9punkt - Die Debattenrundschau

Die vollkommene Nachtschwärze

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.07.2019. Der Europäische Gerichtshof hat zum Thema Sampling ein wegweisendes Urteil getroffen: Zitieren ist in gewissen Fällen erlaubt. Viel Arbeit für Popkritiker, freut sich Jens Balzer in Zeit online.  Es sind nicht medienethische Fragen, die sich im Fall Marie Sophie Hingst in erster Linie stellen. Der Skandal liegt in der Erkenntnis, dass sich eine Holocaust-Geschichte so einfach fälschen lässt, meint die taz. Ebenfalls in der taz unterstützt Udo Knapp die These, dass es nicht die Bürgerrechtler waren, die die DDR stürzten. Aber die Bevölkerung war es auch nicht.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.07.2019 finden Sie hier

Urheberrecht

In dem berühmten Fall um einen Zwei-Sekunden-Ausschnitt aus einem Kraftwerk-Stück, das Moses Pelham für einen Song der Rapperin Sabrina Setlur gesamplet hatte, hat nach einer Klage von Kraftwerk nun der Europäische Gerichtshof entscheiden - tendenziell pro Sampling, berichtet Frédéric Döhl im Tagesspiegel: "Laut EuGH handelt es sich schon nicht um eine Vervielfältigung der Vorlagentonaufnahme, wenn der Samplingakt klein ausfällt ('Audiofragment') und der Sample im neuen Werk nicht mehr zu erkennen ist. Ist der Sample noch in seiner ursprünglichen Gestalt zu erkennen, eröffnet der EuGH eine zweite Exit-Option: über das Zitatrecht, wenn das Sampling erfolgt, um mit der Vorlage zu 'interagieren'. In beiden Fällen braucht der Sampelnde künftig keine Genehmigung mehr." Der Fall wird aber nochmal an den Bundesgereichtshof zurückverwiesen.



"In den letzten Jahren hatte sich in der Musikwirtschaft die Praxis durchgesetzt, dass Samples nur mit Genehmigung benutzt werden", schreibt Christian Rath in der taz. Das könnte sich nun also wieder ändern. Aber wer entscheidet, ob ein Sampling gehaltvoll ist und mit dem Original "interagiert", fragt Jens Balzer bei Zeit online: "Hier könnte ein ganz neues Gutachterwesen entstehen und mithin ein hervorragendes lukratives Betätigungsfeld für Popkritikerinnen und Popkritiker. Das ist toll! " Ähnlich argumentiert Leonhard Dobusch bei Netzpolitik.
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Religion

Der Historiker Hartmut Leppin greift in der FAZ in den Streit um den Zölibat ein, der von Kardinal Walter Brandmüller jüngst als unverrückbares Wesensmerkmal der Katholischen Kirche verteidigt wurde (unser Resümee): "Die zölibatäre Lebensform war .. lange eine Alternative für Priester, aber keine Verpflichtung", legt er dar - gleichzeitig sei aber ein leben in Keuschheit in vielen Religion Praxis und nicht als solches zu verwerfen.
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Medien

Es sind nicht die medienethischen Fragen, die sich im Fall Marie Sophie Hingst (unsere Resümees) am dringendsten stellen, meint Peter Weißenburger in der taz - Hingst war nach Spiegel-Enthüllungen über ihre gefälschte Identität tot aufgefunden worden: "Klar, Hingst, die Holocaust-Hochstaplerin, ist ein Faszinosum. Aber der Skandal spielt eigentlich ganz woanders. Er liegt in der erschütternden Erkenntnis, dass sich eine Holocaust-Geschichte recht einfach fälschen lässt. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, bei der Bloggerszene und bis hin zur Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem, die Einsendungen im guten Glauben annimmt. Für die Erinnerungskultur ist das eine Katastrophe." Michael Hanfeld und Ursula Scheer verteidigen im FAZ.Net den Spiegel-Reporter Martin Doerry, der Hingsts Geschichte enthüllte: "Ihr öffentliches Auftreten machte sie sich zu einer Person der Zeitgeschichte, deren Angaben nach Überprüfung drängten. Ihr Tod bleibt eine menschliche Tragödie."
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Stichwörter: Hingst, Marie Sophie

Europa

Udo Knapp, Urgestein der 68er-Bewegung und später Bürgermeister auf Rügen, verschärft in der taz die Thesen des Soziologen Detlef Pollack zum Mauerfall noch (unsere Resümees). Nicht nur waren die Bürgerrechtler total in in der Minderheit - bei den Wahlen nach der Wende bekamen sie gerade 1,5 Prozent. Die SED und ihre DDR waren bei der Bevölkerung sogar "über 40 Jahre lang gut aufgehoben. Die Mehrheit der dort gebliebenen 14 bis 16 Millionen Menschen haben die DDR-Diktatur nicht nur erlitten, sie haben sie mitgetragen, sie waren mehr oder weniger loyale, an ein Leben in der Diktatur angepasste Bürger. Ihr Mitmachen bei den Nazis ging bruchlos in das Mitmachen bei den DDR-Sozialisten über." Daraus folgt für Knapp, dass die AfD "in der geistigen Nachfolge der Nazis und der SED-Sozialisten in den Neuen Ländern zu Hause" ist.

Die Creuse ist jene Gegend in Frankreich, in der so gut wie keiner mehr lebt und wo auch kaum einer mehr hinkommt. Die Bevölkerung hat sich seit den Fünzigern halbiert, ganze Dörfer haben zugemacht. Daniele Muscionico beschreibt in der NZZ das psychische Elend der verbliebenen Bevölkerung und singt doch eine Hymne auf die Landschaft: "Der Schönheit des ungenutzten Waldes, der Reichtum der Vogelarten, die Klarheit des Sternenhimmels, die vollkommene Nachtschwärze, erhellt einzig durch Leuchtwürmchen - es sind diese Phänomene, weswegen ich hier bin. Und nach drei Wochen auf dem Einödhof fällt es mir auch gar nicht mehr auf: Die Dinge, wofür ich die Creuse schätze, stehen in direktem Zusammenhang mit der Abwesenheit von Menschen."
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