Wie künstlerischer Widerstand gegen repressive Systeme mit "Humor, Ironie, Satire und Slapstick" funktioniert - das kann Niklas Maak für die FAS bei der diesjährigen Berlin-Biennale lernen. Die Leiterin Zasha Colah zeigt in einer Ausstellung im KW Institute for Contemporary Art, wie sich Kunstschaffende in der Geschichte mit originellen Mitteln zur Wehr setzten, zum Beispiel das polnische Kollektiv Akademia Ruchu in den Siebziger- und Achtzigerjahren: "Bei der Aktion 'Potknięcie' etwa liefen Mitglieder von Akademia Ruchu vor dem damaligen Hauptquartier der Kommunistischen Partei auf und stolperten und stürzten plötzlich zum Schrecken der Passanten und der Wachen, taumelten auf Laternen und Leute zu und brachten Chaos und Unruhe vor die politische Machtzentrale; die Polizei konnte nichts dagegen tun, denn Stolpern stört zwar erheblich, aber ist leider nicht strafbar. Ähnlich trieb die 1986 geborene Han Bing auf dem Tiananmen-Platz in Peking die Wachen in den Wahnsinn, indem sie einen Kohl, das Hauptnahrungsmittel armer Menschen in China, wie einen Hund an einer Leine über den Platz führte, was man als Anklage lesen konnte, aber was ebenfalls nicht strafbar war." Von der Biennale berichten außerdem Peter Richter in der SZ und Sophie Jung in der taz.
Die NZZ geht gleich unter die Kunsthändler. Die japanische Künstlerin Leiko Ikemura gestaltet die heutige Ausgabe der NZZ. Die Zeitung bietet zugleich ein Set mit Glasarbeiten der Künstlerin für 28.000 Franken ("Bestellungen finden in der Reihenfolge des Eingangs Berücksichtigung"). Philipp Meier liefert im Feuilleton die dazugehörige Würdigung der eigentümlichen Figuren, die Ikemuras Werk bestimmen: "überlebensgroße Frauenfiguren mit Hasenohren", "starke Göttinnengestalten", aber auch sehr fragile Wesen. Anklänge an die japanische Kultur sind nicht zu übersehen: "Zahlreich sind die verträumten oder schlafenden Mädchenfiguren - auf die Leinwand gepudert in zarten Pastellfarben. Sie scheinen vordergründig der Inbegriff kindlicher Sanftheit zu sein. Was hat es damit auf sich? Man denkt reflexartig an den Begriff 'kawaii'. Er bedeutet so viel wie 'niedlich', 'süß', und viele Kunstschaffende in Japan arbeiten unter diesem Vorzeichen." Im NZZ-Gespräch mit Roman Bucheli erklärt Ikemura außerdem, wie sie den künstlerischen Prozess versteht.
Weitere Artikel: In der WamS unterhalten sich Nils Emmerichs und Cornelius Tittel mit dem Maler Markus Lüpertz über seine 21 Jahre als Leiter der Kunstakademie Düsseldorf. Arno Widmann erinnert in der FR an die Eröffnung der Ausstellung "Neue Sachlichkeit - Deutsche Malerei seit dem Expressionismus" in der Kunsthalle Mannheim vor etwa hundert Jahren, die der Bewegung ihren Namen gab.
Weitere Artikel: Der Generaldirektor der Albertina in Wien, Ralph Gleis, würdigt in der Welt den amerikanischen Künstler und Designer KAWS anlässlich einer kommenden Ausstellung. Nicola Kuhn und Birgit Rieger machen für den Tagesspiegel einen ersten Rundgang über die Berlin Biennale, die an diesem Wochenende eröffnet. Dagmar Leischoff besucht für die taz das Medienfestival "VRHAM! - Digital & Immersive Art Biennale" in Hamburg. Besprochen werden die Ausstellung "Camille Claudel, Berhard Hoetger. Emanzipation von Rodin" in der Alten Nationalgalerie Berlin (SZ) und die Ausstellung "A Heart That Beats - Queere ukrainische Kunst im Fokus" im Schwulen Museum Berlin (tsp).
Martin Gerner porträtiert in der FR die palästinensische Künstlerin Safaa Odah, die mit ihrer Familie aus Rafah fliehen musste und nun in einer Notunterkunft lebt: "In Safaas Zeichnungen ist der Krieg zwar permanent spürbar. Doch fehlt es an einem klar sichtbaren Feindbild. Hier und da sind zwar Bewaffnete zu sehen, aber ihre Identität steht nicht im Vordergrund, scheint fast anonymisiert. Vielmehr zeichnet sie über die eigene Existenz und Not und über die ihrer Mitmenschen." Sie, wie auch ihr Künstler-Kollege Mohammad Saba'aneh sehen sich ständiger Repression von allen Seiten ausgesetzt:"'Ich wurde inhaftiert wegen meiner Zeichnungen', erzählt er. 'Sie wurden beschlagnahmt. Erst von Israel, später auch von der Palästinensischen Autonomiebehörde. Ich wurde auch von islamistischen Gruppen wie der Hamas oder anderen palästinensischen Gruppen auf eine schwarze Liste gesetzt.'"
Die Feuilletons trauern weiter um Günther Uecker: Florian Illies schildert in der Zeit einen letzten Besuch bei Uecker, dessen Nagelbilder "in unbekannte Sphären von Ästhetik und Materialität" führten und erinnert an ein Schlüsselerlebnis in Ueckers Kindheit: "Als der Vater als Soldat in den Krieg ziehen musste, da übernahm der Junge den Hof, zog den Pflug durch die Äcker und die Kartoffeln aus der Erde. Und als die Russen kamen, weil sie den Hof plündern wollten und seine Mutter und seine Schwester schänden, da hämmerte er alle Fenster des Hauses von innen in wilder Panik mit Holzbrettern zu, eins nach dem anderen. So schützte er sie. So wurde das Vernageln für ihn zu einer Form des Widerstands, der Hammer zu einem Freund." Weitere Nachrufe schreiben Ingeborg Ruthe (FR), Stefan Trinks in der FAZ.
Besprochen wird die Medienkunst-Ausstellung "Johan Grimonprez. All Memory is Theft" im ZKM Karlsruhe (taz).
Das war wohl nichts. 30 Jahre nach Christo und Jean-Claudes Reichstagsverhüllung wollte Vladimir Yavachev, Neffe des inzwischen verstorbenen Christo, das legendäre Kunstprojekt wiederaufleben lassen, per Lichtprojektion auf den Reichstag. Allein, die brav versammelten Zuschauer wurden am Montagabend mit dem Ergebnis nicht allzu glücklich. Laut Hanno Rauterbach (Zeit) zumindest war "kein Großgeraune (...) zu hören, kein Ahh und Ohh zu vernehmen. Nichts an dieser digitalen, im Endlosloop vorgeführten Rückkehr des Wrapped Reichstags erinnerte an das Funkeln von einst, an die surreale Entwirklichung, mit der die Kunst vor 30 Jahren die Menschen in den Bann schlug. Damals war alles restlos verschwunden unter den Planen, jetzt hingegen, unter den Lichtschleiern der Projektoren, können die Säulen, Fenster, Skulpturen nicht einfach abtauchen. Sie bleiben, was sie sind, auch wenn es manchmal aussieht, als kräuselten sich davor ein paar Tücher, der Wind führe hinein, um die parlamentarische Gegenwart einmal zu durchlüften." Tobias Langley-Hunt berichtet im Tagesspiegel neutraler von der Reichstag-Sause, in der FAZ widmet Petra Ahne dem Event ein paar launige Zeilen.
Günther Uecker ist tot. Ingeborg Ruthe ruft dem Maler und Bildhauer in der BlZ nach. Sein Werk setzt sich wiederholt mit schweren Themen wie Tschernobyl und dem Holocaust auseinander, hat aber auch eine metaphysische Dimension: "Die Dinge mahnen. Für den Bildhauer waren die im rhythmischem Wirbel zu weißen oder schwarzen Spiralen, zu dunklen Feldern, gefährlichen Furchen, stachligen Fellen und Baumstümpfen geformten Nagelbilder elementare Möglichkeit, starke Emotionen auszudrücken. (...) Doch fährt man mit den Fingerkuppen über manche Nagelfläche, spürt man auch Sanftes. Als streichle man einem struppigen Tier den Pelz und spürt überrascht, dass es weich ist. Weich wie die Sanduhren mit Pendeln aus Hanf." Für die SZ erinnert sich Till Briegleb, in Dlf Kulturwürdigt Felix Krämer Uecker als wichtigen deutschen Nachkriegskünstler.
Weitere Artikel: Olga Kronsteiner berichtet im Standard über den Versuch des österreichischen Nationalratspräsidenten Walter Rosenkranz (FPÖ), eine Arbeit des Künstlers Erwin Wurm, die fürs Parlament angekauft worden war, an denselben zurück zu erstatten. Helene Slancar besucht ebenfalls für den StandardBraunau, wo demnächst das Festival der Regionen gastiert. Susanna Petrin spaziert in der NZZ durch den neueröffneten Flügel - Teil eines größeren Umbauprojekts - für Kunst aus Afrika, Ozeanien und den alten Amerikas im New Yorker Metropolitan Museum of Art.
Besprochen werden eine der wiederentdeckten Malerin Olga Meerson gewidmete Ausstellung im Schlossmuseum Murnau (FAZ), die Gruppenausstellung "Die Welt von morgen wird eine weitere Gegenwart gewesen sein" im Wiener Mumok (Standard), Michaela Eichwalds "Teil 2", Sequel einer Ausstellung aus dem Jahr 2018, in der Berliner Galerie Isabella Bortolozzi (taz), die Schau "And This is Us 2025 - Junge Kunst aus Frankfurt" im Frankfurter Kunstverein (monopol) und Julian Charrières Ausstellung "Midnight Zone" im Baseler Museum Tinguely (monopol).
Guardian-Kritiker Jonathan Jones hatte gedacht, die Kunst habe ihre Schockkraft verloren, dann aber betritt er die Sommerausstellung der Londoner Royal Academy, wo nicht nur aus Textilien gefertigte Tierkadaver von Tamara Kostianovsky an Ketten hängen, sondern auch Tracey Emin ihr neuestes, laut Jones bestes Werk präsentiert: "Es ist ein großes Gemälde mit den drei Kreuzen auf dem Hügel von Golgatha. Christus wird von zwei anderen gekreuzigten Figuren flankiert, von denen eine eine Frau ist - die einzige Abweichung von der ikonografischen Tradition. (…) Die geschwungene dunkle Linie, die den weißen Halbkreis des Hügels von Golgatha umschließt, erinnert stark an die Art und Weise, wie Francis Bacon seine Figuren in abstrakten Räumen einschloss. Wie ein Bacon'sches Schlafzimmer steht diese karge Hügelkuppe für das Gefängnis der Existenz, das wir alle teilen. Die beiden anderen Opfer - zwei Diebe, wie es in der Bibel heißt - teilen das Schicksal Christi, der an massive Kreuze genagelt wurde. Tun wir das nicht alle, sagt Emin."
Weitere Artikel: In der tazresümiert Sophie Jung die Feierlichkeiten zum siebzigjährigen Jubiläum der documenta, bei denen kaum über ruangrupa gesprochen wurde - und erst recht nicht über die Frage, "wie man damit umgehen soll, wenn Kunst in Propaganda umschlägt, wenn ihr Spekulatives, Offenes, Nachdenkliches, das hier vorher von allen beschworen wurde, in Feindbilder umkippt."
Besprochen wird außerdem die dritte Ausgabe der Helsinki-Biennale, bei der "der globale Süden mit dem indigenen Norden" zusammentrifft, dabei aber "aufs Verstehen und Interagieren - und die Schönheit der Natur" fokussiert, wie sich Hilka Dirks in der tazfreut.
Jungin Lee, 67, from the series "Unseen", 2024. Bild: (c) Jungjin Lee, image courtesy Huxley-Parlour, London Ganz hingerissen ist Charlotte Jansen im Guardian von den Landschaftsfotografien der südkoreanischen, in New York lebenden Fotografin Jungjn Lee, die eine Zeit lang Robert Frank assistierte und deren Island-Serie nun in der Londoner Huxley-Parlour Gallery unter dem Titel "Unseen" zu sehen sind. Ihre nachdenklichen, mitunter furchterregenden Aufnahmen erinnern oft eher an Kohlezeichnungen: "Sie beginnt mit einer Mittelformat-Panoramakamera. Dann bürstet sie das Negativ mit einer Entwicklungsemulsion, die sie auf empfindliches Hanji-Papier (koreanisches Maulbeerbaumpapier) aufträgt, und badet es bei einer etwas höheren Temperatur als bei der üblichen Fixierung. Dadurch werden die marmorierten, geätzten Texturen optimiert. Diese von Hand emulgierten Bilder werden dann wieder in digitale Bilder umgewandelt, auf denen sie dann die Kontraste verändert und sie erneut ausdruckt. Die Pinselstriche auf der Oberfläche sind greifbar und erinnern an koreanische Tuschemalereien - man kommt nicht umhin, den Einfluss einer malerischen Tradition zu erkennen, die unverkennbar in Lees Werk einfließt."
Weitere Artikel: Welt-Kritiker Hans Joachim Müller ist ohnehin kein großer Freund von Immersion und daran ändert auch Turner-Preisträgerin Monster Chetwynd nichts, wenn sie ihn in der Ausstellung "The Trompe l'œil Cleavage" im Zürcher Kunsthaus in "oszillierende Zwischenwelten entführt, in den populären Underground zwischen Tag und Nacht, zwischen männlich, weiblich und divers, zwischen Mensch und Tier, zwischen begehbarer Einbildung und geträumter Realität." In der FRerinnert Arno Widmann an die Gründung der Künstlergruppe "Brücke" vor 120 Jahren. Ebenfalls in der FR freut sich Ingeborg Ruthe, dass die Neue Nationalgalerie in Berlin ein Auto von Christo erhält. In der taz ist Sophie Jung gespannt, wie die documenta nach dem Antisemitismus-Skandal am Samstag ihr 70-jähriges Jubiläum feiern wird. Hannes Hintermeier meldet in der FAZ, dass das Anwesen des Bildhauers Fritz Koenig in Ganslberg nochmal öffentlich zugänglich sein soll, bevor es in ein internationales Künstlerhaus verwandelt wird.
Besprochen werden die Ausstellung "Isolated Bodies, Waiting for a Touch" in der Berliner Galerie Hua International, in der die queeren iranischen Künstlerinnen Tirdad Hashemi, Soufia Erfanian und Mahsa Saloor ihre Arbeiten zeigen (Tsp), Fotografien von Thomas Meyer in der Berliner Galerie Susanne Albrecht (Tsp) und die Ausstellung "Mama. Von Maria bis Merkel" im Museum Kunstpalast in Düsseldorf (NZZ, mehr hier).
Eine spannende Ausstellung stellt uns Laurent Jenny in En Attendant nadeau vor. Das Pariser Musée de l'Orangerie zeigt in "Dans le Flou" Werke von 1945 bis heute, die, wie der Katalog verrät, die Unschärfe als notwendige Strategie aufnahmen: "Nach der Entdeckung der Konzentrationslager, angesichts der Unmöglichkeit, das Unwiederbringliche darzustellen, verwischt die Unschärfe eine Realität, die der Blick nicht ertragen kann." Spätere "Werke zeugen davon, dass die traumatische Gewalt der Geschichte zu einer historischen Konstante des zwanzigsten Jahrhunderts geworden ist, von der der Holocaust nur der Vorbote war. Wir werden uns zum Beispiel mit dem Foto von Alfredo Jaar 'Six Seconds' (2000) befassen, das die unscharfe Silhouette einer schwarzen Frau von hinten zeigt: Wir erfahren, dass der Künstler sie um eine Aussage über die Gräueltaten gebeten hat, die sie während des Völkermords an den Tutsi erlebt hat, dass sie es sich zum Zeitpunkt des Treffens anders überlegt hatte, dass sie nicht sprechen konnte und dass er nur einige Sekunden ihres Weggehens aufnehmen konnte."
Weitere Artikel: Uta Schleiermacher spricht für die taz mit Benav Mustafa, dem Leiter des kurdischen Kunst- und Kulturfestivals in Berlin, über die Zeitenwende in Syrien. In der FAZ beklagt Hannes Hintermeier, dass das Maximum, das private Kunstmuseum des Stifters und Sammlers Heiner Friedrich, im bayrischen Traunreut schließt. Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Friedensreich Hundertwasser - Paradiese kann man nur selber machen" im Kulturgeschichtlichen Museum in Osnabrück (taz).
Missing in Action, 1999, by Yoshitomo Nara. Photograph: Courtesy of Sally and Ralph Tawil and Yoshitomo Nara Foundation Die große Yoshitomo-Nara-Retrospektive in der Londoner Hayward Gallerystellt das Weltbild von Guardian-Kritiker Stuart Jeffries auf den Kopf: Kommt aus Japan nicht nur der Schönheit verpflichtete Kunst? Mitnichten, stellt Jeffries beim Anblick der von Mangas und Disney inspirierten Cartoon-Mädchen fest: Seine Kunst ist "rau und bereit, ohne Angst, hässlich zu sein, knurrend mit wenig subtilen Anti-Atom-Agitprop-Graffiti, manchmal auf alte Briefumschläge gekritzelt, und durchdrungen von britischem und amerikanischem Rock'n'Roll." Wirklich verändert wurde seine Kunst im Jahr 2011 durch den Tsunami in Japan, erzählt er: "Das große Erdbeben in Ostjapan löste den Tsunami aus, der die Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima beschädigte und große Teile seiner Heimatpräfektur verwüstete. Mehrere Monate lang war er so traumatisiert, dass er kaum arbeiten konnte. Als er in sein Atelier zurückkehrte, fertigte er die ersten Werke aus Ton an, die er scheinbar wütend bearbeitete. Es war, als würde er die Tonklumpen, die er zu Skulpturen von noch mehr unschuldigen und/oder geplagten kleinen Mädchen formte, körperlich angreifen."
Das New Yorker Metropolitan Museum hat seinen Rockefeller-Flügel mit afrikanischer, ozeanischer und lateinamerikanischer Kunst neu eröffnet, auch die Künster hinter den Artefakten sollen nun gewürdigt werden, erfährt Andreas Robertz im Gespräch mit Met-Direktor Max Hollein. Von Rückgaben an die Herkunftsländer hält er offenbar nicht viel: "Viele der Objekte, die hier sind, sind de facto gemacht worden, um weiterzureisen. Andere sind fast schon Botschafter ihres Landes. Andere sind Objekte, die an ihrem Ursprungsort quasi nie dafür gedacht gewesen waren, als Objekte 'weiterzuleben', sondern Teil eines Rituals waren, über das Entstehung und Vergehen. Was uns wichtig ist: dass die Integrität und die Authentizität sowohl des Werks als auch des Autors in aller Form gewährleistet ist."
Weitere Artikel: Für die SZ nimmt Peter Richter Donald Trumps neuestes Präsidenten-Porträt unter die Lupe, das den Präsidenten in geradezu an Caravaggio gemahnendes Licht taucht. In der FAZ klärt uns Stefan Trinks darüber auf, weshalb das Amsterdamer Rijksmuseum nun ein Kondom aus Schafsdarm aus dem Jahr 1830 ausstellt: "Es zeigt auf seiner Längsseite eine qualitativ gute Radierung und gehört mithin inventarisch zu den 'Drucken auf anderen Materialien' als Papier."
Rudolf Graf, Junge Sozialistin Bärbel Hahn, 1971, Ausstellungsansicht. BLMK Cottbus 2025, Foto: Bernd Schönberger Ziemlich happy ist BlZ-Autor Ulrich Seidler nach dem Besuch der Ausstellung "Unbeschreiblich weiblich", die sich im Dieselkraftwerk Cottbus Frauenbildern aus der DDR-Zeit widmet. Viele emotionale Nuancen entdeckt Seidler in den Exponaten, aber auch einiges an wundersamer Tristesse. Zum Beispiel in einem Familienporträt Katja-Regina Staps': "Da guckt ein hängeschnurrbärtiger Vater mit verrutschtem Kragen angenervt sein Kindchen an, das seine Frau an ihr Kinn drückt - eine Pietà der Sonntagslangeweile. Alle haben lange Gesichter. Immerhin findet sich bei der größeren Tochter der Anflug eines Lächelns, könnte allerdings sein, dass sie einen kleinen sadistischen Spaß daran hat, den auch sehr unfroh dreinblickenden Hund mit dem Halsband zu würgen. Wessen Idee war es wohl, am freien Tag an den See zu fahren? Hoffentlich ist bald wieder Montag."
Stefan Trinks freut sich in der FAZ darüber, dass das Duisburger Lehmbruck Museum in einer Doppelausstellung nicht nur dem derzeit überall präsenten Jean Tinguely eine weitere Plattform biete, sondern auch dessen zeitweiliger Lebensgefährtin Eva Aeppli. Tatsächlich scheinen Aepplis Arbeiten Trinks noch ein wenig mehr zu imponieren als die ihres berühmten Lebensabschnittsgefährten. Unter anderem zeigt er sich von ihrem Tableau "Le Strip-Tease" beeindruckt: "Über sieben hochrechteckige Paneele hinweg entblättert sich wie in einem extrem verlangsamten Daumenkino eine ausgezehrte Figur im transparenten Tutu mit bewegt-exaltierten Gesten, bis sie im letzten Bild vollkommen verhärmt und abgemagert wie ein Skelett nur noch totenruhig wie der Abklatsch des Turiner Grabtuchs vor dem erschrockenen Betrachter baumelt. Es handelt sich um eine subtile Transformation mittelalterlicher Totentänze (...)."
Weitere Artikel: Martina Meister bereist für die Weltfranzösische Weingüter, die, ein aktueller Trend, Ausstellungen beherbergen. Sebastian Frenzel spricht auf monopol mit dem Sammler und Galeristen Peter Pakesch über den Künstler Franz West. Ebenfalls für monopolbesucht Lisa-Marie Berndt die Künstlerin Hannah Sophie Dunkelberg in deren Atelier.
Besprochen werden die der armenischen Diaspora gewidmete Schau "Re-Member" im Berliner Museum Charlottenburg-Wilmersdorf (Tagesspiegel), die Elfriede Lohse-Wächtler präsentierende Fotoausstellung "Ich als Irrwisch" (taz) im Franz Marc Museum in Kochel am See und die von Pascual Jordan und Ulrike Kegler bestrittene Ausstellung "Guckmalrichtighin" in der Berliner Werkstattgalerie (taz).
Roberto Lugo, DNA Study Revisited, 2022. Smithsonian American Art Museum, Museum purchase through the Catherine Walden Myer Fund, 2024.19 Trump ist die Ausstellung "The Shape of Power. Stories of Race and American Sculpture" im Smithsonian American Art Museum in Washington ein Dorn im Auge: Sie steht laut Trump exemplarisch für das "Hetzen" gegen seine angeblichen Werte, meint Asta von Mandelsloh bei Monopol. Umso wichtiger findet sie die Schau, die den Zusammenhang von Skulpturen und der Entwicklung der Idee von "race" untersucht. Etwa die Skulptur "Kultur", die der Künstler Aaron Goodelman, der 1906 aus Russland vor Antisemitismus in die USA floh, im Jahr 1936 schuf: "Er suchte eine visuelle Sprache, um zum einen die rassistisch getriebene Gewalt gegen schwarze Menschen in seiner neuen Heimat, den USA, anzuprangern. Und gleichzeitig wollte er die sich zuspitzende nationalsozialistische Katastrophe, die Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Deutschland und Europa, in den Blick der Öffentlichkeit rücken. Bereits knietief in ihrem Holzsockel versunken, wird die Figur gleichzeitig an den ausgestreckten Armen, die Hände in eisernen Ketten und Fesseln, emporgezogen. Lang und dünn biegt sich der verzerrte Leib, den Ausdruck der ansonsten auf Einfachheit ausgelegten Holzfigur bestimmt ihr besonders tief in das Holz geschnitzte Gesichtsausdruck."
Der Schweizer Maler Adolf Dietrich gehörte wie Otto Dix der Neuen Sachlichkeit an, beide lebten zeitweise am Bodensee, in vielen Ausstellungen hingen ihre Werke nebeneinander - und doch könnten sie gegensätzlicher nicht sein, stellt Maria Becker (NZZ) in einer Ausstellung im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen fest. Stiller, zurückgenommener wirken die Bilder des Schweizers: "Dietrich malt, als ob er allem einen gebührenden Platz geben müsste. Noch das kleinste Ästlein am winterlichen Baum ist ihm wichtig. Ob Landschaft oder Porträt - alles hat Wert, in den Raum seiner Bilder aufgenommen zu werden. Dietrich hält die Dinge seiner Welt in über tausend Werken fest, versichert sich ihrer, als müsste er das Gesehene mitnehmen, um es nicht zu verlieren. Seine Malerei ist eine Form der Wirklichkeitsaneignung. In seinen Bildern sind die flüchtigen Dinge anwesend, selbst wenn sie vergangen sind."
Besprochen werden die Ausstellung "Muddy Measures" im Tieranatomischen Theater in Berlin (taz), die Ausstellung "Beseelte Dinge - Die Tlingit-Sammlung aus Alaska" im Bremer Überseemuseum (taz), die KláraHosnedlová-Ausstellung im Hamburger Bahnhof (FR, mehr hier) und die große Retrospektive der brasilianischen Künstlerin Lygia Clark, die die Neue Nationalgalerie zeigt (Tagesspiegel, mehr hier).
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