Efeu - Die Kulturrundschau

Schönheit und deren Zertrümmerung

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.06.2025. Die FAZ tanzt im Palais Garnier mit dem israelischen Choreografen Hofesh Shechter, als wäre es die letzte Party ihres Lebens. Artechock taucht im Filmmuseum München in die Filme der iranischen Nouvelle Vague ein, die dem heutigen regimekritischen Kino den Weg bereitet hat. Wir dürfen Boualem Sansal nicht vergessen, warnt der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun bei Le Point. Zeit Online fackelt mit Progressive-Metal-Band Sleep Token nach allen Regeln der Kunst die Welt ab. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2025 finden Sie hier

Bühne

Hofesh Shechters "Red Carpet" im Palais Garnier. Foto: Julien Benhamou

"Sie tanzen, als wäre es die letzte Party ihres Lebens", ruft FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster beim Besuch von Hofesh Shechters Choreografie "Red Carpet" im Palais Garnier in Paris. Der israelische Choreograf ist wirklich ein Könner, versichert Hüster, und in diesem Theater am richtigen Platz: "Auf einem erhabenen, runden Podest mit einem schmalen Geländer thronen die vier Musiker seiner Live-Band über der Bühne, zu ihren Füßen tanzt das Ensemble in Chanel, in roten Pailletten, Samt, Tüll und schwarzer Seide und Strumpfhaltern für manche Männer (...) Es ist eine laute, schweißtreibende Angelegenheit. Das Licht ist schummerig, schwere, plüschrote Vorhänge teilen sich, das Palais Garnier ist verwandelt in einen alten Nachtklub oder ein Boudoir." Die Tänzer hat er "in ein paar Wochen zu einer eingeschworenen Gemeinschaft gemacht mit seinem erdenschweren, hüftgesteuerten Tanz, bei dem die Arme geschwungen werden wie Lassos im Rodeo. Alle diese luxuriös gekleideten, muskulösen Körper gehen wie in eine Trance, people under the influence."

Besprochen wird Marc Beckers Inszenierung von Carlo Goldonis Stück "Der Diener zweier Herren" am Staatstheater Mainz (FR).
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Literatur

"Wir drohen, Boualem Sansal zu vergessen. Nach und nach akzeptieren wir die absurden und ungerechten Entscheidungen des Regimes in Algier", fürchtet Sansals marokkanischer Kollege und Freund Tahar Ben Jelloun in Le Point. Aber er will die Hoffnung nicht aufgeben: "Im Moment schweigen fast alle. Wir warten. Vielleicht gelingt es den diplomatischen Instanzen, diesen Mann, den wir so sehr vermissen, zu befreien. Vielleicht kommt seinen Kerkermeistern ein Funken Vernunft, und sie erkennen endlich ihren Fehler."

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Weitere Artikel: In der FR spricht Michael Hesse mit dem Präsidenten der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft Hans Wißkirchen über Heinrich und Thomas Mann, über die jener auch ein Buch geschrieben hat. Bei den Leipziger Literaturtagen diskutierten Schriftsteller, Übersetzer und Literaturwissenschaftler über Osteuropa, berichtet Anna Hoffmeister in der taz. In der Welt spricht Mara Delius mit dem italienischen Journalisten und Schriftsteller Alain Elkann, von dessen zahlreichen Interviews mit Prominenten gerade bei Assouline eine Auswahl erschienen ist.

Besprochen werden unter anderem Piet de Moors "Gunzenhausen. Das Leben des J. D. Salinger, von ihm selbst erzählt" (taz), Chloe Michelle Howarths Debütroman "Sunburn" (Zeit Online), Verena Stauffers Gedichtband "Kiki Beach" (Freitag) und Bergsveinn Birgissons "Die Insel Kolbeinsey" (online nachgereicht von der FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Rosa Barba. Charge. 2025. 35mm film (color, sound), 25:33 min. Co-commissioned by The Museum of Modern Art, New York, and The Vega Foundation, Toronto. © Rosa Barba

Wie die deutsch-italienische Medienkünstlerin Rosa Barba, deren Werke derzeit im New Yorker MoMA zu sehen sind, die Grenzen von "Licht, Zeit und Raum" überschreitet, findet Stefan Trinks in der FAZ einfach nur "spektakulär". Besonders beeindruckt ist er von der Film-Installation "Aggregate States of Matters" von 2019, gedreht in den peruanischen Anden: "Bei dem Streifen handelt sich um pure Elementenkunst, wiederholt von Starkregen unterbrochen, um einige Bilder weiter in die schier endlose Atacama als einer der trockensten Wüsten der Welt überzugehen. Mondlandschaften in fehlfarbenem William-Turner-Kolorit wechseln sich ab, Gestein in Fahlrot, Moosgrün und Schwefelgelb prallt aufeinander. In einen kraterartigen See mündet ein Delta mächtiger Rohre. Dem kalbenden und nicht nur deshalb von den Einheimischen als lebendig erachteten Gletscher werden von traditionell in tiefes Blutrot gekleideten Indigenen Opfer wie Blüten, Vino Tinto, auffällige Steine und ein Vogelembryo dargebracht."

Weitere Artikel: Der Generaldirektor der Albertina in Wien, Ralph Gleis, würdigt in der Welt den amerikanischen Künstler und Designer KAWS anlässlich einer kommenden Ausstellung. Nicola Kuhn und Birgit Rieger machen für den Tagesspiegel einen ersten Rundgang über die Berlin Biennale, die an diesem Wochenende eröffnet. Dagmar Leischoff besucht für die taz das Medienfestival "VRHAM! - Digital & Immersive Art Biennale" in Hamburg. Besprochen werden die Ausstellung "Camille Claudel, Berhard Hoetger. Emanzipation von Rodin" in der Alten Nationalgalerie Berlin (SZ) und die Ausstellung "A Heart That Beats - Queere ukrainische Kunst im Fokus" im Schwulen Museum Berlin (tsp).
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Stichwörter: Barba, Rosa, Berlin Biennale

Film

Filmstill  aus "Rusari Abi (Das blaue Kopftuch) ". Der Film läuft am 22. Juni in München.

Bereits seit Ende Mai und noch bis zum 22. Juni zeigt das Filmmuseum München restaurierte iranische Filmklassiker - und weil jeder der Filme nur einmal läuft, sollte man sich wirklich sputen, wenigstens das verbliebene Programm noch mitzunehmen, rät Dunja Bialas auf Artechock und versichert: Es lohnt sich wirklich! "Die 'iranischen Klassiker', das sind die vom derzeitigen Regime geschmähten und als nicht existent diffamierten Filme, die vor der Islamischen Revolution gedreht wurden. Als Filme der iranischen 'Nouvelle Vague' haben sie jedoch dem heute international gefeierten, von der iranischen Zensur nicht gewollten Kino den Weg bereitet. ... Wie ein Füllhorn öffnet sich die Reihe der iranischen Klassiker auf zwölf sehr unterschiedliche Stimmen dieser umwälzenden Zeit, in der sich das persische Kino zum Autorenkino wandelte. Jeder Film bringt so, anders als bisweilen die sehr homogenen monographischen Retrospektiven, eine neue Tonlage, eine neue Handschrift mit sich. Jeder Film kann so zu einer Entdeckung von etwas völlig Unbekanntem werden."

Außerdem: Aurelie von Blazekovic blickt für den Tages-Anzeiger nach Spanien, wo Netflix erhebliche Summen in Produktionen investiert. Kurz bevor die Filmbewertungsstelle Wiesbaden Ende des Jahres eingestellt wird, erklärt Thomas Klein im Filmdienst als Jurymitglied und -vorsitzender, wie diese zuletzt dann doch eher abseits des Wahrnehmungsradars gelegene Einrichtung eigentlich arbeitet. Wilfried Hippen empfiehlt in der taz die am kommenden Wochenende in Hamburg beginnenden Jüdischen Filmtage.
    
Besprochen werden Manuel Stettners Dokumentarfilm "QRT: Zeichen, Zombie, Teqno - Ein Nekrolog" über den in Neunzigern an den Junk verloren gegangenen Kulturtheoretiker Konradin Leiner (Artechock), Arthur Francks Dokumentarfilm "Der Helsinki Effekt" (Artechock), Robert Guédiguians "Das Fest geht weiter" (Artechock), Michael Pearces Apple-Thriller "Echo Valley" mit Julianne Moore (FAZ), Kevin MacDonalds und Sam Rice-Edwards' Biopic "One to One: John & Yoko", das in Deutschland erst Ende Juni startet (NZZ) und Evi Romens vorerst nur in Österreich startender Musikfilm "Happyland" (Standard).
Archiv: Film
Stichwörter: Iranischer Film, Iran

Musik

Vor allem verunsichertes Erstaunen empfindet David Hugendick (Zeit Online) vor Sleep Token, einer zu ausgetüftelten Maskeraden neigenden Progressive-Metal-Band, die gerade mit ihrem Album "Even in Arcadia" aus dem Stand in USA, UK und Deutschland an die Spitze der Charts gewandert ist. Zu bezeugen ist "ein ausgeprägter Hang zu einer leicht aus dem Ruder gelaufenen Epik, in der diese Band ihre Freude am Erblühen und Verwelken auslebt, an Schönheit und deren Zertrümmerung, an Lieblichkeit und dem tiefen Wunsch, eine Welt nach allen Regeln der Kunst abzufackeln. ... Es ist eine an zahllosen Genres hochgebildete Musik. Ihre stilistische Mehrdimensionalität bietet einen Überfluss an sogenannten Stellen; in der Attraktionsdichte ist für nahezu alle etwas dabei, das man mit entrückter Begeisterung anderen Leuten vorspielen will. Es kann dabei allerdings auch vorkommen, dass man Sleep Token 40 Sekunden lang für die derzeit intelligenteste, brillanteste Band des Planeten hält und in den folgenden anderthalb Minuten mal für eine banalere. Auf einer Sleep-Token-Platte wird man unfreiwillig zum Legionär des Augenblicks. So gesehen ist es kein Wunder, dass ihr Erfolg auf TikTok und Instagram begann, wo eine überaus funkige Passage ihres vorigen Albums, die mit dem Rest des eigentlichen Songs kaum etwas zu tun hatte, plötzlich etliche Kurzvideos untermalte."



Außerdem: Weitere Nachrufe auf Brian Wilson (unser Resümee) schreiben Detlef Diederichsen (taz) und Harry Nutt (FR). "Klar, extra zum Feiern raus nach Tegel zu fahren, ist vergleichsweise mühsam", muss Andreas Hartmann in der taz feststellen, doch könnte auf dem Areal des früheren Flughafens die Zukunft der im inneren Stadtgebiet mittlerweile doch arg gebeutelten Berliner Clubszene liegen. Manuel Brug erinnert in der Welt an Händels Zeit in Italien. Florian Heimhilcher plauscht für die FAZ mit dem österreichischen Musikmanager Stefan Redelsteiner, der gerade seine Autobiografie veröffentlicht hat.

Besprochen werden Bruce Springsteens Konzert in Berlin (FAZ, Tsp, SZ), Matthias Papes Buch "'Kunst und Krieg'. Prinz Louis Ferdinand, Ludwig van Beethoven und seine Wiener Mäzene" (FAZ), Van Morrisons erst 47. Studioalbum "Remembering Now" (SZ), DJ Margaux Gazurs Album "Blurred Memories" (taz), Sophia Kennedys "Squeeze Me" (FR) und das Comeback-Album von Pulp (Freitag).

Archiv: Musik