Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

3740 Presseschau-Absätze - Seite 96 von 374

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2023 - Bühne

In der NZZ porträtiert Rahel Zingg die sechzehnjährige Florinda, die mit unglaublicher Disziplin an ihrer Ausbildung als Balletttänzerin arbeitet. Die Zeit von Drill und Übergriff ist offenbar vorbei: "Die junge Tänzerin wunderte sich, als ihre Lehrerin im letzten Jahr plötzlich um Erlaubnis fragte, bevor sie sie korrigierte. 'Ja, komm nur. Du kannst mich auch einfach anfassen', dachte sie. Doch das gehört nun zum Code of Conduct von Danse Suisse. Wer sich bei der Vereinigung ins Berufsregister der Tanzpädagogen eintragen lassen will, muss seit 2021 einen Verhaltenskodex unterschreiben; seit Mai 2022 sind bei Verstößen Sanktionen möglich."

Besprochen werden Performance-Arbeiten der New Yorker Wooster Group beim Berliner FIND-Festival, die sich unter anderem der polnischen Theaterlegende Tadeusz Kantor widmeten (taz), Shakespeares Alterswerk "Der Sturm" am Schauspiel Stuttgart (SZ) und Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" im Berliner Ensemble (ZeitOnline).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2023 - Bühne

Annemarie Brüntjen und Alina Kostyukova in "Wie man mit Toten spricht". Foto: Maximilian Borchardt / Nationaltheater Mannheim


Erschüttert berichtet Nachtkritikerin Eva Marburg den Abend "Wie man mit Toten spricht", mit dem die ukrainische Dramatikerin Anastasiia Kosodii am Nationaltheater Mannheim der Toten des Krieges gedenkt, "vorsichtig, respektvoll und konzentriert". Die Vorstellung endet in Stille, ohne Aplplaus: "Ich denke in dem Moment, dass es vielleicht das ist, was Theater jetzt leisten muss. Einen Raum bereitzustellen, in dem erzählt, zugehört, gedacht und erinnert werden kann. Ein kurzer Ort des Innehaltens, das Geschenk der geteilten Aufmerksamkeit. Und das Bewusstsein, dass wir alle betroffen sind, weil wir alle Menschen sind."

Im Tagesspiegel wundert sich Rüdiger Schaper dagegen nicht, dass das Aufregendste an Fabian Hinrichs Ein-Mann-Inszenierung von Lord Byrons "Sardanapal" der Abgang von Benny Claessens war, der kurz vor der Premiere hingeworfen hat: "Keine Seltenheit in einem Betrieb, der sich nur mit Missbrauchsgeschichten in die Schlagzeilen bringt, aber schon lange nicht mehr mit einem Stück Gegenwartsgeschichte, mit einer unerhörten ästhetischen Erfahrung oder einem gesellschaftlichen Aplomb." Auch Michael Wolf vermisst in der taz Dringlichkeit in Fabian Hinrichs Spiel: "Es wirkt, als wäre er bereit, seine ganze Inszenierung zu opfern, damit er selbst als Künstler autonom bleiben kann, nicht verwechselt wird mit einer Figur, einer Botschaft. Nicht mal die Kunst ist als Ziel also genug."

Besprochen werden das Tolkien-Spektakel "Riesenhaft in Mittelerde" am Schauspielhaus Zürich" ("Alles ist hier bis ins kleinste Detail durchgeplant, dennoch wirkt der Abend unendlich frei", lobt Egbert Tholl in der SZ), Burkhard Kosminskis "luftige" Inszenierung von Shakespeares "Sturm" am Stuttgarter Schauspiel (FAZ), Tena Štivičić' kroatische Familiensaga "Drei Winter" am Wiener Burgtheater (Nachtkritik), Isobel McArthurs Jane-Austen-Adaption "Stolz und Vorurteil *oder so" an der Komödie am Kurfürstendamm mit Anna Maria Mühe (Nachtkritik, SZ), Nino Harataschwilis Adaption von Aglaja Veteranyis Roman "Warum das Kind in der Polenta kocht" am Hessischen Landestheater Marburg (FR), die Sarah-Bernhardt-Ausstellung "Et la femme créa la star" im Petit Palais in Paris (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2023 - Bühne

"Riesenhaft in Mittelerde" am Zürcher Schauspielhaus. Foto: © Philip Frowein

Zusammen mit dem inklusiven Theater Hora und dem Puppenspiel-Ensemble Das Helmi hat das Zürcher Schauspielhaus Tolkiens "Herrn der Ringe" auf die Bühne gebracht. Nachtkritikerin Valeria Heintges verfolgt das ausgelassene Spektakel "Riesenhaft in Mittelherde" mit großer Freude: "Das ist nicht nur ungeheuer komisch, sondern auch 'effekt'-voll. Gleichzeitig nimmt sich das Regietrio aus Nicolas Stemann vom Schauspielhaus, Stephan Stock vom Theater Hora und Florian Loycke vom Helmi, erweitert um den Sänger und Schauspieler Der Cora Frost, der auch wunderbar singend zu erleben ist, auch das Recht heraus, die fragwürdigen Seiten des Fantasy-Epos zu entlarven. Tolkien muss sich nicht nur Rassismus, sondern auch üble Misogynie vorwerfen lassen. Also gibt es hellhäutige Bösewichte, Männer, die Frauen spielen und umgekehrt. Sogar von Ork-Awareness-Teams ist die Rede - so viel Schauspielhaus-Selbstironie darf sein." In der NZZ fühlt sich Ueli Bernay von dieser Tolkien-Parodie zwar belustigt, aber nicht belehrt: "Damit fehlt es an kritischem Biss und gesellschaftlicher Brisanz; ein Manko, das bisweilen zu dramaturgischen Längen führt."

Besprochen werden Fabian Hinrichs Inszenierung von Lord Byrons lust-anarchistischem "Sardanapal" ("Strass statt Stress" nimmt SZ-Kritiker Peter Laudenbach von diesem Abend mit, findet ihn aber zu konfus, unbeholfen und selbstverliebt für eines der größten Theater des Landes, FAZ), Wolfgang Herrndorfs Romanfragment "Bilder deiner großen Liebe" am Schauspiel Frankfurt (FR), Shakespeares "Der Sturm" am Schauspiel Stuttgart (FR), Christina Tscharyinskis Inszenierung von Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" im Berliner Ensemble (BlZ) und die Stücke beim Festival Internationaler Neuer Dramatik (FIND) an der Berliner Schaubühne (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2023 - Bühne

Fabian Hinrichs als Sardanapel an der Volksbühne. Foto © Apollonia T. Bitzan


An der Volksbühne gab Fabian Hinrichs den "Sardanapal" nach einem Stück von Lord Byron. Eigentlich sollte Benny Claessens die Titelfigur spielen, aber der war nun doch nicht dabei (von künstlerischen Differenzen ist die Rede) und so übernahm Hinrichs kurzerhand die Hauptrolle in seiner eigenen Produktion. Worum gehts? König Sardanapel lehnt jede Herrschaft durch Unterdrückung, Verstellung, Expansion, Lüge und Gewalt ab, er genießt lieber. Zu diesem Zweck veranstaltet er ein Bankett und die Volksbühne lieferte alle Zutaten. In der Berliner Zeitung ist Ulrich Seidler hingerissen: "Es tritt das Jugendsinfonieorchester des Händel-Gymnasiums auf, eine zwölfköpfige Tanzcompagnie und weitere Tänzer der Flying Steps. Es gibt Saxophonsoli, Sir-Henry-Pianokunst, Schwert- und Schlachtenchoreografien, Schmetterlingsformationstanz à la Friedrichsstadtpalast, Wagner-Vorhänge, Hardrockmusicaldiskokunstliedmedleymusik - die Hubmaschinerie schichtet Himmelstreppen auf, Scheiterhaufen brennen, der Orchestergraben gibt sich die Ehre als Euphrat, während der Volksbühnenkronleuchter einen Himmel voller Sterne blinken lässt. Es werden über hundert Leute gewesen sein, die sich schließlich verbeugten, dazwischen, barfuß, breit und glücklich lächelnd der Kaiser des Abends."

Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel war es zu viel, viel zu viel: "Das Stück reiht Nummer an Nummer und macht sprachlos. Einmal setzt sich Hinrichs ans Schlagzeug und liefert mit Sir Henry am Klavier einen Rocksong ab. Ein andermal spielt Sir Henry mit den jungen Musikern Chopin, und Hinrichs breitet seine Alpträume aus. Schön ist die Szene zu Beginn, als Hinrichs eine Kassiererin zum Träumen bringt und Lilith Stangenberg zur Aphrodite im Supermarkt wird. Und das bricht auch gleich wieder ab. Was bei allen assyrischen Göttern reitet diesen wunderbaren Schauspieler, warum hilft Fabian Hinrichs niemand?" In der nachtkritik ist Ether Slevogt noch unentschieden: "Immer alles ein bisschen zu schrill verehrend vorgetragen und präsentiert, so dass nie wirklich klar wird: Ist diese Kunst- und Lebenssehnsucht echt oder wird sie nur karikiert? Ist Hinrichs freiwillig oder nur unfreiwillig komisch? Aber in diesem linkischen Strecken nach der Kunst und dem Unmöglichen gelingt es dem Abend auch immer wieder, seltsam zu ergreifen. Benny Claessens ist aber offenbar in der Sorge ausgestiegen, sich mit dem Abend zu blamieren, und postete auf Instagram Böses."

Weiteres: Christian Blossfeld wird der Nachfolger des entlassenen Ballettdirektors Marco Goecke in Hannover, meldet Dorion Weickmann in der SZ. In der Welt sieht nun auch Jakob Hayner die Münchner Kammerspiele den Bach runtergehen.

Besprochen werden die Choreografie "Blazing Worlds" von Sergiu Matis im Radialsystem (Tsp), ein Auftritt der Wooster Group beim FIND Festivel (Tsp), Jenke Nordalms Adaption von Lars Kraumes Film "Der Staat gegen Fritz Bauer" am Stadttheater Gießen (nachtkritik), ein Gastspiel des serbischen Popstars Lepa Brena beim Festivals "New Stages South East" am Theater Oberhausen (nachtkritik) und Emre Koyuncuoğlus Stück "Halide. Words of Flame" beim Festival "Female Peace Palace" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.04.2023 - Bühne

Rudolf Nurejew 1966 in Zürich. Bild: ETH Zürich


Warum eigentlich erst jetzt, wundert sich Sonja Zekri in der SZ, als sie erfährt, dass das Bolschoi ein Ballett über die schwule, aus der Sowjetunion geflüchtete Ballettlegende Rudolf Nurejew wieder absetzt. Nicht nur Protagonist, auch Regisseur des Stücks sind dem russischen Regime ein Dorn im Auge: "'Nurejew' war immer ein Problem für die konservativen Eliten gewesen, anders ausgedrückt, ein Gradmesser für die Freiheit der Kunst und die Freiheit der Liebe in Russland. Bereits die Premiere 2017 war eine Zitterpartie. Serebrennikow stand damals unter Hausarrest, weil man ihm die Veruntreuung von Geldern vorwarf." Klar ist: "Die Darstellung oder auch nur Erwähnung von Homosexualität hat es seit Jahren in Russland schwer, und noch schwerer, seit Präsident Wladimir Putin im Dezember ein Gesetz unterzeichnete, das bereits die Erwähnung der LGBT-Community in Russland als Gesetzesverstoß mit hohen Geldstrafen ahndet. Für 'Nurejew' war es ein Tod auf Raten." Die Zeit vermutet, dass ein Vebot mit der großen Popularität des Stückes zusammenhängt, wie auch der Standard unterstreicht, der "weitere Zensur auch von Klassikern fürchtet."

Außerdem: Mit "House of Dance" eröffnet die amerikanische Regisseurin Tina Satter das Berliner FIND-Festival an der Schaubühne - und Nachtkritikerin Gabi Hift ist nur mäßig begeistert: "Ostentativ undramatisch" erscheint ihr die in einer Stepptanzschule spielende Geschichte zunächst, die Motivik rund um eine Gruppe Loser in der Provinz wenig innovativ. Das Stück entwickelt sich nicht, es geht nur um den Tanz, um das "Gemurmel aus dem Kern der Existenz." Ulrich Seidler ist in der Berliner Zeitung weniger gnädig "Gerade beim Stepptanz merkt man ja sehr schnell, wenn es falsch klappert. Weil die Inszenierung das nicht auffängt, bleibt den Schauspielern nichts anderes übrig, als die Träume ihrer Figuren zu ironisieren und ihre Lebenswelt zu denunzieren." Die SZ macht auf das Theaterfestival "Radikal jung" mit 13 Stücken junger Regisseur*innen in München aufmerksam.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.04.2023 - Bühne

Besprochen werden Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Musical "Forever Ying, forever Yang" mit Liedern von Funny van Dannen am Deutschen Theater Berlin (FAZ) und Bridget Breiners Ballett-Inszenierung von Schillers "Maria Stuart" am Staatstheater Karlsruhe (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.04.2023 - Bühne

Besprochen werden Bridget Breiners Ballett "Maria Stuart" nach Schiller in Karlsruhe (FR), Ambroise Thomas' "Hamlet" an der Komischen Oper Berlin (den Dieter David Scholz in der NMZ anders als seine Kollegen gestern ausgesprochen konventionell findet) und Mozarts "Figaro" unter Joana Mallwitz in Nürnberg (NMZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.04.2023 - Bühne

Powertöne: Huw Montague Rendall in "Hamlet". Foto: Monika Rittershaus / Komische Oper

Regisseurin Nadja Loschky und Dirigentin Marie Jaquot haben für die Komische Oper Berlin Ambroise Thomas' selten gespielte Oper "Hamlet" entdeckt, in der FAZ geht Clemens Haustein in die Knie: "Nur zu Beginn, wenn das Orchester unheilschwanger bis zum Brüllen aufbraust, und am Ende in der Dramatik des Schlusses fährt Thomas die ganze Klanggewalt des Orchesters auf. Dazwischen, in all den Episoden innerer Ausweglosigkeit, nähert sich der Komponist einer nahezu skizzenhaften Schreibweise an. Die gesungene Linie dominiert, die Begleitung dazu setzt sich aus zart hingetupften Instrumentalfarben zusammen: Flöten, Klarinetten, Harfen und hin und wieder ein Solo in der Oboe oder im Horn. Marie Jaquot am Pult des Orchesters der Komischen Oper versetzt Thomas' Klangtupfer in ein ganz natürliches Schwingen."

Im Tagesspiegel jubelt auch Frederik Hanssen über das grandiose Sängerpaar von Liv Redpath als Ophélie und Huw Montague Rendall als Hamlet: "Liv Redpaths Koloraturen sind glockenhell, mühelos, verführerisch, wirken jedoch nie als akustischer Zierrat, sondern sind ehrlicher Ausdruck von innerer Zerrissenheit. Huw Montague Rendall hat tolle Powertöne für das trotzig geschmetterte Trinklied, attackiert kraftvoll König Claudius und seine mörderische Mutter, gebietet aber auch über tausend faszinierende Facetten für die verschatteten Seelen-Seiten Hamlets."

Besprochen werden Leonie Böhms Anti-Sophokles-Inszenierung der "Antigone" im Gorki-Theater ("Knapp zwei Stunden Nabelschau, Nacktbaden, Wortgeklimper" gibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel zu Protokoll, auch in der taz fragt Verena Harzer: "Warum, um Gottes willen, sollte alles gut sein, wenn sich nur mal alle genüsslich im Schlamm respektive ihrer eigenen Scheiße wälzen?"), Erich Korngolds Oper "Die tote Stadt" in der Oper am Rhein in Düsseldorf (FR), Alexander Nerlichs Inszenierung von Anna Gschnitzers Stück "Wasser" am Stadttheater Ingolstadt (SZ) und Wagners "Fliegenden Holländer" an der Volksoper in Wien (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.04.2023 - Bühne

"Green Corridors" an den Mänchner Kammerspielen. Foto: Armin Smailovic

Völlig überwältigt ist SZ-Kritiker Egbert Tholl von Jan-Christoph Gockels Inszenerung "Green Corridors" an den Münchner Kammerspielen. Das Stück der mit abgrundtief schwarzem Humor gesegneten Dramatikerin Natalia Vorozhby erzählt von drei Ukrainerinnen, die dem Grauen des Krieges nach Deutschland entkommen sind und hier eine Schauspielerin totprügeln, die nichts erlebt hat, alles spielen kann und sich was auf ihr kospmopolitisches Leben einbildet: "Svetlana Belesova spielt fabelhaft, ihre drei Kolleginnen aus der Ukraine sind fabelhaft. Erst sprechen sie vor allem Ukrainisch (mit Übertiteln), dann immer mehr Deutsch, sie kommen an am Fluchtpunkt. Wo Johanna Eiworth auf sie lauert, als Gutmenscheneuropäerin aller Art, immer hysterisch, immer laut - die Ukrainerinnen spielen sie an die Wand. Dann setzen alle Mittel aus. Tanya Kargaeva erzählt, was der Nageldesignerin widerfuhr. Erzählt, wie sie tagelang vergewaltigt wurde. 'Sie wollen jetzt keine Details hören ... oder doch?' Man hört sie." Auch in der Nachtkritik schwärmt Martin Jost: "So etwas hat München noch nicht gesehen."

Weiteres: Ausgesprochen positiv bilanziert Reinhard Kager in der FAZ die Intendanz von Nora Schmid und Roland Kluttig am Grazer Opernhaus. Schmid wechselt an die Semperoper nach Dresden. Lilo Weber stellt in der NZZ Cathy Marston vor, die ab der nächsten Spielzeit Direktorin des Zürcher Balletts wird.

Besprochen werden Timofej Kuljabins "Macbeth"-Inszenierung am Schauspiel Frankfurt (FR, FAZ), "Der Raub der Sabinerinnen" als Schwank mit Birgit Minichmayr im Wiener Akademietheater (Nachtkritik, SZ, Standard), Horvaths "Glaube Liebe Hoffnung" am Theater Koblenz (Nachtkritik) und Tennessee Williams' "Suddenly Last Summer" im English Theatre Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.04.2023 - Bühne

Szene aus "Macbeth". Bild: Thomas Aurin

Wenn der russische Regisseur Timofej Kuljabin im Schauspiel Frankfurt "Macbeth" als "kinskihaft tobendes" Monster auf eine als "Führerbunker" gestaltete Bühne setzt und das Publikum angesichts der realistisch inszenierten Gewaltdarstellungen aufstöhnt, muss Nachtkritikerin Shirin Sojitrawalla den Gegenwartsbezug nicht lang suchen: "Fechtszenen, von denen es im Stück wimmelt, gibt es keine, Kampfszenen indes schon. Doch die Herrschenden und nach Macht Strebenden treten wie Politiker vor die Presse: Mikrofone warten, Scheinwerfer leuchten, Kameras laufen. Die Ermordeten liegen dann erst in nummerierten schwarzen Plastiksäcken herum, wie man sie noch aus den Fernsehbildern aus Butscha in Erinnerung hat. Später tragen sie ebensolche Leibchen aus Plastik. Dann hat Macbeth eine rote Krawatte um den Hals, die auf Trump weisen könnte, aber dafür ist sie wahrscheinlich zu wenig knallrot. (…)  Eindeutig dann der ellenlange Tisch, an dessen Ende Macbeth zu allen anderen auf Distanz geht, wie Putin zu Macron und Scholz. Doch Macbeth guckt nicht extra finster, sondern stopft Äpfel in sich hinein wie ein Superschurke im Kino."

Jedes noch so kleine Detail aus dem Leben von Sarah Bernhardt erfährt Johanna Adorjan in der SZ in der Ausstellung "Et la Femme Créa la Star" im Petit Palais in Paris: Welchen Mann sie wann in ihrer Wohnung empfing, aber auch, dass sie nicht nur Schauspielerin und Aktivistin, sondern auch eine begabte bildende Künstlerin war: "Sie malte hübsch. Vor allem aber war sie eine begnadete Bildhauerin. Eine kleine, weiße Marmorstatue zeigt sie selbst, Sarah Bernhardt, in stolzer Haltung. Ganz aufrecht steht sie da, einen Arm auf eine Säule gestützt. Unter ihrem engen Kleid, das wie aus Satin oder Seide an ihrem Körper herabfließt, zeichnen sich ihre Brüste ab und ein kleiner Bauch. Sie sieht so lebendig aus, als könne sie jeden Moment das Kleid raffen und von ihrem kleinen Sockel steigen. Andere Werke sind expressiver, oft spielt der Tod eine Rolle. Es sieht nicht aus wie das artige Hobby einer unausgelasteten Schauspielerin, sondern hier hat sich eine Künstlerin auch mit Hammer und Meißel ausgetobt."

Außerdem: Martin Schläpfer wird seinen Vertrag als Ballettdirektor an der Wiener Staatsoper nicht verlängern, "gestänkert" wurde in Wien gegen Schläpfer vor und während seiner Amtszeit und jetzt auch noch, schreibt Manuel Brug in der Welt: "Dabei hätte man froh sein können. Mit Schläpfer hatte man sich einen der besten Tanzschöpfer von heute geangelt, zudem leitungserfahren. Aber in Wien ticken die Uhren immer noch anders. Da war man auch jahrzehntelang happy mit einer Truppe, die von dem ehemaligen Pariser Starsolisten Manuel Legris auf technische Brillanz im Klassikkanon getrimmt war. Was heute immer mehr wie aus der Zeit gefallen wirkt." Dorothee Nolte (Tsp) spricht mit Tian Gebing, Regisseur der Paper Tiger Theatergruppe, über dessen neues Stück  "Revolution. Stachel im Fleisch" im Humboldt Forum.

Besprochen werden Roger Vontobels Inszenierung von Bess Wohls "Grand Horizons" an den Bühnen Bern (nachtkritik), Anatol Preisslers Inszenierung von Andrew Bovells Stück "Dinge, die ich sicher weiß" im Frankfurter Fritz-Rémond-Theater (FR)undMax Kaufmanns "Salto Vitale" im Wiener Odeon-Theater (Standard)