Efeu - Die Kulturrundschau

Wo sich meist sowieso alle gemeint fühlen

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13.02.2025. Heute beginnt die Berlinale unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle. So richtig viel Aufbruchsfreude kommt bei den Kritikern nicht auf: Die taz muss Veränderungen mit der Lupe suchen, die FR findet das Programm vielversprechend, die SZ durchwachsen. Der FAZ schwant Übles bei der Gala, angesichts der windelweichen Äußerungen zum Antisemitismusskandal im letzten Jahr. Der Galerist Johann König verklagt den Autor Christoph Peters, in dessen Roman "Innerstädtischer Tod" er sich wiederzuerkennen glaubt. Ja, wie soll man denn noch einen gegenwartsgeladenen Roman schreiben, fragt die Zeit.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2025 finden Sie hier

Film

Auch in diesem Jahr wieder am Potsdamer Platz: Lars Eidinger in Tom Tykwers Eröffnungsfilm "Das Licht"

Heute Abend beginnt die Berlinale mit der Gala-Premiere von Tom Tykwers "Das Licht". Es ist der erste Jahrgang der neuen Leiterin Tricia Tuttle, nachdem ihr Vorgänger Carlo Chatrian von Claudia Roth und der Presse mehr oder weniger aus dem Amt gescheucht wurde. Zwar fehlt Chatrians cinephile Sektion "Encounters" im Programm, aber "vom ersten Eindruck des Programms her sind zunächst keine wesentlichen Veränderungen von dieser Berlinale zu erwarten", schreibt Tim Caspar Boehme in der taz. Aber "es findet sich immer noch genug Interessantes und filmisch Innovatives auf dieser Berlinale, Strahlkraft hin oder her. Die Frage nach dem Profil des Festivals stellt sich ungeachtet dessen weiter." Bert Rebhandl vom Standard erkennt in dem Programm, aber auch in Tuttles Auftreten im Vorfeld des Festivals, "eine Eigenständigkeit, die Tricia Tuttle bisher mit geschickter Diplomatie verbunden hat und die insgesamt ein spannendes Festival erwarten lässt". Daniel Kothenschulte findet das Programm in der FR "vielversprechend". SZ-Kritiker David Steinitz findet Tuttles erstes Programm auf den ersten Blick hingegen "durchwachsen".

Das Programm "wirkt etwas offener und liebevoller kuratiert als zuletzt", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock, der in den Kosslick- und Chatrian-Jahren zu den entschlossensten Kritikern der Berlinale zählte. Für Tuttle hat er Ratschläge: "In jedem Fall muss sich die Berlinale dem Kuratel der Politik entziehen, und zurückfinden zur ästhetischen Qualität, zu einem Gleichgewicht zwischen Cinephilie und Eventkino."

Welche Konsequenzen hat das Festival eigentlich aus dem Eklat um die Abschlussgala des letzten Jahres gezogen, als sehr einseitig und seitens der Moderation unwidersprochen (vom im Saal anwesenden Publikum aus Kultur und Politik mal ganz zu schweigen) über Israel gewettert wurde? Andreas Kilb von der FAZ hat dazu auf der Website eine FAQ gefunden, die sich einigermaßen wie absurdes Theater liest. Von der Antisemitismusresolution des Bundes hält das Festival nichts, Aktivismus fällt unter Meinungsfreiheit, aber es wird darum gebeten, dass bitte alle einander zuhören. "Das klingt, als hätte die Berlinale ein eigenes Reservat auf der Insel gebucht, in dem die Unterstützer der Hamas und die Anhänger Netanjahus voneinander zu lernen versuchen und Kriegsparteien einander zuhören. Aber vielleicht wird es ja wirklich so friedlich und sensibel, wie es sich die neue Festivaldirektorin erhofft. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die diesjährige Berlinale-Gala zu einer Art Wiederaufführung der letztjährigen wird."

Mehr vom Festival: David Steinitz sprach für die SZ mit der neuen Festivalleiterin Tricia Tuttle. Katja Nicodemus traf sich für die Zeit mit Jurypräsident Todd Haynes zum Gespräch. Michael Meyns blickt für die taz aufs Programm der parallel zur Berlinale von Filmkritikern veranstalteten "Woche der Kritik". Dazu passend gibt Kamil Moll auf Filmstarts Filmtipps zur Parallelveranstaltung. Eva-Christina Meier bespricht für die taz Jorge Bodanzkys im Forum gezeigtes Roadmovie "Iracema", der von der Zerstörung des Regenwaldes handelt. Und critic.de bietet während des Festivals wieder einen Kritikerspiegel, an dem auch unsere Kritiker Lukas Foerster, Kamil Moll, Thomas Groh, Friederike Horstmann, Tilmann Schumacher und Michael Kienzl teilnehmen.

Weitere Artikel: Patrick Holzapfel ist in der NZZ angesichts aktueller romantischer Komödien erstaunt darüber, "welchen Rückschritt das Kino beispielsweise in der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter getan hat". Andreas Kilb erinnert in der FAZ (online nachgereicht) an David Lynchs modernen Klassiker "Mulholland Drive". Und Christiane Peitz meldet im Tagesspiegel die Zahlen des Kinojahrs 2024: Im Allgemeinen sinken die Ticketverkäufe zwar, während die kleinen Programmkinos sich im Schnitt allerdings über etwas mehr Publikum freuen können.

Besprochen werden Karoline Herfurths "Wunderschöner" (Perlentaucher), Mike Chesliks "Hundreds of Beavers" (Perlentaucher)  und der neue "Captain America"-Superheldenfilm (es "strengt alles sehr an", seufzt Philipp Stadelmaier in der SZ).
Archiv: Film

Literatur

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tazler Dirk Knipphals fragt sich beim Lesen von Christoph Peters' Roman "Innerstädtischer Tod", gegen den der Berliner Galerist Johann König derzeit gerichtlich vorgeht, weil er sich in einer Figur wiederzuerkennen glaubt (mehr dazu hier und dort), "ob der fiktive Konrad Raspe auch gegen diesen Roman klagen würde. Und man denkt: Nein, das würde er nicht. Bei aller bis nahe ans Satirische gehenden Kunstbetriebsoberflächlichkeit, mit der Christoph Peters seine Figur ausstattet, hätte sie bestimmt auch einen Sinn für die dem Text zugrunde liegende künstlerische Idee gehabt. Der reale Johann König hat das offenbar nicht."

Es ist "ein Roman, der sich wie ein frisch gewaschener Welpe im Gegenwartsschlamm der Zeit wälzt", halten Marlene Knobloch und Thomas E. Schmidt in der Zeit fest. Und gerade hier stellt sich "die Frage, wie weit ein Schriftsteller verfremden muss, damit sich niemand gemeint fühlt. Wo sich meist sowieso alle gemeint fühlen. Insbesondere bei einem Roman über den Berliner Kunst- und Literaturbetrieb. ... Wie soll man einen 'Hauptstadtroman' ... ohne Hauptstadtpersonal schreiben? Ohne die Orte und Geschichten, die Persönlichkeiten, ohne zappelige Galeristen, narzisstische Künstler, ohne Borchardt, Galerien, specialty coffees? Was selbstverständlich den Reiz dieser Gattung ausmacht, der Leser begegnet der eigenen Gegenwart, erkennt, ahnt, verwirft, sieht Orte und Menschen plötzlich anders. Ist es nicht genau das, was man sich von einem gegenwartsgeladenen Roman wie dem von Peters verspricht? Wie soll Literatur kritisieren können, ohne zumindest grob Richtung Welt deuten zu dürfen?"

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Welche Bücher prägten die deutschsprachige Literatur des ersten Vierteljahrhunderts dieses Jahrtausends am meisten? Das fragen wir aktuell zu unserem 25-jährigen Bestehen die Literaturkritiker im Land. Hier finden Sie den Überblick über die bisherigen Antworten - neu mit dabei ist jetzt unsere frühere Mitarbeiterin Thekla Dannenberg: Sie nennt Bücher von Angelika Klüssendorf, Rainald Goetz, Ulrich Peltzer, Saša Stanišić und Emine Sevgi Özdamar. Insbesondere letztere hat wie "kaum eine Schriftstellerin die deutsche Literatur so bereichert mit ihrer melodischen und bildreichen Sprache. Seit fast dreißig Jahren erzählt sie von ihrem deutsch-türkischen Leben als Schauspielerin und politischer Aktivistin, ein Leben in der Revolte und der Kunst, zwischen den Welten wandernd: von Istanbul nach West-Berlin über Paris nach Ost-Berlin. Özdamars Roman 'Ein von Schatten begrenzter Raum' ist ein Meisterwerk sprachlicher Opulenz und Schönheit, voller Fantasie und Klugheit."

Weiteres: Nadine Brügger schreibt in der NZZ zum mittlerweile begonnenen Prozess gegen den Attentäter von Salman Rushdie. Lothar Müller resümiert in der SZ einen Brecht-Abend mit Durs Grünbein. Besprochen werden unter anderem Peter Huths "Honigmann" (Tsp), Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (FAZ), Lothar Schirmers "Die Bienenkönigin nährt am Ende alle" (Zeit) und Feridun Zaimoglus "Sohn ohne Vater" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Überwältigend, oder? Obelix-Proportionsstudie von Albert Uderzo. © Asterix® Obelix® Idefix® /© 2025 Les Éditions Albert René/Goscinny-Uderzo


In der großen Ausstellung, die das Berliner Museum für Kommunikation dem Asterix-Zeichner Albert Uderzo widmet, glaubt Peter Richter (SZ) einen freundlichen Ernst Jünger (darunter machen sie es in der SZ nicht) aufzuspüren: "Uderzos Comics sind ja im Grunde auch alles sublimierte 'Stahlgewitter', eine einzige Abfolge von Kampfabenteuern mit kindgerechten Mitteln. ... die Onomatopoesie von Gewaltanwendung ist schon vor der Erfindung von Asterix und Obelix das, was die Sprechblasen in den Comics der beiden am prominentesten ausfüllt: 'POC!', heißt es zum Beispiel hinreißend kurz und trocken, als ein Indianer einen furchtbar albern mit dem Degen herumfuchtelnden Kolonialfranzosen mit der Friedenspfeife auf die Perücke klopft - und damit ausknockt. Das Gefuchtel wird übrigens zeichnerisch mit Mitteln wiedergegeben, die einst der Futurismus zur Suggestion von rasender Bewegung entwickelt hatte, eine ausgesprochen kriegsbegeisterte Kunstrichtung der Moderne." (Mehr zur Ausstellung hier)

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel stellt Julia Stellmann die bosnische Künstlerin Selma Selman vor, die gerade im Amsterdamer Stedelijk Museum ausstellt.
Archiv: Kunst
Stichwörter: Uderzo, Albert

Bühne

Der georgische Theaterkünstler Data Tavadze schickt der nachtkritik einen Brief aus Georgien, wo die Proteste gegen die mutmaßlich gefälschten Wahlen, die die prorussische Partei "Georgischer Traum" in die Regierung hievten, weitergehen. "Ich erinnere mich noch sehr lebhaft an den Tag, an dem die Theatersäle mit Zuschauern gefüllt waren - alle in georgische und EU-Flaggen gehüllt. Sie warteten darauf, dass sich die Schauspieler ihrem Protest anschließen würden, und das geschah dann auch: Die Schauspieler bildeten eine Barriere zwischen Polizei und Publikum. 'Theater als Schutzschild der Menschen', sagte einer von uns. ... Die gewaltsame Repression gegen friedlich Demonstrierende hat sich dramatisch verschärft. Etwa 300 von ihnen wurden von der Polizei verprügelt und misshandelt. Allein in den ersten zwei Wochen des Jahres 2025 wurden in Tblisi über 500 Personen festgenommen. Künstler und Journalisten zählten dabei zu den Hauptangriffszielen des Regimes."

Der Theaterregisseur Christopher Rüping kommt am Samstag mit seiner Züricher Inszenierung von Sarah Kanes "Gier" ans Deutsche Theater Berlin. Warum er sich für Kane interessiert, die so gar nicht mehr zum Zeitgeist passt, erklärt er im Interview mit der Welt: "Die Bühne wird seltener als Ort genutzt, an dem sich Gewalt und Abgründe ereignen. Heute geht es häufiger um Utopien als um Dystopien. Kane wollte alles, wovor wir zurückschrecken, auf die Bühne zerren. Das zeitgenössische Schauspiel will eher Welten entwerfen, in denen das Gewalttätige und Abgründige überwunden werden. Da hat ein radikaler Beleuchtungswechsel stattgefunden und jemand wie Kane passt auf den ersten Blick nicht mehr rein. ... Kane sagte über 'Gier', es sei ihr düsterstes Stück, doch für mich ist es ihr hellstes. Die Figuren suchen nach etwas, an dem sie sich wärmen können und finden ab und zu sogar ein kleines Teelicht oder ein flackerndes Feuerzeug im Schneesturm. Der Text schreit nach etwas, ist geboren aus einer unstillbaren Gier nach Nähe - körperlicher, intellektueller, emotionaler Nähe. Als wir das Stück vor zwei Jahren probten, fragte ich mich, welches Bedürfnis ein Publikum ins Theater treibt. Und Kanes Gier schien mir aktuell, gerade für eine junge Generation, deren Hunger nach Leben und Nähe während der Lockdowns ungestillt bleiben musste."

Weiteres: Helmut Mauro schreibt in der SZ zum Tod der Sopranistin Edith Mathis. Besprochen werden die Soloperformance "Rage" von Daphna Horenczyk im Wiener Wuk (Standard), ein theatraler Abend mit Amir Gudarzis "Quälbarer Leib" und Heiner Müllers "Bildbeschreibung" am Landestheater Marbach (FR) und die Choreografie "En Kopp Kaffe" des 79-jährigen Choreografen Mats Ek in Stockholm (FAZ).
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Musik

Das Hamburger Festival Elbphilharmonie Visions könnte sich zu einem "ganz großen Ding" entwickeln, glaubt ein in der FAZ sichtlich angetaner Jan Brachmann. Robert Mießner berichtet in der taz von der Generalprobe in Dresden von Eunice Martins' Stück "Walls are tumbling down". Der Publikumszuspruch für die Orchester steigt, aber deren öffentliche Finanzierung sinkt, meldet Jan Brachmann in der FAZ. Besprochen werden neue Alben von FKA Twigs (FR) und Tocotronic (Standard).

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Stichwörter: Tocotronic