Emmett Williams: Buntglasfenster für die Fluxus-Kathedrale, 1988. Courtesy von Archivio Conz Berlin. Fotos: Giorgia Palmisano und Giulia Baresi. Christiane Meixner (Tagesspiegel) ist ganz hingerissen: Weitgehend unbekannt war ihr die Berliner Sammlung Archivio Conz, die, benannt nach dem 2010 verstorbenen Sammler Francesco Conz, mehrere tausendFluxus-Kunstwerke beherbergt. Die chaotische Sammlung gehört heute einem privaten Unternehmer, der sie seit 2016 aufarbeiten lässt, so Meixner, die eine Auswahl unter dem Titel "Holy Fluxus" ausgerechnet in der Berliner St. Matthäus-Kirche sieht: "Man vergisst glatt, dass dies eine Kirche ist. Im Längsraum von St. Matthäus am Berliner Kulturforum steht jetzt ein langer Tisch, Predigten finden am Herd statt. Sämtliche Stühle orientieren sich statt zum Altar zu der monumentalen Tafel im Raum, auf der sich Kunst von Daniel Spoerri, Emmet Williams, Alison Knowles oder Yoko Ono ausbreitet. (…) Ihre aktuelle Auswahl von 200 Highlights mischt konkrete Poesie mit Partituren und Arbeiten, die sich ohne größeren Respekt dem Fetisch künstlerischer wie kirchlicher Herkunft widmen. Reliquien werden produziert und zerstört, es gibt Aufrufe zum Widerstand gegen alles, Konventionen interessieren ohnehin nicht."
Wassily Kandinsky, Entassement réglé, 1938. Centre Pompidou, MNAM- CCI/Bertrand Prévost/Dist. RMN-GP Gelungener Neustart, freut sich Kerstin Schweighöfer in der FAZ: Nach dem die ehemalige "Hermitage Amsterdam" ihre Verbindungen zum Mutterhaus in Sankt Petersburg abgebrochen hatte und mit "H'ART" einen neuen Namen fand, wurden mit dem British Museum in London, dem Smithsonian American Art Museum in Washington und dem Pariser Centre Pompidou auch neue Partner gefunden. Letzteres stellt dem Haus nun für die Ausstellung zur Neueröffnung mehr als die Hälfte seiner 120Kandinsky-Gemälde zur Verfügung, und die Kritikerin lässt sich gern ein auf eine Reise durch fünf Zeitspannen: "Zu Beginn die figurativen Arbeiten, die während Kandinskys Reisen durch Europa und Nordafrika entstanden, darunter selten gezeigte Ansichten von Rotterdam oder Scheveningen, die von einem Hollandaufenthalt 1904 zeugen. Dann die Jahre in Bayern, wo er als Mitbegründer der Künstlergruppe 'Blauer Reiter' zur Abstraktion fand und farbenprächtige Werke wie 'Improvisation III' oder 'Mit dem schwarzen Bogen' entstanden. Es folgen die Rückkehr nach Russland während des Ersten Weltkriegs, die Bauhaus-Zeit und schließlich die letzten Lebensjahre in Paris. Zu den Höhepunkten der Ausstellung zählt die Rekonstruktion des Empfangssaals für eine Ausstellung in Berlin, der 'Juryfreien Kunstschau' 1922."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Careers by Design - Hendrick Goltzius & Peter Paul Rubens" in der Staatlichen Graphischen Sammlung München in der Pinakothek der Moderne (Tsp).
FR-Kritikerin Lisa Berins sieht im MKK-Tower in Frankfurt die erste Retrospektive zum Werk von Gustav Metzger. Der hielt sich Zeit seines Lebens vom Kunstbetrieb fern und lebte "bis ins hohe Alter in einem Atelier ohne Heizung". Und ja, das hier ist keine beschauliche Kunst, die man sich einfach so ansehen kann, findet Berins. Metzger setzt die Besucher "leisen Irritationen aus, er nutzt ihre Körper, bedrängt sie mit seiner Kunst. Er will, dass man mitmacht". In der Ausstellung "ist ein Modell einer nicht realisierten Installation zu sehen, die aus fünf neun mal zwölf Meter großen Stahlwänden bestehen sollte, deren jeweils 10 000 Einzelelemente per Computerschaltung zufällig aus den Wänden herausgeschleudert werden sollten. In dieser Zeit experimentierte Metzger auch mit Flüssigkristallen, die mit Wärme reagieren und ihre Farbe ändern. Ein kleines Objekt mit changierend blau-grünen Flügeln ist im Tower zu sehen. Metzger hatte es in der Londonder Buchhandlung 'Better Books' ausgestellt, einem Treffpunkt der Londoner Underground- und Kunstszene. Er ließ Kristalle auch in Glasobjektträger einsetzen und in Projektoren drehen. Auf sieben Leinwänden kann man im Tower das Resultat ansehen: Es sind zufällig entstandene, bunte, abstrakte Bilder."
Eine kleine, aber beeindruckende Ausstellung mit den Werken der Malerin Galli sieht Benjamin Paul im Berliner Palais Populaire. Galli gehörte der Künstlergeneration der "Jungen Wilden" der achtziger Jahre an, so Paul, ihre Werke unterscheiden sich aber deutlich von denen ihrer männlichen Kollegen. Ihre Körperdarstellungen zeugen von "Gefühlen der Eingeengtheit, Gefesseltheit, sozialer und physischer Unterdrückung", so Paul: "Auf einem monochromen, meist pastellfarbenen Untergrund malt sie mit bewundernswert sicherem Strich die Konturen ihrer komplexen Konfigurationen, die sie dann ohne nennenswerte Schattierungen farbig ausmalt. Diese Fokussierung auf die Zeichnung und den Körper in einem neutralen Raumsetting erinnert durchaus an Michelangelo. Auch dessen Figuren sind von unkontrollierbaren Kräften bewegt, allerdings gleichzeitig ins Ideale gesteigert. Bei Galli fehlt Michelangelos Pathos. Ihre Körper sind verstümmelt, auf die expressiven Teile reduziert oder bestehen gar nur aus Armen und Beinen. Oft verschränken sie sich auf undurchsichtige Weise mit anderen Figuren oder scheinen gar mit ihnen verwachsen."
Weiteres Stefan Trinks gratuliert dem Bildhauer Erwin Wurm in der FAZ zum Siebzigsten. Besprochen werden die Ausstellung "Careers by Design - Hendrick Goltzius & Peter Paul Rubens" in der Pinakothek der Moderne in München (Tsp), die Ausstellung "Human in Motion" im Projektraum der Galerie Barbara Thumm (Tsp) und die Soloschau "Wir bestehen zu 70% aus Wasser" von Lars Theuerkauff in der Berliner Galerie Tammen (Tsp).
Sophie Wagner lernt für monopol den amerikanischen Fotografen Abdulhamid Kircher kennen, der deutsch-türkischer Herkunft ist und in der Carlier Gebauer Galerie in "Rotting from Within" die schwierige Beziehung zu seinem Vater verarbeitet: "Eine Wand, geflutet mit Archivbildern, biografischen Artefakten, Fragmenten aus der Kindheit, Tagebucheinträgen sowie Kirchers eigenen ausschließlich analogen Fotografien der letzten zehn Jahre." Auch Videomaterial findet Eingang in die Ausstellung und "wirft Fragen zu Gewalt und Zugehörigkeit, Familie und Fremdsein auf und erzählt die Geschichten hinter einigen ausgestellten Fotografien. Nach einer längeren Streitsequenz zwischen dem Künstler und seinem Vater sitzt Kircher mit seiner Partnerin auf einer Mauer und spricht darüber, dass man bei einem schwierigen Elternteil die Wahl hat: Entweder akzeptiert man ihn so, wie er ist, oder man muss ihn aus seinem Leben ausschließen. Beim Betrachten von Abdulhamid Kirchers fotografischer Dokumentation scheint die Möglichkeit einer Versöhnung oder zumindest Akzeptanz auf."
Weiteres: Der Tagesspiegel begibt sich auf Entdeckungsreise, was Kunst in Brandenburg angeht. Jan van Eycks "Madonna des Kanzlers Rolin" kann jetzt restauriert im Louvre bestaunt werden, meldet die NZZ.
Besprochen werden: Die Frans Hals-Ausstellung "Meister des Augenblicks" in der Berliner Gemäldegalerie (FR), Teboho Edkins' Ausstellung "Ghosts of Katara" in der Galerie Kai Middendorff (FAZ) und "Andy Warhol & Keith Haring. Party of Life" im Museum Brandhorst (FAZ).
Jakob Lena Knebl, Cordula's Sister, sculpture, 2023. Courtesy de l'artiste, Galerie Loevenbruck (Paris) & Georg Kargl Fine Arts (Vienne) Diese Ausstellung ist eine "Zumutung für den guten Geschmack", freut sich FAZ-Kritiker Georg Imdahl nach der Schau "Passage" in der Hamburger Sammlung Falckenberg, wo das queere Glamour-Duo Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl derzeit nicht nur "Urinstrahlen zu Körperteilen" mutieren lässt. Stets geht es ihnen um "Transformationen des sozialen, geschlechtlichen, individuellen Ichs", so Imdahl:"Spiegelnde Paravents suggerieren eingangs ein Flair von Lifestyle-Shopping, man bewegt sich hier in einem Passagenwerk der erotischen Anspielungen, wähnt sich zwischen Boudoir und Badezimmer, trifft auf Pelziges, Phallisches, auf allerlei Fetischobjekte von der Hand Knebls, und selbst der unverdächtige Kleiderhaken gebärdet sich plötzlich obszön, transformiert sich zum Spielzeug für Erwachsene. Knebl huldigt dem entblößten, fülligen Körper in fotografischen Selbstbildnissen und in großen, mit Cord ummantelten Soft-Sculptures; auf Couchtischen von Maison Charles präsentieren sich Skulpturen, deren Rundungen auf Hans Arp zurückgehen sowie auf Barbapapa, älteren Semestern als possierliche Zeichentrick-Figur aus den Siebzigern erinnerlich - angeblich ist das Kapitalismuskritik."
Christina Kubisch: Die Konferenz der Bäume (1988/89), Klagenfurt 2014. Foto: Christina Kubisch Das Künstlerhaus Bethanien gratuliert sich mit der Ausstellung "Sounds of Bethany" zum 50-jährigen Jubiläum - und verabschiedet zugleich seinen Chef Christoph Tannert. In der Berliner Zeitunglässt sich Ingeborg Ruthe aus diesem Anlass gern mitnehmen auf eine Reise in die Klangkunst von den Achtzigern bis heute: "Die auf unsere Zeit voller Krisen und Konflikte bezogene, inhaltlich wie formal wohl radikalste Klanginstallation ist die des gebürtigen Dresdners Via Lewandowsky, einst ein Subversiver im DDR-Kunstbetrieb. Sein 'Chor der Seelen' von 2024 beginnt in einem Gang aus Filzwänden. Vorbei an einem Rollstuhl gelangt man in ein Zimmer mit Krankenbett, medizinischen Geräten, einem Käfigwagen voller Kopfkissen, Kugellampen, Lautsprechern, 8-Kanal-Playern, FM-Sendern. Und dazwischen liegen, stecken, hängen abstrakte Körpergebilde. Aus allen Richtungen kommen kakophonische Klänge. Stöhnen, Wehklagen, Jammern, Seufzen? Sind es die armen Seelen der Corona-Zeit? Oder die armen Seelen des notorischen Pflegenotstands im Wohlstandsstaat Deutschland?"
Weitere Artikel: In Japan sind gleich zwei von Wolfgang Beltracchis Fälschungen in Museen aufgetaucht, meldet Tobias Timm in der Zeit. In der tazberichtet Erik Peter, dass das ukrainische Künstlerzentrum "Hotel Continental - Art Space in Exile" in Berlin ein Werbeevent einer ukrainischen Sturmbrigade mit direkten Bezügen zur faschistischen Asow-Bewegung ausgerichten will.
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Anne Imhof: Wish You Were Gay" im Kunsthaus Bregenz (FAZ).
Außerdem: Marcus Woeller entdeckt für die Welt in einer Ausstellung in der Scuola Grande San Giovanni Evangelista, Venedig einen der großen Unangepassten der jüngeren Kunstgeschichte. Der Jude Boris Lurie überlebte als Kind die nationalsozialistischen Konzentrationslager und wurde später zu einem Provokateur der amerikanischen Kunstszene. Lurie "konterkariert auf künstlerisch hohem Niveau die verhassten Mittel der Pop-Art, spielt mit der Agitprop von Dada-Collagen und der Mehrdeutigkeit von Readymades, wofür Scheißhaufen aus Keramik ein Beispiel sind."Daniel Völzke portraitiert in monopol die Künstlerin Linder, deren Werk nächstes Jahr in der Londoner Hayward Gallery ausgestellt wird.
Um die Menschen - und vor allem Frauenrechte ist es in Saudi-Arabien nicht gut bestellt - das hindert die internationale Kunstwelt nicht daran, "dem Ruf der saudischen Regierung scharenweise zu folgen", schreibt Ingo Arend in der taz. Das jüngste Beispiel ist der Kunsthistoriker Hartwig Fischer, unter dessen Leitung 2000 Objekte aus dem Archiv des British Museum verschwanden und illegal verkauft wurden (unsere Resümees). Er soll nun Direktor des Museum of World Cultures in Riad werden. Arend zitiert dazu Beral Madra, die "Doyenne der türkischen Kunstszene": "Einige der Künstler und Kuratoren glauben vielleicht, dass Saudi-Arabien ein aufgeklärtes Land ist und eine demokratische Vision bis 2030 hat. Wir, die in der islamischen Soziogeografie leben, wissen sehr gut, dass dieses Ziel zu weit entfernt ist"
Besprochen werden die Ausstellungen "Meret Oppenheim & Friends" im Kunsthaus Avantgarde Apolda (tsp), "(Un)seen Stories. Suchen, Sehen, Sichtbarmachen" im Kupferstichkabinett in Berlin (tsp), "Ari Benjamin Meyers. Always Rehearsing Never Performing" in der Kunsthalle Mainz (taz), "Virtual Beauty" im Haus der elektronischen Künste in Münchenstein (NZZ), "Tyler Mitchell: Wish This Was Real" im C/O Berlin (SZ) und die Werkschau "Bilder im Kopf, Körper im Raum" des Künstlers Franz Erhard Walther in der Bundeskunsthalle Bonn (FAZ).
Ein Biennale-Kurator, der Fake News über Israel teilt, Besucher, die antisemitische Parolen skandieren, vereinfachende Botschaften und Verherrlichung von Terror - Die israelische Kunstkritikerin und -dozentin Hili Perlson macht in der Welt nochmal das Ausmaß des Antisemitismus auf der Biennale von Venedig klar. Wie soll man damit umgehen, fragt sie? Zensur kann nicht die Lösung sein: "Absagen von Ausstellungen haben bereits die Integrität von Institutionen in Deutschland beschädigt. Gleichzeitig haben sie zu einer unverhältnismäßigen Verstärkung von Randfiguren geführt, die von angesehenen Medien eine Plattform erhalten und sich darüber beschweren, dass sie 'zum Schweigen gebracht' werden. Und doch sollten diejenigen, die soziale Normen überschreiten und Israels Dämonisierung normalisieren, zur Rechenschaft gezogen werden. Es sollte allen klar sein, dass die Wahrung sozialer Normen in unserem eigenen Interesse als Gesellschaft liegt. Das jüngste Verbot des Facebook-Konzerns Meta, das Wort 'Zionist' als Code für antisemitische Beiträge zu verwenden, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Gleiches gilt für den Vorstoß des Berliner Senats, das rote Dreieck in Deutschland zu verbieten, weil es mit der Hamas assoziiert und als Code für Gewalt verwendet wird."
Zoran Minic: Red Crossroad Building. Bild: Galerie Albrecht
Die Beriner Galerie Albrecht stellt 22 Stadtansichten von Mailand aus, die Zoran Minic geschaffen hat, Hans-Jörg Rother bestaunt im Tagesspiegel die Bilder, die eben genau nicht die üblichen Touristenziele zeigen, sondern ganz normale Straßen: "Aber von Geschichte, im Grunde nicht einmal von der Gegenwart der lombardischen Metropole wollen diese ruhig abgetönten Visionen einer auto-, menschen- und natürlich auch vollständig smogfreien Stadt (Mailands Smogglocke ist berüchtigt) nichts zeigen, geschweige denn bildhaft erzählen. Dunkelblau schlängeln sich breite und schmale Kanäle an den rosa-, gelb- oder ockerfarbigen Fassaden rechteckiger Häuser vorbei, über deren blassroten Dächern sich der wolkenlose Himmel im Nichts verliert. Es sieht aus, als wären alle Details einem Modellbaukasten entnommen oder, besser gesagt, als verwandle der Künstler die reale Stadt in Elemente eines Modellbaukastens - und die dunkelgrünen Bäume, die er an den Straßenrand setzt, gleich dazu."
Weitere Artikel: Ingeborg Ruthe unterhält sich für die FR mit Christoph Tannert, der sich als Leiter des Berliner Künstlerhauses Bethanien verabschiedet. Marcus Woeller schreibt in der Welt über den äußerst unangepassten Künstler Boris Lurie. Ein weiterer vom Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi geschaffener Campendonk ist aufgetaucht, meldet die FAZ.
Elke Buhr interviewt für monopol die israelisch-stämmige Künstlerin Mika Rottenberg anlässlich ihrer Schau "Antimatter Factory" im Baseler Museum Tinguely auch zu Fragen der politischen Kunst: "Ja, ich weiß nicht, wie man Kunst macht, die eine direkte politische Agenda hat", sagt Rottenberg. "Für mich ist Kunst ein Ort, an dem man gleichzeitig kritisch ist und spielen kann. Ich schaffe Kunstwerke, um überhaupt erst einmal herauszufinden, was für Meinungen ich haben könnte. Entschuldigen Sie das Klischee, aber Kunst ist dazu da, um auch Freude zu machen. Wenn man darin seine eigene Stimme finden will, muss man es genießen. Diese Stimme ist sehr schüchtern, man muss sie herauskitzeln, und das geht am besten spielerisch."
Hannes Hintermeier freut sich in der FAZ über die HAP Grieshaber-Renaissance, die das Murnauer Schlossmuseum mit der Ausstellung "Drucken ist ein Abenteuer" anstößt. Holzschnitte sieht man ja nicht mehr so oft: "Die Fünfzigerjahre sollten das Jahrzehnt werden, in denen Grieshaber den seit dem Mittelalter nur noch punktuell florierenden Holzschnitt zu einer neuen Blüte führte. Er arbeitet in nie da gewesenen Großformaten, schafft Drucke vom Format ein mal zwei Meter, und er führt das Genre mit expressivem Farbauftrag in eine eigene Liga, irgendwo zwischen Tafelbild und Skulptur. Es gibt ein SWR-Video in der Ausstellung, das Grieshaber 1964 bei der Arbeit zeigt, ein Berserker, der dem Holz mit Messern, Kreissäge, Flex, Fräsen und Lötkolben zu Leibe rückt, der mit hochenergetischem Körpereinsatz die Druckblöcke immer wieder mit Farbe traktiert. Und der als Hauptantrieb für seine Kunst die Trauer nennt. Grieshaber gibt aber auch dem Eros Raum, generell dem Kreatürlichen. So verarbeitet er motivisch die zahleichen Tiere, die auf der Achalm leben, darunter ein Chow-Chow, ein Hängebauchschwein und ein Rhesusaffe."
Aktueller denn je erscheint in der Berliner Zeitung Eckhart J. Gillen die Ausstellung mit Werken des KZ-Überlebenden, der sich vor dem Hintergrund des Verlustes der Frauen seiner Familie immer wieder mit der Beobachtung beschäftigte, "dass die Vernichtung der Körper im KZ-System sich auf unterschwellige, subtile Weise in der Entwertung von Schönheit, Sinnlichkeit und Sexualität der Frauen im kapitalistischen Verwertungsprozess fortsetzt. Dieser zynische Missbrauch unserer intimsten Bedürfnisse und Wünsche durch die aggressive Vermarktung der Sinnlichkeit von Frauenkörpern ist für Lurie obszön, aber nicht seine aufklärende Verwendung von Pin-ups, um auf die Fortdauer der Gewaltverhältnisse und die Gleichgültigkeit des Publikums angesichts dieser Tatsachen hinzuweisen. Entgegen einer Erinnerungskultur, die uns suggerieren will, dass der Völkermord an den europäischen Juden ein überwundenes, abgeschlossenes Phänomen sei, konfrontiert uns Lurie mit der Kontinuität und Gegenwart des Terrors, wie wir ihn nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 in Israel und Gaza erleben."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Cauleen Smith - The Deep West Assembly" im Astrup Fearnley Museum in Oslo (FAZ).
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