Im Kino
Kulissen sind Kulissen
Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
26.11.2024. Ein Film über einen Gangsterboss, der sich zur Frau umoperieren lässt und danach seine alte Familie zurückgewinnen will... und dann auch noch als Musical! Jacques Audiards "Emilia Pérez" geht ungewöhnliche Wege, verweigert die einfache Identifizierung und überzeugt am Ende mit großen Gefühlen.
Jedem Produzenten müssten die Haare zu Berge stehen, wenn er den Plot von Jaques Audiards in Cannes gefeiertem Film zu lesen bekommt: Die Rechtsanwältin Rita Mora Castro wird eines Tages zu einem der berüchtigtsten Kartell-Bosse Mexikos bestellt. Juan "Manitas" Del Monte will ein neues Leben beginnen - und zwar als Frau. Rita soll ihm bei der Transition helfen und einen geeigneten Arzt finden. Und außerdem: das alles als Musical! Eines kann man über Audiards Film mit Sicherheit sagen: Das haben wir so noch nie gesehen.
Die Geschlechtsumwandlung gelingt und Manitas sieht sich endlich befreit von seinem von Geburt an abgelehnten Körper, aber auch von den zahlreichen Verbrechen, die mittlerweile auf seinem Gewissen lasten. Rita (Zoë Saldaña), die zuvor trotz all ihrer Engagements und Erfolge als Anwältin ein prekäres Dasein führte, ist durch den Deal reich geworden und hat ebenfalls ein neues Leben begonnen. Doch eines Abends sitzt bei einem Essen mit Kollegen plötzlich Emilia neben ihr, eine beeindruckende Frau, die sie erst nach einiger Zeit als den ehemaligen Drogenboss erkennt. Eines fehlt Emilia nämlich in ihrem neuen Leben - ihre Kinder und die Ehefrau Jessi, die, im Glauben, Manitas sei getötet worden, im Exil in der Schweiz zurückblieben. Rita soll ihr nun dabei helfen, die Familie zurückzuholen.
Den Mafiaboss Manitas spielt die spanische Transschauspielerin Karla Sofía Gascón. Tatsächlich ist die Verwandlung von vierschrötigem Kartellboss in eine kultivierte Dame ziemlich beeindruckend. Nun beginnt ein absurdes Versteckspiel: Kinder und Ehefrau werden zu Emilia gebracht, nur dürfen sie auf keinen Fall wissen, wer sie ist. Emilia gibt sich als fürsorgliche Tante aus, was zu nicht nur einen schrägen Situation führt.

In Cannes war "Emilia Pérez" ein voller Erfolg: Die Schauspielerinnen wurden kollektiv mit dem Preis für die beste Darstellerin ausgezeichnet, außerdem gewann der Film den Jury-Preis. Mittlerweile gab es aber auch Kritik: der französische Philosoph und Queer-Theoretiker Paul B. Preciado warf Audiard in der französischen Zeitung Libération vor, gefährliche Stereotype über Transmenschen zu transportieren, sie als psychopathisch und verlogen darzustellen. Tatsächlich gibt es im Film Szenen, bei denen man sich zumindest die Frage stellen kann, ob sie im Kontext der Debatte über Transgender nicht tatsächlich problematisch sind: Emilia ist eine treusorgende Tante, der ehemaligen Ehefrau Jessi, gespielt von Selena Gomez, ermöglicht sie jeden Luxus, die Kinder werden verwöhnt. Doch all das hat ein Ende, als Jessi einen neuen Mann kennenlernt. Die Szene, in der Emilia ihren ganzen kultivierten Habitus fallen lässt und die männliche Wut und Eifersucht des Drogenbosses wieder durchbricht, sorgt für Gänsehaut und ist hervorragend gespielt. Die Message, die man darin sehen kann, wenn man will, ist aber problematisch: So sehr jemand auch Frau sein möchte und sich wie eine Frau fühlt… kann er den Mann tief im Inneren doch nicht unterdrücken, wenn es ums Ego geht? Die Kritik an dieser Darstellung ist berechtigt, andersherum könnte man Audiard allerdings durchaus anrechnen, dass er seine Figuren komplex aufbaut und zeigt: Menschen haben viele Facetten und kein Geschlecht ist auf bestimmte Eigenschaften festgelegt.
Eindimensional oder klischeehaft ist der Film auf keinen Fall: Emilia wird zur Wohltäterin, um für ihre schrecklichen Taten Abbitte zu leisten. Sie gründet eine Stiftung, die den Angehörigen von im mexikanischen Drogenkrieg getöteten oder vermissten Personen hilft, ihre Familienmitglieder wiederzufinden. Doch wer sitzt bei einer großen Spendengala im Publikum? Nur korrupte Politiker und feige Beamte, die versuchen, ihre schmutzigen Geschäfte mit Wohltätigkeit unter den Teppich zu kehren. In einer famosen Tanz- und Gesangseinlage klagt Rita die Menschen im Publikum an.
Alles ist hier nur Show. Diese Artifizialität spiegelt der Film auch in seiner Optik wider: Kulissen sind Kulissen, oft wird alles dunkel, die Scheinwerfer sind nur auf die Singenden gerichtet, ihre Umgebung verharrt wie eingefroren. Audiard vollführt den tollkühnen Spagat zwischen der kruden politischen Realität, wie man sie von einem Thriller über den mexikanischen Drogenkrieg erwarten würde, und einer Musicalbühne. Für die Musik hat Audiard den französischen Komponisten Clément Ducol engagiert, der schon die Lieder für Leos Carax' "Annette" lieferte. Hier sind die Songs ähnlich seltsam: schön, ein bisschen schräg und wenig eingängig, gehen aber unter die Haut.
Man ist sich nach diesem Filmerlebnis nicht ganz sicher, was man gerade gesehen hat. Ganz der Logik des Musicals widersprechend, bietet Audiard keine einfache Identifizierung an, keiner ist unschuldig, aber einfach verurteilen lässt sich auch niemand. Was es gibt, sind große Emotionen und einen spektakulären Showdown, von dem man mitgerissen wird, ob man will oder nicht. In jedem Fall ist Audiards Film ein faszinierendes Kinoexperiment, das es sich anzusehen lohnt.
Alice Fischer
Emilia Pérez - Frankreich 2024 - REgie: Jacques Audiard - Darsteller: Zoë Saldaña, Karla Sofía Gascón, Selena Gomez, Adriana Paz, Mark Ivanir - Laufzeit: 132 Minuten.
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