Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.07.2023 - Bühne

Szene aus "Tannhäuser" bei den Bayreuther Festspielen. Foto: Enrico Nawrath. 

Ein "szenisches Wunder" jubelt SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck bei den Bayreuther Festspielen auch im vierten Jahr von Tobias Kratzers "Tannhäuser"-Inszenierung. Die größte Sensation ist diesmal aber die Orchesterführung von Natalie Stutzmann, ruft der euphorische Kritiker: "Von Anfang an macht Stutzmann im 'Tannhäuser' ihre ästhetische Position klar. Sie liebt wunderschöne und immer flexible Linien, sie atmet mit jeder Stimme, sie achtet auf jedes Detail, sie meidet trotz zügiger Tempi alles Rigide. Die warm klingenden Streicher liegen ihr besonders am Herzen, die Bläser domestiziert sie, verlangt ihnen Mystisches und Herbes ab, lässt sie leuchten. Sodann bevorzugt Stutzmann das Leise, sie lässt das Orchester immer wieder Kammermusik machen. So gerät auch das Septett der Männerheldensänger, gern als Brüllorgie von Alpha-Egos aufgeführt, als ein feines sommerliches Stimmengespinst." Auch Joachim Lange ist in der nmz rundum glücklich mit dieser Inszenierung und hebt besonder die gesangliche Leistung von Klaus Florian Vogt als Tannhäuser hervor.

Szene aus "Nathan der Weise" mit Valerie Tscheplanowa. Foto: Monika Rittershaus. 

Uneinig sind sich die Kritiker bei Ulrich Rasches Inszenierung von Lessings "Nathan der Weise" bei den Salzburger Festspielen. Egbert Tholl bewundert in der SZ die kurzfristig eingesprungene Valerie Tscheplanowa in der Titelrolle, die mit einem einzigen "Nein" den Facettenreichtum der Hauptfigur aufblitzen lässt: "Sie erzählt mit dem Klang des einen Worts - ein Klang schillernd wie ein bunter Opal am Grunde eines glitzernden Bachs - von Nathans Selbstbewusstsein und seinem Stolz, seiner Bescheidenheit und dem Wissen um die eigene Klugheit, mischt als Farbe ein wenig Angst hinein, ein Lauern und Zögern, ein bisschen List." Einen "imposanten Abend" hat FR-Kritikerin Judith von Sternburg erlebt. Dabei nimmt Rasches Inszenierung dem Stück zwischenmenschliche Töne, zum Blühen kommen stattdessen "die klügsten Thesen der Neuzeit", die dem Publikum "entgegengerufen, entgegengeschrien" wurden.

In der FAZ ist Simon Strauß voll des Lobs für Tscheplanowas "Nathan", die Inszenierung hinterlässt bei ihm jedoch einen bestenfalls zwiespältigen Eindruck: Einerseits werde Lessings Stück "mit viel technischem und musikalischem Aufwand zur monumentalen Parabel auf den menschlichen Hass aufgedonnert. Wird nicht nur die unübersichtliche Handlung des Dialogstückes vergegenwärtigt, sondern auch noch der verkappte Antisemitismus mancher Aufklärer mit eingeschobenen Zitaten angeprangert. Andererseits bietet die Inszenierung zu wenig sinnliche Haltepunkte, um dem rhythmisch vorgetragenen Text über die lange Strecke zu folgen." Ähnlich geht es nachtkritikerin Gabi Hift, die die "monotone, extrem verlangsamte Sprechweise" beklagt: Über vier Stunden sei das "extrem anstrengend und teilweise quälend".

Besprochen wird außerdem Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Verdis "Macbeth" (FR, FAZ, tsp, NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.07.2023 - Bühne

Szene aus der "Hochzeit des Figaro" in Salzburg. Foto: SF/Matthias Horn


Auch in Salzburg haben jetzt die Festspiele begonnen. Die Eröffnungsinszenierung bot Martin Kušej, der Mozarts "Hochzeit des Figaro" ins Mafiamilieu versetzte, wie Judith von Sternburg in der FR achselzuckend zur Kenntnis nimmt. Aber die Musik! "So ausbalanciert wird man 'Le nozze di Figaro', wenn überhaupt, selten auf der Bühne hören, mit einem so homogenen Ensemble solcher Klasse, mit einem so präzisen Mozart-Klang. Dem weichen, perfekt konturierten Grundklang der Wiener Philharmoniker gibt die minuziöse Ton-für-Ton-Arbeit des französischen Dirigenten Raphaël Pichon eine untergründige Aggressivität bei, auch einen in der Süße verborgenen Ernst auf Leben und Tod. Und während auf der Bühne Blut fließt und Regisseur Martin Kušej auf eine verblüffend altmodisch derbe Art versucht, dem Publikum vor den Latz zu knallen, wie problematisch der gesellschaftliche Status quo im 'Figaro' ist, 1786 uraufgeführt, bietet die Musik die aufregend subversive Lesart davon."

Auch FAZ-Kritiker Jürgen Kesting kann mit Kušejs Inszenierung nichts anfangen, zumal sie sich nur selten mit der Musik deckt. "Umso versöhnlicher, dass sich Mozarts Musikgestalten nicht einfach zu unbedarften Typen dekonstruieren lassen. Diese Gestalten bekommen insbesondere bei den Protagonistinnen ein fein gezeichnetes Profil, geschärft durch die Führung des französischen Dirigenten Raphaël Pichon. Er sichert dem Klang der Wiener Philharmoniker, nach einem Kaltstart in der Ouvertüre, ein klares, markantes Relief. Sein Gespür für die Begleitung der Sänger - für die Entwicklung und dramatische Spannung der Arien - ist rundum überzeugend." In der NZZ stöhnt Christian Wildhagen: "Vermutlich ist Mozarts geheimnisvollste Opernfigur noch nie so lieblos behandelt worden." SZ-Kritiker Egbert Tholl immerhin in den ersten zwei Akten mafiamäßig mit: "Zu Beginn hängen Susanna und Figaro an einer sehr schönen Bar herum, er misst nicht die Größe des Zimmers aus, sondern zählt die Drinks. Sabine Devieilhe ist so zart wie durchsetzungsfähig, wird als Susanna immer betörender, Krzysztof Bączyk hingegen ist ein richtiger Lackl, Handlanger vom Boss, nicht gefeit gegen Eifersucht, ausgerüstet mit einem hochinteressanten Timbre. Neben den beiden großen Arien der Gräfin die schönste Szene: Jene, in der herauskommt, dass Figaro der Sohn von Marcellina und Bartolo ist. Das mafiöse Personal hängt an der schönen Bar, alle sind besoffen oder auf Koks oder beides, die Geschichte Figaros ist erst ein Witz, so wie man halt Witze erzählt unter groben Kerlen und Kerlinnen, dann sickert Erkenntnis ein, Devieilhe allein schon spielt das großartig - die Szene ist ein kleines Meisterwerk der schauspielerischen Wahrheit auf der Opernbühne." In der nmz schreibt Roland H. Dippel.

Weiteres: In der Berliner Zeitung gratuliert Michaela Schlagenwerth der Company Sasha Waltz & Guests zum 30-jährigen Jubiläum. Besprochen werden die Choreografie "The Two Pop(e)s" des Kollektivs Toxic Dreams beim ImPulsTanz Wien (nachtkritik) und das Musiktheaterstück "The Faggots and Their Friends Between Revolutions" von Ted Huffman und Philip Venables bei den Bregenzer Festspielen (nachtkritik) sowie die Wiederaufnahmen von "Rheingold" und "Walküre" in Bayreuth (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.07.2023 - Bühne

Das Rheingold. Bild: Bayreuther Festspiele.

Aufgewärmt schmeckt vielleicht doch nur Gulasch, denkt sich Udo Bartelt im Tagesspiegel bei Valentin Schwarz' "Rheingold"-Inszenierung, der Vorgeschichte des Wagnerschen "Rings", bei den Bayreuther Festspielen, die in diesem Jahr zum zweiten Mal auf dem Plan steht, allerdings zum ersten Mal mit Pietari Inkinen am Dirigierpult. Wirklich besser macht er die Sache aber auch nicht, "gedeckelt und mehltauig" klingt Wagners Musik in den Ohren des Rezensenten, der schließlich resümiert: "Viel war darüber zu lesen, dass die gewaltsamen Verstrickungen innerhalb einer Familie im Mittelpunkt stehen, der 'Ring' als Netflix-Soap war das Schlagwort - wobei 'Netflix' einfach heutiger klingt, solche Sendungen prägen seit Jahrzehnten das TV-Programm. Sollte das Konzept also tatsächlich eine Soap-'Opera' sein, schrumpft es auf der realen Bühne zur Miniatur. Schon der große Strom selbst, auf dessen Grund Alberich der Liebe entsagt und den Rheintöchtern (Evelin Novak, Stephanie Houtzeel, Simone Schröder) das Gold raubt, mutiert zum schmalen, schalen Planschbecken. Die Götter versammeln sich in einem Penthouse oder Bungalow, das mondän wirken soll, dafür aber viel zu eng und wuselig geraten ist - und zusätzlich von herumstehendem, oft funktionslosem Personal verstopft wird. So schrumpft der Mythos zum alles- und nichtssagenden Wimmelbild."

Auch SZ-Kritiker Wolfgang Schmidt ist noch nicht recht überzeugt von der Inszenierung: "Am Ende, nach zweieinhalb szenisch durchwachsenen Stunden 'Rheingold', die Götter landen zermürbt in Walhall, obsiegt die Resilienz der Wagnerianer. Sie schalten vom lautstarken Beifall für die Sänger noch nicht auf Protest für die Taten des jungen Regisseurs Valentin Schwarz. Der wird erst nach der 'Götterdämmerung' vor den Vorhang treten und erfahren, ob die massive Zurückweisung aus dem Vorjahr Bestand hat." Immerhin: Dirigent Pietari Inkinens Musizierstil imponiert ihm durch "scharfe Akkuratesse ... Statt Rausch die bebende Ernüchterung." Und Jan Brachmann (FAZ) macht einfach die Augen zu und genießt: "Pietari Inkinen tut offenbar alles, damit die Singenden atmen und ihre Stimmen bis in die letzte Reihe des Parketts projizieren können. Und er tut noch mehr: Er sorgt klanglich für jene plastische Evidenz, an der es der Szene oft mangelt. Man hört im Orchester die Wasserspritzer, wenn die Rheintöchter planschen; man hört das Rheingold durch die Wogen strahlen wie Licht durch ein vielschichtiges Gewirk. Noch bevor Fasolt und Freia sich als Figuren einander zuwenden, kann man den Blick der Liebe in der solistischen Oboe bereits - pardon, man muss es so sagen - mit den Ohren sehen."

Szene aus Le Songe, Gwenaël Morin, Avignon 2023. Foto © Christophe Raynaud de Lage


"Vertrauen ins Unheil" hat Tiago Rodrigues, Leiter des Theaterfestivals Avignon, resümiert Joseph Hanimann die diesjährigen Festspiele in der FAZ. Und dennoch ist er von dessen Stückauswahl überzeugt: "Wobei das Tragische vielgestaltig daherkommt. Menschenschicksale verklumpen sich mit der Klimakrise, humanitäre Aktionen sind nur noch ein Nebeneffekt allgemeiner Barbarei, ökologisches Artensterben reimt sich auf kapitalistisch postkoloniale Kulturauslöschung. Und selbst die Narren verlassen vorzeitig die Bühne. Trotz eines so beklemmenden Fazits wirkt das Ergebnis in Avignon eher beflügelnd. Denn das Theater fuchtelt nicht mehr nur mit finsterem 'No Future', sondern spornt an zu Einspruch, Differenzierung, dokumentarischer Sachlichkeit, mitunter sogar zur politischen Aktion. Und das dramatische Repertoire, das in den vergangenen Jahrzehnten 'postdramatisch' verscheucht wurde, drängt durch die Hintertür wieder herein."

Weiteres: Auch Albrecht Selge war für das Van-Magazine in Bayreuth und setzt sich anlässlich der "Parsifal"-Inszenierung von Jay Scheib mit den Möglichkeiten und Beschränkungen von Augmented Reality bei Wagner auseinander. Der Standard hörte die "eklektische Rede" des Physikers Anton Zeilinger zur Eröffnung der Festspiele in Salzburg. Roland Müller porträtiert in der Zeit den Schauspieler André Jung. Christine Dössel unterhält sich für die SZ mit der Schauspielerin Valery Tscheplanowa, die bei den Salzburger Festspielen in Lessings "Nathan der Weise" einspringt, um den Nathan zu spielen. Besprochen wird "Vatermal", der erste Roman des Theatermachers Necati Öziri (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.07.2023 - Bühne

Szene aus Jay Scheibs "Parsifal"-Inszenierung in Bayreuth. Foto: © Bayreuther Festspiele / Enrico Nawrath


Wow, zehn Kritiken zum Bayreuther "Parsifal"! Was eine Virtuality Brille PR-technisch so alles leistet. Aber bringt es auch was künstlerisch? Am Anfang war's ein bisschen fad, meint nachtkritiker Georg Kasch. Ziemlich statisch, wenn auch mit erstklassigen Sängern und sehr schönen Kostümen von Meetje Nielsens, in denen "die Zaubermädchen, die Parsifal in Klingsors Garten um den Finger wickeln sollen, wie Manga-Hippies im psychodelisch aufgejazzten Paradies" wirken. "Sieht man sich die Sache aber durch die AR-Brille an, dann sausen plötzlich noch tausend Dinge durch den Raum zwischen Sitzplatz und Bühne ... Vor allem aber werden Symbole, die im Text oder auf der Bühne eine Rolle spielen, bilderbuchartig illustriert und vervielfacht. So erweisen sich die AR-Brillen, die im Vorfeld der Premiere für so viel Wirbel sorgten, eher wie ein freidrehendes Assoziationsketten-Gimmick als ein notwendiger Bestandteil der Inszenierung." Und immerhin hat der amerikanische Regisseur auch eine inhaltliche Idee für seine Inszenierung: "Bei Scheib ist der Gral, nach dessen Kraft die Ritter mit aller Macht vor der Kulisse einer Mine gieren (der Chor singt das umwerfend!), kein Gefäß, sondern eine Art Kristall aus Lithium und Kobalt, den Parsifal am Ende zerschmettert und so die Menschen erlöst. Und zwar in Partnerschaft mit Kundry, die hier keine reuige Sünderin ist, sondern eine wissende, erwachsene Frau mit Ecken, Kanten und selbstbewusstem Begehren. Das ist zwar kaum vom Textbuch gedeckt (und auch nicht immer durch die ziemlich statische Figurenführung), passt aber doch sehr schön zur alles verklärenden Musik."

Manuel Brug (Welt), hatte enormen Spaß an der Inszenierung, wenn sich auch VR-Bilder und reale Requisiten noch nicht so ganz verbinden wollen: "Auf der von Mimi Lien eingerichteten Bühne, die ein wenig an die kahle Kochplatte Neu-Bayreuths vor Rundhorizont erinnert, sind eine abstrakte, sich später als Leuchtturm erweisende Stahlsäule, schlanke Stelen, der Gralssee (morgens bei den Kindern eine Zinkwanne mit Bubblebadkugeln aus Plastik) für den taff sein Leid tragenden, kahlen Amfortas Derek Welton und ein mit einem Strahlenkranz verschlossenes Loch für die Chorauftritte auszumachen. Und Gralshüter Gurnemanz, der Sex hat! Nicht mit Kundry, aber offenbar mit einem anderen wilden Weib. Kommt erstere, reitet ein künstliches Pferd durchs Brillenbild, es flammt, es raucht. Und irgendwann schweben Schmetterlinge, tänzeln kunterbunte Irrlichter, rattern Paradiesklapperschlangen. ... Während wir über diese wirklichen Bilder rätseln, kommen wir mit dem virtuellen Überangebot der Zeichen kaum mehr nach." Jay Scheib "hat einen 'Parsifal'-Deutungsanfang gesetzt. Den gilt es jetzt, mit hoffentlich mehr AR-Brillen, im nächsten Jahr fortzuentwickeln. Ganz bayreuthwerkstattgemäß", resümiert Brug hoffnungsfroh.

Im Tagesspiegel erwartet sich auch Udo Badelt noch mehr von Technik und Regie. Außer dem Zaubergarten gabs auf der Bühne nämlich ziemlich viel Leere, moniert er, "als Gralsburg muss ein riesiger Neonröhren-Kranz genügen. Fast wirkt es so, als sei diese Nüchternheit Konzept, um der Augmented Reality einen möglichst großen Auftritt zu ermöglichen. Ungünstig, wenn man keine Brille hat. Auch nicht viel besser, wenn man eine hat. Im Grunde liefert Jay Scheib eine völlig konventionelle Inszenierung." Und doch, "eine Tür ist geöffnet, das Potential ist da. Aber man müsste es kreativer, intelligenter auch nutzen als das, was am Dienstagabend präsentiert worden ist. Guten Gesang wird hoffentlich keine AR, keine KI jemals ersetzen. "  

Apropos Gesang: Elīna Garanča als Kundry und  Andreas Schager als Parsifal lieferten in ihrem Duett im zweiten Aufzug eine "Sternstunde des Wagnergesangs", schwärmt in der nmz Joachim Lange. "Nicht nur dieses Großduett gelang ihnen phänomenal. Garanča sowieso und nach ihrem Wiener Kundrydebüt nicht überraschend. Aber auch Schager donnerte nicht einfach drauf los, bändigte seine Kraft durch Gestaltungswillen, bot sogar leise Töne." Der Gesang war auch für Helmut Mauro (SZ) "die eigentliche, stille Überraschung. Jede Rolle war top besetzt. Andreas Schager, ein stimmliches Kraftpaket, klingt mit etwas viel Vibrato zwar nicht mehr wie ein jugendlicher Held, aber er füllt, auch darstellerisch, die Rolle perfekt aus. Desgleichen Georg Zeppenfeld als Gurnemanz, der in seinen weit ausholenden Monologen ebenso forsch angreifen wie nachdenklich erzählen kann. Derek Welton als verwundeter Amfortas beeindruckt durch Klarheit und Präsenz, und am beeindruckendsten ist wohl das Debüt der Elīna Garanča als Kundry." In der FAZ lobt Jan Brachmann die Inszenierung als "bildtechnisch avantgardistisch, aber zugleich auch thesenstark". Weitere Kritiken in der FR, der NZZ, Zeit und der taz.

Besprochen wird außerdem ein Stück über queeres Leben, das Noémi Ola Berkowitz für das polnischen Theater TR Warszawa mitgeschrieben und inszeniert hat: "niedoskonała utopia / an imperfect utopia" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.07.2023 - Bühne

"7 Todsünden" bei den Volksschauspielen in Telfs © TVS / Victor Malyshev© TVS / Victor Malyshev

Einen "wilden" und "unverblümten" Volkstheater-Abend hat SZ-Kritiker Egbert Tholl mit den vom neuen Intendanten Gregor Bloéb inszenierten "7 Todsünden" bei den Tiroler Festspielen erlebt. Bloeb hat neun bekannte Autoren mit den Texten beauftragt, unter ihnen David Schalko, Helena Adler und Lisa Wentz. Nicht alles an diesem Abend ist überzeugend, meint Tholl, aber er hat es in sich: "Zu Gregor Bloébs Volkstheaterverständnis gehört offenbar auch das Raue und Rohe, das Wüste und Grelle. Das passt. Seine Inszenierung ist überbordend in jeder Hinsicht, pralles Theaterleben, mal brillant, mal kaum zu ertragen. Alle Mittel werden bedient. Teil 6 ist ein Ballett von Marie Stockhausen, das 'Neid' als Eifersuchtsdrama zwischen zwei Männern und zwei Frauen erzählt, der Epilog ist ein Film von Hubert Sauper, der das Elend der Menschheit erzählt..."

Besprochen werden Jay Scheibs Inszenierung von Wagners "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen (nachtkritik) und Michael Sturmingers Inszenierung von "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen (Welt). Andreas Homokis Inszenierung von Puccinis "Madame Butterfly" und Lotte de Beers Inszenierung von Verdis "Ernani bei den Bregenzer Festspielen (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2023 - Bühne

In der FAZ berichtet Kerstin Holm von der Aufführung des russischen Propaganda-Musicals "Gang ins Feuer". Verfasst vom Schriftsteller Alexander Prochanow, dem Gründer des nationalistischen Think Tanks Isborsk Klub, "verfolgt die Aufführung vor allem didaktische Ziele und will den Bühnennachwuchs aufs staatspatriotische Gleis lenken. Der militärische Konflikt wird märchenhaft nebulös als globaler Kampf zwischen dunklen und lichten Mächten beschworen - unter Ausblendung der russischen Kriegsschuld und russischer Kriegsverbrechen." Ebenfalls in der FAZ unterhält sich Achim Heidenreich mit dem Direktor der Meininger Museen Phillip Adlung über die glorreiche Vergangenheit der Meininger Theater-und Orchesterkultur und Adlungs Pläne für ein "bedeutendes theaterhistorisches Museum".

Besprochen wird Jay Scheibs Inszenierung von Wagners "Parsifal" bei den Bayreuther Festspielen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.07.2023 - Bühne

Welt-Kritikerin Charlotte Szász ist ganz aufgewühlt nach Frank Castorfs "Medea"-Inszenierung im Amphitheater von Epidauros. Voller Widersprüche und gerade deshalb großartig ist diese Aufführung, schwärmt Szász. Castorf inszeniert den antiken Mythos als unbequeme Parabel auf das Scheitern des Westens. Medeas Wut richtet sich hier nicht nur gegen Jason, sondern vor allem gegen den Staat, der ihr das Recht auf Integration verweigert: "Dieser Konflikt wird im Stück auf die internationale Staatengemeinschaft übertragen. In einer Art Kinderspiel nehmen die Schauspieler die Rollen verschiedener Länder an: Deutschland, USA und Israel auf der einen, Russland, China und die Türkei auf der anderen Seite. Sie erklären sich gegenseitig den Krieg. Das CocaColaSchild über der Bühne ist im Verfall begriffen. Medea, die aus der fernen Kaukasusregion nach Griechenland kommt, steht hier für den Konflikt zwischen 'Barbarei' und dem rationalen Fortschritt der westlichen Vernunft."

"Jedermann" mit Michael Maertens in der Titelrolle. Foto: Salzburger Festspiele/Matthias Horn


Bei Michael Sturmingers diesjähriger Inszenierung von Hugo von Hoffmansthals "Jedermann" bei den Salzburger Festspielen gab es Proteste der "Letzten Generation", berichten die Kritiker. Die passten allerdings so gut in die Aufführung, die Sturminger dieses Mal in einem dystopischen Endzeit-Kosmos angesiedelt hat, dass sich Nachtkritiker Reinhard Kriechbaum erstmal fragte, ob sie nicht Teil der Inszenierung seien. Vor allem die Darsteller überzeugen ihn, allen voran Michael Maertens in der Rolle des Jedermann, aber er auch der diesjährigen Lesart des Stücks bescheinigt er "Klugheit und Nachhaltigkeit". Taz-Kritiker Joachim Lange sieht eine Inszenierung, die es "in sich hat". Weniger begeistert ist SZ-Kritikerin Christine Dössel, die die Dramaturgie ein wenig "plump" findet. Weitere Besprechungen in FAZ und Standard.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.07.2023 - Bühne

Besprochen werden: Lotte de Beers Inzenierung von Guiseppe Verdis Oper "Ernani" bei den Bregenzer Festspielen (FAZ), Sarah Groß' Inszenierung von Molières "Der Geizige" an der Frankfurter Volksbühne (FR) und das von Gregor Bloéb inszenierte Stück "7 Todsünden" zum Auftakt der Tiroler Volksfestspiele (nachtkritik).
Stichwörter: Bloeb,gregor, Moliere

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.07.2023 - Bühne

"Ernani" bei den Bregenzer Festspielen. Foto: Karl Forster.


Stephan Enders besuchte für den Standard bei den Bregenzer Festspielen die Premiere von Giuseppe Verdis "Ernani" und war von der klamaukigen Inszenierung Lotte de Beers durchaus angetan. Das passt auch historisch, meint er: "Das Opernpublikum der Romantik war süchtig nach komplett unglaubwürdigen, abnormalen Schauerstücken. Der Handlungsgang des Ernani-Librettos erinnert an einen Slalomkurs in einer Geisterbahn: reichlich überraschende Wendungen, jeder gruselige Schicksalsschlag eine Bodenwelle, auf der es die Protagonisten aushebt. Kein Wunder, dass Lotte de Beer in ihrer Inszenierung auf physische Wucht setzt: Die unter den Chor gemischten Mitglieder der Stunt-Factory rangeln als Räuberbande miteinander und vermöbeln als Ritter des Königs auch Don Ruy Gomez de Silva, den Onkel und Galan Elviras, filmreif und blutreich. Ernani wird so zur Splatteroper. Und Action!" In der nmz rümpft Wolf-Dieter Peter die Nase über übergroße Pappkronen und übertriebenes Bücken der Diener: "Dutzende Regieeinfälle von ähnlichem Nicht-Niveau, das eben nicht an Samuel Becketts oder Jean-Paul Sartres absurde Bitterkeiten heranreichte, wären aufzählbar - passend zu de Beers Äußerung, dass sie Verdis Musik 'geil' fände."

Verdi, Wagner, Mozart - in der SZ klagt Reinhard J. Brembeck über das immer gleiche Repertoire bei Opernfestspielen: "Neues ist in der Oper fast nur als Neuinterpretation zu haben: Ein neuer Sänger, Dirigent, Regisseur interpretieren bekannte Werke neu. Aber in dieser verbreiteten Praxis ist Augenwischerei dabei. Denn selbst ein radikal anders gesungener, dirigierter, inszenierter Beethoven-'Fidelio' bleibt letztlich nur eine Emanation dieses Stücks. Das Neue ist bei diesem allüberall praktizierten Verfahren ein Secondhand-Neues." Man könnte ja auch mal eine Uraufführung wagen, schlägt er vor.

Und weiter geht es mit den Festpielen: Theaterregisseur Jay Scheib steht mit seiner "Parsifal"-Inszenierung in Bayreuth in der Kritik: Es gibt zwei Fassungen, für eine braucht man AR-Brillen, von denen es aber nicht genügend für alle Zuschauer gibt. Scheib erklärt die Notwendigkeit der Brille in der FR so: "Sie erweitert das bestehende Konzept um eine weitere Ebene. Eigentlich gibt es zwei Konzepte, also wäre es im Grunde notwendig, dass man unseren 'Parsifal' zweimal erlebt. Durch die Brille wird eine Menge an Ideen und Einflüssen hinzugefügt, die man sonst nicht sieht. Wir hatten uns überlegt, ob wir manche Dinge davon in ein für alle sichtbares Video-Design einbauen, aber die Bühne war nicht dafür geplant, also existiert dieser 'Parsifal' damit in unterschiedlichen Versionen." Kritikern empfiehlt er: "Denken Sie an Richard Wagner: 'Kinder, macht Neues.' Ich könnte mir vorstellen, dass er mit diesem 'Parsifal' zufrieden gewesen wäre."

Weiteres: In der NZZ erinnert Dieter Borchmeyer an die Wirkung, die Goethes "Götz von Berlichingen" bei seiner Uraufführung hatte: Seitdem darf man auf der Bühne sprechen, wie einem der Schnabel gewachsen ist. In der FAZ porträtiert Claudius Seidl die Kabarettistin Monika Gruber, die beim Publikum mit populistisch konservativer Agenda punktet. Besprochen werden Choreografien beim Impulstanz in Wien ("radikale Selbstentblößung, um der Gegenwart an die Wäsche zu gehen", erlebte Welt-Kritiker Jakob Hayner

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.07.2023 - Bühne

Erst kommt der Raum, dann der Text, erklärt Ersan Mondtag im Interview mit monopol seine Arbeit am Theater. Er sei "ein Bühnenbildner, der seine Räume inszeniert, kein Regisseur, der auch noch das Bühnenbild macht ... Meine Räume entstehen aus fantastischen Vorstellungen heraus. Ich baue keine Räume, die real sind. Ich entwickle architektonische Räume, gerade interessiert mich der Brutalismus sehr. Für 'Salome' von Oscar Wilde, einer Strauß-Oper, habe ich einen Raum gebaut, der sich dreht. Ich arbeite mit bestehenden Elementen, kreiere aber einen fantastischen Raum. Innen sieht es aus wie ein belarussischer Palast, dazu kommen aber christliche gefärbte Skulpturen in Überdimensionierung, umrahmt von einem brutalistischen Palast. Aus all diesen verschiedenen Formen entsteht etwas anderes, behauptet, eine Sandburg zu sein. In Wahrheit ist alles aus Holz gebaut. Ein Imitationsraum."

Besprochen werden Brigitte Fassbaenders Inszenierung der "Götterdämmerung" bei den Festspielen in Erl (nmz) sowie Brett Deans "Hamlet" und Händels "Semele" bei den Münchner Opernfestspielen (NZZ).