Szene aus Shakespeares "Sommernachtstraum" in der Inszenierung von Barbara Frey. Foto: Matthias Horn
Die Ruhrtriennale hat begonnen. Eröffnet wurde sie in diesem Jahr mit Barbara Freys Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum". Sehr traditionell, findet Regine Müller in der taz. Da wollte die Ruhrtriennale doch eigentlich weg von? Nun also eine Shakespeare-Komödie. Frey hat das Stück stark gekürzt, so Müller, "sodass ihr Zeit bleibt, das Tempo rauszunehmen aus der Komödie, gespielt wird durchweg bedächtig, fast wie in Zeitlupe, aus dem Witz wird Nachdenklichkeit und zarte Ironie. Frey zeichnet eine gebremste, beinahe apathische Gesellschaft, alle Figuren haben etwas sanft Lächerliches, Unbeholfenes, und endlich ist das Stück im Stück - die berühmte Handwerkerszene - einmal kein lauter Klamauk, sondern eine ernsthafte Reflexion über das Theater selbst. Und ganz beiläufig von frappierender Aktualität, denn wenn die Laiendarsteller bei Shakespeare darüber sinnieren, ob dem Publikum ein Löwe zuzumuten sei und man nicht doch besser vorher ansagen solle, dass nun gleich ein Löwe auftrete, dieser aber in Wahrheit ein Schauspieler sei, dann erledigt Shakespeare vor 400 Jahren die heutige Diskussion über Triggerwarnungen lässig mit links."
In der FAZ fragt sich Patrick Bahners zwar auch, ob man nicht mit den Industrieruinen hätte arbeiten können, statt einfach eine Drehbühne in eine Halle zu setzen, aber die Inszenierung hat ihn dann doch fasziniert: "Welchen Reim soll man sich darauf machen, dass in dieser Komödie die natürliche Welt der Menschen von einer übernatürlichen Welt der Feen verdoppelt wird, sodass den Hochzeitsvorbereitungen von Theseus und Hippolyta die Eheprobleme der Luftspielleiter Oberon und Titania entsprechen? Barbara Frey präpariert an der konventionellen Apparatur zur Perpetuierung sozialer Härten das Sanfte heraus und am absurden Theater der sogenannten Rüpel das Zarte. Das kann man so verstehen, dass die unvollkommenen Arrangements der sozialen Wirklichkeit die Gegenwelt schon enthalten, deren Lebendigkeit man sich zu Shakespeares Zeiten im Rückgriff auf sagenhafte Geschichten des Volksglaubens herbeiträumen konnte." Der fünfte Akt verhagelt SZ-Kritiker Egbert Tholl zwar die Gesamtwirkung, aber davor ist es wirklich ganz zauberhaft, besonders Oliver Nägeles Zettel, versichert er: "Also, Zettel hat seinen Traum, der keiner war, sondern zauberische Realität, und er denkt darüber nach, dass der Mensch ein Esel sei, wenn er sich einfallen ließe, diesen Traum zu verstehen. ... Wäre danach die Aufführung zu Ende, man schwebte hinaus in einem wundervollen Zustand".
Weiteres: Jakob Hayner unterhält sich für die Welt mit dem Schauspieler Jens Harzer, der Energiesparen im Theater für keine gute Sache hält: "Die Kirche muss offen bleiben, und das ewige Licht muss brennen." Simon Strauß schreibt in der FAZ zum 80. Geburtstag des Theatermachers Wolfgang Engel. Besprochen wird außerdem die Uraufführung der Choreografie "Age of Content" von "(La) Horde" & Ballet National de Marseille beim Tanz auf Kampnagel, bei der sich FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster gründlich gelangweilt hat.
Der Frage, warum Intimitätskoordinatoren an Theatern eine gute Idee sein könnten, geht Dorion Weickmann für die SZ nach. Die Koordinatoren arbeiten zu Fragen wie: "Wie lassen sich intime, sexualitätsbezogene oder konfliktlastige Momente innerhalb einer Inszenierung so gestalten, dass die Beteiligten einvernehmlich agieren und niemand etwas tut, was ihm oder ihr widerstrebt?" Kritik, diese Sicherheiten könnten zu Lasten von Spontanität und kreativem Geist gehen, weiß Weickmann im Gespräch mit verschiedenen Akteuren wie dem Koordinator Florian Federl zu entkräftigen: "'Wichtig ist, dass die Beteiligten wissen, was sie tun, warum sie es tun und worauf sie sich einlassen. ... Wieso sollen ausgerechnet Tänzer, die doch ständig und ausschließlich mit dem Körper sprechen, nicht von sich aus in der Lage sein, Grenzen zu ziehen? Die wichtigste Antwort liegt in der Ausbildung, die vielfach strikt hierarchisch organisiert und leistungstechnisch orientiert ist. Wer als Teenie nicht lernt, den Mund aufzumachen, wird ihn auch später kaum aufkriegen. Hier schaffen Intimitätskoordinatoren Abhilfe."
(La)Horde: Age of Content. Bild: Blandine Soulage. Ob das Choreografen-Trio (La)Horde einen Intimitätsbeauftragten beschäftigt, wissen wir nicht. Nachtkritiker Michael Laages sah dessen Choreografie "Age of Content" beim Internationalen Sommerfestival Kampnagel jedenfalls mit gemischten Gefühlen. Ein Auto und sein Kampf mit den Figuren nimmt eine prominente Rolle auf der Bühne ein: Da es "die Wimmelwesen höchstpersönlich von sich runter werfen kann, ist bald schon nicht mehr auszumachen, wer hier die Oberhand behalten wird: Maschine oder Mensch. ... Das Schönste, was zu hoffen bleibt, wäre wohl Liebe: um die geht's im zweigeteilten Finale. Erst probiert ein einzelnes Paar möglichst phantasievolle erotische Stellungen aus - und das angedeutete Gelecke, Gefummel und Gerammel nimmt schon ziemlich explizite Formen an. Jeder ist mit jeder und jedem zugange". Es ist aber nicht der Sex auf der Bühne, der ihn stört, sondern "dass 'Age of Content' eher montiert wirkt und als Gesamt-Dramaturgie nicht überzeugt - wie überall und immer wieder auch an den Stadt- und Staatstheatern, wenn mal wieder drei Choreografinnen und Choreografen einen Ballett-Abend gemeinsam verantworten". Das Finale allerdings war toll, meint er.
Mehr Spaß hatte Tagesspiegel-Kritikerin Sandra Luzina bei der Eröffnungsvorstellung des Berliner Festivals Tanz im August im HAU: Gegeben wurde "Carcaça" in der Inszenierung von Marco da Silva Ferreira, einem Choreografen des "Urban Dance", der sich fragt, was heute noch Volkstanz ist: "Er verbindet Streetdance und Clubbing mit Schrittmustern, die man von folkloristischen Tänzen kennt. Dabei fokussiert er sich auf die Fußarbeit. Die Tänzer:innen treten zunächst in schwarzen Trikots mit Cut outs auf. Später schlüpfen einige der Männer und Frauen in Röcke mit bunten Ethno-Mustern. ... Das ist streckenweise mitreißend, eine Demonstration von Lebensfreude. Nur leider ist die Guckkastenbühne des Hebbel-Theaters denkbar ungeeignet für das Stück."
Weiteres: Gina Thomas hat sich für die FAZ Händels "Semele" und Strauss' "Ariadne" beim Opernfestival Glyndebourne angeschaut.
Welt-Kritiker Manuel Brug reibt sich die Augen: Ein Klassik-Festival auf Mallorca, nur einige Minuten vom Ballerman entfernt? Das Cap Rocat Festival fand diesen August zum dritten Mal statt, so Brug, und startete mit einem Knall: Pietro Mascagnis "vollsaftiger" Oper "Cavalleria Rusticana", iszeniert von Ilias Tzempetonidis, mit hochkarätiger Besetzung und mit Mallorca-Flair: "Auch 'nur' konzertant, aber mit großen dramatischen Gesten und auswendig singend, zeigten die zwar in Málaga residierende, aber sich in Spanien vokal rar machende Elina Garanca (als Santuzza), der sein auf Anhieb überzeugendes Rollendebüt gebende Michael Fabiano (als Turiddu), Luca Salsi als Alfio und Maria Agrest in der fünf-Minuten-Rolle der Lola, wie italienische Oper lodern kann. Zwar saßen das engagierte Orquesta Sinfónica de las Islas Baleares, die Noten von Brisen geschüttelt, sowie der ordentliche, extra zusammengestellte 47-köpfige Chor auf luxuriösem Grund. Aber dahinter breiten sich Pinien, Macchia und Windmühlen aus, und übers Mittelmeer liegt der Handlungsort Sizilien, mit dem Mallorca viel gemeinsam hat."
Weitere Artikel: Im Standardporträtiert Margarethe von Affenzeller die Theatergruppe "Hora", die aus Schauspielern mit kognitiver Beeinträchtigung besteht.
Besprochen werden Roland Schwabs und Markus Poschners Inszenierung von "Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen (nmz).
Anna Netrebko hat die New Yorker Metropolitan Oper wegen "Diskriminierung am Arbeitsplatz und Verleumdung" verklagt, melden die Feuilletons. Opernintendant Peter Gelb hatte ihr Engagement aufgekündigt, weil sich die Sängerin nicht entschieden genug von Putin distanziert habe. Gelb, berichtet Frauke Steffens in der FAZ, steht allerdings selbst im Fokus der Kritik: "Manche Beobachter kritisieren, dass auch die New Yorker Oper sich erst spät eindeutig von Putin distanziert habe - obwohl dessen Absichten bekannt gewesen seien. Hauptgeschäftsführer Gelb war tatsächlich kurz vor dem Überfall noch in Moskau. Ensembles der Metropolitan-Oper und des Bolschoi-Theaters probten damals gemeinsam für Richard Wagners 'Lohengrin'. Tage danach, als Putin seinen Angriffskrieg begonnen hatte, kündigte die Met das Kooperationsprojekt auf. Gelb verteidigte seine Reise später." Empathie für die Ukraine würde anders aussehen, meint Manuel Brug in der Welt: "anstatt sich zu ducken und abzuwarten, feiert sie scheinbar unbeeindruckt auf Instagram für ihre 722.000 Fans ihren immerwährenden Kaufrausch durch die Luxusboutiquen der Welt, garniert mit üppigen Fressgelagen und Party bis zum Umfallen."
Weitere Artikel: In der FAZ stellt Andreas Rossmann fest: die "Unabhängigkeit der öffentlichen Kultureinrichtungen in Italien ist bedroht." Die Regierung unter Giorgia Meloni besetzt wichtige Positionen im Kulturbereich zu ihren Gunsten. So sei auch die Neubesetzung der Opernintendanz am Teatro San Carlo in Neapel durch Carlo Fuortes, der zuvor wegen Konflikten mit der Regierung als Chef der Rundfunkanstalt RAI zurückgetreten war, ein "politischer Handstreich".
Besprochen wird Stephan Viziolis Inszenierung von Vivaldis Oper "L'Olimpiade" bei den Innsbrucker Festspielen (FAZ).
Weitere Artikel: Taz-Kritiker Uwe Mattheis resümiert das ImpulsTanz-Festival in Wien: Was viel der Performances verbindet ist ihre Nähe zum "posthumanistischen Zeitgeist".
Besprochen wird Markus Poschners und Roland Schwabs Inszenierung von Wagner "Tristan und Isolde" bei den Bayreuther Festspielen (FAZ).
Sabine Seifert berichtet für die taz von der Problematik, mit der sich die Karl-May-Szene konfrontiert sieht: Stereotype Darstellungen und Diskussionen um kulturelle Aneignung werfen viele Fragen auf. Ein Anfang ist gemacht, findet Seifert: "Fragen stellen, sich beraten lassen. Das heißt aber, dem Rat auch zu folgen. Fronten und Empfindlichkeiten klären. Das Karl-May-Museum und die kleinste der Karl-May-Bühnen haben Bereitschaft signalisiert. Aber reicht die Bereitschaft, Karl May zu entrümpeln, um seine Geschichten mit Respekt für das Schicksal der First Nations auf die Bühne und unter die Leute zu bringen?"
Sollen die Theater ihre Ferien flexibler gestalten?, fragt Christiane Lutz in der SZ im Gespräch mit Akteuren des Theaterbetriebs: "Ist es eigentlich sinnvoll, dass alle Stadt-, Staatstheater und alle Opernhäuser in einem Bundesland gleichzeitig sechs lange Wochen am Stück Sommerpause machen? Vorhang runter, wir sehen uns im Herbst, Tschü-hüss? Oder andersrum gefragt: Wäre es nicht eine gute Idee, die Theater und Opern auch im Sommer spielen zu lassen? Um auch den Urlaubern in der Stadt was zu bieten? Und: Gehört es nicht zur Aufgabe der Theater zu spielen?", fasst sie die Position Olaf Zimmermanns zusammen, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, der daran erinnert, dass deutsche Theater immerhin in hohem Maße subventioniert werden. Ob das Angebot gerade von TouristInnen dann wirklich wahrgenommen wird, stellt die stellvertretende Intendantin des Münchner Residenztheaters, Ingrid Trobitz, in Frage: "Bei 38 Grad geht doch keiner ins Theater, es sei denn, er sucht die Klimatisierung."
Der Tagesspiegel hat eine kleine Umfrage zum Thema gemacht. Die straffen Zeitpläne des Theaters erlauben außer einer größeren Sommerpause kaum Zeit für Erholung, hält beispielsweise Christiane Peitz fest: "Auch zwischen den Jahren und rund um Ostern wird nicht pausiert. Die Freizeit der anderen ist die Hochzeit der Künste: Wer wollte ihnen da die etwas längere Pause verübeln, bis Ende August mindestens der Probenbetrieb wieder losgeht?" Rüdiger Schaper plädiert hingegen für versetzte Ferien: "Immer mehr Berliner bleiben im Sommer in der Stadt, und das wird weiter zunehmen. Wer kann, geht angenehmerweise im Winter oder in der Vorsaison auf Reisen. Was spricht dagegen, dass die Opern versetzt Ferien machen? Dass die Schauspielhäuser sich abwechseln und auch mal zu anderer Zeit pausieren?"
Von der Zusammenarbeit kleiner und großer Tanzkompanien im Rahmen der Initiative "Tanzland" der Bundeskulturstiftung berichtet Dorion Weickmann in der SZ. Sie ist von dem Projekt restlos überzeugt, wie auch der Dirigent Marcus Bosch, den sie zitiert: "Jedes Projekt, das Tanz zu den Menschen bringt, ist ein Gewinn. Wir müssen rausgehen! Nicht nur angesichts einer nachwachsenden Generation, die nicht mehr ohne Weiteres die heiligen Hallen eines Theaters betritt."
Besprochen werden das Lettische Lieder- und Tanzfest in Riga (Welt) und aus Bayreuth "Tannhäuser", der "Fliegende Holländer" (FAZ) sowie der "Ring des Nibelungen" (Standard).
Szene aus der "Götterdämmerung" in Bayreuth. Foto: Enrico Narwath
Valentin Schwarz hat noch mal an seiner Bayreuther Ring-Inszenierung gefeilt und das Ergebnis ist vielleicht manchmal etwas trivial, aber jetzt schlüssig, meint Jan Brachmann in der FAZ und antwortet Kritikern gleich auf den Vorwurf, es fehle dieser Inszenierung, die im hier und heute spielen könnte, alles Mythische. Zu fragen wäre doch: "Ist Wagner wirklich mythisch? ... Wie geht der Archaismus zusammen mit dem Parfüm Pariser Salons, das Wagner aus den Klavierstücken seines Schwiegervaters Franz Liszt importierte? Hat Wagner nicht ohnehin nur die Krise der spätbürgerlichen Familie zwischen Lustimperativen und Vertragswerken, zwischen Leistungsdruck und Krankheit, Kunstrausch und Erwerbsdruck mythisch überschminkt? Waren also die 'Buddenbrooks' nicht längst Oper, bevor sie Roman wurden?" Ein dickes Lob geht an den Dirigenten Pietari Inkinen und an die "außerordentlich schön" singenden Sänger.
In der tazgratuliert Joachim Lange Bayreuth-Chefin Katharina Wagner zu diesem Ring: "Künstlerisch riskiert Katharina Wagner eine Menge. Vom eigenwilligen Altstar (Frank Castorf) bis zum jungen, noch unbekannten Regietalent Valentin Schwarz. Dass das nicht jedem gefällt, ist klar", Lange gefiel es. "Nach dem Vorgänger-Ring von Castorf, der das Scheitern großer Utopien bildmächtig durchdekliniert hatte, bricht der Österreicher die Erzählung vom Untergang der Götterwelt beim Kampf um die Macht (für die der Ring steht) konsequent auf Menschenmaß herunter und macht daraus eine Art Familiensaga. Dabei kommen in der Ausstattung von Andrea Cozzi (Bühne) und Andy Besuch (Kostüme) zwar etliche Utensilien, die eigentlich wie der Ring (also das Gold) selbst dazugehören, abhanden. Dafür gibt es zusätzliches Personal und ein eigenes System von optischen Leitmotiven. ... Wer bereit ist, sich auf die Binnenlogik dieser Erzählung einzulassen, wird allemal spannend unterhalten."
Weiteres: Im van Magazin liefert Albrecht Selge Eindrücke aus Bayreuth. Frank Schlößer unterhält sich für die nachtkritik ausführlich mit dem Theatermacher Alejandro Quintana, der nach dem Putsch Pinochets in Chile vor fünfzig Jahren in die DDR flüchtete und dort das Teatro Lautaro in Rostock gründete. Besprochen werden noch der Salzburger "Jedermann" ("Michael Maertens ist der verhaltene Typus, womöglich sogar eine Spur befangen. Man kann das unjedermannisch und langweilig finden. Aber es hat auch etwas sehr Modernes, wie ihm eben doch nicht ganz entgangen ist, dass es auf der Welt Probleme gibt", meint in der FR Judith von Sternburg) und Dmitri Tcherniakovs Bayreuther Inszenierung des "Fliegenden Holländer" mit einem hinreißenden Michael Volle in der Hauptrolle ("Allein schon sein phänomenaler Auftrittsmonolog war atemberaubendes Wagnerglück pur!", ruft Joachim Lange in der nmz)
Jeanine De Bique als Teculihuatzin/Doña Luisa in "Indian Queen". Foto: Marco Borrelli. Ein musikalischer Triumph! Die Aufführung von Henry Purcells' letzter, unvollendeter Semi-Oper "The Indian Queen" wurde bei den Salzburger Festspielen vom Publikum euphorisch gefeiert und auch SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck ist entzückt. Zu sehen war die konzertante Fassung einer szenischen Ko-Produktion von Dirigent Teodor Currentzis und Peter Sellars, die die ursprüngliche Handlung mit einem Roman der Nicaraguanerin Rosario Aguilar überschrieben haben. Es geht um die verhängnisvolle Liebe einer Maya-Prinzessin zu einem spanischen Conquistador, lesen wir. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht Currentzis als exzentrischer "musikalischer Vorturner", so Brembeck: "Besonders der Chor begeistert mit romantischen Träumereien, packender Drastik. Natürlich ist diese Currentzis-Show eitel. Aber dieser Dirigent weiß seine Eitelkeit in den Dienst der Musik zu stellen. Der ganze Abend gelingt ihm eindringlich und zutiefst menschlich." Auch FR-Kritikerin Judith von Sternburg wird "restlos hineingezogen" in die Geschichte, was vor allem an der Protagonistin liegt: "Jeanine De Bique, eine dunkel timbrierte, den tiefen Ernst der Situation in Stimme und Spiel fassende Sopranistin, ist als Teculihuatzin der Dreh- und Angelpunkt, um sie herum ein so spielstarkes wie musikalisch starkes Ensemble." Aber: es ist auch ein Abend im "politischen Zwielicht", wie FAZ-Kritiker Jürgen Kersting betont. Politisch war Currentzis Engagement umstritten: Der Dirigent tritt parallel auch in Russland auf und hat sich bisher nie dezidiert kritisch zu Putins Regime geäußert.
Besprochen werden Valentin Schwarz' Inszenierung von Wagners "Walküre" in Bayreuth (SZ) sowie Karin Henkels Adaption von Michael Hanekes Film "Amour" und Ulrich Rasches Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" bei den Salzburger Festspielen (Welt).
Liebe (Amour) 2023: Christian Löber, Katharina Bach, André Jung. Foto: Matthias Horn. Alle haben Karin Henkels Adaption von Michael Hanekes oscarprämiertem Kammerspiel "Amour" bei den Salzburger Festspielen gesehen. Die Meinungen gehen auseinander: Diese "intime Bild-Etüde" über Sterbehilfe für die Bühne zu adaptieren war ein Wagnis, meinen Simon Strauß und Jürgen Kesting in der FAZ, aber es hat sich gelohnt. Henkel und Dramaturg Tobias Schuster versuchen nicht, die ganz private Perspektive des Films auf ein alterndes Ehepaar, Georges und Anne, nachzuahmen, sondern weichen an vielen Stellen vom Original ab, so die Kritiker. Als sich Annes Gesundheitszustand nach einem Schlaganfall rapide verschlechtert, muss Georges sich bald mit ihrem Wunsch zu Sterben auseinandersetzen. Besonders beeindruckt sind die Kritiker von Henkels Idee, im Stück Betroffene mit ähnlichen Erfahrungen zu Wort kommen zu lassen: "Was man aus guten Gründen mit Skepsis erwartet, das menschelnde Vorzeigen von 'echten Geschichten', bleibt aus. Stattdessen inszeniert Henkel deren Auftritt sehr bedacht als kurzes, einschneidendes Intermezzo...Jede und jeder kommt kurz zu Wort und beginnt, eine Erfahrung mit Krankheit oder Tod zu schildern. Meist sind es nur ein paar Sätze, dann übernimmt einer der Darsteller und liest einen Text über die von ihnen erfahrenen Schicksalsschläge vor, während im Hintergrund auf einer Leinwand Fotografien eingeblendet werden, die sie in ihrem früheren Leben zeigen." Auch Standard-Kritikerin Margarete Affenzeller hat eine gelungene Inszenierung über "die Unerbittlichkeit des biologischen Endes und das Ringen um Souveränität als menschliches Individuum" erlebt. Ganz anders sieht es Christine Dössel in der SZ und beklagt eine zu abstrakte Inszenierung mit teils veralteten performerischen Mitteln. Weitere Kritiken in taz,Tagesspiegel und nachtkritik.
Weitere Artikel: Wiebke Hüster lobt in der FAZ die persönlichen Performances von Trajal Harrell und Olivier Dubois beim Impulstanz-Festival in Wien und begrüßt ein neues Genre: die Autobiochoreographie. Welt-Kritiker Peter Huth verteidigt die Festspiele Bayreuth gegen Pauschalkritik.
Besprochen werden Krzysztof Warlikowski Inszenierung von Verdis Oper "Macbeth" bei den Salzburger Festspielen.
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