Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.07.2023 - Bühne

Szene aus der Oper "Der fliegende Holländer". Foto: Via Baltic Opera Festival

Welt-Kritiker Manuel Brug begibt sich tief in die polnischen Wälder, um Tomasz Koniecznys Inszenierung von Wagners "Der fliegende Holländer" zu sehen. Mit dem neuen Baltic-Opera-Festival will Konieczny die Waldoper Zoppot wiederbeleben, die auf eine bewegte musikalische Geschichte zurückblickt, lesen wir. Die Waldoper gibt es seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Später eigneten sich die Nazis den Ort als "Bayreuth des Nordens" an, um ihren Wagner-Kult zu betreiben. Brug sieht eine gelungene Aufführung, die sich optisch zurückhält, um dem uralten Wald ringsum seinen Platz in der Inszenierung einzuräumen: "Konieczny selbst hatte ein minimalistisches szenisches Konzept mit hellen Kostümen und sechs fahrbaren, durchlöcherten schrägen Wänden erstellt: Die waren Schiff und Webstuhl und gute Akustikstütze. Boris Kudlička, weltweit gefragter Opernbühnenbildner, vor allem mit Polens berühmtestem Regisseur Mariusz Treliński, hat sie entworfen. In einer Riesenholzwanne fuhr der wackere Chor herum... Daland saß im Rollstuhl oder wie Onkel Dagobert auf seinem Vermögen in Form eines riesigen, gleißend angestrahlten Goldbarrens. Senta brachte auf einem Leiterwagen kleine Püppchen und eine große Holländerpuppe mit; am Ende schnitt sie sich als Selbstopfer die Kehle durch. Und immer wieder säuselten dahinter, weiß, grün oder liebesrosa angestrahlt, die Blätter der eindrücklichen Waldkulisse." Auch Tagesspiegel-Kritikerin Regine Müller freut sich über die "Wiederbelebung eines einzigartigen Orts".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.07.2023 - Bühne

FAZ-Kritiker Boris Motzki erinnert an die Uraufführung von Arthur Schnitzlers "Komödie der Verführung" vor hundert Jahren und wünscht sich zu diesem Anlass "etwas mehr Märchenluft" in der heutigen Theaterwelt. Die Choreografin und Tänzerin Simone Forti hat bei der Tanz-Biennale in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk gewonnen, freut sich Sandra Luzina im Tagesspiegel. Nachtkritikerin Esther Boldt teilt ihre Eindrücke vom Festival Theater der Welt. In der taz resümiert Joachim Lange die Auftaktproduktionen vom Festival d'Aix-en-Provence.

Besprochen werden: Das neue Stück der Needcompany "Billy's Joy" (eine Kompilation aus Shakespeare Komödien) beim Wiener Festival Impuls-Tanz im Akademietheater (SZ), Carolina Bianchis Lecture-Performance "Die Braut und Goodnight Cinderella" vom Festival Theater der Welt (FR), Moritz Franz Beichels Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" bei den Salzkammergut Festwochen in Gmunden (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.07.2023 - Bühne

Szene aus Händels "Semele" an der Bayerischen Staatsoper. Foto: Monika Rittershaus


Ein Liebesstreit unter griechischen Göttern - das klingt nicht wie ein Stoff, aus dem Theaterereignisse des 21. Jahrhunderts gemacht sind, dachten sich die Kritiker, als sie sich auf den Weg ins Münchner Prinzregententheater machten, um Händels Semi-Opera "Semele" zu sehen. Und dann wurde die Aufführung zu dem Ereignis der Münchner Opernfestspiele: Regisseur Claus Guth hat das ganze einfach als "Girlie-Macho-Story" um eine junge Influenzerin erzählt, berichtet in der nmz ein hingerissener Wolf-Dieter Peter, dem es besonders das Finale angetan hat: "In einem schwarzen Irrgarten steigert sich Semele trotz der von Juno automatenhaft gesteuerten, eindringlich Warnungen singenden Schwester Ino von Nadezhda Karyazina in eine selbstzerstörerische Fixierung von 'Jupiter unbedingt als Mensch' - und da gelang Brenda Rae bewundernswert Anrührendes: dass fabelhafter barocker Ziergesang - lange vor allen medizinischen Erkenntnissen zu 'Schizophrenie', 'Borderline' oder 'manischer Destruktion' - vorführen kann, wie harmonische Gesangslinien zerfallen in Koloratur, virtuose Tonsprünge, fast schon 'unmenschliche' Ton-Läufe als Ausdruck eines zerfallenden, in 'Wahnsinn' verlöschenden Ichs - Felsensteins Ideal des 'Singen-müssenden-Menschen' war faszinierend zu erleben."

Auch Reinhard J. Brembeck ist in der SZ hin und weg von den Sängern ebenso wie von der Inszenierung: "Während Orliński und Spyres, aber auch der von Gianluca Capuano flüssig angeleitete Chor sowie das Orchester der Bayerischen Staatsoper mit Vorliebe auf Handfestes und Publikumsüberwältigung setzen, gibt sich Brenda Rae verhalten, dezent, leise. Der Kontrast zu den Haudraufmännern ist enorm. Erst nach und nach setzen sich die leisen und oft mit halsbrecherischer bis atemloser Rasanz gesungenen Töne Brenda Raes durch, das überwältigt das zuletzt tobende Publikum. Bei Claus Guth, diesem immer in psychologischen Dimensionen denkenden Regisseur, ist Semele als Einzige zerrissen zwischen der ganz in Weiß und Überschwang gehaltenen Menschenwelt und den sexuellen Abgründen, für die die ganz in Schwarz gehaltene Welt Jupiters steht." In der FAZ verteilt Christian Gohlke vorsichtig dosiertes Lob.

Weitere Artikel: Der Münchner Theaterregisseur Jan-Christoph Gockel erzählt in der SZ vom seinem Besuch beim Podil-Theater Kiew. In der FAZ freut sich Wiebke Hüster über den Goldenen Löwen für die Choreografin Simone Forti bei der Biennale Danza in Venedig.

Besprochen werden Giovanni Paisiellos Oper "La Molinara" in Rheinsberg (Tsp), der erste Teil von Carolina Bianchis "Cadela Força"-Trilogie (nachtkritik) und Satoko Ishiharas Puppentheater "Yoroboshi" (FR), beide beim Theater der Welt in Frankfurt und Christian Stückls Inszenierung von Shakespeaers "Julius Caesar"  am Passionstheater (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.07.2023 - Bühne

Szene aus dem Musical "1989". Foto: Juliusz-Słowacki-Theater, Krakau.

Ein "großer Wurf" ist dem Autorentrio Mirosław Wlekły, Marcin Napiórkowski und Katarzyna Szyngiera mit dem Musical "1989" gelungen, jubelt Gerhard Gnauck in der FAZ. Diese Koproduktion des Krakauer Słowacki-Theaters und des Danziger Shakespeare-Theaters erzählt die Geschichte der "Solidarność"-Bewegung. Die Protagonisten sind die Aktivisten der Bewegung, so der Kritiker, allen voran Lech Wałęsa und Jacek Kuroń. Außerdem gibt es hier aber auch eine Menge Frauenpower, freut sich Gnauck: "Die Frauen erheben ihre Stimme der Besonnenheit. Aber als das Regime es dem inhaftierten Kuroń verweigert, seine im Sterben liegende Frau ein letztes Mal zu sehen, packt sie der Zorn. Sie präsentieren sich mit einem wilden Tanz: als Töchter nicht verbrannter Hexen, als Amazonen, 'die Hitler und Stalin nicht unterkriegen konnten', als 'die Kraft, die Mauern zum Einsturz bringt'. Die Frauenszenen erhalten den stärksten Beifall."

Wiebke Hüster schreibt in der FAZ einen Nachtrag zu ihrem Artikel über den Direktor des Hamburger Balletts John Neumeier. (Unser Resümee) Dieser veröffentlichte nun eine Stellungnahme, in der er russischen Quellen widerspricht, die berichteten, er habe die Lizenz für sein Ballett "Die Kameliendame" am Bolschoi-Ballett verlängert. Wie es zukünftig für das Theater weitergehen soll, steht in den Sternen, so Hüster: "Bald aber ist in Moskau kein internationales Repertoire mehr vorhanden und alles zerstört, was in den letzten zwei, drei Jahrzehnten aufgebaut wurde. Sollte sich das Bolschoi entschließen, Werke ohne Lizenz zu spielen, also geistiges Eigentum zu stehlen oder wie das Marijnsky-Ballett im Fall Alexei Ratmanskys Werke ohne Nennung des Autors aufzuführen, muss es sich überlegen, wie die Zukunft der größten Ballettcompany der Welt nach Kriegsende wohl aussehen wird. Wie sollte sich eine erneute Zusammenarbeit nach solchen Vertrauensbrüchen gestalten?"

Besprochen werden Meiro Koizumi Inszenierung von "Prometheus Bound" im Rahmen des Festivals Theater der Welt (FR) und Gianluca Falaschis Inszenierung von Nicola Antonio Porporas Oper "L'Angelica" am Staatstheater Mainz (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.07.2023 - Bühne

Opéra de quat'sous. Foto: Jean-Louis Fernandez.

Gleich zwei Inszenierungen beim Festival d'Aix-en-Provence hat sich Anja-Rosa Thöming für die FAZ angesehen: Thomas Ostermeiers Inszenierung der "Dreigroschenoper" konnte sie nicht ganz überzeugen, "man ahnt das Potential der Typen, doch die Regie meint immer wieder, mit Varieté-Gags wie Gesicht-in-Sahnetorte nachhelfen zu sollen. Da kann auch der musikalische Leiter Maxime Pascal mit dem Ensemble Le Balcon nicht helfen." Deutlich besser sieht es mit "The Faggots and their Friends between Revolutions" von Philip Venables und Ted Huffman aus: "Wie das Wort 'queer' wird auch 'faggots' (Schwuchteln) umgedeutet in eine positive Selbstbezeichnung: 'Nous le disons avec amour' (Huffman). Alle fünfzehn Darstellerinnen und Darsteller, Musikerinnen und Musiker, binäre und nicht binäre, blicken mit einer ungewohnten Offenheit ins Publikum, jedoch nicht aufgesetzt, sondern um Kontakt herzustellen. Und das Publikum spielt mit, reagiert, ist geradezu verzaubert."

"Zur Inkubationskapsel" werden Frankfurt am Main und Offenbach während des Festivals "Theater der Welt", auf dem sich Shirin Sojitrawalla für die taz umschaut. "Dazu muss man wissen, dass die diesjährige Festivalleiterin Chiaki Soma den Inkubationismus als Festivalanker ausgeworfen hat. Der Begriff bezieht sich zum einen auf das Ausbrüten von Eiern und meint zum anderen die Phase bis zum Ausbruch einer Krankheit. Für Soma sind das Momente der Ungewissheit, aus denen Neues entstehen kann. ... Inkubationismus ist für mich gleichbedeutend mit einer positiven Einstellung gegenüber einem Leben in Ungewissheit.'" Virtuelle Realitäten spielen bei vielen Inszenierungen eine wichtige Rolle: "Meiro Koizumi arbeitet für 'Prometheus Unbound' mit VR-Brillen. Mit dem schweren Ding auf dem Nasenrücken wandelt man in einem Raum umher; zuerst bleibt alles im Rahmen, ein paar Quadrate und andere Figuren fliegen durch die Luft, was zu Effekten führt, die man aus 3D-Filmen kennt. Mit einem Mal aber verliert man den Boden unter den Füßen und muss kurz nach Luft schnappen, weil man nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Ein gigantisches Gefühl, gleichzeitig furchterregend."

Weitere Artikel: Dem Schauspieler Florian Teichtmeister droht eine weitaus schwerere Anklage als zunächst angenommen, berichtet Cathrin Kahlweit in der SZ, es wird ihm nun nicht mehr  der Besitz, sondern auch die Bearbeitung von Kinderpornographie angelastet: "Der 43-Jährige soll nicht nur weit mehr als zunächst bekannt, nämlich 76 000 Dateien auf Smartphones, Laptops, einem Desktop, drei externen Festplatten, einem USB-Stick und drei Speicherkarten gesammelt, sondern etwa die Hälfte davon auch vervielfältigt, bearbeitet, verändert und zu Collagen oder Videos umgestaltet haben." Der Choreograf des Hamburger Balletts, John Neumeier, zieht seine "Kameliendame" jetzt doch vom Moskauer Bolschoi-Ballett ab, berichtet Dorion Weickmann in der SZ, Grund dafür ist der Ukraine-Krieg; ein weit davor geschlossener Vertrag läuft jetzt aus.

Besprochen werden Rudi Stephans Oper "Die ersten Menschen" in der Inszenierung von Tobias Kratzer in der Oper Frankfurt (Welt), "Chornobyldorf" von Roman Grygoriv und Illia Razumeiko beim Theater der Welt (FR) und Koleka Putumas "Hullo, Bu-Bye, Koko, Come In" ebenfalls beim Theater der Welt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.07.2023 - Bühne

Bild: "Chornobyldorf. Archäologische Oper" von Roman Grygoriv & Illia Razumeiko / Opera aperta bei Theater der Welt in Frankfurt © Artem Golkin

"Chornobyldorf - eine archäologische Oper" haben die Ukrainer Roman Grygoriv und Illia Razumeiko ihr Stück getauft, das sie für das eigene Ensemble "Opera Aperta" in Kiew entworfen haben und das nun beim Frankfurter Festival "Theater der Welt" aufgeführt wurde. Aber um Tschernobyl geht es nur am Rande, stellt Nachtkritiker Michael Laages fest: "Archäologisch allerdings ist dieses Musiktheater tatsächlich - denn es gräbt sehr tief in musikalischen Traditionen der Region am südöstlichen Rand Europas. (…)  Die dörflich-abgeschiedene Welt im geographischen Südosten Europas, etwa in den Grenzregionen Rumäniens, Bulgariens und eben auch der Ukraine und Russlands, ist immer präsent an diesem Abend, und die Rituale, die sie prägen, klingen zu uns herüber wie aus einer Zeit vor aller Zeit. Auch die Musik setzt auf diesen extrem fremden Ton - gleich zwei sehr ungewöhnliche Saiten-Instrumente sind im Einsatz neben Cello und Gitarre: das auch in Ungarns Folklore-Tradition populäre 'Hackbrett', eine Art liegende Zither, die gezupft, gestrichen und geschlagen werden kann (und hier auch wird!), außerdem das Dulcimer, ein weiteres Zither-Instrument. Was die drei Musiker in diesen Konstellationen erarbeiten, wirkt oft gleißend und schrill…"

Weiteres: Nachtkritiker Christian Rakow unterzieht Hans-Thies Lehmanns Standardwerk "Postdramatisches Theater" einer Relektüre und denkt über einen erweiterten Spannungsbegriff nach. Besprochen werden die Tanzperformance des kubanischen Ballet Revolución in der Alten Oper Frankfurt (FR) und das Stück "Billy's Joy" der Needcompany beim Wiener Impulstanzfestival (Standard)

Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.07.2023 - Bühne

Szene aus "La Resurrezione" im Schlosstheater Schwetzingen. Foto:Christian Kleiner.

FR-Kritikerin Judith von Sternburg hat eine sehr weltliche Aufführung von Händels frühem Oratorium "La Resurezzione" im Schlosstheater Schwetzingen gesehen. Die "assoziativen Rätselbilder", die Calixto Bieito für das Nationaltheater Mannheim auf die Bühne bringt, sind Geschmackssache, meint Sternburg. Die musikalische Gestaltung hingegen ist "über jeden Zweifel erhaben", freut sie sich: "Wolfgang Katschner dirigiert als Spezialist und lässt das kompakte Ensemble aus dem Orchester des Nationaltheaters farbenreich agieren. Quer- und Blockflöte einstimmig spielen zu lassen, ist so ein harmloser Einfall und so wirkungsvoll. Drei Solistinnen und zwei Solisten füllen mit großen Opernstimmen das kleine Theater mit weltlicher Inbrunst, ohne den Raum zu sprengen. Sie benutzen ihn aber komplett, vor allem der Engel ist nicht auf die Bühne angewiesen: Amelia Scicolone, die ein wirklich unverschämter, nachher auch durchaus blutrünstiger Engel ist und schon mit ihrer Auftrittsarie die Latte hochhängt. Immense Vehemenz und Beweglichkeit treffen in ihrem Sopran aufeinander, das aggressiv energiebündelige ihres Auftritts lässt einen nicht an Gott, aber an die fabelhafte Ausbildung junger Sängerinnen und Sänger glauben. Patrick Zielke als Luzifer ist ein Kraftbolzen und irgendwo auch gutmütiger Kerl - bezwingt Scicoline ihn wirklich oder lässt er sich bloß bezwingen -, aber auch sein gemächlich schwingender Bass kann bei Bedarf an Tempo gewinnen. Auf den zweiten Blick ist nichts Derbes an ihm."

In der FAZ fragt sich Wiebke Hüster, in welcher Welt der Ballettdirektor John Neumeier eigentlich lebt: Laut Berichten in russischen Zeitungen soll er einen Vertrag mit dem Bolschoi-Ballett über die Aufführungsrechte für sein Ballett "Die Kameliendame" verlängert haben. Während andere Choreografen wie Alexei Ratmansky die Zusammenarbeit nach dem Überfall auf die Ukraine sofort beendeten - jedoch gegen ihren Willen und ohne Nennung ihres Namens in Moskau weiter aufgeführt werden - scheint Neumeier diese Wirklichkeit konsequent zu ignorieren, kritisiert Hüster.

Weiteres: Welt-Kritiker Manuel Brug hat beim Festival Aix-en-Provence bisher sechs hervorragende Opernpremieren erlebt und gibt einen Überblick. Tagesspiegel-Kritiker Eberhard Spreng sah beim Theaterfestival in Avignon vor allem politische Stücke.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.07.2023 - Bühne

Viel "Versöhnungstheater" und kaum kritische Fragen erlebte Janis El-Bira (Berliner Zeitung) beim Treffen von HKW-Kurator Max Czollek mit der wegen ihres autoritären Führungsstils kritisierten Gorki-Intendantin Shermin Langhoff im Haus der Kulturen der Welt. Obwohl Langhoff eine ziemlich provokante These in die Welt setzte: "Auch am Maxim-Gorki-Theater gibt es wahrscheinlich AfD-Wähler. Das ist die eine kleine Enthüllung, mit der Gorki-Intendantin Shermin Langhoff an diesem heißen Nachmittag im Haus der Kulturen der Welt herausrückt. ... Gut, rund 20 Prozent AfD-Stimmen bei der Sonntagsfrage müssen sich allein schon rein statistisch auch in der etwa 200-köpfigen Theaterbelegschaft niederschlagen, schiebt die Intendantin direkt hinterher. Aber ihr Hinweis geht über bloße Gedankenspiele hinaus. Denn das Ringen um Räume und Ressourcen, das betont sie im Laufe der knapp anderthalb Stunden mehrfach, geschehe nicht nur nach außen gegenüber Politik, Gesellschaft und Feuilleton, sondern eben auch im Inneren der eigenen Institution, in den eigenen Reihen. Was bedeutet das für diejenigen, die nicht mitziehen? Sind das also wirklich alles AfD-Nahe?"

Weiteres: nmz-Kritiker Joachim Lange teilt seine Eindrücke vom Aix-en-Provence Theaterfestival. Besprochen werden Tiago Rodrigues' "Catarina und Von der Schönheit, Faschisten zu töten" beim Festival "Theater der Welt" in Frankfurt (FR), zwei Aufführungen in Aix: Dmitri Tcherniakovs Inszenierung von Mozarts Oper "Così fan tutte" und Simon McBurneys Inszenierung von Alban Bergs Oper "Wozzek" im Rahmen des Festival d'Aix-en-Provence, Cornelia Maria Rainers Inszenierung von Werner Schwabs Stück "Die Präsidentinnen" bei den Festspielen Reichenau (Standard), Michael Garschalls Inszenierung von Guiseppe Verdis "Don Carlo" beim Opern-Sommerfestival Klosterneuburg (Standard), Wagners "Siegfried" in Erl (nmz), Tilmann Köhlers Inszenierung von Frank Martins Oper "Le vin herbé" an der Oper Frankfurt (FR, FAZ) und "Mythos P.A.N." im Extended Reality Theater (XRT) am Staatsschaupiel Nürnberg (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.07.2023 - Bühne

George Benjamins "Picture a day like this". Foto: Jean-Louis Fernandez / Festival d'Aix-en-Provence 


Die Brände der Banlieue sind kaum verraucht, da beginnen in Frankreichs Süden die großen Sommerfestivals. Beim Opernfestival in Aix-en-Provence erlebt SZ-Kritiker Reinhard Brembeck grandiose Werke, zum Beispiel eine Uraufführung des Briten George Benjamin, den Brembeck als derzeit besten Opernkomponisten rühmt: "Dieses Werk aus Gefühlstiefe, humanistischer Kunstfertigkeit und expressiver Formstrenge heißt 'Picture a day like this', es ist eine spirituelle Feengeschichte. Die Frau bringt es nicht fertig, auch nur einen glücklichen Menschen zu finden, um so ihren Sohn zu retten, sie reift aber an der heillosen Welt. George Benjamin, der seine Uraufführung beim Opernfestival in Aix-en-Provence auch selbst dirigiert, ziseliert mit wenigen Instrumenten ein sich wundersam immer wieder verdichtendes und zuletzt ins Versöhnte weitendes Drama."

Joseph Hanimann berichtet in der FAZ vom Theaterfestival in Avignon, das mit Julie Deliquets Adaption von Frederick Wisemans Dokumentarfilm "Welfare" einen unglücklichen Auftakt genommen hat und mit weiteren Ausfällen rechnen muss: "Die Zeiten sind auch für dieses berühmteste unter den internationalen Theaterfestivals mit einem Etat von gut siebzehn Millionen Euro schwer geworden."

Besprochen werden Frank Martins selten gespieltes Tristan-und-Isolde-Oratorium "Le vin herbé" an der Oper Frankfurt (das FAZ-Kritiker Jan Brachmann mit seiner geradezu "mönchischer Inbrunst" tief bewegt, FR), Dirk Lauckes Politgroteske "Operation Abendsonne" (die Nachtkritiker Simon Gottwald die Praxis nahebringt, vor Ende der Regierungszeit noch schnell gut bezahlte Posten zu besetzen), Stücke beim Festival Theater der Welt in Frankfurt, darunter "Ultimate Safari" von Flinn Works (FR), der Auftakt der Nibelungenfestspielen in Worms mit Pinar Karabuluts "Brynhild" (FR, SZ, taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.07.2023 - Bühne

Im Interview mit der FAZ plädiert der Theaterregisseur Christopher Rüping: "Lasst uns mal ein Klassiker-Fasten machen!" Elmar Krekeler freut sich in der Welt, dass die "Intensivschauspielerin" Lena Urzendowsky bei den Nibelungenfestspielen in Worms als Brynhild jetzt erstmals auf einer Bühne groß rauskommt. Eva-Maria Magel stellt in der FAZ den Theatermacher Willy Praml vor. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Gerhard Stadelmaier dem Theaterkritiker Georg Hensel zum Hundertsten.

Besprochen werden K. D. Schmidts Inszenierung von Tschechows "Platonow" am Staatstheater Mainz (FR) und "Slippery Rope" von Yael Ronen und Shlomi Shaban im Münchner Metropoltheater (nmz).