Allaert van Everdingen: Wanderer auf einer Lichtung am Bach und Tannenbäumen beim Skizzieren. Katrin Belliner Collection, Foto: Matthew Hollow.
"Sofern Sie in diesem Sommer reisen und dabei eine Ausstellung sehen wollen, steuern Sie Dresden an!", empfiehlt Andreas Platthaus in der FAZ. Die Ausstellung "Ferne so nah - Künstler, Künstlerinnen & ihre Reisen" im Dresdner Kupferstichkabinett versammelt Reisebilder von Künstlern von Albrecht Dürer bis Ludwig Richter und besticht den Kritiker durch unerwartete Zusammenhänge. Adrian Zinggs etwa wurde nach der Anfertigung einer Zeichnung vom Elbufer aufgrund von Spionageverdacht verhaftet - "kurz nach dem Siebenjährigen Krieg lagen in Sachsen die Nerven blank" - damit ist er unter den Ausgestellten nicht allein: "Selbst die schönste Präsentation, der zehnteilige Holzschnittfries 'Sitten und Gebräuche der Türken' von 1553 nach Zeichnungen von Pieter Coecke van Aelst, verweist mit serpentinenförmig gefertigten Tischvitrinen auf ein anderes Blatt, das eine sich ähnlich schlangengleich durch Rom windende Prozession zeigt. Coecke van Aelst war übrigens höchstwahrscheinlich tatsächlich als Spion durchs Osmanische Reich unterwegs, seine Zeichnungen dienten ihm nur als Vorwand. Auch das lernt man in Dresden."
Lothar Böhme: Knieender Akt 2012. Bild: Lothar Böhme und Roman März.Liebevoll betrachtet Ingeborg Ruthe für die Berliner Zeitung die Werkschau Lothar Böhmes, die anlässlich seines 85. Geburtstags in der Berliner Galerie Pankow gezeigt wird: Seine Bildsprache ist "seit 60 Jahren das, was man Essenz nennt. Eine Urform bestimmt diese einsamen Gestalten, egal ob weiblich, männlich, androgyn - ob Akt, Kopf oder Stillleben. Und in den dunklen, oft fast bronzeartigen Farben ist das Color der ganzen Welt enthalten, wie hineingemischt als Zeichen für Melancholie und Freude, Nachdenklichkeit und Lust, Resignation und Aufbegehr." Ruthe erscheinen die einsamen Gestalten wie ein "Gleichnis des Aushaltens": Sie "setzen Trotzgesten gegen Angst, Resignation und überwältigende Trauer."
Weitere Artikel: Die Neupräsentation der Sammlung Bührle soll den laufenden Entwicklungen angepasst werden können, meldet Thomas Ribi in der NZZ: "Was das für die Ausstellung im Herbst konkret bedeutet, dazu will man am Kunsthaus zurzeit nichts sagen. Ann Demeester äußere sich erst, wenn die Neupräsentation unmittelbar bevorstehe, heißt es auf Anfrage. Das 'interdisziplinäre und polyphone' Projekt sei 'im Fluss'."
bild: Lea Ermuth: Optimisation interface. 2022 Durchaus "positive Visionen", vor allem aber innovative Ideen von einer Zukunft mit KI nimmt Ursula Scheer in der FAZ aus der Ausstellung "Creative Worldbuilding" im Basler HEK mit, in der knapp dreißig Kunstschaffende mit den Möglichkeiten von KI experimentieren. Etwa die Künstlerin Lea Ermuth: "Auf einem Bildschirm ist eine Videoperformance zu sehen, in der ein von ihr gesteuerter, recht lebensnaher Avatar wie eine Bildhauerin das Gesicht der Künstlerin bearbeitet - nach Vorschlägen des digital verbundenen Publikums. Die Nase schmäler, die Augen größer? Das Ergebnis der diktierten Formgebung steht in der Installation 'An invitation, to eternity' in Gestalt überlebensgroßer 3-D-Drucke von so entstandenen Porträtbüsten aus Ton. Im realen Raum erweisen sich die am Bildschirm gestalteten Gesichter als entstellt: ein Kommentar auf den visuellen Druck aus dem Internet und dessen normative Kraft."
Zum 75. Geburtstag spendiert die Neue NationalgalerieIsa Genzken eine Ausstellung mit 75 Skulpturen - und im Tagesspiegel lässt sich Christiane Meixner fasziniert ein auf einen Parcours durch das fünfzigjährige Schaffen der Bildhauerin, das ihr offenbart, wie Genzken in ihren Werken zunehmend die Trennung zwischen der artifiziellen Form und dem menschlichen Körper aufhob: "Ihre legendären 'Weltempfänger', für die sie Radioantennen in Betonblöcke steckt, sind Vermittler zwischen Sender und Empfänger. Dann stellt sie architektonische Fragmente auf Sockel. Man steht davor und schaut in Räume, die sich wie Puppenstuben aus Beton zum Betrachter öffnen. Es folgen Fensterrahmen, durch die sich Realität vermittelt. 1991 wechselt Genzken zu farbigem, diffus transparentem Epoxid. Daraus entstehen 'Paravents', die nichts verdecken: Man blickt durch sie hindurch und wird erneut mit der Wirklichkeit konfrontiert."
Weitere Artikel: Die Zeit dokumentiert die Laudatio, die Florian Illies anlässlich von Anselm Kiefers Auszeichnung mit dem Deutschen Nationalpreis gehalten hat. In Neapel wurde die "Venus in Lumpen", eine der bekanntesten Skulpturen des italienischen Künstlers Michelangelo Pistoletto, durch ein Feuer zerstört, meldet Matthias Rüb in der FAZ.
Besprochen werden die Ausstellungen "Amitiés - Freundschaften. Gemeinschaftswerke von Dada bis heute" im Kunstmuseum Wolfsburg (taz) und die Ausstellung "Lee Miller. Fotografien zwischen Krieg und Glamour" im Hamburger Bucerius Kunst Forum (SZ).
Weitere Artikel: taz-Kritikerin Elena Korowin entdeckt auf der Kunstbiennale Freiburg die Straße als "Ort der gesellschaftlichen Reibung und der Subkultur".
Besprochen werden die Ausstellung "Wolken und Licht. Impressionismus in Holland" im Museum Barberini in Potsdam (FAZ), die Ausstellung "Inflation 1923. Krieg, Geld, Trauma" im Historischen Museum Frankfurt (in der taz-Kritiker Rudolph Walter unter anderem Karikaturen von George Grosz, Otto Dix, Käthe Kollwitz und Heinrich Zille bewundert) sowie eine Ausstellung mit Fotografien Steve McCurrys im Wiener Semperdepot (Standard).
Die Installation "Reisfeld" von Wolfgang Laib. Foto: Kunstmuseum Stuttgart. Alle Sinne von FAZ-Kritikerin Katinka Fischer erwachen, wenn sie durch Wolfgang Laibs Ausstellung "The Beginning of Something Else" im Kunstmuseum Stuttgart streift. Für seine Werke verwendet der Künstler natürliche Materialien wie Reis, Wachs und Blütenstaub, die "den Kreislauf des Lebens und das menschliche Verhältnis zur Natur" widerspiegeln: "Neben dem starken Aroma wird die Installation beseelt durch sanft gewellte Linien, unterschiedliche Abstände und Längen sowie verstreute Reiskörner, die die Abwesenheit eines Lineals und ähnlicher Hilfsmittel zur Erzeugung von Gleichförmigkeit verraten. Bei den Treppenelementen entdeckt man die Künstlerhand in den malerischen Farbwolken, die die mit burmesischem Lack behandelte und eben nicht monochrome Oberfläche bedecken. 'Zikkurat' lautet der Titel des zentralen Objekts. Der Begriff für eine mesopotamische Tempelanlage gibt zu erkennen, dass die von rechten Winkeln bestimmte Form keineswegs der Versachlichung dient. Stattdessen symbolisiert sie eine Himmelsleiter, die die Verbindung zwischen Himmel und Erde herstellt."
Die Explosion der Tanks im Hafen von Beirut 2020 war eine Katastrophe, aber die Stadt erholt sich und die Kunstszene blüht wieder auf, schreibt Werner Bloch in der NZZ: Gerade wurde das Sursock-Museum wiedereröffnet, das einzige Kunstmuseum des Landes, 2026 soll das Beirut Museum of Modern Arts eröffnet werden. Das ist auch dringend notwendig in diesem Land, denn es gibt "keine geschriebene Kunstgeschichte von Libanon - es gibt auch kein Geschichtsbuch für die Schulen. Auf eine gemeinsame Geschichte können sich die verfeindeten Gruppen wie Drusen und Sunniten, christliche Maroniten oder der von Iran finanzierte Hizbullah, der große Teile des Landes beherrscht, nicht verständigen. 'Eine gemeinsame Geschichtsschreibung ist verboten, weil jeder an seiner eigenen Wahrheit festhält', sagt Laure d'Hauteville. Die offizielle Geschichte höre mit dem französischen Mandat am Ende des Zweiten Weltkriegs auf. Gerade deshalb ist die Gegenwartskunst hier überlebensnotwendig."
In der FAZ schreibt Hubertus Butin zum Restitutionsskandal um die Bührle-Stiftung. Seit mehr als zehn Jahren laufen die Verhandlungen mit den Nachkommen des jüdischen Kunstsammlers Max Emden, dessen Sohn im Jahr 1940 gezwungen war, das Monet-Gemälde "Mohnfeld bei Véteuil" zu verkaufen, erklärt Butin. Doch die Stiftung weigert sich strikt, eine Aufarbeitung der problematischen Provenienzgeschichte wichtiger Werke der Sammlung nachzukommen: "Die kompromisslose und jede moralische Verantwortung ablehnende Haltung der Bührle-Stiftung hat nicht nur den eigenen Ruf nahezu ruiniert. Dieses Verhalten schadet auch massiv dem Ansehen des Kunsthauses Zürich. Das Museum wird nicht zur Ruhe kommen, solange es für den Monet und weitere belastete Werke keine faire und gerechte Lösung gibt."
Besprochen wird die Ausstellung "Avant l'orage" der Pinot-Collection in der Bourse de Commerce in Paris (NZZ).
Ron Mueck: Mass, 2017. Foto: Marc Domage / Fondation Cartier FAZ-Kritikerin Ursula Scheer muss ordentlich schlucken in der Ausstellung des britischen Künstlers Ron Mueck, der sie in der Pariser Fondation Cartier mit menschlichen Schädelbergen und gemarterten Säuglingen konfrontiert: "Dass Anfang und Ende der menschlichen Existenz, das leibliche Geworfensein in die Welt immer noch ein Grundthema von Muecks Schaffen sind, beweist die aktuelle Pariser Schau. Seine Werke fordern die physische Konfrontation, den Abgleich mit der eigenen Präsenz, gründet ihre unheimliche oder schockierende Wirkung doch wesentlich auf den überraschenden Größenverhältnissen. Die Inspirationsquellen der handwerklich elaborierten, extrem wirklichkeitsnahen Plastiken des einstigen Figurenmachers für Film und Werbung liegen so weit auseinander wie Hans Holbeins toter Christus und Duane Hansons Wiedergänger der amerikanischen Mittelklasse; auch Echos aus Gemälden von Muecks Schwiegermutter Paula Rego meint man wahrzunehmen."
Der Standardunterhält sich mit den beiden künftigen Wiener Museumsdirektoren Ralph Gleis, der künftig die Albertina leiten wird, und Jonathan Fine, der das Kunsthistorische Museum übernimmt. Besprochen wird die Schau "Weltausstellung 1873 revisitied" im Wiener MAK (FAZ).
Fassade der Galería de las Colecciones Reales. Foto: Webseite des Patrimonio nacional.
Karin Janker ist für die SZ nach Madrid gereist, wo ein neues Museum eröffnet hat, die Galería de las Colecciones Reales. Obwohl - eigentlich ist der Bau von von Emilio Tuñón und Luis Moreno Mansilla, der zum Ärger einiger Madrilenen von einer Seite den Blick auf die Almudena-Kathedrale verstellt, "kein Museum, es ist eine Kathedrale für Kunst und Kunsthandwerk aus zwölf Jahrhunderten. Galería und nicht Museo heißt sie, weil die Räume Schaufenster sein sollen für die Schätze des Patrimonio Nacional, erklärt Direktorin Leticia Ruiz, die vorher Kuratorin im Prado war. Das Patrimonio Nacional ist so etwas wie die spanische Schlösserverwaltung, die Galería hat also keine eigene Sammlung, wohl aber Zugang zu Tausenden spannenden Objekten, die hier rotierend ausgestellt werden, von der Kutsche über Gemälde bis zu frühen Fotografien. Die Rampen, die das Treppenhaus ersetzen, saugen einen hinunter in diesen Bau, der vollständig aus drei Materialien zu bestehen scheint: Eichenholz, Granit und Beton. Die acht Meter hohen Decken, die Fluchten, die vielen Fenster, die geschickt das grüne Licht der Bäume von draußen nach drinnen holen - wer hier nicht demütig wird, hat kein Herz für Architektur."
Eva Fàbregas, Devourin Lovers. Ausstellungsansicht. Staatliche Museen zu Berlin, Hamburger Bahnhof - Nationalgalerie der Gegenwart | Foto: Jacopo La Forgia
Fasziniert betrachtet Ingeborg Ruthe (BlZ) die "Devouring Lovers" (verschlingenden Liebhaber) der spanischen Künstlerin Eva Fàbregas, die sich am Boden des Berliner Hamburger Bahnhofs winden: "Fàbregas lagert ihre überdeutlich erotischen Gebilde in hautfarbenem Rosa, Lila, Magenta, Senfgelb, Beige und Orange als sich im unablässigen Liebesakt verschlingende Quellberge auf dem Steinboden der Halle. Sie lässt sie kriechen und sich anschmiegen an die eisernen Säulen und Deckenstreben. Die textilen Hüllen schwellen an wie zu milchprallen Brüsten, Eutern, Blasen, Ballons, zu Hodensäcken und erigierten Penisformen. Alles gleicht auch exotischen Pflanzenauswüchsen, unter der Blüten- oder Fruchthaut riesige Kugeln wie Erbsen, Bohnen, die gleich herauszuplatzen scheinen. ... Alles durchschlingt sich, scheint sich zu streicheln, zu berühren, zu begehren und zu befruchten. Oder aufzufressen und zu verdauen."
Weitere Artikel: Noemi Smolik berichtet im Tagesspiegel von einer sehr versöhnlichen Kunst-Biennale im koreanischen Gwangju. Der Direktor des Frankfurter Städel Museums, Philipp Demandt, erzählt im Interview mit der FAZ, wie er es geschafft hat, den Darmstädter Altar Hans Holbeins von Reinhold Würth für eine Ausstellung im Herbst auszuleihen. Ebenfalls in der FAZ schreibt Eberhard Rathgeb am Beispiel von van Gogh, Matisse und Michelangelo über das mühevolle Üben eines Malers.
Besprochen werden eine Ausstellung der Fotos von Beatle Paul McCartney in der National Portrait Gallery in London (Tsp) und die Ausstellung "Unstable Planetary Spaces" in der Kunsthalle Gießen (FR).
Vieles, was in Museen unter dem Rubrum der "Russischen Avantgarde" gefasst wird, ist gar nicht russisch, lernttazler Robert Schlücker beim Besuch der Ausstellung "Ukrainische Moderne 1900-1930 & Daria Koltsova" im Kölner Museum Ludwig. Doch auch eine einfache Umdeklarierung als Ukrainisch ist kompliziert, erfährt er: "Es geht in Köln um Nuancen. Es geht darum, ukrainische Einflüsse auszuarbeiten und mit einem noch immer auf Russland fokussierten Kanon zu brechen. Und darum, ein durchlässiges Narrativ zu entwickeln, das polnische, jüdische, viele andere kulturelle Impulse auffängt. Man schaut dann auf die lokalen Zentren der ukrainischen Avantgarden, auf das Kunstinstitut in Kyjiw, die Szene in Charkiw. Eine Umschreibung der Kunstgeschichte einer ukrainischen Moderne beginnt mit einer Blickverschiebung, unter anderem auf einstige blinde Flecken."
George Hendrik Breitner: Die Singelbrücke bei der Paleisstraat in Amsterdam, 1898, Rijksmuseum, Amsterdam, Nachlass Herr und Frau Drucker-Fraser, Montreux.
Im Tagesspiegelempfiehlt ein begeisterter Bernhard Schulz wärmstens die Ausstellung "Wolken und Licht. Impressionismus in Holland" im Potsdamer Museum Barberini. Die Gemälde "markieren einen Höhepunkt in der Wiedergabe der Realität und ihrer Verdichtung zum Nationalstil, ehe sich das künstlerische Sensorium davon zu entfernen beginnt und in andere Sphären vordringt, dabei sich in unterschiedliche und miteinander nicht mehr verbundene Richtungen aufsplitternd. Diese Grundbewegung der Moderne zeigt die Potsdamer Ausstellung am Beispiel Hollands, und sie bedeutet nichts weniger als eine großartige und längst überfällige Entdeckung." Stefan Hochgesand stimmt in der Berliner Zeitung in den Lobgesang ein, er packt schon mal die Koffer für einen ausgedehnten Kunst-Urlaub: "Die Barberini-Ausstellung 'Wolken und Licht' macht sehr viel Lust, in die Niederlande zu fahren. Dem Chefkurator Michael Philipp ist ein Coup geglückt; man kann nur staunen, wie er die Museen in den Niederlanden überzeugen konnte, manche ihrer Säle zu leeren und ihre Schätze nach Potsdam zu verschiffen. Manches lässt sich aber gar nicht transportieren" Für diese Fälle empfiehlt er den Besuch insbesondere des Depot Museums Boijmans Van Beuningen in Rotterdam. "Es handelt sich um das seit 2021 weltweit erste für Besucher zugängliche Kunstdepot. Ausdrücklich kein Museum, sondern ein wildes, abenteuerliches Sammelsurium. Touren sind heißbegehrt und lohnen sich unbedingt: Zu den 150.000 gelagerten Werken zählen Midcentury-Möbel genau so wie Meisterwerke aus Renaissance und Impressionismus."
Weiteres: Zasha Colah wird Kuratorin der 13. Berlin-Biennale 2025, freut sich die FR. Das Amsterdamer Rijksmuseum will erste Objekte mit Kolonialgeschichte restituieren, meldet die FAZ.
Ragnar Kjartansson, Ausstellungsfoto. Kommissioneret af Louisiana Museum of Modern Art, Humlebæk (C) Ragnar Kjartansson. Foto: Louisiana - Poul Buchard / Brøndum & Co.
Thomas Steinfeld ist für die SZ ins Louisiana-Museum in Kopenhagen gereist und findet das Glück in einer Ausstellung des singenden isländischen Künstlers Ragnar Kjartansson: "Alle künstlerischen Werke Ragnar Kjartanssons sind Werke der Wiederholung. Ganz oberflächlich betrachtet, könnte man viele von ihnen für kulturkritische Arbeiten halten: Je häufiger dieselbe Szene zu sehen ist, desto mehr erscheint sie als etwas Gemachtes, Einstudiertes und allein auf seine Wirkung Berechnetes. Tatsächlich aber entwirft Kjartansson in seinen Bildern eine Philosophie der abgründigen Art. Denn in der Wiederholung wird nicht nur die Erinnerung geschaffen, das Band, das einen Menschen mit seiner Vergangenheit verknüpft. Vielmehr entsteht auch Gemeinschaft erst durch die Wiederholung, durch den kollektiven Bezug auf wiederkehrende Ereignisse."
Martha Rosler, Cargo Cult, 1966
Feinste Politkunst findet Lisa Berins in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, die eine Ausstellung der amerikanischen Künstlerin Martha Rosler präsentiert: "Sie ist ein geschickt inszenierter Rundumblick geworden, der zur Vertiefung einlädt; in das explizite und radikale Werk Roslers, in die brennend aktuellen und zugleich immer wieder erschreckend zeitlosen Themen: Krieg, Macht, soziale Ungerechtigkeit - mitsamt ihren fatalen Folgen. Rosler ist eine präzise Beobachterin, ihr Blick durchdringt Fassaden. ... Immer wieder setzt sich Rosler kritisch mit der Rolle der Frau in einem patriarchalen System auseinander, mit dem gesellschaftlichen, männlich dominierten Blick auf sie und ihren Körper. Eine ihrer ersten feministischen Arbeiten ist die ab 1966 entstandene Serie 'Body Beautiful, or Beauty Knows No Pain'. Dafür schnitt Rosler Abbildungen weiblicher Körper aus Mode- und Erotikmagazinen aus und montierte sie in einen neuen Kontext. Fragmente des weiblichen Körpers erscheinen dort als Überspitzung des sexualisierenden und objektivierenden Blicks in surrealen, abstrusen, auch ironischen Szenen."
Paul Ingendaay (FAZ) hörte zu, als J.M. Coetzee im Prado über einige der Werke dort sprach: "Vor dem heiligen Hieronymus von Georges de la Tour (1627-29) fragt Coetzee: Können wir dieses Bild in Sprache übersetzen, sodass die Wörter an die Stelle des Gemäldes treten? Seine Antwort: Nein, denn das wäre nur Ersatz. Ist die Sprache der Bilder, so fragt er weiter, deshalb die Sprache der Wahrheit? Ebenfalls nein. 'Unter Umständen', sagt Coetzee, 'kann das Bild falscher sein als Sprache.' Ein paar Minuten lang wechseln sich die an die Wand geworfenen Bilder ab, und das Publikum darf in der noblen Unergründlichkeit von Weltklassemalerei schwelgen."
Weitere Artikel: Maxi Broecking berichtet in der taz vom FotografiefestivalLes Rencontres in Arles. In der Berliner Zeitungmeldet Ingeborg Ruthe bestürzt, dass sich die Wiener Albertina den Chef der Alten Nationalgalerie, Ralph Gleis, geangelt hat. In der NZZberichtet Marion Löhndorf von der Wiedereröffnung der renovierten National Portrait Gallery in London.
Andreas Kilb hat für die FAZ die Ausstellung "Schlösser. Preußen. Kolonial" im Schloss Charlottenburg besucht, in der sich die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg mit ihrer kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen will, und findet, dass hier die Chance auf eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Thema verpasst wurde. Ein Beispiel ist der Lebenslauf des nubischen Kammerdieners August Albrecht Sabac el Cher, den Albrecht von Preußens vom osmanischen Vizekönig in Ägypten geschenkt bekommen hatte. Er wird, "nur bruchstückhaft nacherzählt... Der Nubier, heißt es knapp, sei nie in sein Heimatland zurückgekehrt und habe in Preußen 'ein Kostüm' tragen müssen, dessen ursprüngliche 'soziologische Bedeutung' durch den orientalisierenden Blick auf außereuropäische Gesellschaften ersetzt worden sei. Keine Erläuterung gibt die Präsentation im Charlottenburger Schloss dagegen zu der Frage, wie sich Sabac El Chers Jahresgehalt von 600 Goldmark beispielsweise zum Einkommen eines preußischen Finanzbeamten, Schullehrers oder Oberförsters verhielt. Schon zweihundert Jahre zuvor hatte ein schwarzer Diener Friedrichs I. jährlich 500 Taler verdient, so dass er sich einen eigenen Diener leisten konnte." Gemessen an "der leibeigenen Bevölkerungsmehrheit" in Preußen ging es ihnen verhältnismäßig gut, so Kilb. In der Berliner Zeitungfindet Maritta Adam-Tkalec die Ausstellung notwendig, betrachtet sie aber sehr kritisch. Vor allem amüsiert sie sich über die verdruckste Sprache, der man die Angst anmerkt, jemand könne sich beleidigt fühlen: "Für das nicht mit dem einschlägigen Blasen-Sprech vertraute Publikum bringt das Verständnisprobleme mit sich."
"Ich halte doch nicht die Luft an". Foto: Cornelia Schleime. Zum siebzigsten Geburtstag der Künstlerin Cornelia Schleime zeigen die Städtische Galerie und das Albertinum in Dresden eine Auswahl ihrer Werke, freut sich Andreas Platthaus in der SZ: "Es war immer ein Grundzug ihres Schaffens, vertraute Bilder aufzubrechen, und so gibt es unter den gezeigten Gemälden etwa auch das fulminante "Selbstbildnis als Schaf", das dem Körper einer im Habitus selbstbewussten Frau einen überdimensionalen Schafskopf aufsetzt - als Irritation und Ironie gleichermaßen. Fast ausnahmslos Frauen zeigen die Bilder, nicht wenige die Künstlerin selbst, und der Gestus reicht dabei von der Ästhetik der Neuen Wilden bis zur Klassikerparaphrase im Selbstbildnis "Aus Trotz", das Schleimes Kopf im Stil des Goldenen Zeitalters hinter einer tatsächlich goldenen Kuppel zeigt - der markanten des Ausstellungsgebäudes der Dresdner Akademie an der Brühlschen Terrasse."
Ein Jahr lang hat Marina Abramović 24 Studenten aus unterschiedlichen Fachbereichen der Folkwang Universität im "Free Interdisciplinary Performance Lab" der Universität unterrichtet. Das Ergebnis kann man jetzt in 23 sechsstündigen Performances begutachten. FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster ist schon mal ziemlich beeindruckt. Was ihr "im Gang durch die Ausstellung klar wird, ist, dass die Künstlerin eine ausgezeichnete Lehrerin sein muss. Nirgends hat man das Gefühl, jemand sei zu nah am Vorbild. Schon die Inszenierungen sind ganz unterschiedlich angelegt. Einige ziehen sich hinter Glasscheiben zurück oder auf Flächen, deren Betreten dem Publikum explizit untersagt ist. Der Musiker Jakob Jentgens etwa nutzt einen gartenähnlichen Innenhof. Mit einem selbst geflochtenen Kranz aus Blüten und Blättern im Haar und einem langen, beigefarbenen Rock bekleidet, spielt er Saxophon. Über ein altes Bakelit-Telefon im Museum können die Betrachter die Performance mit dem Titel 'Entering' beeinflussen, sich Melodien, Stimmungen oder anderes wünschen."
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