sich auf Kosten seiner mittelmäßigen Komponistenkollegen einen Spaß erlaubte."

Weitere Artikel: In der taz erzählt die Autorin Lindita Komani vom Protest albanischer Künstler, die in Tirana seit über einem Jahr versuchen, das albanische Nationaltheater vor dem Abriss zu bewahren. René Pollesch inszeniert gemeinsam mit Fabian Hinrichs das Stück "Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt" am Berliner Friedrichstadtpalast, meldet der Tagesspiegel. In der FAZ erkennt Clemens Haustein die Kindertauglichkeit der "Meistersinger", die in der Reihe "Richard Wagner für Kinder" in Bayreuth zu sehen waren: "Von Marko Zdralek in musikalischer Hinsicht virtuos auf eine gute Stunde gekürzt, von Dirk Girschik frisch inszeniert." "Kurzweilig wie ein Comedy" nennt Haustein auch Barrie Koskys "Meistersinger"-Inszenierung im Haupthaus.

Besprochen wird Marius Felix Langes Kinderoper "Der Gesang der Zauberinsel" bei den Salzburger Festspielen (Standard).
Archiv: Bühne

Architektur

Abseits der "Rekonstruktionswolkenkuckkucksheime", die internationale Architekturbüros für den Wiederaufbau von Notre Dame planen, hat das Architekturbüro Gensler nun eine so schlichte wie pragmatische temporäre Kirche entworfen, berichtet Marcus Woeller in der Welt, nicht gerade begeistert von dem "protestantischen" "Pop-up-Zwilling": "Auf einer Fläche von 75 mal 22 Metern (so groß wie das Mittel- schiff ) erhebt sich ein transluzenter Kubus mit Polykarbonat-Wänden und einer ebenfalls durchscheinenden Decke aus luftgefüllten Kunststoffkissen. Getragen wird die Leichtbaufassade nicht von gotischen Strebepfeilern, sondern von einem innen liegenden Skelettfachwerk aus verkohltem Holz. Das ist nicht nur als Reminiszenz an den Großbrand zu verstehen, sondern hat auch statische Gründe. Holz dem Feuer auszusetzen, sei nicht nur eine der ältesten und wirksamsten Brandschutzmethoden, so ein Partner des Architekturbüros. Es gemahne an die Katastrophe, die Notre-Dame zerstört hat, drücke zudem den Glauben an Wiedergeburt und Transformation der Kathedrale aus."

Weitere Artikel: Der Standard weiß, wie das von dem Wiener Architekturbüro Coop Himmelb(l)au geplante Science & Techology Museum im chinesischen Xingtai aussehen wird.
Archiv: Architektur
Stichwörter: Notre Dame