Christopher Rüpings "Il Ritorno / Das Jahr des magischen Denkens". Foto: Wilfried Hösl / Bayerische Staatsoper Opernintendant Serge Dorny möchte mit seinem Münchner "Ja, Mai"-Festival Barock und Gegenwart zusammenbringen. Auch Regisseur Christoper Rüping schlägt in seinem "Begegnungstheater" gern Brücken, weißtaz-kritikerin Sabine Leucht und deswegen gefällt ihr auch, wie er Monteverdis Barockoper "Il Ritorno d'Ulisse in Patria" und Joan Didions Trauerbuch "Das Jahr des magisches Denkens" über den Tod ihres Mannes zusammenführt: "So tritt denn gleich Damian Rebgetz mit den ersten Sätzen des Buches an die Rampe: 'Das Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich zum Abendessen, und das Leben, das man kennt, hört auf.' Das Scharnier, das analytische Prosa und Opernmagie sowie zeitgenössische und barocke Erzählweisen verbinden soll, ist eingesetzt! Das macht Sinn, weil es hier wie dort ums Loslassen respektive Festhalten geht. Denn auch Penelope in Monteverdis Oper vermisst ihren Mann."
Nachtkritiker Martin Jost erkennt an diesem Abend eine starke These zur Arbeit: "Ein Text, ein Stück, ein Kunstwerk - hier eine der ersten Opern überhaupt - darf nicht in einer Form gerinnen. Wir müssen mit ihm streiten können, es muss in unser Leben greifen, es muss sich anschreien lassen und zurückbrüllen." In der SZ sieht Reinhard Brembeck "braves Rumstehtheater" und empfiehlt stattdessen die Schau des ebenfalls zum "Ja, Mai" eingeladenen Konzeptkünstlers und Buddhisten Rirkrit, der im Haus der Kunst eine tolle Bar mit Tischtennisplatten eingerichtet hat.
Selten wird thematisiert, wie es in den Theatern um die Auslastung steht. Lars von der Gönna legt in der WAZ einen gut recherchierten Artikel über das Schauspiel Dortmund vor, das in der Intendanz von Julia Wissert vor sich hinzudümpeln scheint. Und dennoch kommt die Erfolgsmeldung: 50 Prozent Auslastung. Wie das geht? "Die Zahl stimmt, sie stimmt, weil Statistik eben so geht und man ihr vertraut - solange man nicht ins Theater geht. Diese 50 Prozent gehen so: Ist das große Haus an einem Abend geschlossen, während oben im Studio mit gerade mal 95 Plätzen Büchners 'Woyzeck' läuft (Abi-Stoff) hat das Haus: 100 Prozent. Der Abend 'Ihr wollt tanzen' findet auf der Bühne statt. Platzzahl 30, ausverkauft: 100 Prozent. Im großen Haus schloss man für 'Gott des Gemetzels' den Rang (Begründung des Theaters: 'intimerer Rahmen'), nun tauchen dessen Plätze in der Statistik nicht mehr auf."
Axel Brüggemann berichtet in seinem Crescendo-Newsletter "Klassikwoche" ähnlich Deprimierendes. Die Stadt Berlin hatte Jugendlichen kostenlose Kulturtickets zur Verfügung gestellt. "Die Ergebnisse sind ernüchternd: Die Berliner Jugendkulturkarte (ein 50 Euro Gutschein) sorgte für 160.000 Kulturbesuche - die meisten davon in Museen. Allerdings verzeichneten die drei Berliner Opernhäuser lediglich 1.900 Guthaben-Einlösungen. Ähnlich war die Resonanz in Bremen, wo die Jugendlichen mit der Freikarte 60 Euro für ein weitaus breiteres Angebot (inklusive Schwimmbäder) zur Verfügung hatten. 407.000 Tickets wurden umgesetzt: Spitzenreiter waren Kinos und Schwimmbäder. Lediglich 2.200 Karten wurden für Theaterbesuche in Bremen und Bremerhaven eingesetzt."
Valentina Banci in Senecas "Fedra". Foto: Teatro della Pergola Außerhalb Deutschlands scheinen Postdramatik, Immersion und "Extended Reality" keine Rolle zu spielen, staunt Simon Strauß in der FAZ nach einem Besuch im Teatro della Pergola in Florenz. Hier inszenierte Elena Sofia Ricci Senecas "Phaedra" ganz klassisch - mit "historischen Kostümen, melodischer Deklamation und expressiven Gesten". Strauß ist hin und weg: "Valentina Banci als Phaedra ist mehr Amazone als Götterenkelin, eine Frau im Delirium, mit feuerrot gefärbten Haaren und einem flutblauen Kleid, das ihren mächtigen Oberkörper nur mühsam bedeckt. Es scheint, als ob der Kleiderstoff ihre Leidenschaft nur schwer in Zaum halten könnte, als ob die Libido gegen die äußeren Zwänge aufbegehrt und hervorbrechen will. Mitleid mit Phaedras Lust hat man hier in keinem Moment, im Gegenteil wirkt ihr Begehren von Beginn an angsteinflößend ... 'Check deine Privilegien' lautet gerade ein beliebter Schlachtruf im moralpolitischen Milieu. 'Check deine Platzierung' könnte man daraus machen und dem deutschsprachigen Theaterbetrieb zurufen. Denn wer weiß, ob sich nicht gerade jener, der sich für den Trendsetter hält, im europäischen Vergleich am Ende als ästhetischer Außenseiter herausstellt."
In der FAZ berichtet Irina Rastorgujewa von einem Moskauer Prozess gegen die die Theaterregisseurin Schenja Berkowitsch und die Dramatikerin Swetlana Petrijtschuk, denen die Anklage Feminismus und andere "destruktive Ideologien" vorwirft. Bei den Maifestspielen in Wiesbaden durfte dagegen Anna Netrebko in Verdis "Nabucco" brillieren, wie Judith von Sternburg in der FR ratlos konstatiert: "Die Maifestspiele sollten in diesem Jahr besonders politisch werden, zu erleben war jetzt das Gegenteil. Kein Zueinander, sondern: draußen entrüstete Kriegsflüchtlinge, die vor den Kopf gestoßen worden sind, drinnen Festspielatmo pur. Mit so viel Zwischenjubel und Bravogeschrei, dass es eine Nummerngala wurde." In der SZ erkennt Helmut Mauró auch eine gewisse Ironie an der Besetzung.
Besprochen werden Roman Senkls Online-Stück "Hinter den Zimmern" vom Kölner Schauspiel für den Gaming-Kanal Twitch (Nachtkritik), Iris Laufenbergs Abschiedsinszenierung "Das Ende vom Lied" am Grazer Schauspielhaus (Nachtkritik), Bettina Jahnkes Adaption von Thomas Vinterbergs "Fest" am Hans-Otto-Theater Potsdam (Nachtkritik), eine Aufführung von Nikolaj Rimski-Korsakows "Märchen vom Zaren Saltan" an der Opéra National du Rhin in Straßburg (FAZ), das Stück "Die Namenlosen" der Wiener Gruppe Nesterval im Brut Nordwest (Standard) sowie der Theaterparcours "Ganymed Bridge" in KHM und NHM in Wien (Standard).
Szene aus "Tempest Project". Bild: Marie Clauzade Eine vollkommen "überzeitliche Version" des Stückes "Tempest Project" nach William Shakespeare sieht Alexander Menden (SZ) bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, die die letzte vollendete Regiearbeit des im Juli mit 97 Jahren gestorbenen Peter Brook auf die Bühne bringen: "Hier geht es um Paar-, um Wesensdynamik, die zwischen Prospero und Ariel, die zwischen Miranda und Ferdinand. ... Die Annäherung zwischen den beiden ist ein Aufeinanderzuschreiten, eine zugleich spielerische und schüchterne Geste. Und selbst die albernen Szenen, in denen Caliban die Clownsfiguren Trinculo und Stephano zum Aufstand aufstachelt, sind geläutert durch den Rigorismus der schönen Form. Was bei anderen leicht preziös werden könnte, gerät unter den Brook mit seinen mehr als 70 Jahren Regieerfahrung zu reinem Theater." In der nachtkritikfindet auch Andreas Wilink: "Brooks tief gründende Kennerschaft scheint Voraussetzung für seine Unbefangenheit in der Beschäftigung mit dem Stoff, der sich uns schlackenlos rein vorstellt."
Szene aus "Antigone in Butscha". Foto: Philip Frowein Viel von Sophokles' namensgebender Vorlage erkenntNachtkritikerin Valeria Heintges nicht mehr, wenn der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov Pavlo Aries "Antigone in Butscha" am Pfauen des Zürcher Schauspielhauses uraufführt. Bewegt und beunruhigt sieht sie das Stück über eine Fotografin, die ihrer Ehe entkommen will und in der Hölle von Butscha landet, dennoch: "Lena Schwarz ist Antigone: die Ehefrau, die mit Pseudo-Gutlaune die wattene Enge der Ehe und der Heimat zu überspielen versucht. Und die als Kriegsfotografin, in keiner Sekunde klischiert oder peinlich, ihrer inneren Leere entflieht. Erfüllung findet sie ausgerechnet in Butscha, in einer tiefen Freundschaft mit einer Frau, die alles verlor: Das Kind schon vor Jahren, den Mann vor einigen Tagen. Die Ukrainerin Vitalina Bibliv ist ausschließlich im Video zu sehen, in dem sie phänomenal und ungeheuer bewegend die Frau im Keller-Kerker verkörpert. Als spielte sie keine Rolle, sondern schilderte eigenes Erleben, eigenes Trauma, als hätte sie wirklich eine Fotografin aus der tiefsten Verzweiflung gerettet." In der NZZsieht auch Roman Bucheli eine "abgründig kluge" und "hinreißend traurige" Inszenierung, die das Grauen ohne Kitsch und Zynismus in unsere Alltagsrealität bringt.
Am Donnerstag wurden die Theaterregisseurin Schenja Berkowitsch und die Dramatikerin Swetlana Petrijtschuk in Moskau festgenommen. Ihnen wird wegen des Theaterstücks "Finist - Heller Falke" über junge Russinnen, die sich dem IS anschlossen, "öffentliche Rechtfertigung von Terrorismus" vorgeworfen, es drohen bis zu sieben Jahre Haft, berichtet unter anderem Herwig G. Höller im Standard: "Die Regisseurin sei wohl nicht das Hauptziel, sagte am Donnerstagabend die im Exil lebende künftige Schauspielchefin der Salzburger Festspiele, Marina Davydova, dem Standard. 'Ich habe den Verdacht, dass alles dafür konzipiert wurde, um die Goldene Maske und ihre Leiterin Marija Rewjakina zu zerstören', erklärte sie. Das Moskauer Theaterfestival gilt als eine der letzten Bastionen eines bunten und beim Publikum auch äußerst erfolgreichen Theaters, das in den vergangenen Jahren in Russland immer mehr an Rand gedrängt worden ist." In der FRschreibt Stefan Scholl.
Außerdem: In der Berliner Zeitungspricht Ida Luise Krenzlin mit den beiden Schauspielerinnen Julia Thurnau und Margarita Breitkreiz, die in der Volksbühne mit der Performance "Artist at work" zur Revolution der faulen Frauen aufrufen. In der tazberichtet Dietrich Heißenbüttel von gemeinsamen Proben des Théâtre Soleil aus Ouagadougou und des Theaters Prekariat aus Stuttgart. In der FAZ gratuliert Hubert Spiegel dem Schauspieler und Regisseur Robert Hunger-Bühler zum Siebzigsten. Besprochen werden Fabian Alders Molière-Überschreibung "Der Menschenfeind" im Wiener TAG (Standard), die Veranstaltungsreihe "Dyke Dogs", die seit dieser Spielzeit lesbisch-queere Perspektiven an die Schaubühne bringt (Tsp) und Katharina Kreuzhages Inszenierung von Chris Bushs "(Kein) Weltuntergang" am Theater Paderborn (nachtkritik).
Einen fast perfekten, atmosphärisch dichten Auftakt der RuhrfestspieleerlebtNachtkritikerin Dorothea Marcus mit "Drive your plow over the bones of the dead" der englischen Theaterkompanie Complicité. Das Stück beruht auf Olga Tokarczuks 2011 erschienenem Roman "Gesang der Fledermäuse". Im Mittelpunkt steht eine radikale Tierschützerin, Janina Duszejko, erzählt ein beeindruckter Hubert Spiegel in der FAZ. "Janina hat die Zerbrechlichkeit und die schier unerschöpfliche Energie eines Kindes, dessen unbedingten Gerechtigkeitssinn, sein grenzenloses Mitgefühl und seine Maßlosigkeit. Wie Andersens Mädchen mit den Schwefelhölzern droht sie an der Brutalität und Gefühllosigkeit ihrer Umgebung zu erfrieren, wie Kleists furchtbarer Pferdehändler nimmt sie auf grausame Weise Rache an ihren Mitmenschen. Ein kindlicher Kohlhaas im polnisch-tschechischen Nirgendwo."
Die Inszenierung ist vielleicht ein bisschen lang, meintNachtkritikerin Dorothea Marcus, aber auch sie ist beeindruckt von der Aktualität des Stücks und seiner Hauptdarstellerin Kathryn Hunter. Ihre Janina spricht manchmal "wie eine Seherin, eine kosmische Gesandte, davon, dass sich das Größte stets im Kleinsten findet, dass alle Lebewesen zutiefst gleich sind, sie zitiert Blake. Und lässt uns an ihren Krankheiten, Wein-Anfällen, Albträumen teilhaben, hinter vielen Gazewänden taucht ihre Mutter auf und ruft. Und fast unmerklich verwandelt sie sich vor unseren Augen in eine psychisch Kranke, die ihren Wahn vor uns ausbreitet. Oder sind wir selbst der Wahnsinn der vermeintlichen Normalität? Symbolische Vertreter*innen der lahmen Bürokratie, die an die Einhaltung von Regeln und Gesetzen und an wirtschaftliche Grundsätze erinnern - während Janina der Sachbearbeiterin ein blutiges Wildschweinherz auf den Tisch knallt? Die Frage, wie radikal auch wir in der Klimakrise noch werden müssen, schwebt immer mit."
Was für Theater wichtig ist, um sich als ihrer Subventionierung würdig zu erweisen und zudem Angriffe kulturpessimistischer Rechter abwehren zu können, ist die Rückbindung ans Publikum, argumentiert Peter Laudenbach in der SZ, nicht möglichst weltverbessernde Inszenierungen, die politische Ziele im Blick haben: "Der Effekt ist Exklusion, also das Gegenteil des Ziels eines Theaters, das so vielfältig ist wie der Rest der Gesellschaft und sich an alle richtet. Diese Attitude der diskursiven Weltverbesserung und Publikumsbelehrung ist nicht nur überheblich, sie verabschiedet sich auch von der Kernkompetenz der Theater: Ein Schauspielhaus ohne Spiel wird leicht zu einer trostlosen Angelegenheit. Die entscheidende strukturelle Analogie zwischen Theaterbetrieb und dem System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist natürlich ihre Finanzierung durch die Allgemeinheit, also auch durch Bürger, die kaum von ihrem Angebot Gebrauch machen. Das macht beide Systeme angreifbar. Sie sind auf ein Minimum an gesellschaftlicher Akzeptanz angewiesen. Erodiert sie, wird es unangenehm. Die wichtigste Legitimation der Subvention einer Bühne sind nicht Insider-Preise oder Einladungen zum Theatertreffen, sondern die Ausstrahlungskraft, die sie in ihrer Stadt, für ihr Publikum entwickelt: Das ist die harte Währung."
Weiteres: In der FAZ findet Jörg Thomann die 13 Tony-Nominierungen für das Broadway-Musical "Some Like it Hot" wohl verdient. Im Standardannonciert Ronald Pohl die letzte Burgtheater-Spielzeit von Direktor Martin Kušej. Besprochen wird ein "Tartuffe" im Staatstheater Wiesbaden (FR).
Corinne Winters in "Katia Kabanova" an der Oper Lyon. Foto: Jean-Luis Fernandez In der FAZ bewundert Lotte Thaler eine mit ihrer Rolle völlig eins gewordene Corinne Winters in Barbara Wysowkas Inszenierung von Leoš Janáčeks Oper "Katia Kabanova" an der Oper Lyon. Für ihre Rolle hat die amerikanische Sopranistin sogar Tschechisch gelernt, lesen wir: "Bis in jede Silbe hinein weiß sie also, wovon sie singt, und sie tut dies mit solcher Empfindsamkeit für Janáčeks Gefühlswelt, dass einem oft der Atem stockt. Mit der Selbstverständlichkeit eines Naturwesens beherrscht sie die Bühne und singt sich in Welten, die ihrer Umgebung verborgen bleiben. Bestens unterstützt wurde sie dabei von Elena Schwarz, der Dirigentin in diesem Produktions-Triumfeminat, mit Chor und Orchester der Oper Lyon. Gerade in Katias Szene mit Warwara im ersten Akt, wo das Orchester sowohl mitleidet als auch Mitleid spendet, schwärmerisch aufblüht und mit Katia ins Stocken gerät, wenn sie sich selbst nicht mehr versteht."
Szene aus "Der Raub der Sabinerinnen". Foto: Marcella Ruiz Cruz FAZ-Kritiker Benjamin Loy ist freudig überrascht, mit welcher Rasanz Anita Vulesica den ursprünglich recht "zotigen" Schwank "Der Raub der Sabinerinnen" von Franz und Paul von Schönthan aus dem Jahre 1884 am Wiener Akademietheater aktualisiert hat: "Alles ist hier im Fluss, allen voran die Geschlechteridentitäten: Wildes Cross-Dressing bestimmt die Besetzung des Figurenrepertoires, womit am sichtbarsten die Pathologie des auf Nüchternheit verpflichteten Bürgerlebens ausgestellt wird...Die wilde Verselbständigung von Lügen- und Geldkreisläufen im Stück macht zugleich das radikal Zeitgenössische dieses Komödienklassikers in einer Welt der permanenten (Selbst-)Inszenierung sichtbar. Das größte Verdienst der Inszenierung liegt aber womöglich darin, dass das radikal anarchische Identitätsspiel einer Bombe gleicht, die in die sauber ausgehobenen Schützengräben der verminten und humorbefreiten identitätspolitischen Schlachtfelder der Gegenwart einschlägt."
Weitere Artikel: Im Interview mit Nachtkritiker Andreas Thamm geben der Nürnberger Schauspieldirektor Jan-Philipp Gloger und der Leiter des gerade im dritten Stock des Nürnberger Staatstheaters entstehenden Extended Reality Theaters Robert Senkl Auskunft darüber, wie sie in ihrem Projekt digitale Formate und "analoges Schauspiel" verbinden wollen: "Das Theater wird ins Netz gestreamt, und das Netz wird auf die Bühne geholt. Wir werden, noch nicht in der ersten Spielzeit, aber mit der Zeit, alle möglichen Kanäle und Kombinationen bespielen. So entsteht ein hybrider Raum im Zentrum der Stadt, wo geprobt, gesendet und gezeigt werden kann."
Besprochen werden Isabel Ostermans Inszenierung von Peter Tschaikowskis Oper "Eugen Onegin" am Staatstheater Darmstadt (FR), die Uraufführung von Lukas Bärfuss' Stück "Verführung" im Rahmen der "Langen Nacht der Autoren" am Deutschen Theater Berlin unter der Regie von Andras Dömötör (Zeit), die Uraufführung von Alexander Giesches Adaption von Kae Tempests Essay "On connection" als Visual Poem am Theater Bremen (taz), in einer Mehrfachbesprechung: Marco Damghanis "Anouk und Adofa", Nele Suhler und Jan Kosklowskis "Der kleine Snack" und Hakan Savaş Micans Inszenierung von Sasha Mariana Salzmanns Stück "Im Menschen muss alles herrlich sein" im Rahmen der "Autoren Theatertage" am Deutschen Theater Berlin (BlZ) sowie Thom Luz' Inszenierung von Franz Kafkas "Die acht Oktavhefte" am Schauspielhaus Hamburg und Sebastian Baumgartens Adaption von Kafkas Roman "Amerika" (NZZ).
"Antigone in Butscha" am Zürcher Schauspielhaus. Fot: Philip Frowein Der ukrainische Regisseur Stas Zhyrkov inszeniert am Zürcher Schauspielhaus gerade "Antigone in Butscha". Im NZZ-Interview mit Ueli Bernay blickt er sehr solidarisch, aber nicht unkritisch auf das Theater in der Ukraine, das noch immer ein wenig rückständig sei, aber nicht schlimm wie das russische: "Das Niveau kultureller Auseinandersetzungen ist in der Ukraine zu tief. Wahrscheinlich ist das immer noch darauf zurückzuführen, dass Stalin die ukrainische Intelligenz weitgehend liquidieren ließ. In der sogenannten Völkergemeinschaft der Sowjetunion ließ das Regime überdies jedem Volk einen speziellen Volkscharakter andichten. Die Ukrainer galten als eher dümmliche, aber lustige Dörfler, die gut sangen und tanzten. Die ukrainischen Theater haben diese Stereotype übernommen und reproduziert. So konnte vergessengehen, dass sich in den 1920er Jahren eine starke ukrainische Theateravantgarde um den Künstler Les Kurbas bildete, der das Theater ähnlich beeinflusste wie im Westen Bertolt Brecht. Damals herrschte eine euphorische Aufbruchstimmung. Man hoffte noch, im Rahmen der Sowjetunion die ukrainische Kultur fördern zu können."
Weiteres: In der Nachtkritikverteidigt Esther Slevogt Fabian Hinrichs von der Kritik verrissenen Theaterabend "Sardanapal". In der SZporträtiert Christine Dössel die Schauspielerin Lisa Wagner, die gerade in Yasmina Rezas neuem Stück "James Brown trug Lockenwickler" das Publikum des Münchner Residenztheaters von den Sitzen reißt.
Besprochen werden Mieczysław Weinbergs Oper "Der Idiot" nach Dostojewskis Roman im Musiktheater an der Wien ("Eindringlicher lässt sich Literatur mit Musik kaum deuten", meint Reinhard Kager in der FAZ) und das Stück "Welcome Everybody" beim Festival Tanzmainz (FR).
Paula Murrihy als Dejanira in Händels "Hercules". Foto: Monika Rittershaus / Frankfurter Oper Großer Jubel für Barrie Kosky Inszenierung von Händels "Hercules" an der Frankfurter Oper. In der FR kann Judith von Sternburg gar nicht fassen, wie heutig dieses Drama um Hercules' vor Eifersucht wahnsinnige Dejanira wirkt: "Kosky inszeniert schlank und puristisch und mit einem raffinierten Stegreifappeal, denn so spontan manches wirkt, so ausgetüftelt muss es tatsächlich sein. Die Stimmung: gegenwärtig, ironisch. Ein wenig giftig insgesamt. Mitleid und Neugier gehen miteinander einher, aber die Neugier siegt vorerst meistens. Erst am Ende tut es den anderen dann doch irgendwo leid. Zu schlimm ergeht es Herkules, zu verzweifelt ist Dejanira, die das doch nicht wollte, nicht so, nicht so grässlich. Kosky verzichtet dabei auf Grellheiten und die meisten Barockspäßchen, aber ebenso auf Sanftmut. Den Männern mangelt es etwas an Übersicht, den Frauen nicht. Keine netten Frauen. Drei grandiose Sängerinnen und Darstellerinnen zeigen ein Flirren momentaner Gefühle, rasche Missgunst, vergnügte Boshaftigkeit, der genießerische Blick auf fremdes Leid." Für die FAZ erweist sich Händel mit diesem Stück als "einer der größten Musikdramatiker aller Zeiten", besonders hingerissen ist ihr Kritiker Wolfgang Fuhrmann von der Mezzosopranistin Paula Murrihy als in den Wahnsinn taumelnde Dejanira: "Diese psychische Instabilität ist zwar typisch für die Barockoper, deren Arienketten immer eine Kneippkur von Affekten darstellten. Sie wirkt jedoch dank der singdarstellerischen Souveränität von Murrihy in jedem Moment glaubhaft."
Besprochen werden Sebastian Hartmanns Adaption von Michel Houellebecqs Roman "Vernichten" (in der taz-Kritiker Torben Ibs das "Grauen der Hoffnungslosigkeit" durch alle Ritzen kriechen spürte, aber Egbert Tholl in der SZ versichert, man verlasse das Theater lächelnd. Und: "Hartmann ist Künstler, kein gewöhnlicher Theaterregisseur"), die Lange Nacht der Autor:innen am Deutsches Theater Berlin, zum letzten mal unter ihrem Erfinder Ulrich Khuon (Nachtkritik, taz, Tsp), ein Janacek-Doppel mit "Die Sache Makropulos" und "Aus dem Totenhaus" zur Eröffnung der Maifestspiele in Wiesbaden (FR), Lucia Bihlers zornige Euripides-Inszenierung "Die Troerinnen" am Schauspiel Köln (SZ), Myczieslaw Weinbergs Vertonung von Dostojewskis Roman "Der Idiot" in Wien (Tsp), und Cathy Marstond Ballett "The Cellist", das die tragische Geschichte der Cellistin Jacqueline du Pré erzählt, an der Oper Zürich (NZZ).
Bild: Rita Newman Dieter Dorn hat für sein Regiedebüt am Wiener Theater in der JosefstadtSamuel Becketts "Glückliche Tage" mit Georges Feydeaus "Herzliches Beileid" zusammengebracht. Die Grundidee ist gut, meintNachtkritikerin Petra Paterno: "Feydeau skizziert ein junges Paar auf bestem Weg in die Ehehölle, deren Abgesang wiederum bei Beckett stattfindet: die letzten Tage eines alten Paars mit festgeschriebener Rollenverteilung." Nur: "Der Abend will sich partout nicht zu einem überzeugenden Ganzen fügen: Beckett wird veralbert, Feydeau verernstet. So kommen weder die zarten Momente noch die derben Pointen zum Tragen." In der SZwird Egbert Tholl deutlicher: "Die Nostalgiker, die können sich freuen, weil nichts von der Sprache ablenkt, die geformt und durchdacht ist, wie immer bei Dorn, bestes Sprechhandwerk. Aber die beiden sprechen halt Feydeau und Beckett, mit jedem Punkt, jedem Komma, am besten noch mit jeder Regieanweisung. Und das hält man heute nicht mehr aus." Und Jürgen Kaube befindet im Feuilleton-Aufmacher der FAZ nach einem Abend mit einigen "abgestandenen" Witzen: Die Inszenierung wirke "wie eine fixe oder Schnapsidee des Regisseurs, die er und seine Schauspieler uns aber nicht erklären können (...)"
Produktionsfoto. Bild: Philipp Lichterbeck "Über die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen Lateinamerikas sind in den Händen von einem einzigen Prozent der Bevölkerung - meist den direkten Nachkommen der ehemaligen Kolonisatoren und Sklavenhalter", schreibtMilo Rau, der in der taz zunächst von seinem jüngsten Reenactment im Amazonas, einer Neufassung von Sophokles' "Antigone" erzählt, die er mit Überlebenden eines Massakers aus dem Jahre 1996, bei dem Aktivisten anlässlich eines "Marsches für die Landreform" von der Militärpolizei erschossen wurden, auf die Straße brachte. Die Produktion wird im Mai am belgischen Theater NTGent Premiere feiern, Teil der Inszenierung ist auch eine internationale Kampagne gegen Greenwashing und die Zerstörung des Amazonas durch transnationale Lebensmittelkonzerne: "Wenn es einen Begriff gibt, den die Landlosenbewegung und indigene Aktivistinnen gleichermaßen ablehnen, dann ist es der neoliberale Begriff der 'Nachhaltigkeit'. In den letzten zehn Jahren hat sich das brasilianische Agrobusiness in eine milliardenschwere Industrie des Greenwashings verwandelt. Wie in einem kafkaesken Wachtraum wird die sich ständig beschleunigende Vernichtung des Regenwalds im Rahmen von abstrakten CO2-Deals, nur auf dem Papier existierenden Schutzwäldern und immer neuen 'Alternativen' für traditionelle Extraktionsmethoden als Lösung präsentiert."
Außerdem: Im nachtkritik-Interview mit Esther Slevogt und Sophie Diesselhorst ärgern sich Ensemblesprecher Alexander Angeletta und Dramaturgin Lea Goebel darüber, dass Ensemblemitglieder bei der Nachfolge von Stefan Bachmann als Intendant des Schauspiels Köln nicht beteiligt wurden. Goebel sagt: "Die Entscheidung, einen Vertreter des Personalrats hinzuzuziehen, wirkt nach außen vielleicht wie ein Kompromiss, ist im Kern aber Augenwischerei. Die Person war nicht anwesend bei der ersten konstituierenden Sitzung der Kommission, ist nicht stimmberechtigt, sondern maximal beratend tätig und soll erst zu einem späteren Zeitpunkt in den Prozess der Findungskommission hinzugezogen werden." In der tazstellt Matthieu Praun Yulia Yáñez Schmidt vor, die erste Absolventin des Inklusiven Schauspielstudios Wuppertal, das Menschen mit Behinderung ausbildet. In der Welt erzählt Jakob Hayner von seiner Begegnung mit Fabian Hinrichs, der die Hauptrolle in seiner Inszenierung "Sardanapal" kurzerhand selbst übernehmen musste, nachdem Hauptdarsteller Benny Claeessen einen Tag vor der Premiere hinschmiss (Unser Resümee).
Besprochen werden die Elfriede-Jelinek-Stücke "Aber sicher!" und "Strahlende Verfolger" in den Inszenierungen von Miloš Lolić und Gintersdorfer/Klaßen am Werk X in Wien (nachtkritik, Standard), Sebastian Hartmanns Inszenierung von Michel Houellebecqs Roman "Vernichten" am Staatschauspiel Dresden (nachtkritik), Franz Broichs Inszenierung von Michelle Steinbecks "Die beste aller Zeiten" am Theater Basel (nachtkritik) Carola Moritz' Inszenierung von Juli Zehs "Corpus Delicti" im Kulturhaus Frankfurt (FR) die Arbeit "safe & sound" der israelische Choreografin Lee Méir beim langen Tanzwochenende im Radialsystem (Tsp) und Anne Lenks Inszenierung von Tschechows "Drei Schwestern" am Hamburger Thalia Theater (SZ).
Szene aus "Ist". Bild: Navid Fayaz.Peter Laudenbach (SZ) applaudiert dem Mut der iranischen Schauspielerinnen des Stückes "Ist" auf dem Berliner FIND Festival in der Schaubühne, das in einer Teheraner Mädchenschule spielt und Alltagsprobleme von Mädchen in einer religiösen Diktatur schildert: Beim Schlussapplaus tragen sie "selbstverständlich keine Kopfbedeckung, auch wenn das in ihrem Land illegal wäre. Ob das bei ihrer Rückkehr nach Teheran Konsequenzen haben wird, können sie nicht wissen." Die Regisseurin Parnia Shams und die Produktionsleiterin Raha Rajabi lassen ihn "wieder an das Theater und seine Kraft" glauben. "'Viele Künstler sind nicht mehr bereit, Theater zu den Bedingungen der Islamischen Republik zu machen. Sie zeigen ihre Stücke lieber unzensiert im Untergrund, statt an den öffentlichen Bühnen unter der Kontrolle des Regimes', sagt Shams. 'Das ist der Grund, weshalb ich derzeit in Iran nicht an offiziellen Theatern arbeite. Ich hoffe, das ändert sich irgendwann, sodass wir auch an den großen Bühnen auf unsere Weise arbeiten können.' Dieses 'irgendwann' bedeutet: Nachdem wir uns unsere Freiheit erkämpft haben." Auch Nachtkritikerin Gabi Hift bespricht die Aufführung und zeigt sich so beeindruckt wie betroffen von der Wirkung, die das Stück auf sie hat:"Erstaunlich, dass so eine Arbeit an einer Universität in Teheran vor vier Jahren noch möglich war und danach auch im Land selbst noch mehrere Preise gewonnen hat. In diesen Tagen kann man das Stück schwer sehen, ohne an die unaufgeklärten Massenvergiftungen an genau solchen Mädchenschulen zu denken." Auch in der Berliner Zeitung wird das Festival besprochen.
Außerdem: Im München-Teil der SZ erzählt René Hoffmann, wie sich die Stadt München mit der Aufarbeitung des Antisemitismusskandal um Wajdi Mouawads Stück "Die Vögel", der dann keiner war, abmüht.
Im Standardrät Helmut Ploebst, frühzeitig mit der Suche nach einem Nachfolger für Martin Schläpfer, Direktor des Wiener Staatsballetts zu beginnen. In der SZ begrüßt Dorion Weickmann die Preisträger des Deutschen Tanzpreises 2023, darunter vier ehemalige Mitglieder des Tanztheaters Wuppertal. Besprochen werden Fabian Hinrichs "Sardanapal" an der Berliner Volksbühne (Zeit) und Ulrich Wiggers' Inszenierung von Emmerich Kálmáns Operette "Das Veilchen vom Montmartre" an der Musikalischen Komödie in Leipzig (nmz).
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