Eine besonders absurde Geschichte des Gefangenenaustauschs mit Russland greift Daniel Völzke in monopol auf: Getarnt als argentinische Kunsthändlerin für die Galeria 5'14 reiste die russische Spionin Anna Dulzewa durch Europa: "Die beiden Russen Artjom und Anna Dulzew, beide 1984 geboren, lebten zehn Jahre lang als Agenten des russischen Geheimdienstes SWR unter falscher Identität in Südamerika und Slowenien, bevor sie im Dezember 2022 ... enttarnt wurden. Selbst ihre beiden Spanisch sprechenden Kinder Sophie und Daniel sollen nicht gewusst haben, dass ihre Eltern und sie selbst Russen sind. Mit 'Buenas noches' soll Wladimir Putin vergangene Woche Sophie auf dem Flughafen in Moskau begrüßt haben. Es war ihr erster Besuch in Russland, laut Kremlsprecher habe das Mädchen bei der Begegnung mit Putin nicht gewusst, wer dieser Mann überhaupt ist. Wie man nun aus gemeinsamen Recherchen von der New York Times, der BBC und dem Guardian weiß, erhielt Artjom 2013 den Auftrag, aus Uruguay nach Argentinien einzureisen, kurz danach folgte ihm Anna, Agentin mit höherem Rang als ihr Mann, aus Mexiko."
Weitere Artikel: Die Kunstsammler Karen und Christian Boros, die Teile ihrer Sammlung im Berliner Boros-Bunker zeigen, werden für ihre Verdienste um die Kunst mit dem Art-Cologne-Preis ausgezeichnet, meldet Birgit Rieger im Tagesspiegel. In der FAZ erzählt Jan Brachmann die Vorgeschichte des Kirchenfensters im Greifswalder Dom Sankt Nikolai, das von Ólafur Elíasson nun neu gestaltet wurde.
Emila Medková, Cascade de cheveux, 1949. Bild: Muzeum Susch. Wer gerade in Graubünden unterwegs ist, dem empfiehlt FAZ-Kritikerin Alexandra Wach wärmstens den Besuch der Ausstellung "Where No One Looked Before" im Muzeum Susch. Hier gibt es Fotografien der Pragerinnen Emila Medková und Běla Kolářova zu sehen, die lange viel zu wenig beachtet wurden: "Ein Augapfel verschließt einen Eierbecher, aus einem Wasserhahn sprudeln Haare statt Wasser. Ein weiblicher Schatten scheint die Objekte zu fixieren, ohne dass man zu erkennen vermag, welche Rolle er in diesem mysteriösen Drama spielt. 'Cascade de cheveux' nannte Emila Medková 1949 die geisterhafte Szenerie, die Vertrautes fremd erscheinen ließ. Sie gehörte den Prager Surrealisten an, die parallel zu ihren Pariser Kombattanten von den Zwanzigerjahren an mit der neu erfundenen Kleinbildkamera experimentierten, indem sie Negative solarisierten, montierten, inszenierten, Gegenstände aufs Fotopapier legten und die Oberfläche schraffierten. Offiziell gründete sich die Gruppe erst 1934 in Prag. Nach der deutschen Besatzung folgte die totalitäre Herrschaft der Kommunisten. Beide Ideologien lehnten die auf verstörende Effekte und die Magie der Dinge setzende Kunstrichtung ab. Ausstellungsverbote waren an der Tagesordnung."
In den letzten Tagen sind mehrere neue Werke des Streetart-Künstlers Banksy aufgetaucht (unser Resümee), nun ist eine besprayte Satellitenschüssel gestohlen worden, Scotland Yard ermittelt, wie Zeit onlineberichtet. Für monopol-Kritiker Daniel Völzke entwickeln sich die ganzen Banksy-Exegesen zu einem ziemlichen Zirkus: "Es gehört zur Street-Art, dass sie emblemhaft sein will und wie ein Straßenschild auch im Vorübergehen gelesen werden kann. Banksy ist ein Meister dieser Kunst. Gleichzeitig hat sich die Gattung damit auch komplett der kommerziellen Verwertung ausgeliefert, wie man an den vielen nicht-autorisierten Banksy-Ausstellungen sehen kann. Die Straße der Street-Art ist so zur Sackgasse geworden." Auch Berliner Zeitung,FR und Spiegel Online rätseln bei den neuen Werken mit.
Banksy hat wieder zugeschlagen. Sein neues Werk ziert eine Mauer im Londoner Stadtteil Kew Green und zeigt eine Ziege sowie fallende Steine, eine Überwachungskamera spielt möglicherweise ebenfalls eine Rolle. Was will uns der notorisch sendungsbewusste Straßenkünstler bloß damit sagen? Michael Neudecker spekuliert in der SZ: "Wenig Platz, die herunterfallenden Steine - ist das nicht ein Hinweis auf die Wohnungsbaukrise im Land? Auf 'Broken Britain'? Und die Kamera ist vielleicht ein Verweis auf die omnipräsenten Medien im Königreich, die auch dann noch draufhalten, wenn der Absturz kurz bevorsteht? Oder ist es so, dass die Kamera nur das bröckelnde Gestein filmt, nicht aber die Ziege, die ja komfortabel auf den engsten Vorsprüngen stehen kann. Mit anderen Worten: Ist Banksys Botschaft, dass man bei Nachrichten immer das ganze Bild braucht, den Kontext?"
Maria Windisch durchstöbert für die Berliner Zeitung die sozialen Medien und stößt auf andere Deutungen: "In den Kommentaren rätselten Tausende Nutzer über die Bedeutung. Unter dem Post heißt es beispielsweise: 'Die bedrohte palästinensische Berggazelle ist das Nationaltier Palästinas. Die Welt schaut zu, während sie am Rande des Abgrunds taumelt.' Ähnliche Interpretationen finden sich dabei häufig. So verstehe die Welt und Medien die Gefahr nicht, in der sich Palästina befindet, trotz ständiger Überwachung." Rhea Nayyar schließt sich bei hyperallergic der Palästina-Spekulation an und bezieht sich dabei außerdem auf ein zweites neues Banksy-Werk, das zwei Elefanten zeigt.
Besprochen werden die Fotoausstellung "Berlin im Blick" im Ephraim-Palais (Tagesspiegel) und die Schau "Berlin Revisited. ZeitSprünge 1972-1987/ 2021-2023" im Berliner Museum für Fotografie (taz Berlin).
Tilman Spreckelsen entdeckt in der FAZ das Mittelalter-Kartenspiel Ludwig Tiecks. Peter Kropmanns plädiert ebenfalls dort dafür, den Historienmaler Fernand Cormon wiederzuentdecken, der in seiner privaten Malschule "Atelier Cormon" in Paris unter anderem Louis Anquetin, Henri de Toulouse-Lautrec und Vincent van Gogh unterrichtete, die allerdings seinen Vorgaben einer realistischen Malerei nicht folgen wollten.
Besprochen werden die Klangkunst-Ausstellung "Sounds Of Bethany" im Künstlerhaus Bethanien (taz), die Ausstellung "Städel-Frauen. Künstlerinnen zwischen Frankfurt und Paris um 1900" im Städel-Museum Frankfurt (tsp), eine Ausstellung mit Werken des Fotografen Dean West in der Galerie Camera Work in Berlin. (tsp)
Weiteres: In der SZ schwärmt Max Florian Kühlem von einem Besuch im Kröller-Müller-Museum, in dem außer der zweitgrößten Van-Gogh-Sammlung auch die Ausstellung "Den Wald vor lauter Bäumen" zu sehen ist. In der FAZ freut sich Andreas Kilb, einen chinesischen Bodhisattva im Dogenpalast in Venedig wiederentdecken zu können: Die Buddha-Figur steht eigentlich im Humboldt-Forum in Berlin, dort sei sie aber in der Masse der Exponate untergegangen.
Besprochen werden die Ausstellung "Holy Fluxus. Aus der Sammlung Francesco Conz" in der St. Matthäus Kirche am Kulturforum in Berlin (taz) und die Ausstellung "Der große Schwof - Feste feiern im Osten" in der Kunsthalle Rostock (FAZ).
Bestellen Sie bei eichendorff21!FAZ-Kritiker Niklas Maak hat sich verschiedene Ausstellungen zum Thema "interaktive Game-Kunst" angesehen und nimmt das zum Anlass, sich aufs Neue mit dem Werk eines ihrer Pioniere zu beschäftigen: Michael Bielicky (dessen Werk man auch in einem jüngst erschienen Buch neu entdeckten kann), revolutionierte in den Achtzigern die Video-Kunst, erinnert Maak. Besonders toll findet Maak die Filmprojektion "Garden of Error and Decay" von 2010, "in der man gezeichnete, piktogrammhafte Figuren sieht, die wie in einem langsamen Fluss über die Wand treiben. Mit dem Joystick zielte man auf "vorbeiziehende Figuren, und dann gab es einen unterhaltsamen Knall; die Spieler schauten erfreut, dass ihre Befehle solche Effekte hatten, und die Figuren an der Wand schwollen auf das Doppelte ihrer Größe an." Zwar dachten die Besucher, ihre Aktionen hätten Einfluss auf das, was auf dem Bildschirm ablief, dabei waren "es vor allem Twitter-Feeds und Daten der New Yorker Börse, die in Echtzeit in das Werk eingespeist werden und mithilfe ausgeklügelter Algorithmen das vorbeiziehende Weltpanorama der animierten Piktogramme veränderten. So wurde im Spiel offensichtlich, was sonst unsichtbar bleibt: die globalen, übers Internet gesteuerten Bewegungen der Märkte und ihre politischen und ökologischen Folgen."
Weitere Artikel: Für alle, die nicht mehr wissen, was sie sich noch tätowieren können, hat Peter Richter in der SZ einen Tipp: Holm Friebe von der "Zentralen Intelligenz-Agentur" (ZIA) hat bildende Künstler und Künstlerinnen um Tattoo-Motive gebeten, darunter Olga Hohmann, Charlie Stein und "sozusagen als Doyen der Ganzkörper-Totalkunst, sogar Timm Ulrichs, der sich Anfang der Siebziger schon das Wort 'The' aufs eine Augenlid tätowieren ließ und aufs andere das Wort 'End'."
Besprochen werden die Ausstellung "Bonnard-Matisse, eine Freundschaft" in der Fondation Maeght in Saint-Paul-de-Vence (FAZ) und die Ausstellung "When We See Us - Hundert Jahre panafrikanische figurative Malerei" im Kunstmuseum Basel (NZZ).
Paul Goesch: Alter Mann beim Essen, ca. 1925. Collection d'Art Brut Lausanne. Die Ausstellung "Ich werde berühmt - Leben und Werk des Paul Goesch" im Stadtmuseum Brandenburg an der Havel ist aus mehreren Gründen bemerkenswert, hält Klaus Hillenbrand in der taz fest: Paul Goesch war "prägender Gestalter der Avantgarde in Deutschland", "bei vielen der Gemälde Goeschs strahlen auf dem Bild die Farben. Da sind Häuser in bunter Vielfalt zu sehen, Menschen und immer wieder Marienbildnisse." Aber Goesch wurde wegen einer psychischen Erkrankung mit schizophrenen Schüben im Rahmen des 'Euthanasie'-Programms der Nationalsozialisten getötet. Grund genug, der Ausstellung einen politischen Charakter zu geben, 20 ehrenamtliche Kuratorinnen und Kuratoren haben mitgestaltet: "Dazu zählten auch Menschen mit Behinderung, von denen einige als Guides in dem zur Gedenkstätte Opfer der Euthanasie-Morde umgewandelten ehemaligen Zuchthaus von Brandenburg arbeiten. (...) 'Dieser großartige Maler, der in der 'Euthanasie'-Tötungsanstalt Brandenburg ermordet wurde, darf nicht vergessen werden', schreibt etwa eine von ihnen auf einer Tafel. 'Interessant und faszinierend' findet ein anderer, dass Goesch auch in den Kliniken, in die er eingewiesen wurde, weitermalte: Karikaturen, abstrakte Ansichten von Gebäuden. 'Schmiertnur wertlose Sachen auf abgerissene Fetzen Papier', heißt es 1928 in Goeschs Krankenakte."
Jørgen Buch: Little Boy, 1981. Kunsthalle Rostock. Dauerleihgabe des pro kunsthalle e.V., seit 2017. Foto: Kunsthalle Rostock Ein interessantes Kapitel DDR-Geschichte beleuchtet Jens Malling (taz) nach dem Besuch der Ausstellung "Jørgen Buch. Black & White" in der Kunsthalle Rostock: Zwischen 1965 und 1989 fanden vor Ort die Ostseebiennalen statt, insgesamt über tausend Künstler aus Skandinavien kamen in jenen Jahren zusammen, die DDR-Regierung wollte so Einfluss im nordischen Raum nehmen und kontrollierte daher auch kaum die Vorgaben über die auszustellende Kunst, lernt Malling: So "kam künstlerisch ein breites Spektrum zustande: von klassischer figurativer Malerei bis zu experimentellen Formaten. Auch abstrakte Kunst fand dort Platz, obwohl sie im Realsozialismus als spätbürgerlich, westlich und dekadent galt. ... Künstler aus der DDR, Polen und der Sowjetunion einerseits und aus Schweden, Finnland, Island, Norwegen, Westdeutschland und Dänemark andererseits trafen während der Ostseebiennalen aufeinander." Darunter der titelgebende Künstler Jørgen Buch: "Die Malerei von Buch ist figürlich, provokant und oft satirisch. Auf seinem Gemälde 'Black & White' posiert ein Mitglied des Ku-Klux-Klan mit einer doppelläufigen Schrotflinte vor der Freiheitsstatue. Eine solche Kritik an den USA und ihrem Rassismus kam in einer offiziellen Kunstschau der DDR gut an."
Weitere Artikel: Frauke Steffens berichtet in der FAZ, dass die Enkel des Ärztepaares Ernst und Helene Papanek, die selbst vor den Nazis flohen, Egon Schieles Zeichnung "Sitzende nackte Frau" nun an die Nachfahren des Wiener Kunstsammlers und Varieté-Sängers Fritz Grünbaum zurückgegeben haben. Besprochen wird die Ausstellung "Ellen Berkenblit: Flugelhorns" in der Berliner Contemporary Fine Arts Galerie, Berlin (monopol).
Außerdem: Georg Imdahl berichtet in der FAZ über einen Vortrag Michael Lüthys über Kunstfreiheit im Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Die Heinrich-Campendonk-Sammlung in Penzberg droht Werke zu verlieren - an die Enkelin des Künstlers, wie Ursula Scheer in der FAZ berichtet.
Besprochen werden die Schau "Welttheater Wolfsschlucht - Werner Tübkes Bühnenarbeiten für den 'Freischütz'" im Schloss Elisabethenburg und im Theatermuseum Meiningen (FAZ) und "Holy Fluxus" im Kirchenraum von St. Matthäus am Berliner Kulturforum (Berliner Zeitung).
Emmett Williams: Buntglasfenster für die Fluxus-Kathedrale, 1988. Courtesy von Archivio Conz Berlin. Fotos: Giorgia Palmisano und Giulia Baresi. Christiane Meixner (Tagesspiegel) ist ganz hingerissen: Weitgehend unbekannt war ihr die Berliner Sammlung Archivio Conz, die, benannt nach dem 2010 verstorbenen Sammler Francesco Conz, mehrere tausendFluxus-Kunstwerke beherbergt. Die chaotische Sammlung gehört heute einem privaten Unternehmer, der sie seit 2016 aufarbeiten lässt, so Meixner, die eine Auswahl unter dem Titel "Holy Fluxus" ausgerechnet in der Berliner St. Matthäus-Kirche sieht: "Man vergisst glatt, dass dies eine Kirche ist. Im Längsraum von St. Matthäus am Berliner Kulturforum steht jetzt ein langer Tisch, Predigten finden am Herd statt. Sämtliche Stühle orientieren sich statt zum Altar zu der monumentalen Tafel im Raum, auf der sich Kunst von Daniel Spoerri, Emmet Williams, Alison Knowles oder Yoko Ono ausbreitet. (…) Ihre aktuelle Auswahl von 200 Highlights mischt konkrete Poesie mit Partituren und Arbeiten, die sich ohne größeren Respekt dem Fetisch künstlerischer wie kirchlicher Herkunft widmen. Reliquien werden produziert und zerstört, es gibt Aufrufe zum Widerstand gegen alles, Konventionen interessieren ohnehin nicht."
Wassily Kandinsky, Entassement réglé, 1938. Centre Pompidou, MNAM- CCI/Bertrand Prévost/Dist. RMN-GP Gelungener Neustart, freut sich Kerstin Schweighöfer in der FAZ: Nach dem die ehemalige "Hermitage Amsterdam" ihre Verbindungen zum Mutterhaus in Sankt Petersburg abgebrochen hatte und mit "H'ART" einen neuen Namen fand, wurden mit dem British Museum in London, dem Smithsonian American Art Museum in Washington und dem Pariser Centre Pompidou auch neue Partner gefunden. Letzteres stellt dem Haus nun für die Ausstellung zur Neueröffnung mehr als die Hälfte seiner 120Kandinsky-Gemälde zur Verfügung, und die Kritikerin lässt sich gern ein auf eine Reise durch fünf Zeitspannen: "Zu Beginn die figurativen Arbeiten, die während Kandinskys Reisen durch Europa und Nordafrika entstanden, darunter selten gezeigte Ansichten von Rotterdam oder Scheveningen, die von einem Hollandaufenthalt 1904 zeugen. Dann die Jahre in Bayern, wo er als Mitbegründer der Künstlergruppe 'Blauer Reiter' zur Abstraktion fand und farbenprächtige Werke wie 'Improvisation III' oder 'Mit dem schwarzen Bogen' entstanden. Es folgen die Rückkehr nach Russland während des Ersten Weltkriegs, die Bauhaus-Zeit und schließlich die letzten Lebensjahre in Paris. Zu den Höhepunkten der Ausstellung zählt die Rekonstruktion des Empfangssaals für eine Ausstellung in Berlin, der 'Juryfreien Kunstschau' 1922."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Careers by Design - Hendrick Goltzius & Peter Paul Rubens" in der Staatlichen Graphischen Sammlung München in der Pinakothek der Moderne (Tsp).
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