Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Kunst, Ausstellungen, Architektur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.09.2023 - Kunst

Ulrich Seidler wird für die Berliner Zeitung von der Künstlerin Nadia Kaabi-Linke durch ihre Ausstellung "Seeing without Light" im Hamburger Bahnhof geführt. In ihren Kunstwerken laufen "Leben, Tod, Schuld, Schmerz zusammen", etwa im Werk "Blindstrom für Kasimir", so Seidler: "Schwarze Flächen hängen an den Wänden, daneben finden sich helle Rechtecke, wie sie zurückbleiben, wenn man Bilder abhängt. Es geht um Werke, die 1937 bis 1939 von stalinistischen Kulturzensoren in der ganzen ukrainischen Sowjetrepublik in einer Spezialsammlung zusammengetragen wurden, um sie zu vernichten: Werke von abtrünnigen Künstlern, mit unliebsam gewordenen Protagonisten oder kritischen Inhalten. Viele Künstler starben bei den Stalin'schen 'Säuberungen', während ihre Werke, die in Kiew gelagert wurden, in die räuberischen Hände der deutschen Wehrmacht fielen. Nach dem Krieg gelangten einige nach Moskau und von dort zurück ins Kiewer Nationalmuseum, wo sie in den letzten Jahren der Vergessenheit entrissen wurden. Die Leinwände tragen gewaltvolle Spuren der Reisen, aber auch der Misshandlung, wenn etwa Porträtierte abgewaschen oder abgekratzt wurden..." Taz-Kritikerin Sophie Jung bewundert, wie Kaabi-Linke die "Haken der Geschichte, gesellschaftliche, auch ökologische Konflikte...in präzisen, vergeistigten Bildern" darstellt, findet die Ausstellung aber etwas überladen.

FAZ-Kritiker Patrick Bahners fragt sich, weshalb die Association Internationale des Critiques d'Art (AICA) die Auszeichnung "Museum des Jahres" ausgerechnet an die Krefelder Museen vergeben hat. Seit 2020 läuft in Washington ein Verfahren der Mondrian-Erben gegen die Stadt Krefeld über die Rückgabe von vier Gemälden, die unter ungeklärten Umständen in den Besitz des damaligen Direktors Paul Wember gelangten. Bis heute gab es seitens der Museen keine zufriedenstellende Erklärung, so Bahners.

Weiteres: In der Welt am Sonntag begutachtet Boris Pofalla das neue "Tacheles"-Areal: Mit den Ideen des ehemaligen Kunsthauses hat das wenig zu tun - dafür ist es viel zu kommerziell, meint Pofalla. Warum hat Deutschland die Kunst der in Berlin lebenden Bildhauerin Nairy Baghramian bisher verpennt, fragt Peter Richter in der SZ. Im Ausland feiert die iranisch-amerikanische Künstlerin jedenfalls große Erfolge: das Metropolitan Museum in New York zeigt bald zwei ihrer Skulpturen in den leeren Nischen neben dem Hauptportal. In der NZZ feiert Dario Veréb die Entdeckung von drei unbekannten Farbabbildungen des Schweizer Fotografen Werner Bischof.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.09.2023 - Kunst

So sähe es aus: Das geplante Exilmuseum von Dorte Mandrup am Anhalter Bahnhof


In der NZZ kann Paul Jandl es nicht begreifen, dass die deutsche Politik Herta Müllers Idee für ein Exilmuseum, für das es sogar schon einen Entwurf der dänischen Architektin Dorte Mandrup gibt, ignoriert. "Die Initiative, die hinter der Idee steht, arbeitet nicht im Konjunktiv, sondern volle Kraft voraus. 60 Millionen Euro wird das Museum kosten, 20 Millionen hat man bisher durch Fundraising hereinbekommen. Anträge um öffentliche Gelder sind unterwegs. Händeringend sucht man nach Unterstützung für ein Projekt, das schon vom Thema her jede nationale Anstrengung wert sein müsste. 60 Millionen Menschen waren während des Zweiten Weltkriegs Teil globaler Fluchtbewegungen. Die Geschichten des Exils sind individuell und ähneln sich doch über die Zeiten hinweg. Auch die Fluchterfahrungen der Gegenwart darzustellen, wird Teil des Konzepts sein." Billiger wird das Museum jedenfalls nicht, je länger die Bundesregierung zögert, warnt Jandl.

Weiteres: Katharina Cichosch spaziert zum Saisonstart für monopol durch Frankfurter Galerien. Besprochen wird die Giacometti-Ausstellung im Bündner Kunstmuseum Chur (FAZ).
Stichwörter: Exilmuseum Berlin

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.09.2023 - Kunst

Bild: Anna Virnich: Untitled #129, 2022. Thermacolon, stretch fabric, gouache on bed sheet, yarn on wooden frame.

Marcel Proust und Joris-Karl Huysmans kommen dem Monopol-Kritiker Oliver Koerner von Gustorf beim Betrachten der textilen Arbeiten von Anna Virnich in den Sinn, die derzeit in der Kölner Galerie Drei und im Skulpturenmuseum Marl ausgestellt sind. Es ist die gleiche "hysterische, dekadente Sensibilität und Nostalgie, das kribbelige Unbehagen an der Gegenwart", die Virnich in ihren Arbeiten materialisiert, erklärt er: "Die Werke in 'Mutti raucht wieder' sind ganz im Jetzt, so wie wir uns gerade fühlen, in unserem Kopf, unseren Körpern. (...) Virnich setzt eine Austernschale auf gesteppten Satin, auf Latex. Da ist ein Gefühl von Erregung in diesem Werk, der Hauch von psychologisch aufgeladener Indiskretion und Zwanglosigkeit. Virnich nutzt diese, um die eigentliche formale Strenge ihrer Arbeiten, ihre eigene künstlerische Distanz ganz auszuspielen, ohne dass es zu pathetisch oder betulich wird. Keine minimale Sensibilität in Endzeiten."

Weitere Artikel: In der SZ greift Alex Rühle einen vergangene Woche im Svensa Dagbladet erschienenen Text der Kunsthistorikerin Susanna Petterson auf, der auf eine Absurdität schwedischer Kulturpolitik hinweist: Zwar werden auch Schwedens Museen subventioniert, aber die Museumsgebäude gehören dem Staat oder städtischen Holdings - und die Mieten übersteigen inzwischen das Budget einiger Museen. Allen voran das Schwedische Nationalmuseum, dem laut Petterson, die das Haus bis Anfang des Jahres leitete, der Umzug droht. In der FAZ besucht Peter Kropmanns das wiedereröffnete Musée d'Ennery in Paris.

Die Zeit bringt heute ein großes Museums-Spezial mit Ausblick auf kommende Ausstellungen der Saison. Als "Sensation" wertet etwa Jens Balzer die im November startende Meredith-Monk-Werkschau im Münchner Haus der Kunst, die mit ihren Performances wahre Gesamtkunstwerke schafft. Schon früh beginnt sie, "ihre Stimme nicht zum Singen von Liedern zu nutzen, sondern sie ihrerseits als Material zu betrachten, als Instrument. Sie beginnt, die Möglichkeiten zu erkunden, die der Gebrauch des Atems, der Lippen, der Wangen bietet; und sie beginnt, mit dem ganzen Körper zu singen, mit einem Körper, der sich unablässig in Bewegung befindet: Gesang wird für sie zu einem Ausdruck der körperlichen Präsenz, und nur in dieser Präsenz, auf der Bühne, kommt ihr Gesang auch wahrhaft zu sich selbst. 1966 produziert sie ihre erste Performance, 16 Millimeter Earrings, darin verbindet sie Videobilder mit theatralischen Elementen, sie singt und rezitiert aus Wilhelm Reichs Studie über den Orgasmus und unterlegt das alles mit Tape-Loops, mit Tonbandschleifen aus Stimmen". Wir hören rein:



Außerdem: Der Schriftsteller Clemens J. Setz bereitet uns in einem Essay auf die Ausstellung "Glitch. Die Kunst der Störung" in der Münchner Pinakothek der Moderne vor. Hanno Rauterberg stößt Caspar David Friedrich vom Sockel: Er fand ihn nie "besonders wagemutig". Iris Radisch nimmt Abschied vom Pergamonmuseum. Alexander Cammann empfiehlt einen Besuch im Museum der bildenden Künste in Leipzig, um die Fotografin Evelyn Richter zu entdecken. Jörg Scheller freut sich, dass der Düsseldorfer Kunstpalast mit der Ausstellung "Tod und Teufel: Faszination des Horrors" Adornos Ästhetik widerspricht und zeigt: "Die Präsenz des Horrors in Kunst und Populärkultur, gerade auch die reißerische und überrissene, spielt eine psychosoziale Rolle, die niemand unterschätzen sollte." Und Friedrich von Borries denkt in Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt über die politische Macht von Architektur nach.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.09.2023 - Kunst

Chaïm Soutine: Nature morte aux harengs, Galerie Larock-Granoff, Paris

Als eine Wiederentdeckung ersten Ranges bejubelt Georg Imdahl in der FAZ eine Chaïm Soutine gewidmete Ausstellung in der Düsseldorfer Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Ein Schlüsselwerk der modernen Malerei gilt es am Rhein zu entdecken, meint Imdahl: kaum ein anderer Maler der Kunstgeschichte habe so konsequent sein Inneres auf der Leinwand nach außen gekehrt: "Was macht sein Œuvre so singulär? Eine ganz und gar eigenwillige Phantasie teilt sich Bild für Bild in der Ausstellung mit, ihre Intensität lässt an Vincent van Gogh, Oskar Kokoschka oder Egon Schiele denken. Ob Porträt, Landschaft oder Stillleben, der Einzelgänger arbeitete ohne Skizze, Studie oder Foto, doch konnte er auch nicht aus dem Gedächtnis malen, sondern nur im Angesicht des Motivs. Offenbar nahm er die Realität tatsächlich so verschroben, so dramatisch und tragisch wahr, wie er sie auf die Leinwand brachte", meint Imdahl mit Blick auf drei magere tote Heringe. "Zur Mahlzeit liegen sie auf dem Teller bereit, aber sind sie wirklich tot? Oder sehen sie nicht vielmehr verschreckt ihrer eigenen Verspeisung ins Auge?"

Die Präsentation der Sammlung Bührle im Kunsthaus Zürich geriet 2021 aufgrund der unzureichenden Aufarbeitung der Vergangenheit der namensgebenden Familie, die ihr Vermögen unter anderem NS-Zwangsarbeit verdankt, zum Skandal (unser Resümee). Nun sind die Kunstwerke im Archiv verschwunden. Eine neue, neu kontextualisierte Ausstellung ist geplant. Doch es regt sich Widerstand, wie Timo Posselt auf Zeit Online darlegt, von einer Gruppe Aktivisten, die die endgültige Schließung fordert: Der Historiker Erich Keller hält es, wie Posselt ausführt, insbesondere für notwendig, das Debakel der ersten Eröffnung auzuarbeiten: "Dass ausgerechnet in Zürich ein kulturelles Leuchtturmprojekt in einem kommunikativen Totalschaden endete, liegt laut Keller an den gemeinsamen Interessen der rotgrünen Standortpolitik, jenen des Kunsthauses und der Universität. Die Sammlung Bührle und der dazugehörige Neubau sei in erster Linie als Teil der Stadtentwicklung betrachtet worden, statt als einer der historischen Verantwortung: 'So konnte die Macht der Bührle-Stiftung ihre tatsächliche bei Weitem übersteigen und Zürich sehenden Auges in ein Debakel stürzen.' Das Kunsthaus habe sich mit der Sammlung wohl keine eines überzeugten Nazis ins Haus geholt, aber jene eines 'eiskalten Geschäftsmanns', sagt Keller. Das sei auch daran zu erkennen, wie nahtlos Bührle vom Waffenlieferanten des Naziregimes zum Schweizer Waffenexporteur im Kalten Krieg aufstieg."

Weitere Artikel: Das British Museum erhält einen Übergangsdirektor, weiß Alexander Menden in der SZ. Sein Name: Sir Mark Jones. "Müssen Studierende ihre Haut zu Markte tragen?", fragt Marcus Boxler im Monopol-Magazin. Im Standard stellt Katharina Rustler die Highlights des Wiener Kunstherbstes vor.

Besprochen werden die dem Fotografen Abe Frajndlich gewidete Ausstellung "Chameleon" im Frankfurter Fotografie Forum (FR) und eine Schau von Hundeporträts in der Londoner Wallace Collection (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.09.2023 - Kunst

Krassikov-Straße, Erik Bulatov. Foto: The Renaissance Society.

FAZ
-Kritikerin Kerstin Holm gratuliert dem Künstler Erik Bulatov zum neunzigsten Geburtstag. Er bildete mit dem Maler Ilya Kabakov "das überragende Doppelgestirn der inoffiziellen sowjetrussischen Kunst", so Holm. Über den russischen Konstruktivismus fand Bulatov zu einem eigenen Stil, seine "geometrische Meditationen über Raum und Fläche, seine Bevorzugung klarer Farben und die oft quadratischen Formate setzen die Ikonenmalerei und die Avantgarde gleichermaßen fort." Besonders hebt Holm das Werk "Krassikov-Straße" hervor: Meisterhaft "erzeugt Bulatov mit der Postkartenszene einer Moskauer Neubaugegend, von der Sowjetbürger träumten, eine Atmosphäre der Aussichtslosigkeit. Männer mit hängenden Schultern, Frauen in Druckmustermode ziehen einen schnurgeraden Asphaltpfad entlang, auf dem ihnen von einer Plakatwand mit wehendem Mantel eine triumphierende Lenin-Figur entgegenschwebt wie die Nike von Samothrake. Bulatovs Menschenkörper schimmern regenbogenhaft, als wollten sie sich auflösen wie Luftspiegelungen. Der Sowjetstaat erschien ihm damals ewig, hat Bulatov gesagt, er sei davon ausgegangen, bis ans Ende seiner Tage die ihm wichtigen Dinge nur heimlich tun zu können."

Weiteres: Die französische Schriftstellerin Violaine Vanoyeke hat sich auf dem Friedhof Pierre Lachaise ein Grabmal errichten lassen, erzählt NZZ-Kritiker Rainer Moritz, und zwar ein lebensgroßes Abbild ihrer selbst: "Das Aparte an dieser Selbstbeweihräucherung besteht darin, dass Madame Vanoyeke keineswegs die übliche Voraussetzung für einen Friedhofsplatz erfüllt: Sie ist keineswegs tot und vielmehr quicklebendig. Auf der Grabplatte steht bis jetzt allein das Geburtsdatum. Dort, wo üblicherweise das Todesdatum steht, klafft eine Leerstelle."

Besprochen werden die Ausstellung "Secessionen. Klimt. Stuck. Liebermann." in der Alte Nationalgalerie Berlin (NZZ) und die Ausstellung "Wilhelm Hasemann und die Erfindung des Schwarzwalds" im Augustinermuseum Freiburg (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.09.2023 - Kunst

Heiner Goebels. 862 - Eine Orakelmaschine . Foto: Oliver Dietze.

Ein "Kunstereignis" erlebt FAZ-Kritiker Wolfgang Sandner mit Heiner Goebbels "Orakelmaschine" in der Völklinger Hütte. In einer "performativen Installation" hat der Künstler die Kohlenstampfmaschine des ehemaligen Industriekomplexes zum Leben erweckt, so der Kritiker, sie "schnaubt, stöhnt und rattert" und wechselt in "virtuoser Video-und Lichtdramaturgie" ständig ihre Gestalt. Alles beginnt ganz sphärisch: "Zunächst künden ferne Glockenschläge vom Beginn der Vorstellung. Leises Vogelgezwitscher und irgendein Rascheln im Unterholz mischen sich mit Metallgeräuschen, die so zaghaft erscheinen, als sei ihnen eine Ahnung von den neuen Besitzverhältnissen im Areal zwischen Fauna und Flora einerseits und Menschen auf dem Rückzug andererseits eingeschrieben. Die Klänge aus den um die Tribüne postierten Lautsprechern verdichten sich. ... Rauch steigt auf, ein Rohr lässt zischend Dampf ab, etwas fällt lärmend herab, Hundegebell oder Wolfsgeheul erklingt, dann fremder Gesang, als habe ein Zeitzeuge die wehmütig intonierten Melodien jener nicht immer freiwilligen Arbeiter auf Tonband konserviert, die im Laufe der hundertfünfzigjährigen Geschichte der Hütte hier Blut, Schweiß und Tränen vergossen haben."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung schreibt Ingeborg Ruthe einen Nachruf auf die deutsch-iranische Tier-Bildhauerin Lin May Saeed und annonciert die Werkschau "Im Paradies fällt der Schnee langsam" im Georg Kolbe Museum Berlin. In der Welt berichtet Jakob Hayner über die Eröffnungsveranstaltung des Weimarer Kunstfests (unser Resümee). Das Schweizer Kunstkollektiv Hulda Zwingli hat im Archiv des Kunsthauses Zürich nach Kunst von Frauen gestöbert, informiert NZZ-Kritiker Phillip Meier, die Funde sind in der Ausstellung "Re-Collect! - Wie Künstlerinnen und Künstler die Kunsthaus-Sammlung sehen" zu sehen.

Besprochen werden die Ausstellung "Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann" in der Alten Nationalgalerie Berlin (taz), die 90. Herbstausstellung des Kunstvereines Hannover (taz), die Ausstellung "Andrea Büttner. Der Kern der Verhältnisse" im Kunstmuseum Basel (FAZ) und die Fotoausstellung "Das andere Leben. Ost-Berlin zwischen Mauerbau und Mauerfall" in den Räumen der Agentur DDR-Fotoerbe (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.09.2023 - Kunst

Mountains and Pond (Berge und Teich) von Walter Spies, 1938. Foto: Sothebys.

In der NZZ erinnert Johannes Balve an den deutschrussischen Maler und Musiker Walter Spies, der vor einhundert Jahren nach Bali auswanderte. Dort wirkte er als künstlerisches Multitalent, so der Kritiker, leistete einen wichtigen Beitrag zur Erschließung der Gamelan-Musik und war auch an Friedrich Murnaus Film "Die Insel der Dämonen" beteiligt. Außerdem "übte er sich in allen Malstilen, malte zeitweise auch kubistisch. Zuletzt entwickelte er in Anlehnung an die traditionelle balinesische Kunst einen eigenen Stil, der eher behelfsmässig als magischer Realismus bezeichnet wird. Die Traumlandschaften der balinesischen Mythen und Tierfabeln verdichten sich in seinen Bildern zu einer Urwald-Morphologie, die den Menschen mit einschliesst. 'Die Landschaft und ihre Kinder' erzählt von der Liebe zur Natur und den in ihr einfach lebenden Menschen, die durch die Wälder ziehen. Die übereinanderliegenden Bildebenen sind wie filmische Montagen komponiert. Die 'Rehjagd' ist Teil eines kosmischen Geschehens, in dem es weder Opfer noch Täter gibt. Der Maler und Musiker Spies muss über synästhetische Fähigkeiten verfügt haben. Bilder waren für ihn auch musikalisch, und so beschrieb er sie mit musikalischen Termini, wie 'Scherzo für Blechinstrumente'."

Die taz-Autorin Eva-Christina Meier hat die Textilkünstlerin Paulina Brugnoli in Santiago de Chile getroffen. Die heute 83-jährige war Zeugin des gesellschaftlichen Aufbruchs 1970 in Chile - und des Putsches am 11. September 1973. Brugnoli erinnert in dem Porträt an die emblematische Ausstellung der "Unidad Popular Salvador Allendes" von 1972, an der sie beteiligt war. Die taz hat zum 50.Jahrestages des Putsches in Chile  eine Sonderausgabe sowie eine Artikelserie angekündigt.

Besprochen werden die Ausstellung "Tejido social. Arte textil y compromiso político" im Museo de la Solidaridad Salvador Allende in Santiago de Chile (tz), die Ausstellung "Chris Ware. Paper Life" im Cartoon-Museum in Basel (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.09.2023 - Kunst

Caspar David Friedrich, Mann und Frau beim Betrachten des Mondes, um 1824. Alte Nationalgalerie Berlin


In der NZZ ist Franz Zelger sehr zufrieden damit, wie die große Caspar-David-Friedrich-Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur den Einfluss von Künstlern der Romantik auf Friedrich ausleuchtet: "Vom Mond beschienene Nachtlandschaften gehören zu den wichtigsten Bildfindungen des Niederländers Aert van der Neer. Es sind Gemälde voller Poesie, etwa die "Kanallandschaft mit Mondschein": Die Beleuchtung durch den Mond, dessen Reflexe sich im Wasser spiegeln, ist atmosphärisch subtil wiedergegeben. Der dunkle Vordergrund evoziert nächtliche Stille, Bewegung herrscht nur am wolkigen Himmel. Beliebte Stimmungsträger sind die Sonnenauf- und -untergänge, wie sie sich beim französischen Barockmaler Claude Lorrain in großer Zahl finden. Nach seinem Freund Carl Gustav Carus, Arzt, Naturphilosoph und Maler, sind Friedrichs Bilder Visualisierungen 'einer gewissen Stimmung des Gemütslebens durch die Nachbildung einer entsprechenden Stimmung des Naturlebens'. Das heißt, die Natur wird bei Friedrich zur Projektionsfläche menschlicher Empfindungen, ihre Darstellung geht über das Sichtbare hinaus."

Eine Ausstellung über Kolonialismus im Museum Zeche Zollern in Dortmund soll Samstags von 10 bis 14 Uhr nur für Schwarze und People of Color geöffnet sein, berichtet in der NZZ Fatina Keilani: "Was 'weiß' sei, erklären die Ausstellungsmacher ebenfalls: Es handle sich beim Weißsein um ein soziales Konstrukt mit Privilegien, nicht um eine Hautfarbe." Heißt das, auch BIPoC oder Schwarze können unter Umständen weiß sein, fragt sich der verdutzte Leser. "Die Ausstellung soll laut Eigendarstellung eine Art Werkstatt sein, in der 'Besucher:innen gemeinsam mit Gästen aus Zivilgesellschaft, Kunst und Wissenschaft die Spuren und Folgen des Kolonialismus' erkunden und Ideen entwickeln sollen. Aber wäre es dann nicht gerade sinnvoll, dass Personen aller Hautfarben und Biografien dies gemeinsam tun, um sich als Mitglieder der Menschheit schwierigen Aspekten der gemeinsamen Geschichte zu stellen?", überlegt Keilani.

Weiteres: In der Welt schreibt Hans-Joachim Müller den Nachruf auf Pablo Picassos Sohn Claude Ruiz-Picasso. In der SZ informiert Cornelius Pollmer über den Stand des geplanten Leipziger Einheitsdenkmals (es tut sich wenig). Besprochen werden die Retrospektive "Fantasiefabrik" der österreichisch-schweizerischen Künstlerin Elisabeth Wild im Museum für Moderne Kunst Wien (taz) sowie "Stellung beziehen - Käthe Kollwitz. Mit Interventionen von Mona Hatoum" im Kunsthaus Zürich (Welt) und eine Ausstellung mit Druckgrafiken von Picasso, Matisse, Miró, Chagall zu Ehren des Kunsthändler Ambroise Vollard im Museum Folkwang in Essen (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.08.2023 - Kunst

Bild: Édouard Vuillard: "Frau im Profil mit grünem Hut", um 1891. Foto: Jean-Marc Anglès / RMN-Grand Palais (Musée d'Orsay)

Die Sujets schienen meist gewöhnlich, formal waren Edouard Vuillards Bilder umso "kühner", erkennt Angelika Affentranger-Kirchrath (NZZ), die in der Ausstellung "Vuillard et l'art du Japon" in der Fondation de l'Hermitage in Lausanne auch erfährt, dass Vuillard seine Inspiration vor allem in der japanischen Kunst fand: "In der Lausanner Schau hängen ausgewählte grafische Blätter japanischer Künstler neben Vuillards Arbeiten. In einigen Fällen kommen sie einander in Ausdruck und Intensität so nahe, dass man sie verwechseln könnte. Ganz absichtslos und selbstverständlich - wie ein Pianist, der ohne Notenblatt spielt - verfügte Vuillard über die Stilmittel der japanischen Kunst. Er fand über das Studium der fernöstlichen Ausdrucksweise zu Lösungen, die es ihm erlaubten, sich von den herkömmlichen europäischen Bildregeln zu lösen. Der rigide konstruierte, illusionistische Perspektivraum verwandelt sich in seinen Werken zum bewegten, mehransichtigen Raum, in dem alle Bildstellen gleich wichtig sind. Fläche und Tiefe oszillieren und gehen ineinander auf."

Bild: Alice Springs, Helmut as a nun, Advertisement for Jean-Louis David, Paris 1970s, © Helmut Newton Foundation

Fast "klassisch", die Zeit überdauernd und in jedem Fall den Fotografien ihres Mannes Helmut ebenbürtig erscheinen Freddy Langer (FAZ) die Aufnahmen von June Newton alias Alice Springs, die derzeit in der Berliner Helmut Newton Stiftung ausgestellt werden. Insbesondere die Porträts beeindrucken Langer: Die Liste der Namen "gleicht einem Who's Who der Kultur im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert. Lauter Stars sind hier versammelt. Aber June Newton alias Alice Springs zeigt sie jenseits von Glamour, eher im Moment der Verletzlichkeit. 'Bloß keine Mätzchen', scheint sie ihnen zugeflüstert zu haben und stellte sie fern jeglicher einstudierter Pose und ohne Requisiten ganz konventionell im Freien vor Mauern, in Häusern vor Wänden weniger hin als ab."

Weitere Artikel: Nachdem sich Horst H. Baumann seit Ende der 1960er Jahre dem Design und der Lichtkunst zuwandte, geriet sein fotografisches Werk zunehmend in Vergessenheit. Zu Unrecht, ruft Damian Zimmermann im Monopol Magazin, nachdem er Baumann im Museum für Angewandte Kunst in Köln als fotografischen Visionär, allerdings ohne eigene Handschrift kennenlernt. Die beiden Vertreterinnen der "Letzten Generation", die versuchten, in der Hamburger Kunsthalle Caspar David Friedrichs "Wanderer über dem Nebelmeer" zu überkleben, sind freigesprochen worden, meldet Friederike Gräff in der taz.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.08.2023 - Kunst

Alberto Giacometti, Selbstbildnis mit blauer Baskenmütze, 1916. Abbildung: Kunsthaus Zürich, Grafische Sammlung, Legat. Bruno Giacometti, 2012

In der NZZ berichtet Philipp Meier angeregt über eine Ausstellung im Bündner Kunstmuseum, Chur, die sich dem Frühwerk Alberto Giacomettis, sowie dessen Verhältnis zu seinem Vater Giovanni widmet. Die Verbindung zwischen beiden war zunächst eng, auch künstlerisch. Doch Alberto ging bald eigene Wege: "Da war ein Katalog mit der Kunst des alten Ägypten: eine Offenbarung für Alberto, die sein gesamtes Werk bestimmen sollte. Plötzlich waren sie da in seinem Schaffen, die Ägypter: Allen voran Echnaton, mit dem strengen Pharaonenprofil, mit dem sich nun der junge Maler in seinem Selbstporträt an der Staffelei von 1921 aus dem Kunsthaus Zürich kühn von den weichen Linien des bisher gepflegten Stils absetzte. Dass er diesen beherrschte, hatte Alberto Giacometti gerade erst noch in einem Selbstbildnis aus demselben Jahr bewiesen, das einem Werk von Giovanni Giacometti zum Verwechseln ähnlich sieht."

Daiyo Moriyama: Untitled, Hayama, 1967, from 'A Hunter' © Daido Moriyama/Daido Moriyama Photo Foundation

Ein "Rockstar" ist der japanische Straßenfotograf Daido Moriyama, weiß Andrian Kreye in der SZ. Deshalb wird seine im Sommer im C/O Berlin präsentierte Ausstellung (unsere Resümees vom 15.5. und 21.6. diesen Jahres, in Berlin ist die Schau noch bis zum 6.9. zu sehen) demnächst in zahlreichen anderen Ländern Station machen. Kreye ordnet das Werk in die Geschichte der Pop Art des 20. Jahrhunderts ein: "William Klein und Andy Warhol waren seine Vorbilder. Von Klein hatte er das grobe Korn als Stilmittel der Straßenfotografie. Von Warhol das Gespür für Symbole mit doppelten Böden. Doch während sein amerikanisches Idol die Alltagswaren wie Suppendosen und Seifenkartons zu Ikonen stilisierte, zeigte Moriyama die Konsumwelt als einen Ort des ästhetischen Brutalismus. Da stehen die Colaflaschen wie der pure Überfluss in ihren Kisten. Die Motorradgang, die etwas linkisch versucht, Marlon Brandos Rebellenposen zu imitieren, hat er überbelichtet und so ihrer Gesichter beraubt. Die eingeölten jungen Männer am Strand dagegen liegen wie Luxusware aufgereiht im Bildwinkel."

Weiteres: In der NZZ sieht Paul Jandl die Haltung Bonaventure Ndikungs, Leiter des Berliner Hauses der Kulturen der Welt, zum BDS immer noch nicht geklärt. Die Bayerische Staatsbibliothek hat, wie Spiegel Online berichtet, einen frühen Druck des Hokusai-Farbholzschnitts "Unter der Welle im Meer Kanagawa" erworben.

Hokusai: Unter der Welle im Meer Kanagawa

Besprochen werden Leda Bourgognes Ausstellung "Mêlée" im Westfälischen Kunstverein in Münster (Monopol) und die Ausstellung "If the Sky Were Orange: Art in the Time of Climate Change" im Blanton Museum of Art in Austin, Texas (Guardian).