Ein wenig mäandernd stellt sich Reinhard J. Brembeck in der SZ die Frage, ob Katharina Wagner in Bayreuth weitermachen sollte oder nicht - und ob überhaupt alles stets beim Alten bleiben muss: "Ein Chef aus der Wagner-Familie in Bayreuth ist für viele Menschen ein lieb gewonnener Mythos, aber eben nur ein verzichtbarer Mythos aus einer Zeit, als Namen magische Schutzfunktionen bedeuteten. Seit dem Tod von Katharinas Vater Wolfgang wurde das ehemalige Familienunternehmen schrittweise in einen modern geführten Theaterbetrieb umgewandelt. Der Prozess ist nicht abgeschlossen, Marketing, (Unter-)Finanzierung, Haussanierung, Öffnung nach außen, das sind nur einige der aktuellen Probleme. Irgendwann wird Bayreuth auch ein Nichtmitglied der Wagner-Familie führen, wichtiger als die Personalie ist die Programmatik. Muss es bei der jährlichen Neuproduktion nur einer der sieben als Bayreuth-tauglich erachteten Wagner-Opern, den 'Ring' als Einheit gerechnet, bleiben? Könnten es nicht auch zwei sein?"
Außerdem: In der Zeit porträtiert Jolinde Hüchtker Zoe Lohmann, die auf der Bühne als Dragking Alexander Cameltoe auftritt. Besprochen werden Helgard Haugs Inszenierung "All right. Good night" beim Zürcher Theaterspektakel (NZZ) und Christoph Marthalers Inszenierung von Verdis "Falstaff" sowie Simon Stones Inszenierung von Martinůs "The Greek Passion" bei den Salzburger Festspielen (Van-Magazin).
Im Februar hatte der Choreograf Marco Goecke die FAZ-Tanzkritikerin Wiebke Hüster mit Hundekot beschmiert (unser Resümee). Im Gespräch mit der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, das nicht online zu lesen ist, aber von Zeit onlineresümiert wird, hat sich Goecke nun entschuldigt. Er habe unter Burnout gelitten. "Die Staatsoper hatte dem Ballettchef ein vorläufiges Hausverbot erteilt und eine Entschuldigung verlangt. Das Hausverbot gilt Goecke zufolge nicht mehr. 'Ich war aber noch nicht wieder im Haus, ich konnte das nicht.' Er werde aber bald wieder proben. Im September werde 'A Wilde Story' wieder aufgenommen, dafür werde er an das Haus zurückkommen."
Weiteres: In der nachtkritikresümiert Valeria Heintges das Zürcher Theaterspektakel, in der SZ schreibt Egbert Tholl dazu. Besprochen wird Bohuslav Martinůs Oper "Griechische Passion" bei den Salzburger Festspielen (nmz).
Weitere Artikel: Welt-Kritiker Manuel Brug bespricht die Höhepunkte vom "Tanz im August"-Festival. Nachtkritikerin Valerie Heintges resümiert den Auftakt des Zürcher Theater-Spektakels. Die Dokutheatergruppe "Das letzte Kleinod" bespielte den für den Abriss bestimmten "Columbus-Bahnhof" in Bremerhaven mit drei Abschiedsstücken. Jetzt gibt es Pläne für eine Instandhaltung, freut sich Jens Fischer in der taz.
Besprochen werden Philipp Preuss' Inszenierung von Euripides Drama "Die Bakchen" im Theater an der Ruhr in Mühlheim (SZ) und Stefan Kaegis Langzeitperformance "Shared Landscapes" bei Grünheide (SZ, taz).
"Exit Above" bei Tanz im August. Foto: Anne van Aerschot. SZ-Kritiker Dorion Weickmann wird von Anne Teresa de Keersmaekers Performance "Exit Above - After the Tempest" bei Tanz im August geradezu hinweggefegt. Das junge Tanzkollektiv verteilt "eine schallende Ohrfeige" an die Elterngeneration, die die Zerstörung des Planeten nicht aufgehalten hat und tanzt "erhobenen Hauptes in den Untergang", staunt Weickmann: "Ein weißes Tuch, groß wie ein Segel, flattert im Sturm. Gerade noch hat Meskerem Mees mit Cherubs Stimme den Engel der Geschichte beschworen, schon wirft der Tänzer Solal Mariotte seinen Körper unter dem riesenhaften Textil in den Kampf. Einsam fegt er über den Boden, der Gitarrist Carlos Garbin stimmt den ersten Blues des Abends an und taktet Mariottes Kopf- und Schulterspins, die dessen künstlerische Herkunft aus dem Breakdance verraten. Immer lauter, immer heftiger tobt der Orkan, das Segel legt sich in tausend Falten, bis völlige Stille eintritt. Die auch noch anhält, als sich ein elfköpfiger Pulk aus dem Schatten schält."
Weitere Artikel: Nachtkritiker Christian Rakow ist für Caroline Barneauds und Stefan KaegisPerformance-Wanderung "Shared Landscapes", die in sieben Inszenierungen das Naturbewusstsein stärken will, stundenlang durch den Brandenburger Wald gestapft. Auch BlZ-Kritiker Doris Meierhenrich war dort. Welt-Kritiker Jakob Hayne teilt seine Eindrücke von der Ruhrtriennale.
Besprochen werden François de Carpentries' Inszenierung von Vivaldis Oper "La fida ninfa" bei den Innsbrucker Festwochen (tsp) und Jorinde Dröses Adaption von Mareike Fallwickls Roman "Die Wut, die bleibt" bei den Salzburger Festspielen (taz, SZ).
Die kürzlich in den Feuilletons aufgekommene Frage, ob Theater auch im Sommer weiter Stücke spielen sollten (unser Resümee), beantwortet Peter Laudenbach in der taz mit einem klaren "Nein". Die Bühnen brauchen die Pause, so der Kritiker, genauso wie das Publikum: "Wenn sich das Theater in seiner Überproduktionsbetriebsamkeit noch einen Rest von Aura gerettet haben sollte, ist die Idee, ihm nicht mal im Sommer eine Pause zu gönnen, der beste Weg, diese Aura auszuradieren. Wie bei jeder starken Droge empfiehlt es sich auch beim Theater dringend, die Einnahme regelmäßig zu unterbrechen, schon um die Gewöhnungsabstumpfung zu vermeiden: Dann wirkt es nach der Theaterentziehungskur nach der Sommerabstinenz wieder um so intensiver."
Weitere Artikel: In der FRfordert Arno Widmann die deutschen Theater auf, sich mal an Heinrich Heines Tragödie "Almansor" ranzuwagen. Das Stück wurde seit seiner desaströsen Uraufführung 1823, die aus nicht überlieferten Gründen in einem Publikumstumult endete, nie wieder gespielt. In der FAZ weist Christian Gohlke auf die Ausstellung "Die zauberhafte Wirklichkeit des Theaters" im Salzburger Stefan-Zweig-Zentrum hin, die sich um die legendäre "Faust"-Premiere des jüdischen Theatermachers Max Reinhardt im Jahr 1933 dreht.
Szene aus "Eduardo e Cristina". Foto: Rossini Festival
Jedes Jahr im August verwandelt sich Pesaro ins "piccola Bayreuth sull'Adriatico", freut sich Michael Stallknecht, der dort das Rossini-Festival für die SZ besucht hat. Drei Opern werden jährlich gespielt, 2023 ist zum ersten Mal überhaupt "Eduardo e Cristina" dabei, ein Stück, das nicht nur stimmlich herausfordert: "Die schwedische Königstochter Cristina hat heimlich ein Kind vom Feldherrn Eduardo, das sie vor König Carlo, ihrem Vater, verheimlicht. Als die Sache auffliegt, verurteilt der Vater die gesamte Familie zum Tod. Zum Glück für alle Beteiligten greifen am Schluss die Russen an, Eduardo schlägt den Angriff zurück und rettet damit nicht nur seiner Familie das Leben", beschreibt Stallknecht den Inhalt der Oper, die Rossini unter dem Effizienzdruck seiner aufsteigenden Karriere geschrieben hatte. "Dass die Oper über größere Strecken ein Selbstplagiat ist, hört man: Die Musik scheint manchmal neben sich zu stehen, nicht wirklich zur dramatischen Situation zu passen." Immerhin: Mit der Aufführung aller Rossini-Werke entsteht eine historisch-kritische Edition, die helfen wird, auch andere Stücke von Rossini auf die Bühne zu holen als die altbekannten, hofft Stallknecht.
Besprochen werden außerdem Gisèle Viennes "Extra Life" auf der Ruhrtriennale (nachtkritik), Massenets "Werther" bei den Bregenzer Festspielen (nmz) und Verdis "Falstaff" in Salzburg (nmz).
Szene aus "Der kaukasische Kreidekreis". Bild: Monika Rittershaus Mehr als hundert Jahre nach ihrer Gründung findet bei den Salzburger Festspielen erstmals inklusives Theater statt: Helgard Haug inszeniert gemeinsam mit der Gruppe Hora, bestehend aus Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung, den "Kaukasischen Kreidekreis" nach Bertolt Brecht. Laut SZ-Kritiker Egbert Tholl "verzettelt" sich der Abend gelegentlich, aber der "ästhetische und emotionale Genuss" überwiegt, meint er: "Wenn man bei der Salzburger Aufführung erlebt, wie Simone Gisler in einem mehr oder weniger freien Extempore die Hochzeit der Grusche mit dem Soldaten Simon imaginiert, herbeifantasiert, in ihrer Erzählung, ihrem Spiel Realität werden lässt, dann glaubt man ihr sofort, dass sie Recht hat, wenn sie sich selbst als die schönste Braut der Welt bezeichnet." "Auch diese Schauspieler sind jetzt Salzburger Festspiele", freut sich Manuel Brug in der Welt nach einem witzigen und bewegenden Abend: "Sogar mit einer Diversitäts-Barbie wird agiert. Und am Ende steht dann plötzlich die von Robin Gilly gestellte Frage, ob die Grusche wohl auch ein Kind genommen hätte, 'das so aussieht wie ich?' Da schluckt aber keiner mehr, da lächelt man eher vergnügt, so charmant haben die Darsteller einen längst umwickelt."
Im Alter von 96 Jahren ist die Operndiva Renata Scotto gestorben. In der Welt erinnert Manuel Brug an die "flammende Aura der italienischen Primadonna alter Schule", deren "herber und prickelnder, anregender und verstörender" aceto balsamico nicht immer gern für Studioaufnahmen genommen wurde: "Die Scotto, die irgendwann auch, mit schönem Erfolg, Regie zu führen begann, war ein Bühnenbiest, selbst im Alter noch in so untypischen Rollen wie der Strauss'schen 'Rosenkavalier' Marschallin, die sie etwa in Catania in sehr viel Geheimnis und weibliche Magie kleidete oder auch als dessen 'Elektra'-Klytemnästra, die klassische Abschiedsrunden-Partie einst bühnenbebender Soprane oder Mezzos." In der SZ schreibt Wolfgang Schreiber. Wir hören noch einmal rein:
Weitere Artikel: In einem großen Zeit-Interview spricht der Theaterregisseur Robert Wilson darüber, wie er mit 27 Jahren einen taubstummen, schwarzen Jungen adoptierte, über die Ignoranz seines Vaters und den Einfluss des japanischen Theaters auf seine Arbeit. Sir John Eliot Gardiner wird Hector Berlioz' vierstündige Oper "Les Troyens" Ende August bei den Salzburger Festspielen und Anfang September beim Musikfest Berlin dirigieren: In der FAZspricht Gardiner über die Herausforderung, Berlioz zu dirigieren und die Abneigung der Franzosen gegenüber der Musik von Berlioz: "Seine Zeitgenossen fanden den heftigen Ausdruck seiner Fantasie unverständlich; Wagners 'Tannhäuser', in Paris kurz vor 'Les Troyens' aufgeführt, und Verdis 'Rigoletto' waren mehr nach ihrem Geschmack." Im Tagesspiegel kann sich Christiane Tewinkel trotz allen Pomps der Faszination der Bayreuther Festspiele nicht entziehen: "Soziales wird an diesem Ort konsequent abgedrängt. … Kein Opernhaus, eher eine Art Klangkloster, und nirgends lässt sich eine Akustik erleben wie genau hier."
Besprochen werden Georges Aperghis' uraufgeführtes Musiktheater "Die Erdfabrik" bei der Ruhrtriennale (FAZ) und Christoph Marthalers Inszenierung von Verdis "Falstaff" sowie Bohuslav Martinus "Griechische Passion" bei den Salzburger Festspielen (NZZ).
Bohuslav Martinus' "The Greek Passion" bei den Salzburger Festspielen. Foto: Monika Rittershaus
Anders als seine Kollegen von der FR und Welt (unser Resumee) ist Egbert Tholl in der SZ nicht allzu angetan von Simon Stones Inszenierung von Bohuslav Martinus' Oper "The Greek Passion" bei den Salzburger Festspielen. Das Flüchtlingsthema ist wichtig, konzediert er, und gesangstechnisch ist das natürlich auf "Festivaltopniveau"; die Inszenierung ist für Tolls Geschmack jedoch deutlich zu simpel gestrickt. Gut, Martinu "war nie Avantgarde, aber einer, der unmittelbar verstanden werden wollte. Genau das tritt nun in Salzburg zu Tage: Text, Musik und auch die Umsetzung der Oper tragen keinerlei Rätsel, keine über den Moment hinausweisende Idee in sich. Das Publikum ist begeistert", seufzt der Rezensent und blickt nach oben. Von dort "kommt mal ein Wasserfall, fallen pittoreske Papierschnipsel, von unten fahren Hubpodien Teile des Personals inklusive leuchtendem Kreuz nach oben, einmal ploppt ein riesiger Aufblas-Christus auf, da hat man dann endgültig zu viel von der bildlichen Simplizität. Am Ende verlässt die bunte Schar der Geflüchteten die Bühne, die (nicht mehr völlig einheitlich) graue Dorfgemeinschaft bleibt zurück, so einfach kann die Deutung der Welt manchmal sein."
Dorothea Marcus berichtet in der nachtkritik von der Pressekonferenz, auf der Kay Voges als neuer Intendant des Kölner Schauspiels vorgestellt wurde. Mit der Wahl kann sie leben, aber die Auswahlprozedur lässt doch arg zu wünschen übrig, findet sie: "Denn Voges ist eben doch auch wieder jener genialische männliche Künstlertypus, der am Ende gewinnt, weil er als einfachste und naheliegendste Lösung mit der größten Strahlkraft erscheint. 'Es gebe keine geeigneten Frauen im Bewerberfeld', sagte Kulturdezernent Stefan Charles kürzlich noch auf einer Podiumsdiskussion - was definitiv nicht stimmt, ich weiß von mindestens vier spannenden Bewerberinnen. Am ärgerlichsten an dieser Wahl ist nicht, was am Ende herausgekommen ist - Kay Voges ist eine sehr gute Wahl (übrigens soll er vor vier Jahren auch schon im Schlussrennen um die Intendanz gewesen sein). Doch warum sollte das Verfahrengeheim gehalten werden wie eine Papstwahl? Warum war die Findungskommission, die sich auf öffentlichen Druck outete - Topgirls wie Karin Beier vom Hamburger Schauspielhaus und Kathrin Mädler vom Theater Oberhausen sowie erfahrene Strippenzieher wie Ulrich Khuon können nicht irren - so gar nicht divers besetzt?"
Weitere Artikel: Rüdiger Schaper freut sich im Tagesspiegel über den Erfolg des Berliner Festivals "Tanz im August". Bernd Noack resümiert in der NZZ leicht deprimiert die Salzburger Festspiele. Elena Philipp schreibt anlässlich des Berlin Circus Festivals in der nachtkritik zum Status quo des zeitgenössischen Zirkus. Besprochen wird der Debütroman der Schauspielerin Valery Tscheplanowa, "Das Pferd im Brunnen" (nachtkritik).
Szene aus "The Greek Passion" bei den Salzburger Festspielen. Foto: Monika Rittershaus
Simon Stones Inszenierung von Bohuslav Martinus' Oper "The Greek Passion" ist die "Oper der Stunde" und der Höhepunkt der Salzburger Festspiele, jubelt FR-Kritikerin Judith von Sternburg. Martinu verfasste das Libretto zusammen mit dem griechischen Romanautor Nikos Kazantzakis in den fünfziger Jahren: Gerade hat der Priester Gregoris in einem verschlafenen Dorf die Rollen für das Passionsspiel vergeben, da taucht ein Flüchtlingstrek auf, der um Hilfe bittet. Ursprünglich ging es hier um Migrationswellen während des Griechisch-Türkischen Krieges, so die Kritikerin, aber der Konflikt, den die Ankunft der Geflüchteten auslöst, ist natürlich brandaktuell und wie dem Salzburger Publikum hier "das Unrecht unterlassener Hilfeleistung entgegengedonnert wurde" beeindruckt Sternburg sehr: "Diese Oper ist durch die erforderlichen Chormassen, durch die Landschaften, die man sich dabei vorstellt, aber auch durch die Musik eine echte Breitwandoper. An Korngold und gar an Hollywood zu denken, ist nicht abwegig. Eine ideale Bühne dafür bietet die Felsenreitschule, für die der Regisseur Simon Stone einfache, große Bilder findet...Sich abgrundtief zu schämen und begeistert zu applaudieren, bietet sich sehr selten so unpeinlich zur selben Zeit an." Dieser Abend wirkt lange nach, findet auch Welt-kritiker Manuel Brug, und ist musikalisch höchst interessant: "Eine moderne Passion; manchmal eher als folkloristisches Getümmel zwischen der kantigen Tragödie, die die Partitur harsch meißelt. Da gibt es Fetzen von Strawinsky, Anklänge an Orff, auch Messiaen, gregorianische Mystik, Impressionismus, Einfachheit und Komplexität. Scheinbar Leichtes, Klares kippt in sanften Übergängen immer wieder in harmonisch Überraschendes." Anja-Rosa Thöming beklagt in der FAZ hingegen das sterile Bühnenbild und die "Erwartbarkeit vieler Bilder". Regine Müller bespricht das Stück in der taz.
FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster hat mit Trajal Harrells Performance "The Romeo" beim Festival Tanz im August eine "herrlich intellektuelle" Choreografie erlebt: "Sie ist wie eine Illustration, ein Tanz kluger Thesen, meditativ, zurückhaltend, insistent in der ritualhaften Wiederholung einiger Motive."
Szene aus "Falstaff" bei den Salzburger Festspielen. Ziemlich sauer war das Publikum nach Christoph Marthalers Inszenierung von Verdis Oper "Falstaff" bei den Salzburger-Festspielen. Marthaler lehnt das Stück an ein Filmprojekt von Orson Welles an und lässt auf der Bühne ein Filmteam auftreten unter der Regie eines dickbäuchigen, zigarrerauchenden Falstaff alias Welles. Es wird dann noch ziemlich kompliziert, meint Egberth Tholl in der SZ, musikalisch ist die Inszenierung aber durchaus gelungen, "gerade der Schluss des zweiten Akts - jene Szene, in der sich der auf Freiersfüßen befindliche Falstaff in einem Korb versteckt und schließlich in der Themse landet - wird bei Marthaler zur perfekten Umsetzung der Musik. Bei Verdi plappern alle in höchster Verwirrung wie wild drauflos, die Worte haben keine Bedeutung mehr, werden zur Musik, hier auf der Bühne bricht das totale Chaos aus, die Ebenen verschwimmen." Vielleicht ist das alles eine "Spur überinszeniert", gibt Anja Rosa-Thöning in der FAZ zu, aber für "die Offenheit gegenüber neuen Gedanken auf Basis des Werkes" ist sie dankbar. Judith von Sternburg kann den Frust des Publikums schon verstehen: "Alle sind betrogen, aber nicht nur von ihren Eitelkeiten, ihren Dummheiten und von einander, wie es im Text steht, sondern auch von einer überkomplizierten Regieidee, durch die sich das Regieteam passenderweise selbst betrogen hat."
Weitere Artikel: Die Feuilletons melden, dass Kay Voges der neue Intendant am Schauspiel Köln wird. SZ-Kritiker Dorion Weickmann hat in der ersten Woche des "Tanz im August"-Festival in Berlin ein "herrliches Utopia der Multikulturalität" erlebt. Till Briegleb teilt dort seine Eindrücke vom internationalen Sommerfestival-Kampnagel. In der FAZ berichtet Patrick Bahners über die Ambitionen des Kölner Kulturdezernenten Stefan Charles.
Besprochen werden Georges Aperghis' instrumentales Theaterstück "Die Erdfabrik" bei der Ruhrtriennale (SZ).
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