Tom Tykwers "Das Licht": Begossener Pudel aus Berlin trifft auf Herz aus Gold aus Syrien. Am Späti. Die Berlinale ist eröffnet. Dass TriciaTuttle wie einst Dieter Kosslick ihren ersten Jahrgang als Festivalleiterin mit einem Film von TomTykwer eröffnet, war allerdings vielleicht nicht die beste Idee. Die Kritiker kommen jedenfalls unterwältigt bis verstört aus dem Drei-Stunden-Kloß "Das Licht". Ekkehard Knörer ist auf critic.de jedenfalls nachgerade entsetzt von der Umsetzung dieser Geschichte, in der eine aus Syrien geflohene Frau als Haushaltshilfe eine im Leben gestrandete Berliner Kulturbürgerfamilie wie weiland Mary Poppins gehörig auf links dreht: "Aus dem Ganzen spricht ein horrender Größenwahn, es ist der für die fatale Selbstgerechtigkeit seines quasi-göttlichen Fuhrwerkens blinde Versuch, mit den Mitteln törichter und politisch desaströser Tropen die aus den Fugen gegangene Welt einzurenken. Berlin sieht darin aus, wie es in der stadtmarketingnahen Kinowerbung für miese Berliner Biere oder miese Berliner Banken auch aussieht. Mit magischem Realismus gepimpt."
Der Regisseur hat "alles hineingeschrieben, was uns gerade bewegt", schreibt ein enttäuschter Andreas Kilb in der FAZ: "Klimakrise, Generationenkonflikt, die Globalisierung, die alternde Gesellschaft, die Migration. Diesem Überdruck hält die Geschichte nicht stand." Zwar "will Tykwer nach eigenem Bekunden ganz bewusst, dass die Handlung in ihrer Fülle eher zu viel als zu wenig ist", erklärt Tim Caspar Boehme in der taz. "Die Frage ist, ob er dafür eine Form gefunden hat, die daraus ein Erlebnis macht, das man sich mit Gewinn ansieht. Doch die Dialoge sind in ihrer ungefiltertenProbleme-abkübel-Manier auf Dauer zu monoton, ganz selten schummelt sich ein Witz darunter, der zündet."
"Es gibt inzwischen eine Art von Refugee-Fiction, wie es Holocaust-Fiction gibt", stellt Daniel Kothenschulte resigniert in der FR fest. "Vor dem Hintergrund von Völkermord und globalen Leidensgeschichten kann man natürlich auch menschliche Geschichten erzählen. Doch hier bleiben die Geflüchteten Platzhalter, werden nicht individuell erlebbar." Auch Hanns-Georg Rodek fragt sich in der Welt: "Kann man in diesen unseren Tagen vor allem aus dem gestörten Komfort der Prenzlaueria heraus erzählen? Wo sind die Asylunterkünfte? Wo die Rechtspopulisten? Wo die Antisemiten?"
SZ-Kritiker David Steinitz wittert hinter dieser Gegenwartsfülle Methode: "Das Komplettpaket lässt einen einigermaßen ratlos zurück - aber genau dasselbe kann man ja auch über die Gegenwart sagen. Diese Überforderung, dieses Chaos nicht mit den üblichen Kniffen der Dramaturgie schlank zu feilen und in ein filmisches Korsett zu zwängen, sondern es einfach fast genau so abzubilden, wie es vielleicht aktuell im Kopf des Regisseurs Tom Tykwer herumspukt, ergibt vielleicht keinen stimmigen Film. In einigen Szenen ergibt es sogar einen schlechten. Aber immerhin lässt hier einer mal konsequent die Hosen runter."
Die Hose runter lässt im Film freilich vor allem und mehrfach der wie stets sehr zeigefreudige LarsEidinger. "Deutschland ist kaputt, kratzt sich wie blöd und sieht nackig nicht gut aus", nimmtNZZ-Kritiker Andreas Scheiner aus diesem Film als Erkenntnis mit nach Hause.
Mehr vom Festival: Claudia Lenssen blickt für die taz auf die Retrospektive zum Thema "Deutscher Genrefilm der Siebziger". Christiane Peitz resümiert hier im Tagesspiegel die Eröffnungsgala der Berlinale, bei der TildaSwinton (vor der sich auch Barbara Schweizerhof in der tazverneigt) ein Ehrenbär überreicht wurde, und dort die Pressekonferenz der Jury unter dem Vorsitz von ToddHaynes. Nadine Lange führt im Tagesspiegel durchs queereProgramm des Festivals. Aus den Sektionen besprochen werden JamesMangoldsBob-Dylan-Biopic "A Complete Unknown" (Tsp), VibekeLøkkeberkes Dokumentarfilm "The Long Road to the Director's Chair" (Tsp) und AndreasProchaskas österreichischer Horrorfilm "Welcome Home, Baby" (Tsp, Standard).
Weitere Artikel: "Was ist nur mit der Filmkritik los", fragt sich Rüdiger Suchsland in seiner wöchentlichen Kino-Kolumne auf Artechock nach dem Lesen der Kritiken zu Karoline Herfurths "Wunderschöner" (hier unsere), die positiver ausfallen, als er es sich gewünscht hätte. Vielleicht muss er da auch seinen Artechock-Kollegen Axel Timo Purr fragen, der dem Film ebenfalls durchaus etwas abgewinnen konnte. Dunja Bialas resümiert auf Artechock das FilmfestivalRotterdam. Martin Walder schreibt in der NZZ zum Tod des Dokumentarfilmers Richard Dindo.
Besprochen werden LaetitiaDoschs "Hundschuldig" (Artechock), AndreaArnolds "Bird" mit FranzRogowski (Standard), die auf Arte gezeigte, spanische Serie "Rapa" (FAZ) und der neue "Captain America"-Superheldenfilm (Standard, Welt).
Auch in diesem Jahr wieder am Potsdamer Platz: Lars Eidinger in Tom Tykwers Eröffnungsfilm "Das Licht" Heute Abend beginnt die Berlinale mit der Gala-Premiere von TomTykwers "Das Licht". Es ist der erste Jahrgang der neuen Leiterin TriciaTuttle, nachdem ihr Vorgänger Carlo Chatrian von Claudia Roth und der Presse mehr oder weniger aus dem Amt gescheucht wurde. Zwar fehlt Chatrians cinephile Sektion "Encounters" im Programm, aber "vom ersten Eindruck des Programms her sind zunächst keine wesentlichen Veränderungen von dieser Berlinale zu erwarten", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. Aber "es findet sich immer noch genug Interessantes und filmisch Innovatives auf dieser Berlinale, Strahlkraft hin oder her. Die Frage nach dem Profil des Festivals stellt sich ungeachtet dessen weiter." Bert Rebhandl vom Standarderkennt in dem Programm, aber auch in Tuttles Auftreten im Vorfeld des Festivals, "eine Eigenständigkeit, die Tricia Tuttle bisher mit geschickter Diplomatie verbunden hat und die insgesamt ein spannendes Festival erwarten lässt". Daniel Kothenschulte findet das Programm in der FR "vielversprechend". SZ-Kritiker David Steinitz findet Tuttles erstes Programm auf den ersten Blick hingegen "durchwachsen".
Das Programm "wirkt etwas offener und liebevoller kuratiert als zuletzt", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock, der in den Kosslick- und Chatrian-Jahren zu den entschlossensten Kritikern der Berlinale zählte. Für Tuttle hat er Ratschläge: "In jedem Fall muss sich die Berlinale dem Kuratel der Politik entziehen, und zurückfinden zur ästhetischen Qualität, zu einem Gleichgewicht zwischen Cinephilie und Eventkino."
Welche Konsequenzen hat das Festival eigentlich aus dem Eklat um die Abschlussgala des letzten Jahres gezogen, als sehr einseitig und seitens der Moderation unwidersprochen (vom im Saal anwesenden Publikum aus Kultur und Politik mal ganz zu schweigen) über Israel gewettert wurde? Andreas Kilb von der FAZhat dazu auf der Website eine FAQ gefunden, die sich einigermaßen wie absurdes Theater liest. Von der Antisemitismusresolution des Bundes hält das Festival nichts, Aktivismus fällt unter Meinungsfreiheit, aber es wird darum gebeten, dass bitte alle einander zuhören. "Das klingt, als hätte die Berlinale ein eigenes Reservat auf der Insel gebucht, in dem die Unterstützer der Hamas und die Anhänger Netanjahus voneinander zu lernen versuchen und Kriegsparteien einander zuhören. Aber vielleicht wird es ja wirklich so friedlich und sensibel, wie es sich die neue Festivaldirektorin erhofft. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die diesjährige Berlinale-Gala zu einer Art Wiederaufführung der letztjährigen wird."
Mehr vom Festival: David Steinitz sprach für die SZ mit der neuen Festivalleiterin TriciaTuttle. Katja Nicodemus traf sich für die Zeit mit Jurypräsident Todd Haynes zum Gespräch. Michael Meyns blickt für die taz aufs Programm der parallel zur Berlinale von Filmkritikern veranstalteten "Woche der Kritik". Dazu passend gibt Kamil Moll auf Filmstarts Filmtipps zur Parallelveranstaltung. Eva-Christina Meier bespricht für die tazJorge Bodanzkys im Forum gezeigtes Roadmovie "Iracema", der von der Zerstörung des Regenwaldes handelt. Und critic.debietet während des Festivals wieder einen Kritikerspiegel, an dem auch unsere Kritiker Lukas Foerster, Kamil Moll, Thomas Groh, Friederike Horstmann, Tilmann Schumacher und Michael Kienzl teilnehmen.
Weitere Artikel: Patrick Holzapfel ist in der NZZ angesichts aktueller romantischerKomödien erstaunt darüber, "welchen Rückschritt das Kino beispielsweise in der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter getan hat". Andreas Kilb erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an DavidLynchs modernen Klassiker "Mulholland Drive". Und Christiane Peitz meldet im Tagesspiegel die Zahlen des Kinojahrs2024: Im Allgemeinen sinken die Ticketverkäufe zwar, während die kleinen Programmkinos sich im Schnitt allerdings über etwas mehr Publikum freuen können.
Besprochen werden Karoline Herfurths "Wunderschöner" (Perlentaucher), Mike Chesliks "Hundreds of Beavers" (Perlentaucher) und der neue "Captain America"-Superheldenfilm (es "strengt alles sehr an", seufzt Philipp Stadelmaier in der SZ).
Der Filmhistoriker Olaf Möller ärgert sich auf critic.de sehr über die Berlinale-Retrospektive "Wild, schräg, blutig. Deutsche Genrefilme der 70er": Weder ihrem Titel noch den kuratorischen Ansprüchen einer Retrospektive werde diese Auswahl auch nur im Ansatz gerecht: Im Einzelnen sind da zwar schon gute Filme dabei, aber zu groß klaffen die Lücken, zu wenig beherzt ist der Zugriff, zu verzerrt die Darstellung dieses Filmzusammenhangs. So fehlen etwa "Ganghofer- und Simmel- und Report- und auch St.Pauli-Filme, also Kino, das zum Teil im Akkord hergestellt wurde. Wahrscheinlich war das den Programmgestaltern zu peinlich, oder einfach nicht auf die ganz simple Art international anschlussfähig genug. Vielleicht haben sie sich schlicht nie mit diesen Filmen beschäftigt, weil deren Ruf historisch zu arg ist. (...) Dabei werden Chancen vergeben, um über Themen mit einer gewissen Zeitgeistigkeit zu sprechen, wie z.B.: schwule Schaulust im Konfektionskino - wie Alfred Vohrer etwa aufreizend nackten Männer und Transvestiten Raum gibt zwischen spätem Wallace ('Der Gorilla von Soho', 1968 - außerhalb des Retrorahmens, ja, ja) und proto-Derrick ('Perrak', 1970); was wiederum ergiebig sich diskutieren ließe mit Ulli Lommels schwulem Krimimelodram 'Wachtmeister Rahn' (1974). Um nur einmal ein Beispiel zu nennen für die subversiven Dimensionen dieses Kinos."
Weitere Artikel: Leo Geisler beendet mit einem Resümee seine Filmdienst-Essayreihe zum "Kuchenfilm". Daniela Tan wirft für die NZZ einen Blick auf den Erfolg der japanischenAnime-Serie "One Piece". Andreas Frei staunt derweil im Tagesanzeiger über den Erfolg des chinesischenAnimationsfilms "Ne Zha 2", der alle Rekorde bricht.
Besprochen werden Karoline Herfurths Kinokomödie "Wunderschöner" (FAZ, FD, Standard), MikeChesliks Komödie "Hundreds of Beavers" (taz), Riccardo Milanis italienischer Publikumserfolg "Willkommen in den Bergen" (Standard) und die auf Sky gezeigte Serie "Lockerbie: A Search for Truth" (NZZ).
Exzellenter Copthriller: Jude Law in "The Order" JustinKurzels Thriller "The Order" mit JudeLaw macht einem auch die letzten nach Trumps zweitem Amtsantritt verbliebenen Haare grau, schwärmt David Steinitz in der SZ. Der zu seinem Bedauern nur auf Amazon und nicht im Kino gezeigte Film über eine reale, von BobMathews geleitete rechtsradikale Terrorgruppe aus den Achtzigern "zeigt die Ursprünge des Wahnsinns, zu dem viele Trump-Anhänger und Neo-Rechte heute bereit sind." Der Film "funktioniert über weite Strecken bestens als astreinerCop-Thriller à la 'Heat'. ... Gleichzeitig fängt der Film pointiert die etwas verschlafen wirkende Zeit in den Jahren 1983 bis 1984 ein. Eine Zeit, in der die Behörden nicht auf die technischen Hilfsmittel der Gegenwart zurückgreifen konnten und ein fast schon absurdes Bild der Überforderung abgeben bei ihrer Fahndung. Eine Zeit, in deren Nachlese die Politik komplett verpennt zu haben scheint, dass sich in aller Seelenruhe Gruppierungen formen konnten, die die US-Demokratieoffeninfragestellen und herausfordern - und die es heute mehr oder weniger indirekt bis ins Weiße Haus geschafft haben."
Außerdem: Die Welt hat Georg Stefan Trollers Erinnerung an seine Begegnung mit RobertoRosselini online nachgereicht. In der FRgratuliert Daniel Kothenschulte dem Film-Avantgardisten WilhelmHein zum 85. Geburtstag. Besprochen werden LouiseCourvoisiers Jugendfilm "Könige des Sommers" (FAZ), die ARD-Kriminalserie "Spuren" (taz) und Stephan LambysARD-Film "Die Vertrauensfrage" (FAZ, Zeit Online).
Dass Karla Sofía Gascón als oscarnominierter Star in JacquesAudiards "Emilia Pérez" (unsere Kritik) nun wegen teils zehn Jahre alter Tweets von der Social-Media-Öffentlichkeit geschlachtet, von Netflix in den USA im Stich gelassen und vom Regisseur öffentlich getadelt wird, gehttazlerin Doris Akrap richtig gegen den Strich. "Das Allererstaunlichste ist, dass ausgerechnet 'Emilia Perez' von der Unmöglichkeit handelt, der eigenen Vergangenheit zu entkommen. ... Dass Audiard, der sich diesen Plot ja so ausgedacht hat, seiner Hauptdarstellerin nun wegen ein paar dummen Tweets, die sie nicht mal verteidigt, derart in den Rücken fällt (...) ist der größte Skandal in dieser Geschichte. Hat er vergessen, was die Botschaft seines eigenen Films ist? ... Wegen irgendeines Schrotts auf Twitter so zu tun, als sei das kurz vor einem Verbrechen gegen die Menschheit, und ständig zu fordern, sich zu distanzieren, sobald irgendwas nicht ganz okay ist, scheint inzwischen zu einem Bild vom Menschen geführt zu haben, das in 'Emilia Perez' unter anderem anhand der Schönheits-OP-Industrie kritisiert wird: Perfektion. Der Fall Gascón ist ein groteskes und trauriges Beispiel dafür."
Außerdem: Das Team von critic.degibt Tipps zur Berlinale. Besprochen werden DrewHancocks "Companion" (Standard, unsere Kritik), PabloLarraíns "Maria" mit AngelinaJolie als MariaCallas (JungleWorld, unser Resümee), LucaGuadagninosBurroughs-Verfilmung "Queer" mit DanielCraig (NZZ, unsere Kritik), BeatOswalds schweizerischer Dokumentarfilm "Tamina" über das Verhältnis zwischen Wolf und Mensch (NZZ), JamieRoberts' ZDF-Doku "Der Feind in den Wäldern - Ostfront Ukraine" (FAZ) und die ARD-Polizeiserie "Spuren" (BLZ).
Nicht mehr weit bis zur Berlinale: Lars Eidinger in Tom Tykwers "Das Licht" Die Feuilletons reißen sich um TomTykwer, dessen neuer Film "Das Licht" am 13. Februar die Berlinale eröffnet. Darin spielt LarsEidinger einen Vater einer vierköpfigen Familie in Berlin, deren Leben durch eine syrische Haushaltshilfe umgekrempelt wird. Auch Tykwer ist Vater einer vierköpfigen Familie, notiert Bert Rebhandl in der FAZ. "Man kann 'Das Licht' wohl wirklich als den Versuch einer Summe oder einer Bilanz sehen." Auffällig ist "ist vor allem, dass Tykwer sich nun sehr stark in einem Generationenverhältnis sieht. 'Wir sind durch zwei Jahrzehnte getaumelt, ohne zu merken, wie sich das System von unseren Einflüssen abgekoppelt hat', sagt Tykwer. 'Die globale Ökonomie hat eine neue Runde gedreht, befeuert durch die Digitalisierung. Wir können schwer anerkennen, dass wir dadurch völligüberfordert sind. In einer behauptetenLässigkeit haben wir das niemals wirklich durchdrungen. Und plötzlich verstehen wir, dass dieses interessante, widersprüchliche Konstrukt von unseren Kindern als Scherbenhaufen gesehen wird."
Auf diesen Aspekt geht Tykwer auch im Gespräch ein, das er Welt-Filmkritiker Hanns-Georg Rodek gegeben hat: "Der Konflikt, den meine Generation gerade durchlebt, besteht darin, dass wir uns ein stabil aussehendes progressives Haus gebaut haben, das unsere Identität begründet, allerdings auf einer zwar kritischen, aber letztlich widerstandslosen Anpassung an den Kapitalismus beruht. Die Sache mit dem Wohlstand hat einigermaßen geklappt, aber wir merken langsam, dass wir in eine Falle tappen, die wir nicht vorhergesehen haben, weil wir in unserem Denken fahrlässig geworden sind. Das ist es, was unsere Kinder uns nun um die Ohren hauen." Für den Filmdienstführt Hanns-Georg Rodek durch Tykwers Karriere.
Sein Film "soll zum Ausdruck bringen, was ich mir selbst vom Kino wünsche und von einem Kinofilm erwarte", verrät Tykwer dem SZ-Kritiker David Steinitz, nämlich "die wirklich substanzielle Hingabe zu den Figuren, zum Sujet und zu ästhetischen Herausforderungen, denen sich ein Kinofilm heute stellen muss. Wir können inzwischen so unendlich viel anschauen, die Streamer, die Mediatheken, das Handy, wir werden zugeballert mit Erzählungen in jeglicher Form." Aber "ich will ins Kino, weil ich denke, dass dort die Filme laufen sollten, in denen es um etwas geht, die einen Diskurs anzetteln. ... Das bleibt der Vorteil eines Kinofilms. Man kann besser darüber sprechen."
Weitere Artikel: Ronja Wirts spricht für Zeit Online mit BenjaminGutsche über dessen deutsche Science-Fiction-Serie "Cassandra", die auf Netflix gezeigt wird. Valerie Dirk fasst für den Standard die Kontroversen um die "Emilia Perez"-Hauptdarstellerin KarlaSofíaGascón zusammen, die als erste Trans-Frau überhaupt für "beste Darstellerin" oscarnominiert ist, aber wegen alter Polter-Tweets ins Gespräch gekommen ist. Bei Dreharbeiten in Paris wird genau darauf geachtet, dass am Set keine sexuellen Übergriffe stattfinden, berichtet Stefan Brändle im Standard. Sofia Teresa Müller blickt für den Standard auf die aktuelle Fördersaison im österreichischenFilm. In der FAZgratuliert Maria Wiesner MiaFarrow zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden Gints Zilbalodis lettischer Animations-Katzenfilm "Flow" (Standard), JamesMangolds "Like A Complete Unknown" mit ThimothéeChalamet als BobDylan (FAS) und LætitiaDoschs französische Komödie "Hundschuldig" (SZ).
Jazz als Werkzeug amerikanischer Politik: "Soundtrack to a Coup d'Etat" von Johan Grimponprez JohanGrimonprezʼ oscarnominierter "Soundtrack to a Coup d' Etat" begeistert die Kritiker: Dieser Essayfilm "ist eine überwältigende, ideenreiche Reise, die amerikanischenJazz, Geopolitik und imperialistischeMachenschaften der Fünfziger- und Sechzigerjahre miteinander verwebt", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. So handelt der Film nicht nur von Musik, sondern vom "Kalten Krieg, den postkolonialen Massakern und Bürgerkriegen in Afrika, von der Ermordung von Patrice Lumumba, dem linken Hoffnungsträger und Premierminister der neu unabhängigen Demokratischen Republik Kongo, im Jahr 1961. ... Der Jazz in diesem ambitionierten Werk von schwindelerregendem Tempo dient gleichzeitig als Soundtrack für den Film, gibt ihm Rhythmus, Ton und Intensität vor, fungiert aber auch als kultureller und historischer Kommentar. Schwarze US-amerikanische Jazzmusiker, allen voran LouisArmstrong und DizzyGillespie, sind nicht nur Vorboten der Emanzipation oder Schöpfer und Interpreten der amerikanischen Soft-Power, des US-Kulturimperialismus, sondern auch direkte Werkzeuge der Zwecke amerikanischer Politik."
Dieses "dokumentarische Meisterwerk" ist ein "Puzzle, wo jedes Teil der Anfang oder Ende sein könnte und sich das Gesamtbild erst nach und nach zusammensetzt", schreibt Jakob Hayner in der Welt. "Es ist ein feines Netz politischer und kultureller Beziehungen, das Grimonprez durch die Montage zum Vorschein bringt, in dem es um die inneren Widersprüche der USA und des Westens geht. Die Synkopen des Jazz zeigen, wie das Selbstverständnisder 'freienWelt' aus dem Takt gekommen ist."
Florian Weigl von critic.deist hingegen durchaus skeptisch: "Am Ende des Films hat man für ein Leben genug Aufnahmen von Menschen gesehen, die lächelnd aus einem Flugzeug steigen. Dass Agitprop mehr auf den reinen Affekt als auf die didaktische Wirkung abzielt, ist Teil seines Charmes, aber die tatsächlichen Thesen des Filmes bleiben dann doch etwas unterentwickelt. Allzu platt führt der Film vor, dass ein Friedenscorps selten Frieden bringt und dass die UNO, wie alle Institutionen, im Zweifelsfall ihren Selbsterhaltungstrieb über die eigenen hehren Ziele stellt. Man darf sich auch fragen, wie weit Grimonprez diese Sitzungen tatsächlich als das Politiktheater entlarvt, das sie sind, und wie weit er hier nur bekannte Sehmuster verstärkt."
Zeigt Formen der Pflege und Fürsorge: Juri Rechinskys "Dear Beautiful Beloved" JuriRechinskys "Dear Beautiful Beloved" startet vorerst nur in Österreich - offenbar ein Verlust fürs deutsche Kinopublikum: Der Dokumentarfilm erzählt von Opfern und Leid auf der ukrainischen Seite durch die russische Invasion. Standard-Kritikerin Valerie Dirk ist sehr beeindruckt: "Rechinsky webt ein feines Netz aus verschiedenen Formen der Pflege und Fürsorge während des Ausnahmezustands. Eine Engländerin und ihr Mann evakuierten alte Ukrainerinnen aus der bombardierten Region Donezk. Sie werden mit Zügen in notdürftige Altenheime weiter westlich gebracht. ... Ein anderer Beobachtungsstrang begleitet Soldaten beim Bergen und Identifizieren von Leichen. Minutiös werden Körperteile von Explosionsopfern zusammengesucht, penibel darauf achtend, dass keines in den falschen Leichensack kommt. Dann wechselt Rechinsky die Tonalität, zeigt Mütter und Kinder, die an Bahnhöfen warten, um Züge nach Westen zu besteigen. Allein, ohne ihre Männer. Die sind im Krieg."
Weiteres: Keine Ehrenbär-Gala mehr und der Wettbewerb endet bereits nach knapp einer Woche: Mit dieser Raffung der Berlinale begehe die neue Festivalleiterin TriciaTuttle "strategische Fehler", kommentiert Christiane Peitz im Tagesspiegel. Dunja Bialas berichtet auf Artechock vom FilmfestivalRotterdam. Rochus Wolff befasst sich im Filmdienst mit den Körperbildern in Filmen mit und über Rechtsextremen. Besprochen werden Pablo Larraíns "Maria" (Standard, critic.de, Artechock), PatriciaFonts "Der Lehrer, der uns das Meer versprach" (critic.de, Artechock), TsuiHarks aktuell bei Mubi gezeigter Film "Shanghai Blues" von 1984 (critic.de) und die Netflix-Serie "Apple Cider Vinegar" (FAZ).
"Nonkonform" ein Leben lang: Dietrich Kuhlbrodt, Oberstaatsanwalt a.D., Filmkritiker, Schauspieler. DietrichKuhlbrodt hat für drei oder mehr gelebt und tut das noch immer, schwärmt Thomas Groh im Perlentaucher nach Arne Körners Porträtfilm "Nonkonform": Der heute 92-jährige war Filmkritiker, Oberstaatsanwalt, Volksbühnen-Schauspieler und in den Splatter-Undergroundmovies von ChristophSchlingensief mitunter Nazi, mitunter kettensägenschwingender Massenmörder, während er in den Fünfzigern und Sechzigern noch als Staatsanwalt Nazis auf die Schliche kam. "Das alles und noch viel mehr plaudert sich in 'Nonkonform' so nebenbei weg. Lapidar, jovial, jung - ohne Pathos und Roten Teppich. Dieser Film hätte eine schlimm ehrwürdige Hommage werden können - "Unser Dietrich!" -, zum Glück ist er das nicht geworden, sondern adäquatlocker, verspielt, nahdran. Hohles Pathos bitte nicht bei Kuhlbrodt, dafür ist er viel zu sehr Spielkind geblieben, gerade in der alten Bundesrepublik, die insbesondere in ihren jungen Jahren vor allem das Lebensmodell 'Frühvergreisung' vorsah. Am Ende von 'Nonkonform' sehen wir Kuhlbrodt im Techno-Club, inmitten junger Leute." Weitere Besprechungen in Filmdienst und taz.
Außerdem: Anne Schumacher berichtet in der FAZ vom Filmfestival in Göteborg. Besprochen werden DrewHancocks Science-Fiction-Horror-Thriller "Companion" (Perlentaucher, FR, SZ), JohanGrimonprez' Essayfilm "Soundtrack to a Coup d'Etat" über die Ermordung des kongolesischen Premiers PatriceLumumba im Jahr 1961 (Freitag, taz, Zeit), PabloLarraíns "Maria" mit AngelinaJolie als MariaCallas (taz, FR, Welt, mehr dazu hier und dort), Claude Barras' Stopmotion-Animationsfilm "Ma vie de Courgette" (NZZ), die DVD-Ausgabe von IngemoEngströms "Flucht in den Norden" nach Klaus Mann aus dem Jahr 1985 mit KatharinaThalbach (taz) und der Dokumentarfilm "Im Schatten der Träume" über den Komponisten MichaelJary und den Texter BrunoBalz, die unter anderem für ZarahLeander geschrieben haben (Welt, queer.de). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die aktuellen Kinostarts.
Bei BradyCorbets "The Brutalist" (unsere Kritik) kam auch KI zum Einsatz, um die auf Ungarisch gesprochenen Passagen zu perfektionieren und um der gezeigten Architektur Details hinzuzufügen - was hier und dort bereits zu einigen Kontroversen führt. Unnötigerweise, findet Chris Schinke im Filmdienst. Für Filmemacher, "die mit limitierten Mitteln arbeiten, kann der Einsatz von KI den entscheidenden Unterschied machen - vorausgesetzt, die Technologie wird verantwortungsvoll und als Ergänzung zur menschlichen Kreativität eingesetzt. 'Der Brutalist' kann dabei durchaus als Symbol für einen Paradigmenwechsel verstanden werden. Der künstlerisch ambitionierte Film zeigt eindrucksvoll, wie KI-Technologie als ein technisches Werkzeug unter anderen den kreativen Prozess sinnvoll unterstützen kann, ohne dessen Essenz und Schöpfungskraft zu schmälern oder den Menschen gleich ganz zu ersetzen." Detaillierte Informationen zum Einsatz von KI in dem Film bietet dieses Gespräch mit dem Editor DávidJancsó, in diesem Statement reagiert der Regisseur auf die Vorwürfe.
Das Berlinale-Programm und der Spielplan stehen fest, am 10. Februar beginnt der Online-Run auf die Tickets. Christiane Peitz und Andreas Busche blicken im Tagesspiegel-Gespräch mit der neuen Festivalleiterin TriciaTuttle auf deren ersten Jahrgang. Dass in diesem Jahr zumindest eine kleine Handvoll Hollywood-Filme im Programm läuft - wenn auch nicht als Weltpremieren -, lässt aufmerken. "Wir brauchen die großen Hollywoodfilme", sagt Tuttle. "Natürlich möchten wir langfristig die Weltpremieren von solchen Filmen, keine Frage. Aber im Moment geht es darum, zu zeigen, wie aufregend die Berlinale ist. ... Die gesamte Filmindustrie hat sich seit der Pandemie verändert. Die Studios mussten selbst eine neue Strategie finden, um zu rekalibrieren, welche Filme in die Kinos kommen, welche einen Plattformstart erhalten, und welche Rolle Festivals dabei spielen. Ein Film wie 'A Complete Unknown' wäre vor ein paar Jahren vielleicht nur auf Disney+ herausgekommen, nun hat er acht Oscar-Nominierungen und große Einspielergebnisse. Die Studios werden mehr in das Kino und in Festivals investieren."
Andreas Scheiner spricht für die NZZ mit PabloLarraín über dessen neuen Film "Maria" mit AngelinaJolie als Maria Callas (mehr zum Film bereits hier). Musikkritikerin Eleonore Büning ist in der beistehenden Kritik entzückt: "Jolie ist Callas ist Jolie: perfekt." Andreas Kilb seufzt hingegen in der FAZ: Das ist doch vor allem Kunstgewerbe. "Man weiß nicht, was trauriger ist: Larraín dabei zuzusehen, wie er Maria Callas ein Denkmal aus Zuckerguss errichtet, oder Angelina Jolie, wie sie auf dessen Sockel steigt."
Weitere Artikel: Fabian Tietke empfiehlt in der taz die Reihe "Trickreiches Wirtschaftswunder: Westdeutsche Animationsfilme der 1950er Jahre" im Berliner Zeughauskino. Besprochen wird Lucy Ashtons Geflüchteten-Doku "Caravan" (Standard).
"The Journals of Knud Rasmussen" von Zacharias Kunuk Trumps Ankündigungen, sich Grönland schnappen zu wollen, macht eine Filmreihe in Bern zur arktischen Insel schlagartig überregional interessant, schreibt Patrick Holzapfel in der NZZ. Neben Filmen, die die Kolonialisierung der Region entweder zeigen oder selbst von einem kolonialenBlick informiert sind, gibt es auch solche, "in denen Inuit zu Wort kommen und ihren Blick auf das Leben in Grönland zeigen können. Eine solche Ausnahme stellt etwa das Kino von Zacharias Kunuk dar, dessen 'The Journals of Knud Rasmussen' die Begegnung mit den dänischen Forschern Anfang der Zwanzigerjahre aus der Sicht eines Inuit-Schamanen und seiner rebellischen Tochter erzählt. Dieser Perspektivwechsel offenbart, wozu das Kino in der Lage ist, wenn es tatsächlich 'zu Hause bei den fernsten Dingen' agiert. Dann führen die Filme vor Augen, wie wenig in den politischen Debatten und imperialen Ansprüchen an die in einem Gebiet lebenden Menschen gedacht wird. Drohen sie in den Nachrichten über die Ankündigung des US-Präsidenten in einer kaum zu greifenden Abstraktion zu versinken, erschrickt man in den Filmen fast über ihre körperliche und emotionale Präsenz."
Außerdem: Die Agenturen melden, dass die Schauspielerin MelisaSözen in der Türkei kurzzeitig verhaftet wurde, weil sie in einer TV-Serie eine Kurdin gespielt hat, weshalb ihr nun ein Strafverfahren wegen "Propaganda" droht. Besprochen werden AlexanderHorwaths "Henry Fonda for President" (Jungle World, taz, mehr zum Film bereits hier), PabloLarraíns "Maria" mit Angelina Jolie als Maria Callas (Presse, mehr dazu hier) und die auf Sky gezeigte Animationsserie "Common Side Effects" (FAZ).
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