Szene aus "Macbeth". Bild: Thomas Aurin Wenn der russische Regisseur Timofej Kuljabin im Schauspiel Frankfurt "Macbeth" als "kinskihaft tobendes" Monster auf eine als "Führerbunker" gestaltete Bühne setzt und das Publikum angesichts der realistisch inszenierten Gewaltdarstellungen aufstöhnt, mussNachtkritikerin Shirin Sojitrawalla den Gegenwartsbezug nicht lang suchen: "Fechtszenen, von denen es im Stück wimmelt, gibt es keine, Kampfszenen indes schon. Doch die Herrschenden und nach Macht Strebenden treten wie Politiker vor die Presse: Mikrofone warten, Scheinwerfer leuchten, Kameras laufen. Die Ermordeten liegen dann erst in nummerierten schwarzen Plastiksäcken herum, wie man sie noch aus den Fernsehbildern aus Butscha in Erinnerung hat. Später tragen sie ebensolche Leibchen aus Plastik. Dann hat Macbeth eine rote Krawatte um den Hals, die auf Trump weisen könnte, aber dafür ist sie wahrscheinlich zu wenig knallrot. (…) Eindeutig dann der ellenlange Tisch, an dessen Ende Macbeth zu allen anderen auf Distanz geht, wie Putin zu Macron und Scholz. Doch Macbeth guckt nicht extra finster, sondern stopft Äpfel in sich hinein wie ein Superschurke im Kino."
Jedes noch so kleine Detail aus dem Leben von Sarah Bernhardt erfährt Johanna Adorjan in der SZ in der Ausstellung "Et la Femme Créa la Star" im Petit Palais in Paris: Welchen Mann sie wann in ihrer Wohnung empfing, aber auch, dass sie nicht nur Schauspielerin und Aktivistin, sondern auch eine begabte bildende Künstlerin war: "Sie malte hübsch. Vor allem aber war sie eine begnadete Bildhauerin. Eine kleine, weiße Marmorstatue zeigt sie selbst, Sarah Bernhardt, in stolzer Haltung. Ganz aufrecht steht sie da, einen Arm auf eine Säule gestützt. Unter ihrem engen Kleid, das wie aus Satin oder Seide an ihrem Körper herabfließt, zeichnen sich ihre Brüste ab und ein kleiner Bauch. Sie sieht so lebendig aus, als könne sie jeden Moment das Kleid raffen und von ihrem kleinen Sockel steigen. Andere Werke sind expressiver, oft spielt der Tod eine Rolle. Es sieht nicht aus wie das artige Hobby einer unausgelasteten Schauspielerin, sondern hier hat sich eine Künstlerin auch mit Hammer und Meißel ausgetobt."
Außerdem: Martin Schläpfer wird seinen Vertrag als Ballettdirektor an der Wiener Staatsoper nicht verlängern, "gestänkert" wurde in Wien gegen Schläpfer vor und während seiner Amtszeit und jetzt auch noch, schreibt Manuel Brug in der Welt: "Dabei hätte man froh sein können. Mit Schläpfer hatte man sich einen der besten Tanzschöpfer von heute geangelt, zudem leitungserfahren. Aber in Wien ticken die Uhren immer noch anders. Da war man auch jahrzehntelang happy mit einer Truppe, die von dem ehemaligen Pariser Starsolisten Manuel Legris auf technische Brillanz im Klassikkanon getrimmt war. Was heute immer mehr wie aus der Zeit gefallen wirkt." Dorothee Nolte (Tsp) spricht mit Tian Gebing, Regisseur der Paper Tiger Theatergruppe, über dessen neues Stück "Revolution. Stachel im Fleisch" im Humboldt Forum.
Besprochen werden Roger Vontobels Inszenierung von Bess Wohls "Grand Horizons" an den Bühnen Bern (nachtkritik), Anatol Preisslers Inszenierung von Andrew Bovells Stück "Dinge, die ich sicher weiß" im Frankfurter Fritz-Rémond-Theater (FR)undMax Kaufmanns "Salto Vitale" im Wiener Odeon-Theater (Standard)
Olivia Giovetti hat für das Van Magazin ein Ranking der "besonders befriedigenden Bühnen-Tode" erstellt. Die Autorentheatertage in Berlin werden weitergeführt, obwohl ihr Gründer Ulrich Khuon als Intendant des Deutschen Theaters zum Sommer aufhört, atmet die BerlinerZeitung auf. Besprochen wird Trajal Harrells Choreografie "The Romeo" in Zürich (monopol).
Im Interview mit der nachtkritikresümiertUlrich Khuon seine Intendanz am Deutschen Theater Berlin, die jetzt zu Ende geht. Ein Verein unter dem Vorsitz des ehemaligen Münchner Oberbürgermeisters Christian Ude will die insolvente Münchner "Lach- und Schießgesellschaft" vor dem Aus retten, berichtet Hannes Hintermeier in der FAZ. In der NZZ gibt Marion Löhndorf die Klage britischer Theater weiter, die mit den fürchterlichen Manieren ihres Publikums zu kämpfen haben. Der Direktor des Wiener Staatsballetts Martin Schläpfer tritt zurück, meldet Helmut Ploebst im Standard. Und im Tagesspiegel annonciert Sandra Luzina die Benefiz-Gala "Ballett for Life" am kommenden Sonntag, mit deren Erlös Waisenkinder in der Ukraine unterstützt werden sollen.
Besprochen werden Verena Stoibers Doppel-Inszenierung von Ruggero Leoncavallos Oper "Bajazzo" und Giacomos Puccinis Erstling " Le Villi" am Staatstheater Mainz (FR,NMZ) das Tanz-Theaterstück "The Romeo" von Choreograf Trajal Harrell und dem Schauspielhaus Zürich Dance Ensemble am Schauspielhaus Zürich (monopol), Mike Bartletts Stück "Erdbeben in London", inszeniert von Olivier Keller und Patric Bachmann am Landestheater Voralberg (Standard), Johannes Kalitzkes Oper "Kapitän Nemos Bibliothek" nach dem gleichnamigen Roman von Per Olov Enquist an der Neuen Oper Wien (Standard) und Ted Huffmans Inszenierung von Charles Gournods Shakespear-Oper "Roméo et Juliette" an der Staatsoper Zürich (NMZ).
Benjamin Bernheim und Julie Fuchs in Gounods "Roméo et Juliett" in Zürich. Foto: Herwig Prammer Als wahres Operntraumpaar feiertNZZ-Kritiker Christian Wildhagen Benjamin Bernheim und Julie Fuchs in Gounods Shakespeare-Oper "Roméo et Juliette" in Zürich, die in Ted Huffmans Inszenierung ganz auf die Liebenden abzielt und die sozialen Konflikte in den Hintergrund rücken lasse. Dabei brauchen Bernheim und Fuchs eine Zeit, um zueinanderzufinden, wie Wildhagen bemerkt, Opernprofis seien eben Einzelkämpfer: "Und dann kommt es zu jenem Moment, nach dem nichts mehr so ist wie zuvor: Romeo und Julia sind sich am Rande eines Balls begegnet, flüchtig, wie immer, aus Angst vor Entdeckung - 'Adieu mille fois!', singt sie aus der Tiefe der Bühne, ganz hinten rechts an einer Tür; er aber steht vorne links an der Rampe und schickt ihr mit seinem Ruf 'Repose en paix! Sommeille!' einen Liebesgruß hinterher, der uns das Schicksalhafte dieser Beziehung schlagartig begreifen lässt. Ja, man meint sogar, die unsichtbaren Funken zu sehen, die in diesem Augenblick einmal quer über die gesamte Bühne sprühen... Wo immer sie singen, glüht und blüht die Musik""
Weiteres: In der FAZ schreibt Wiebke Wüster voller Verehrung für den verstorbenen Choreografen und Pariser Ballettdirektor Pierre Lacotte, der sogar die Literatur in Tanz verwandeln konnte und nur an Stendhals "Rot und Schwarz scheiterte.
Besprochen werden die Wiederaufnahme von Kirill Serebrennikows "Parsifal" an der Wiener Staatsoper (Standard), die Uraufführung von Christian Josts Oper "Voyage vers l'Espoir" in Genf (NMZ) und Barrie Koskys Memoiren "Und Vorhang auf!" (Welt).
Kurt Weills "Der Zar lässt sich fotografieren". Foto: Barbara Aumüller / Oper Frankfurt Zwei "kurze, prickelnde Opern über Wahrheit, Macht und womöglich auch Liebe" hat FR-Kritikerin von Sternburg in einem Doppelabend der Frankfurter Oper gesehen: Kurt Weills "Der Zar lässt sich fotografieren" und Carl Orffs "Die Kluge": "Die neue Verbindung ist aber großartig. Der noch subtiler arbeitende Weill wie der noch wirkungsvoller arbeitende Orff haben Musiken von rasantem Unterhaltungswert geschrieben. In Frankfurt ist das gut zu hören, auch wenn Yi-Chen Lin, Kapellmeisterin an der Deutschen Oper Berlin, im (dem Ohr vertrauteren) Orff sogar ruhig für noch mehr Zack sorgen könnte. Die Weill-Rarität mit ihren komplexen Jazzelementen lässt keine Wünsche offen." Auch in der FAZ freut sich Jan Brachmann über die gelungene Kombination: "Die Regie weigert sich konsequent, die Stücke in ein trivialpolitisches Rechts-links-Schema zu zwängen. Eher bleibt bei Weill und seinem Librettisten Georg Kaiser das virtuose Kokettieren mit dem politischen Mord als ein Moment von Verantwortungslosigkeit stehen, während die vorgebliche Zähmung des tyrannischen Königs durch die kluge Bauerntochter am Ende als utopische, völlig naive Wunschvorstellung entlarvt wird."
Besprochen werden außerdem Richard Strauss' "Frau ohne Schatten" in Baden-Baden (bei der Kirill Petrenko tief in den "polyfonen Dschungel der Partitur" eindringt, wie NZZ-Kritiker Christian Wildhagen würdigt, auch wenn ihm das Stück fremd bleibt) und der Ballettabend "Timelessness" am Hesssichen Staatsballett in Wiesbanden (FR) und Wagners "Die Meistersinger von Nürnberg" in Linz (Standard).
Szene aus Maria Lazars "Die Eingeborenen von Maria Blut" am Wiener Burgtheater. Foto: Susanne Hassler-Smith
"Katholizismus und Nationalsozialismus gehören in Österreich irgendwie fest zusammen." Das erkannte lange vor Thomas Bernhard schon die Autorin Maria Lazar, erinnert in der NZZ Bernd Noack anlässlich von Lucia Bihlers Adaption des Lazar-Romans "Die Eingeborenen von Maria Blut" am Wiener Burgtheater. Die jüdische Wienerin hatte mehrere Romane geschrieben, musste jedoch in den dreißiger Jahren fliehen und nahm sich 1948 im Exil in Stockholm das Leben. Jetzt wird sie in Österreich wiederentdeckt. Und wie schon Lazars "Der Henker" vor vier Jahren schlägt dem Kritiker auch "Die Eingeborenen von Maria Blut" aufs Gemüt: "Die extreme Künstlichkeit, in die Lucia Bihler im Wiener Akademietheater die Figuren stellt, verstärkt das Beklemmende noch. Der Tratsch der gesichtslosen Unschuldigen schwillt an zum Bocksgesang, sie verstecken sich hinter ihrer Anonymität, fühlen sich in Sicherheit, wenn ihnen Querdenker, Verschwörungstheoretiker, Heilsbringer und schwadronierende Visionäre das Blaue vom Himmel versprechen: Im Dorf soll 'Raumkraft' produziert werden, und keiner weiß, was das ist. Man vertraut blind und dumm, denn die Jungfrau wird es schon richten in ihrem österreichischen Lourdes."
Die Münchner Kammerspiele sind in der Krise, das Publikum läuft ihnen weg. In der SZ macht Christine Dössel den "Kurs wokerpolitischer Theaterkorrektheit" von Intendantin Barbara Mundel und Kulturreferent Anton Biebl dafür verantwortlich: "Ästhetisch und inhaltlich ist vieles sensationell dürftig. Langweilig, vordergründig, sofort durchschaubar. Das Gros der Inszenierungen begnügt sich damit, Botschaften zu vermitteln, queere, feministische, antirassistische Positionen zu vertreten oder - Lieblingswort - zu 'empowern'. Oft genug werden dabei vor einem eh schon überzeugten Publikum weit offene Türen eingerannt, so wie in dem Stück 'Das Erbe': peinsames Leitartikel- und Betroffenheitstheater vor dem Hintergrund der rassistischen Anschläge in Mölln. Selbst die zum Theatertreffen eingeladene 'Nora', eine Ibsen-Überschreibung, ist geprägt von dieser Offensivhaltung, mit der die Figuren ihre Stimme erheben und sich selbst erklären. Platz für Feinheiten, Brüche, Abgründigkeit: nein."
Besprochen werden noch Rieke Süßkows Adaption von Ferdinand Schmalz' Roman "Mein Lieblingstier heißt Winter" am Schauspiel Frankfurt (FR), Lilja Rupprechts Inszenierung von Ibsens "Peer Gynt" Schauspiel Hannover (nachtkritik) und Thomas Bockelmanns inszenierung von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" am Hessischen Landestheater in Marburg (FR).
"Parsifal" am Goehteanum. Bild: Maik Mühlbrandt. Fasziniert ist NZZ-Kritiker Christian Wildhagen von Jasmin Solfagharis Inszenierung des "Parsifal" am Goetheanum in Dornach, dem Sitz der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, deren Gründer Rudolf Steiner ein großer Wagner-Fan war. Steiners anthroposophische Ideen findet der Kritiker in der Inszenierung kaum wieder, dafür die Eurythmie: "Die insgesamt 36 Mitglieder des Stuttgarter Else-Klink- und des Dornacher Eurythmie-Ensembles zeichnen nicht nur die Spannungskurven der Musik mit ihrer fließenden Körpersprache nach, sie begleiten als emotionale Spiegelfiguren auch einzelne Protagonisten. Vor allem aber verkörpern sie, im Wortsinne, die zentralen Requisiten des Stücks, nämlich die Gralsschale und den heiligen Speer, die in modernen Inszenierungen oft zum ästhetischen Problem werden. Hier gibt es diese ideell über und über mit Bedeutung aufgeladenen Gegenstände nur in der symbolischen Darstellung durch die Eurythmisten - ein kluger Schachzug, der zugleich auf Steiners Postulat einer immateriellen Welt hinter allem Materiellen verweist." Tagesspiegel-Kritiker Bernhard Doppler fehlte es an kritischer Distanz zu Wagner, er ließ sich aber gern von der Musik "umfluten".
Ulrich Seidler stellt in der Berliner Zeitung Peter Laudenbachs Buch "Volkstheater" vor, in dem Laudenbach beklagt, dass die meisten Angriffe auf die Kunstfreiheit von Rechts kommen. Er stützt sich dabei auf Vorkommnisse und Daten, die der linke Verein "Die Vielen" gesammelt hat: "Der subventionierte Kulturbetrieb wird als Feindbild markiert, bietet in seiner Offenheit eine Angriffsfläche und gerät zunehmend unter Legitimationsdruck. Das gilt allgemein, richtet sich aber auch gegen konkrete Personen, deren Privatadressen durch die sozialen Medien verbreitet, deren Auftritte gestört, deren Autos abgefackelt werden. Die vielen Akteure bilden laut Laudenbach eine Bedrohungsallianz, die wesentlich besorgniserregender ist als 'die echte oder vermeintliche Beschädigung der Kunstfreiheit durch eine Cancel Culture', die 'die Feuilletons häufig, ausführlich und in vielen Variationen beschäftigt'."
Besprochen werden das Tanzstück "T.I.M.E." des Xiexin Dance Theatre aus Shanghai im Staatstheater Darmstadt (FR), Andreas Dörings Bearbeitung von Bachtyar Alis Roman "Die Stadt der weißen Musiker" für das Theater Celle (taz), Lonny Prices Inszenierung von Leonard Bernsteins "West Side Story" an der Alten Oper Frankfurt (FR), Richard Strauss' "Die Frau ohne Schatten" bei den Osterfestspielen in Baden-Baden (van), Emanuel Gats Tanzstück "Träume" bei den Osterfestspielen in Salzburg (Standard), Karl Barratas Inszenierung von Daniel Wissers Stück "Unter dem Fußboden" in der Theaterarche Wien (Standard) und die Uraufführung von Christian Josts Oper "Reise der Hoffnung" in Genf (van).
Szene aus "König Lear". Foto: Armin Smailovic "So geht Shakespeare im 21. Jahrhundert", jubeltNachtkritiker Stefan Forth, nachdem er am Hamburger Thalia Theater in Jan Bosses Inszenierung einen genderfluid kostümierten König Lear, der Strukturen von Machtmissbrauch unabhängig von Geschlecht mit viel Glamour und Glitzer in Frage stellt, gesehen hat: "Mal schweben dutzende Glühbirnen von der Decke und sorgen für schummriges (Sternen-)Funzellicht, dann lässt im Moment der größten Katastrophe eine Armada weißer Tischtennisbälle an fette Hagelkörner einer Naturgewalt oder an brutal herausgerissene Augäpfel denken. Und die Discokugel taugt im Zweifel ebenso als Unterschlupf in einer unwirtlichen, stürmischen Nacht draußen auf der Heide wie als fulminantes Bild einer sinnbefreiten, kalten Erde." Leicht genervt von Bosses bedingungslosem Unterhaltungswillen hat Till Briegleb in der SZ zumindest an Wolfram Koch als Lear Freude. Auch wenn das Grenzen hat: "So brillant er die aufbrausende Naivität, die missglückende Staatsräson in der Disco, den nutzlosen Mann in ständiger Selbstüberschätzung spielt, so wenig erkennt man in ihm den gefährlichen Herrschertypus, der Gewaltpolitik aus persönlicher Kränkung forciert." In der FAZ lässt Irene Bazinger das Stück "seltsam kalt".
Vergangene Woche wurde Avishai Milsteins Stück "Die Friedensstifterin" über eine deutsche Cellistin im Gaza-Streifen in der Inszenierung von Josua Rösing am Staatstheater Kassel uraufgeführt. Es ist ein Stück, das einen Kulturbetrieb aufs Korn nimmt, "der seine tiefsten Gefühle immer dann entdeckt, wenn es um Israel und die Juden geht", schreibt Jakob Hayner, der mit Milstein in der Welt auch über Antisemitismus und die Vorwürfe gegen Wajdi Mouawads Stück "Die Vögel" (Unsere Resümees) gesprochen hat: "Das ist eine groteske Mode. Ich habe 'Vögel' drei Mal gesehen, in Deutschland und Österreich, das kam mir nicht wie ein antisemitisches Stück vor. Es ist ein Trend, den Antisemitismus in solchen Texten zu suchen und zu vergrößern. Das kann ich nicht ernst nehmen. Und es tut mir leid, dass Leute darauf hineinfallen." Dass die "Menschen in Deutschland antisemitisch denken", habe er schnell gelernt. "Die europäische Kultur hat sich seit Tausenden Jahren mit Antisemitismus vollgesogen. (...) Wenn ich hier leben will, muss ich mich mit dem Antisemitismus abfinden. Und ich weiß, dass eine antisemitische Bemerkung nicht dieGaskammer von Auschwitz ist."
Außerdem: Für die tazspricht Robert Matthies mit Branko Šimić, Leiter des Hamburger Krass-Festivals, das Leben von Rom*nja und Sinti*zze in Europa in den Mittelpunkt stellt. Berndt Schmidt bleibt bis 2029 Intendant im Friedrichstadt-Palast, meldet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. In der FAZdenkt Boris Motzki darüber nach, weshalb Joseph Roths Romane so oft für das Theater adaptiert werden.
Besprochen werden Manuel Schmitts Inszenierungen von Benjamin Brittens Kirchenparabeln "The Prodigal Son" und "The Burning Fiery Furnace" in der Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot (FR), das Stück "lil'pieces - Body Particles" der Lil'Luke Dance Company im Frankfurter Gallustheater (FR), Jessica Glauses Stück "Female Peace Palace" an den Münchner Kammerspiele (taz), Sergio Morabitos Inszenierung von Monteverdis "Il ritorno d'Ulisse in patria" an der Wiener Staatsoper (Standard), Laura N. Junghanns Inszenierung von Nava Ebrahimis "Die Cousinen" am Wiener Volkstheater (Standard), Ricky Simonds' und Simon Vaughans Berlusconi-Rockoper "I am the Jesus Christ of politics" im Southwark Playhouse Elephant in London (NZZ), Søren Nils Eichbergs Inszenierung von Margaret Atwoods "Oryx and Crake" am Staatstheater Wiesbaden (nmz), Romeo Castelluccis "Tannhäuser" bei den Osterfestspielen in Salzburg (nmz) und Ricardo Fernandos Inszenierung von Henry Purcells Shakespeare-Adaption "The Fairy Queen" am Staatstheater Augsburg (nmz).
Szene aus "Tannhäuser". Bild: Monika Rittershaus Mit seinem "Tannhäuser" bei den Salzburger Osterfestspielen straft Jonas Kaufmann, der in Romeo CastelluccisInszenierung sein Rollendebüt gibt, "jene Unkenrufe Lügen, die mitunter behaupten, es gebe keineWagner-Tenöre mehr", staunt Egbert Tholl in der SZ. Und das trotz Andris Nelsons oft schleppender "schattenhafter Klangverweigerung", fährt Tholl fort: "Es ist berückend zu erleben, mit welcher Sorgfalt sich Jonas Kaufmann auf diese Partie vorbereitet hat. Man versteht jedes Wort, weil er jedes Wort denkt. Die Höhe hat er, mal mit Kraft, mal mit Überlegenheit, er weiß inzwischen längst, wie er das Fundament seines baritonal grundierten Timbres farbenreich gestalten kann." Im Standardlobt Ljubisa Tosic diesen "Tannhäuser" wegen der Unbestimmtheit Castelluccis: "Die Uneindeutigkeit seiner Ideen ist zweifellos eine Magiequelle seiner Arbeiten. Er ist der Bilder malende Regisseur, der assoziative Gestalter szenischer Gemälde, deren Charisma aus dem Poetischen ebenso schöpft wie aus dem Drastischen." Weitere Besprechung in der FAZ.
"Pointen, Pobacken und Posaunenpupse" bekommt Simon Strauss in Antú Romero Nunes'Inszenierung von Nona Fernández' Stück "Molière - der eingebildete Tote" in Basel geboten - und ist dabei rundum glücklich. "Eine dringend nötige Befreiung des Theaters von allen winterlichen Schwermut- und Tiefsinnsexzessen", jubelt er: "Nunes setzt dem Basler Bürgerpublikum selbstbewusst eine herzhafte Portion Comédie Française vor, eine molièrehafte Mogelpackung über Molière", dessen "Eingebildeter Kranker" hier als Treppenwitz erzählt werde, in dem Moliere als Geist herumspukt: "Während seine Truppe um ihren legendären Maestro trauert, während sie ihn zu Grabe trägt, das Glas auf ihn erhebt und - typisch wankelmütiges Schauspielergemüt - sich gleichzeitig von seinem ärgsten Widersacher verführen lässt, während sich all das zuträgt und sein Nachruhm droht, den Bach herunterzugehen, steht der untote Molière dabei und begreift nicht, was um ihn herum geschieht."
Außerdem: Florentina Holzinger ist mit ihrem Stück "Ophelia's Got Talent", das im September Premiere an der Volksbühne hatte (Unsere Resümees) zum Theatertreffen eingeladen, für den Standard hat deshalb Stephan Hilpold mit Holzinger über Lust an der Provokation und Geschlechtervorstellungen gesprochen.
Besprochen werden: Lydia Steiers Inszenierung von Richard Strauss' Oper "Die Frau ihne Schatten" bei den Osterfestspielen in Baden-Baden ("Dieses schwere Stück lächelt. Ein Opernfest der Extraklasse", schreibt Eleonore Büning im Tagesspiegel, "Große Musik, mangelhafte Inszenierung", meint Jan Brachmann in der FAZ, weitere Besprechungen: FR), Tom Kühnels und Jürgen Kuttners Funny-van-Dannen-Liederabend "Forever Yin Forever Young" am Deutschen Theater (Tagesspiegel), Christoph Mehlers Inszenierung von Erich Kästners "Fabian" am Staatstheater Darmstadt (FR) , das Stück "Hear Eyes Move. Dances with Ligeti" der Compagnie Making Dances beim Tiroler Opernfestival (Standard),Markus Olzingers und Elisabeth Sikoras Inszenierung "Briefe von Ruth" beim Musical-Frühling in Gmunden (Standard), Bernhard Mikeskas Inszenierung "Going Home :: Wer ist Gerda?" am Mecklenburgischen Staatstheater (nachtkritik), Grzegorz Layers Inszenierung "Der Widerspenstigen Zähmung" am Theater Freiburg (nachtkritik), Rikki Henrys Inszenierung von Anton Tschechows "Onkel Wanja" am Theater Dortmund (nachtkritik), Jonas Knechts Inszenierung "Selig sind die Holzköpfe!" am Theater St. Gallen (nachtkritik), Ulrich Rasches "Johannes-Passion" an der Staatsoper Stuttgart (nachtkritik), Mateja Koležniks Inszenierung von Ödön von Horvaths "Kasimir und Karoline" am Wiener Burgtheater (Welt) und Jessica Glauses "Anti War Women - Wie Frauen den Krieg bedrohen" an den Münchner Kammerspielen (SZ).
Szene aus "Bilder von uns". Foto: Arno Declair Christian Stückl braucht nur wenige Striche, um in seiner Inszenierung von Thomas Melles "Bilder von uns" am Münchner Volkstheater das ganze Ausmaß sexuellen Missbrauchs an katholischen Einrichtungen zu skizzieren, staunt Egbert Tholl in der SZ. Melle ging es vor allem darum, zu erzählen, was der Missbrauch im Inneren der Opfer anrichtet, Stückl, der selbst einige Jahre am Kloster Ettal verbrachte, inszeniert den Text "kühl, analytisch, in jeder Geste, jedem Ton wahr", lobt Tholl: "Es gibt bei Melle keine Anleitung, wie sich Opfer richtig verhalten könnten. Das wäre auch degoutant, alles erscheint falsch und manches möglicherweise richtig. Und auch Christian Stückl macht gar nichts anderes, als vier Haltungen, die in sich permanent changieren, mit äußerster Klarheit auf die Bühne zu bringen. Daraus entsteht ein Erkenntniskrimi, wenn sich die vier mühevoll, schmerzhaft, immer wieder auch verneinend, abwiegelnd in die eigene Erinnerung hineinbewegen. Soll man das, was man dort findet, ans Licht holen?" Zu "eindimensional" findet indes Nachtkritikerin Christa Dietrich die Inszenierung.
Besprochen werden "Linie 1", eine musikalische Revue von Volker Ludwig unter der Regie von Tim Egloff am Berliner Gripstheater (nachtkritik), Markus Öhrns Inszenierung "Szenen einer Ehe" nach dem Film von Ingmar Bergman am Wiener Volkstheater (nachtkritik, Standard),Alexander Eisenachs Inszenierung des "Götz von Berlichingen" am Münchner Residenztheater (nachtkritik, SZ), Tom Kühnels Stück "Forever Yin Forever Young. Die Welt des Funny van Dannen" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik), Armin Petras' Inszenierung von Fritz Katers "blut wie fluss" am Theater Bonn (nachtkritik), Jessica Glauses "Anti War Women - Wie Frauen den Krieg bedrohen" an den Münchner Kammerspielen (nachtkritik) und Andrea Amorts Tanzsstück "Glückselig. War gestern, oder?" im Brut Theater Wien (Standard).
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