Im Interview mit der FAZ plädiert der Theaterregisseur Christopher Rüping: "Lasst uns mal ein Klassiker-Fasten machen!" Elmar Krekeler freut sich in der Welt, dass die "Intensivschauspielerin" Lena Urzendowsky bei den Nibelungenfestspielen in Worms als Brynhild jetzt erstmals auf einer Bühne groß rauskommt. Eva-Maria Magel stellt in der FAZ den Theatermacher Willy Praml vor. Ebenfalls in der FAZ gratuliert Gerhard Stadelmaier dem Theaterkritiker Georg Hensel zum Hundertsten.
Besprochen werden K. D. Schmidts Inszenierung von Tschechows "Platonow" am Staatstheater Mainz (FR) und "Slippery Rope" von Yael Ronen und Shlomi Shaban im Münchner Metropoltheater (nmz).
In der FAZ ist Anja-Rosa Thöming noch ganz benommen von dem Gefühlsbad, in das sie die Uraufführung von George Benjamins Oper "Picture a Day Like This" beim Festival d'Aix-en-Provence warf. Es geht um eine Mutter, die ihr kleines Kind verloren hat, von einer höheren Macht allerdings ein Wunder in Aussicht gestellt bekommt, wenn sie es schafft, einem glücklichen Menschen einen Hemdsknopf abzuluchsen. Thöming beeindruckte der Schmerz, den Mezzosporanistin Marianne Crebassa auszudrücken vermochte, wenn sich wieder mal ein vermeintlich Glücklicher als arme Seele entpuppt: "Marianne Crebassa gestaltet die anspruchsvolle Rolle der trauernden und doch immer hoffenden Frau mit beeindruckender Größe. Die Mezzosopranistin ist sicherlich eine der besten Sängerinnen ihrer Generation, für einen Komponisten wie Benjamin ein Geschenk. Alles an der kultivierten Stimme wirkt reich und schlank zugleich, quasi bruchlos übergehend von einer vollen, nur leicht herben Tiefe über eine warme Mittellage hin zur leicht ansprechenden, gesunden Höhe." Auch nmz-Kritiker Joachim Lange ist beeindruckt: "Benjamin setzt bei jeder Szene mit genau dosierten Mitteln an und hält mit untrüglichem Sinn für das rechte Zeitmaß für diese Art Selbsterkenntnismusik, die Spannung. Für die Zuhörer und wohl auch für die Protagonisten sind alle Gesangspartien ein Fest."
Weitere Artikel: Das Zürcher Schauspielhaus sucht eine neue Intendanz, meldet Ueli Bernays in der NZZ. Besprochen werden ein "König Lear" mit Charlotte Schwab in der Hauptrolle bei den Festspielen Bad Hersfeld (FR) und Parnia Shams Theaterstück "Ist" beim Theater der Welt in Frankfurt (FR).
Beim Opernfestival in Aix-en-Provence wurde Thomas Ostermeiers Inszenierung von Brechts "Dreigroschenoper" aufgeführt. Das passte wie die Faust aufs Auge, meint im Tagesspiegel Eberhard Spreng. Und dann wieder nicht: "Macheaths bedingungsloser Hedonismus, seine individuelle Rücksichtslosigkeit, ist heute keine Ausnahme mehr. Das Raubtierhafte ist Allgemeingut geworden, Schocks der Selbsterkenntnis beim bürgerlichen Festivalpublikum unwahrscheinlich. Die von Karl Marx prognostizierte moralische Verrohung der Menschheit im Kapitalismus ist fast ein Jahrhundert älter geworden und hat andere Formen angenommen. Die Welt ist müde geworden und die Jugend erfindet andere Posen des Protestes, um gesehen zu werden und aus dem legendären Schatten zu treten, den Brecht beschwor. Nicht in Aix, sondern im 30 Kilometer entfernten Marseille."
Welt-Kritiker Manuel Brug wurde leicht unbehaglich bei der Vorstellung, dass Mackie gleich zu den "Polizistenhunden" sagen würde: "Man schlage ihnen ihre Fressen / Mit schweren Eisenhämmern ein". Aber dann war's doch nicht so schlimm: "Der smoothelegante Birane Ba singt das freilich unverbindlich als der nette Schwarze von nebenan, der doch nur ziemlich bester Freund aller sein will. So gibt es einen szenischen Kommentar nur hinterher. Wenn, explizit nach dem Applaus und als Zugabe ausgewiesen, noch vor roten Farbtafeln in einem Lied zu 'Geht und greift die neue Faschisten an' aufgerufen wird. ... Doch davor und dazwischen tänzelt diese 'Opéra de quat'sous' als verführerisch leichtfüßiges Kulinarikum dahin. Auf Französisch klingen die meisten der kämpferischordinären Brecht Sentenzen nach Esprit und Elegance und vor allem die unkaputtbare Kurt Weill-Musik in ihrer billigglitzrigen Instrumentierung gleißt und verführt ungemein. So wohnt man einem zwischen Music Hall und Cabaret schillernden Reigen weltberühmter Songs bei, die hier mehr nach Moulin Rouge und Cage aux Folles als nach dem Mond über Soho klingen - und nur noch sehr weit entfernt von Klassenkampf und Kapitalismuskritik tönen." (Die Aufführung kann man am 12.7. um 22 Uhr auch auf Arte sehen)
Weiteres: In der FAZ freut sich Jan Brachmann, dass es plötzlich Karten für Bayreuth gibt. Andrea Paluch macht für die Zeit eine Theaterreise nach Kiew. Im van Magazin berichtet Merle Krafeld über die Schwierigkeiten, einen rechtlichen Rahmen für Angestellte am Theater zu schaffen.
Besprochen werden Rudi Stephans Oper "Die ersten Menschen" an der Oper Frankfurt (van), die Revue "Berlin-Berlin" in der Alten Oper Frankfurt (FR) und Heidi Speckers Fotos von der Komischen Oper vor ihrer Sanierung (taz).
Impression von Traja Harrells Tanzsolo "Sister or he buried The Body". Foto:Orpheas Emirzas. "Innerlich ganz still" wird FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster während Trajal Harrells sitzendem Tanzsolo "Sister or he buried The Body" beim Festival Theater der Welt in Frankfurt. Kaum glauben kann sie, wie der amerikanische Choreograf und Tänzer allein in geblümten Röcken auf dem Boden sitzt und dabei "eine Macht wie ein ganzer Chor in der griechischen Tragödie" ausstrahlt: "Irgendwann, wenn er sich von dem Sitzkissen erhebt und die Röcke ablegt, ist das wie eine Transformation. Harrell, nun in Shorts, auf denen in Gold 'No Pain no Gain' steht, an einem anderen Tag in einem fließenden ockerfarbenen Kleid, zeigt sich auftauchend, gegenwärtig, und tanzt auf den Abschied von seinem Publikum zu. Was war es nur, was wir mit ihm teilten? Ein Zug innerer Bilder, eine Erinnerung an frühere Tänze der Befreiung und schwarze einflussreiche Kunst, ein Manifest der Verbindung, ein bleibendes, bindendes, soziales Ereignis, das die ungeminderte Kraft und Magie des Tanzes beschwört. Große Kunst."
Weitere Artikel: Zum einjährigen Jubiläum des jüdischen Theaterschiffs "MS Goldberg" zieht dessen Chef Peter Sauerbaum im Gespräch mit Tagesspiegel-Kritiker André Görke positive Bilanz und informiert über zukünftige Projekte.
Besprochen werden Peter Maxwell Davies Monodrame "Eight songs for a mad King", inszeniert von Katarzyna Bogucka, und "Miss Donnithorne's Maggot", inszeniert von Stefanie Hiltl, die das Staatstheater Mainz zusammen zeigt (FR),das Tanzstück "Nostalgia" von Guy Weizman und Roni Haver am gleichen Ort (FR) und Satoko Ichiharas Inszenierung von "Die Bakchen. Holstein-Milchkühe" im Rahmen des Festivals Theater der Welt in Frankfurt (SZ).
Szene aus "Die ersten Menschen" an der Oper Frankfurt. Foto:Matthias Baus. Die Musik in Tobias Kratzers Inzenierung von Rudi Stephans Oper "Die ersten Menschen" an der Oper Frankfurt schlägt FAZ-Kritiker Jan Brachmann von der ersten Note an in ihren Bann. Die Oper wurde 1920 uraufgeführt und seitdem selten gespielt, so der Kritiker, der gar nicht weiß wohin mit seiner Begeisterung für die musikalische Gestaltung: "Das feine Gespinst der leeren Quinte f-c macht den Odem des Lebens hörbar, den alle Kreatur in sich einsaugt. Dann setzt das biegsame Englischhorn ein, gleitet langsam nach unten und windet sich bald darauf wieder empor wie eine Jugendstilranke - eine organische, vegetative Linienführung, die gleich wieder Bild, bewegtes Bild werden will. Dazu sinken Akkorde nieder, durch Septimen, Nonen und Undezimen so flauschig gemacht, dass sie in amerikanischen Radioschlagern der späten Dreißigerjahre stehen könnten oder in den Ein- und Überleitungspassagen bei den frühen Genies der Revue und des Tonfilms wie Paul Abraham, Franz Grothe oder Theo Mackeben. Man möchte sich sofort in diese Musik stürzen und in ihr untertauchen oder sie gierig auffressen, sie sich einverleiben, egal, was: Man will sie!" Auch SZ-Kritiker Egberth Toll stellen sich bei dem hier entfachten "Klangsturm" die Ohren auf, außerdem überzeugen ihn die Darsteller in dieser "völlig verrückten" Oper: "Die Typenbesetzung ist fabelhaft: Andreas Bauer Kanabas ein beflissener Adahm, Iain MacNeil ein zottelhaariger, ewig schlechtgelaunt keckernder Kajin, Ian Koziara ein glühend euphorischer Chabel. Und alle bläst Ambur Braid weg als hochemotionale Chawa..." Auch FR-Kritikerin Judith von Sternburg ist voll des Lobs, in der nmzbespricht Wolf-Dieter Peter die Aufführung.
SZ-Kritiker Alexander Menden hat in den neuen Aviva Studios eine fulminante Eröffnung des Manchester International Festival erlebt. Das Eröffnungsstück "The Faggots and Their Friends Between Revolutions" ist ein "satirisch-proklamatorisches LGBTQ+-Singspiel mit Mitmachteil", lesen wir. Der Kritiker ist ganz euphorisch: "Die 15 Darstellenden sind Multiinstrumentalisten, die ... auf höchstem Niveau spielen. Die dazu tanzen, singen, chorisch sprechen und so die Geschichte der 'Faggots' (in etwa die englische Entsprechung von 'Schwuchtel', hier liebevoll verwendet) erzählen, die sich im restriktiv-brutalen heterosexuellen Männer-Staat Ramrod eine Existenznische erkämpfen müssen - bis zur nächsten Revolution, die ihnen den Sieg bringen wird."
Besprochen werden in einer Doppelbesprechung Guntbert Warns Inszenierung von "Tartuffe" und Robert Meyers Inszenierung von Johann Nestroys Stück "Einen Jux will er sich machen" im Rahmen der Festspiele Reichenau (nachtkritik), Christian H. Voss' Inszenierung von "My Fair Lady" im Rahmen der Bad Vilbeler Burgfestspiele (FR), das Stück "Angela (a strange loop)" inszeniert von Susanne Kennedy und dem Künstler Markus Selg im Rahmen des Festivals Theater der Welt (FR) und dessen Eröffnungsstück "Die Bakchen - Holstein-Milchkühe" von Satoko Ichihara (Welt).
Der Chor der Milchkühe in Satoko Ichiharas "Bakchen". Foto: Theater der Welt Mit großer Begeisterung erzählt Esther Boldt in der Nachtkritik vom Festival Theater der Welt, das in diesem Jahr in Frankfurt und Offenbach Station macht. Zum Auftakt ließ die Regisseurin und Autorin Satoko Ichihara in ihrer Euripides-Version "Die Bakchen - Holstein-Milchkühe" Monströses ausbrüten, und Boldt freut sich über eine "überwältigende, strapaziöse und mutige Festivaleröffnung": "Protagonistin des Abends ist eine Frau, die nicht mehr arbeiten wollte und darum heiratete, um den Rest ihres Lebens in einem schönen Haus und materieller Sicherheit zu verbringen - im Gegenzug für saubere, gebügelte Hemden, Essen und Sex. Zuvor hat sie jahrelang als Besamungstechnikerin von Milchkühen gearbeitet, die bekanntlich jährlich kalben müssen, um den menschlichen Bedarf an Milchprodukten zu stillen. Mit grandioser Überdrehung, oft direkt ins Publikum sprechend, spielt Yurie Nagayama diese einsame Hausfrau in Kittelschürze, die sich irgendwie eingerichtet hat in ihrer kleinen Welt. Doch das konventionell wirkende Setting kippt überraschend, als jenes Wesen vor der Tür steht, das die namenlos Bleibende einst bei ihrer Tätigkeit als Samentechnikerin erzeugte: Da besamte sie, aus einer Laune heraus, eine Kuh mit menschlichem Sperma." In der FRberichtet Marcus Hladek von weiteren Inszenierungen, während sich Lisa Berins den Performances widmet, die Festival-Kuratorin Chiaki Soma im Museum für Angewandte Kunst präsentiert.
Weiteres: In der FAZ berichtet Simon Strauss von der Abschiedsfeier für den scheidenden Intendanten des Deutschen Theaters Ulrich Khuon, auf der unter anderen Ulrich Matthes bewegende Worte sprach: "Das Entscheidende, was Matthes sagte, war, dass Khuon als Intendant stets auch Interesse an einem Theater gehabt habe, das seinem eigenen Geschmack nicht entsprach. Diese bescheidende Liberalität war es, die ihn als Intendanten auszeichnete und einen Besuch im DT in vielen Fällen unvorhersehbar machte."
Besprochen werden Johann Nestroys "Einen Jux will er sich machen" bei den Reichenauer Festspielen (Standard), Christian Stückls Inszenierung von Shakespeares "Julius Ceasar" mit LaienspielerInnen in Oberammergau (SZ) und Florentina Holzingers Performance "Kranetude" am Müggelsee (von der taz-Kritikerin Verena Harzer schöne und verstörende Bilder im Kopf mitnimmt, mehr im Efeu von Samstag).
Szene aus "Kranetude". Bild: Mayra Wallraff Die Theaterkritikerinnen sind an den Müggelsee gereist, um zu erleben, wie Florentina Holzinger in "Kranetude" begleitet von vier nackten Drummerinnen ein "morbidesFleisch-Mobile" aus sieben nackten Frauenkörpern in den Himmel steigen lässt. So resümiert Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung das Saisonende der Sophiensäle, zu dem Holzinger "mit Kraft, Leidenschaft und Witz eine ganze Kulturgeschichte" umstülpt: "Die Geschichte romantisch umflorter Frauenbilder nämlich, die sich aus wasserweichen, floral umrankten Hübschgesichtern speist und hier in bildstarke Stunts und wassersportige Lebenslust umgeschmiedet wird." Auch Tagesspiegel-Kritikerin Christine Wahl ist hin und weg: "Der Abend sprudelt (...) nur so über vor spektakulären Ideen und luziden Bildern. (…) Jetskis cruisen auf dem See umher, Performerinnen schnellen delfinartig aus dem Wasser und tauchen wieder ab, und irgendwann hält unter dem Stahlkranz auch ein Boot, von dem aus eine weitere Performerin an einem Blechschild emporgezogen wird, mit dem sie in der Luft ausdauernd kämpft." "Sommermusiktheater der Extraklasse", jubelt auch Nachtkritikerin Esther Slevogt: "Mit wenigen, aber dafür rabiaten Mitteln produziert die Performance Bilder und Assoziationen zur apokalyptischen Krise, in die die natur- und klimazerstörende Lebensweise des Industriezeitalters geraten ist."
Die vom ARD-Mittagsmagazin in Auftrag gegebene Umfrage zu Machtmissbrauch am Theater(Unser Resümee) ist "von empirischer Evidenz ... weit entfernt. Es wirkt, als hätte sie schlicht die Funktion, den reflexhaft wiederholten Vorwurf des Machtmissbrauchs im Kulturbetrieb und das Märchen vom übermächtigen Intendanten möglichst schrill zu belegen", kommentiert Peter Laudenbach (SZ), der "Recherche" eher für "eine Online-Umfrage unter fragwürdigen Vorzeichen" hält: "Die Fragen wurden über die Adressenlisten der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger und die Schauspieler-Organisation Ensemblenetzwerk an die Theaterkünstler gemailt. Man könnte sagen: Die Umfrage war eine Kooperation zwischen den Journalisten und den Bühnen-Gewerkschaften. Ein Hinweis auf diese Zusammenarbeit wäre hilfreich gewesen, im ARD-Beitrag fehlt er. Die Antworten auf die Umfrage erfolgten anonym. Dass die Journalisten nicht wissen, ob besonders frustrierte Bühnenkünstler vielleicht mehrmals geantwortet und so das Ergebnis verzerrt haben, räumt Helena Daehler aus dem ARD-Rechercheteam auf SZ-Anfrage ein. Theoretisch könnte ein Dutzend arbeitsloser Schauspieler hunderte Fragebögen mit frei erfundenen Behauptungen ausfüllen."
Außerdem: Die FAZ bringt die Rede, die Ulrich Matthes zum Abschied von Ulrich Khuon als Intendant des Deutschen Theaters gehalten hat.
Besprochen werden Jan Langenheims Inszenierung von Christian Barons "Ein Mann seiner Klasse" am Pfalztheater in Kaiserslauter (nachtkritik), Satoko Ichiharas "Bakchen" (FR, FAZ) und Apichatpong Weerasethakuls "A Conversation With the Sun" (FR) beim Festival Theater der Welt in Offenbach.
Angesichts einer vom ARD-Mittagsmagazin in Auftrag gegebenen Umfrage zu Machtmissbrauch am Theater fragt Christiane Peitz für den Tagesspiegel noch einmal nach: Wie war das jetzt am Gorki-Theater? Von Seiten des RBB heißt es, es seien Mediationsgespräche mit der Vertrauensstelle Themis geführt worden - die aber führt gar keine solchen Verhandlungen durch. Eine Umfrage des RBB weise auf andauernde Probleme hin. Dazu äußert sich Indentantin Shermin Langhoff ausweichend: Sie könne dazu "nichts sagen, auch nicht zur Situation der Betreffenden, 'weil diese Mitarbeiter*innen sich nicht zu erkennen geben und nicht mitgeteilt wird, aufgrund welcher Ereignisse sie das 'Klima der Angst' empfinden. Sind es die Zeitverträge und deren Verlängerungsprozesse, so gibt es diese zweifellos.' Der Pressesprecher weist außerdem darauf hin, dass am Gorki Theater Konfliktlösungs- und Beschwerdeinstitutionen existieren, die für alle zugänglich sind." In der FAZ hat Simon Strauß wenig Geduld mit den Gorki-Mitarbeitern, die sich nur hinter vorgehaltener Hand äußern: "Wenn ein Ensemble nicht den Mut aufbringt, den erfahrenen Machtmissbrauch Einzelner gemeinsam zur Anzeige zu bringen, kann es auch keine Veränderung erhoffen. Die Öffentlichkeit darf nicht als Ausputzer für den fehlenden Kollektivgeist von Theaterangestellten missbraucht werden."
Felix's Room. Bildrechte: JR Berliner Ensemble Ein "Requiem auf einen jüdischen Kaufmann" hat Patrick Wildermann (Tagesspiegel) am Berliner Ensemble gesehen: Inszeniert hat "Felix's Room" Adam Ganz, der Urenkel jenes Felix Ganz, dessen Zimmer hier mit Hilfe des Digitalunternehmens Scanlab in 3D auf die Bühne gebracht wird. Das winzige Zimmer mussten Felix und seine Frau Erna 1942 nach einer Zwangsumsiedlung in ein sogenanntes "Judenhaus" bewohnen: "Dieser eindringliche, stimmig komponierte Abend setzt auf berührende Weise Puzzleteile zusammen, ohne Anspruch auf ein vollständiges Bild zu erheben. Dass Felix und Erna Ganz von den Nazis ins Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden, das etwa breitet 'Felix's Room' nicht aus. 'Ich möchte nicht', so Adam Ganz, 'dass man sich die beiden nach ihrer Deportation vorstellt, herabgewürdigt zu zwei Zahlen unter vielen.'"
Nicht ganz überzeugt ist Egbert Tholl in der SZ: "An Adam Ganz ist bestimmt kein Autor verloren gegangen. Die Mutmaßungen über das Leben von Felix und Erna hätte er besser jemanden erzählt, der diese dann in Worte gefasst hätte." Doch immerhin die technische Komponente sagt ihm zu: "Die Musik gerinnt zu einem Flirren, die Oboe bläst eine disparate Melodie, aus den Scans weichen die Farben, und die Aufführung wird so zum geisterhaften Sinnbild der Erinnerung, Schatten, Chimäre, was halt alles im Kopf auftaucht, wenn man sich zu erinnern versucht. In diesen Momenten ist 'Felix's Room' ein absolutes, technisch ohnehin verblüffendes Meisterwerk. Dass der Rest ausbaufähig ist - geschenkt." Von einem "unprätentiös auftretenden, kompakten Abend" sprichtnachtkritiker Christian Rakow.
Besprochen werden noch "Ship. Bridge. Body" der Gruppe Theatre of Playwrights im Festspielhaus Hellerau (Nachtkritik) und das deutsch-tansanische Theaterprojekt "Ultimate Safari" (Tsp).
Szene aus Poulencs "Dialogues des Carmélites" beim Festival von Glyndebourne. Foto: Richard Hubert Smith
Barrie Kosky kann ernst auch ohne ironische Distanz, lernt eine hoch beeindruckte Gina Thomas (FAZ) bei der Premiere von Koskys Inszenierung der Poulenc-Oper "Dialogues des Carmélites" beim Festival von Glyndebourne: Gertrud von le Fort verarbeitete in ihrer Novelle von 1932 die Hinrichtung von 16 Karmeliterinnen während der Französischen Revolution. Poulenc komponierte die Musik dazu Mitte der fünfziger Jahre, unter dem Eindruck der Naziverbrechen: "Kosky macht die Parallele zum Holocaust später auf ätzende Weise konkret, wenn die Ordensschwestern ihre Kleider ablegen, ihnen Pappschilder um den Hals gehängt und die Haare geschoren werden, bevor sie der Reihe nach, ihre Schuhe umklammernd, singend in den Tod gehen. Mit jedem Sausen des Fallbeils, dessen schauerliche Wirkung Poulenc steigert, indem er die regelmäßigen Klänge eines immer höher geschraubten, immer nachdrücklicheren 'Salve Maria' mit der Unregelmäßigkeit des Geräuschs der Guillotine kontrastieren lässt, fliegt ein Paar Schuhe aus den Kulissen über die Bühne."
Weiteres: Michael Stallknecht bleibt in der SZ unbeeindruckt vom der AR-Brille in Theater und Oper: "Das sind bislang keine Anwendungen, bei denen wirklich der Kern der ästhetischen Erfahrung neu verhandelt würde." Besprochen wird noch die Choreografie "King" von Shaun Parker in Wiesbaden (FR).
Szene aus Brett Deans "Hamlet" in München. Foto: W. Hösl
Nicht gerade einen Abend mit neuester neuer Musik erlebte SZ-Kritiker Reinhard J. Brembeck bei der Eröffnung der Münchner Opernfestspiele mit Brett Deans"Hamlet", aber doch immerhin gut unterhaltendes professionelles Musiktheater: Dean "schreibt einen vielstimmig gewobenen Minimalismus, gern rhythmisch treibend, oft furios. Dazwischen streut er fein gearbeitete Ensembles ein, sein Vokalstil ist unangestrengt nüchtern. Diese Musik ist lebendig, sie kann harsch und wild auffahrend sein und sich im Brodeln und Kratzen verlieren. Immer strahlt sie, immer tanzt sie nach vorn, immer lockt sie den Hörer, die Vorbilder Igor Strawinsky und Benjamin Britten sind virtuos weiterentwickelt. Deans Musik leuchtet beständig Matthew Jocelyns sich nah an William Shakespeares Drama haltende Libretto aus, gibt Stimmung, Tempo und Färbung der einzelnen Szenen unverwechselbar vor und stellt sich den Sängern nie in den Weg. Giuseppe Verdi hätte das ganz genauso gemacht." In der nmzist Wolf-Dieter Peter dieser Hamlet "zu monochrom" und vor allem: zu lang.
Weiteres: In der SZ ist Till Briegleb etwas enttäuscht von den ersten vier Tagen des Festivals "Theaterformen" in Hannover. Die Veranstaltung legt hohen Wert auf Barrierefreiheit und stellt die persönlichen Erfahrungen von Menschen in den Mittelpunkt, die Ausgrenzung erleben, so Briegleb. Die allzu simplen und belehrenden Botschaften lassen das aber zum "Missionstheater" werden, der künstlerische Anspruch kommt hier zu kurz, bedauert der Kritiker. In einem weiteren Artikel berichtet Briegleb über die neue Vorsitzende des Hamburger Ohnsorg-Theaters Sandra Keck, die nach Modernisierungsversuchen der vorherigen Intendanz zum "konservativem Unterhaltungstheater" auf Plattdeutsch zurückgekehrt ist. Besprochen wird Stas Zhyrkovs Inszenierung von "Tell. Eine ukrainische Geschichte" im Rahmen der Mannheimer Schillertage (FAZ).
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