Sarah Sasani: Monotony. Bild: Willy-Brandt-Haus Die iranische Protestbewegung ist aus unseren Nachrichten verschwunden, weil es keine Bilder mehr gibt, weiß Gunda Bartels im Tagesspiegel. Auch die Ausstellung "Iran inside out" im Berliner Willy-Brandt-Haus muss ohne aktuelle Arbeiten auskommen, aber das nimmt der Schau nichts von ihrer Brisanz, versichert Bartels: "Die Serie 'Monotony' (2021) von Sarah Sasani, die im Iran lebt, lässt an gesellschaftskritischer Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Sasani setzt sich mit der Rolle der Frau und der Definition ihres Körpers im Land auseinander. Ihre in entsättigten Farben inszenierten Szenen von Müttern und Ehefrauen, die Einkaufstüten schleppen, im Auto auf dem Beifahrersitz hocken oder am Herd stehen und dem am Tisch sitzenden kleinen Sohn aufwarten, sind Verzweiflungsmotive des Hausfrauenlebens. Was die Erdhaufen noch verstärken, in denen die Füße der in bleiernen Rollenklischees gefangenen Frauen stecken."
Rosalba Carriera: Caterina Sagredo Barbarigo, um 1735/40. Bilde: Gemäldegalerie Dresden taz-Kritikerin Renata Stih reist zur nach Dresden, um sich in der Gemäldegalerie die "fulminante" Schau zu Rosalba Carriera anzusehen, die im Venedig des 18. Jahrhunderts eine begehrte Porträtmalerei war, war man auch in ihrem Selbstporträt sieht: "Die farbliche Dichte, die Pudrigkeit - Carrieras Pastellmalerei muss noch 150 Jahre später auch Impressionisten wie Auguste Renoir beeindruckt haben. Wie schwierig die Restaurierung ihrer fragilen Werke ist, wird in Dresden anhand von zwei stark beschädigten Bildern vermittelt. Ebenso werden die langwierige Herstellung von Pastellfarben und die damit verbundenen Maltechniken erklärt. Diese waren gar nicht weit entfernt von der Mode des 18. Jahrhunderts, wie in der Schau zu sehen ist. Denn die kreidig-cremige Oberfläche der Pastelle entsprach dem Schönheitsideal des Rokoko, den makellosen, blass rosa geschminkten Gesichtern mit viel Wangenrouge, den gepuderten Haaren und gelockten Perücken."
Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Hochsicherheitsgesellschaft" der amerikanischen Künstlerin Julia Scher im Museum Abteiberg in Mönchengladbach (FAZ).
Außerdem: Seit März steht das Gremium fest, dass die Leitung der nächsten Documenta auswählen soll. Aber erst vor Kurzem wurde bekannt, dass die Leitung des vergangenen Jahres "unter einer strikten Auflage" beauftragt wurde, die neue Kommission zusammenzustellen, meldet Jörg Häntzschel in der SZ: "'Es sei der "Wunsch der Gesellschafter' - das Land Hessen und die Stadt Kassel - gewesen, eine 'erneuteBDS-Debatte' zu vermeiden. Diesen Wunsch hätten sie akzeptiert." Die 13. Berlin Biennale wird überraschenderweise um ein Jahr verschoben. Im Monopol-Magazin recherchiert Elke Buhr, dass bis vor kurzem offenbar der junge indische Kurator Abhijan Toto als künstlerischer Leiter im Gespräch war: "Bis Mitte Februar auf dem Instagram-Kanal des ebenfalls aus Indien stammenden queeren Kollektivs Party Office, bekannt auch von der Documenta Fifteen, ein 'öffentliches Statement zu einer Vergewaltigung, begangen von Abhijan Toto' veröffentlicht wurde." Anlässlich der ab August im Kunstmuseum Winterthur/ Reinhart am Stadtgarten stattfindenden Ausstellung "Caspar David Friedrich und die Vorboten der Romantik" unterzieht Franz Zelger in der NZZ Friedrichs "Kreidefelsen auf Rügen" einer genauen Analyse der Symbolik. Für die FAS trifft sich Annabelle Hirsch mit der Schauspielerin und Malerin Charlotte Rampling, deren Bilder aktuell im Pariser Musée d'art moderne de la Ville de Paris in der Gruppenausstellung "Mondes parallèles" zu sehen sind.
Auch die Kunstszene Russlands bleibt von den Repressionen des Regimes nicht verschont: Doch während die Moskauer Museen schon beinahe vollständig auf Linie gebracht sind, regt sich in den Provinzen bisweilen subversiver Widerstand, berichtet Kerstin Holm in der FAZ über das Myra Zentrum (Website leider nur auf Russisch). "Der Selbstverwandlungskünstler und Bildhauer Andrey Bartenev hat in Susdal ein russisches Holzhaus als Galerieraum 'Schachtel' (Larez) hergerichtet. Alles was er tue, diene der Aufklärung und dem Aufbau, erklärt Bartenev der FAZ, nachdem er bei der jüngsten Vernissage dort punkig-witzige Arbeiten zeigte - eine aufblasbare Katze als Sessel, einen tanzenden Puma - und selbst als Rüschenmonster auftrat. Die Leute seien ungeheuer dankbar, sagt er, für jeden Ausdruck von Lebensfreude und Güte." Eine andere Kuratorin sei "in eine monatelange Depression verfallen. Doch dann habe sie sich gesagt, dass es anderen noch schlechter gehe. Sie beherzige das Rezept iranischer Künstlerfreunde, sich auf die Arbeit mit Freunden zu konzentrieren, denen man vertraue, und die die eigenen Werte teilten."
Weiteres: In der FRfragt Björn Hayer: Wieviel Moral verträgt die Kunst? Mit einigen Werken von Judit Reigl in der Ausstellung "Kraftfelder" erhöht die Neue Nationalgalerie den Anteil von Künstlerinnen in ihren Reihen, erkennt der Tagesspiegel an. Nachdem er bislang Chef des Weltmuseums war, wird der Amerikaner Jonathan Fine ab 2025 Leiter des Kunsthistorischen Museums Wien, melden monopol, Standard und FR.
Besprochen werden die Ausstellung "Hervé Guibert - This and More" in den Kunst-Werken in Berlin (FAZ) und eine Ausstellung mit Bildern von Vija Celmins und Gerhard Richter in der Hamburger Kunsthalle ("ein Glücksfall", begeistert sich Alexandra Wach in der FAZ).
Und da dachte man, es gebe sie erst seit dem 19. Jahrhundert: Archäologen haben in Pompeji ein 2000 Jahre altes Wandbild mit Pizza gefunden. Mit süßem Belag. "Noch etwas Geduld, und beim Italiener um die Ecke steht eine 'Pizza Pompeji' auf der Speisekarte: mit Datteln und Granatapfel und ohne Oberhitze vom Vesuv hoffentlich nicht gar zu angebrannt", freut sich schon Dirk Schümer in der Welt. Jan Feddersen besucht in Salzburg für die taz das Museum Kunst der verlorenen Generation: Es sammelt Werke von Künstlern, die im Nationalsozialismus verfemt wurden, aber auch danach im Ausstellungsbetrieb nicht Fuß fassen konnten. Sabine Weier unterhält sich für die taz mit der Künstlerin Małgorzata Mirga-Tas über die Kultur der Roma und die Ausstellung ihrer Textilcollagen im Brücke Museum in Berlin. Hans-Christian Rößler besucht für die FAZ in Madrid die frisch renovierte "Galerie der königlichen Sammlungen".
Besprochen werden die zwölf Skulpturen von Ugo Rondinone im Schirn Garten (FR), Corinna Belz' Filmporträt der Künstlers Thomas Schütte (taz), eine Ausstellung über Kreativität im Literaturhaus München (FAZ) und die Ausstellung "Plastic World" im Schirn Museum in Frankfurt (Zeit).
Jesse Krimes, "Marion" (2021), antiker Quilt, gebrauchte Kleidung, die von inhaftierten Personen gesammelt wurde, verschiedene Textilien. Foto: Sebastian Bach (Ausschnitt). Hyperallergic-Kritiker Seph Rodney kommt sehr nachdenklich aus der Ausstellung "No Justice without Love" der Ford Foundation in New York. Hier zeigt die Stiftung "Artists for Justice" Werke, die die Situation von Strafgefangenen thematisiert. Die Ausstellung verlangt ihren Besuchern mehr ab als andere, findet Rodney: "Eines der provokantesten Werke ist für mich 'The Writing on the Wall', das die gesamte Rückwand bedeckt und aus Essays, Gedichten, Briefen, Geschichten, Diagrammen und Notizen besteht, die von Menschen in Gefängnissen auf der ganzen Welt geschrieben wurden. Das Werk, eine Zusammenarbeit zwischen Dr. Baz Dreisinger, dem Künstler Hank Willis Thomas und mehreren Design- und Produktionspartnern, wurde vor Jahren in der High Line installiert und nahm dort die Form einer Gefängniszelle an, die von innen und außen mit dem Text bedeckt war. Hier hat sie sich in einen Text verwandelt, der sich fast ins Unendliche fortsetzt und etwas über die Reichweite der Inhaftierung aussagt. Daneben befindet sich eine Call-and-Response-Wand, die von der Kuratorin initiiert wurde, um zu zeigen, wie sie die Organisation dieser Ausstellung in Gang gesetzt hat. Diese Wand, zu der auch ein digitales Online-Repository gehört, begann damit, dass Desrosiers Künstler und Inhaftierte ansprach und sie aufforderte, ihre Geschichten zu erzählen und andere mitzubringen."
Weiteres: Jens Uthoff berichtet in der taz über zwei Ausstellungen afghanischer und iranischer Künstlerinnen im Offenen Atelier in Hamburg und Online (Hope in darkness). Welt-Kritiker Jan Grossarth hat sich im Archiv des Historischen Museum Frankfurt umgeschaut, in dem über 300 Objekte lagern, die von der Corona-Pandemie zeugen. Andreas Platthaus streift für die FAZ durch die Große Galerie des Louvre und bewundert sechzig berühmte Gemälde, die aus dem neapolitanischen Museo de Capodimonte entliehen wurden. Besprochen wird die Ausstellung "Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann" in der Alten Nationalgalerie Berlin (monopol).
"The 47 Most Wanted Foremothers". Foto: Kunsthaus Hamburg. Taz-Kritiker Florian Lehmann hat im Kunsthaus Hamburg die Ausstellung "Speaking back. Decolonizing nordic narratives" besucht, die sich mit dem indigenen Volk der Samen und der Teilung ihres Siedlungsgebiets Sápmi auseinandersetzt. Denn auch im globalen Norden wurde kolonisiert, erinnert der Kritiker, Mitte des 19. Jahrhunderts verbot Norwegen die samische Sprache und Kultur. Beeindruckt ist der Kritiker unter anderem von der Arbeit "The 47 Most Wanted Foremothers", mit der die Künstlerin Outi Pieski und die Archäologin Eeva-Kristiina Nylander samische Traditionen wiederaufleben lassen wollen. Die Fotoarbeit "tut das geradezu verspielt und in starker Anlehnung an Pop-Art. Die unabgeschlossene Arbeit zeigt auf 48 C-Prints Exemplare der FrauenkopfbedeckungLádjogahpir, die bis Ende des 19. Jahrhunderts von Samen in Norwegen und Finnland getragen wurde. Wie auf Andy Warhols Marylin-Monroe-Porträts sind die hochaufragenden und reich verzierten Kappen vor grelle monochrome Hintergründe gestellt. Anders jedoch als bei Warhol handelt es sich nicht um farbliche Varianten der selben Abbildung, sondern um Fotos individuell gefertigter Einzelstücke. Angaben zur Provenienz jeder Kopfbedeckung betonen den dokumentarischen Charakter der Serie. Die fotografische Wiederaneignung ist für die Künstlerin Pieski und die Archäologin Eeva-Kristiina Nylander Teil einer feministischen Praxis, die mit der Forschung zu Herstellungstechniken und Gestaltungsformen einhergeht."
Weitere Artikel: Boris Pofalla besucht für die Welt das Museum des gerade verstorbenen norwegischen Reederei-Erben und Kunstsammlers Hans Rasmus Astrup in Oslo. Und Marcus Woeller war für die Welt dabei, als ein der Ukraine gewidmetes John-F.-Kennedy-Porträt des Künstlers Shepard Fairey in Berlin enthüllt wurde.
Besprochen werden außerdem die Andrea-Büttner-Ausstellung "Der Kern der Verhältnisse" im Kunstmuseum Basel (SZ), die Ulrike-Rosenbach-Retrospektive "Heute ist morgen" im ZKM Karlsruhe (taz), sowie die Ausstellungen "Women at work" im Technischen Museum Wien (tsp), "Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FR) und "Manet - Degas" im Musée d'Orsay in Paris (FAZ).
Holly Zausner: Still aus ihrem Film Second Breath. Bild: Hamburger Bahnhof Der Hamburger Bahnhof präsentiert seine neue Dauerausstellung mit Kunst der Gegenwart aus und über Berlin. Schlüssig und wertvoll findet FAZ-Kritiker Andreas Kilb dieses Geschichtspanorama, das mit Werken von Sigmar Polke, Katharina Sieverding, Anselm Kiefer, Jannis Kounellis, Rebecca Horn, Barbara Klemm und Sibylle Bergemann aufgespannt wird. Aber dass er dann auch noch im internationalen Part zwischen Mona Hatoum, Sophie Calle und Kader Attia echte Entdeckungen machen kann, haut ihn um: "Die in Addis Abeba geborene Julie Mehretu hat Hunderte Zeichnungen von existierenden und verlorenen Berliner Gebäuden zu einer überwältigenden Fassadensymphonie überblendet. Ihr Bild 'Berliner Plätze' von 2009 ist wie ein grauweißes Memento mori für eine Stadt, die in den letzten hundert Jahren mehr Zerstörung und Neubau erlebt hat als in tausend Jahren zuvor."
Tuli Mekondjo: Ovadali vounona (Birthers of children), 2023. Foto: Laura Fiorio/HKW Die Kunst, die das Haus der Kulturen der Welt zur seiner Eröffnungsausstellung "O Quilombismo" zeigt, findet Rüdiger Schaper im Tagesspiegel wirklich großartig, kraftvoll und absolut sehenswert. Nur ihre Präsentation weckt bei ihm Beißreflexe: "Da werden irgendwie auch schon wieder Zäune gebaut. In den Ausstellungsräumen wird auf Beschriftung verzichtet. Die Arbeiten hängen ohne Namen. Die Informationen können über einen QR-Code bezogen werden. Oder man hat ein Begleitbuch. Dort ist zu lesen, worum es geht: um eine Bühne, 'die die Faktoren race, Wirtschaft, Geschlecht, Gender, Gesellschaft, Religion, Politik, Justiz, Bildung und Kultur berücksichtigt' und, so schließt Bonaventures Einführung, 'alle Ausdrucksformen des gesellschaftlichen Lebens sowie alle Ebenen der Macht in öffentlichen und privaten Institutionen einbezieht'. Das sind umfassende, wenn nicht totalitäre Ansprüche, die jedes Kunstwerk erdrücken und fast schon ein wenig inquisitorisch befragen. Es sind gleichzeitig deutliche Signale, die hier ausgesendet werden. Das HKW sieht sich auf der Seite der Guten."
Weiteres: In der FAZ begrüßt Gina Thomas zudem die gründliche Renovierung der Londoner National Portrait Gallery, die sich endlich zur Stadt hin öffne: "Früher war es beim Betreten der National Portrait Gallery, als sei man von der benachbarten National Gallery zum Lieferanteneingang geschickt worden."
Bild: Matthew Niederhauser/Marc da Costa: "Parallels" LED wall, camera, environmental sensors, and machine learning model. Unter dem Titel "Plasmata II" fand bereits die zweite von der Onassis Stegi Foundation produzierte Ausstellung in der nordgriechischen Stadt Ioannina statt - und Monopol-Kritikerin Eva Scharrer staunt, wie gut Natur und (digitale) Technologie in einigen Werken ineinandergreifen: "So lässt etwa der in Berlin lebende Künstler Matthias Fritsch mit Hilfe lokaler Fachleute in einem Innenraum der Festungsmauer ein 'Mycelium-Network' entstehen, eine lebende Skulptur aus verschiedenen, sich über die Dauer der Ausstellung verändernden und vermehrenden Pilzkulturen. (…) "Die 'moiroloi', die vielstimmige Klage der Menschen von Epirus, sind … Inhalt der ortsspezifischen Klanginstallation 'The Passing' von Maenads, die am Ende des Parcours im tunnelgleichen Südtor der Burg von Ioannina installiert ist: Ein vielstimmiger Chor menschlicher und nicht-menschlicher Klagen wird hier zum subversiven Akt, der dem eurozentrischen Individualismus eine radikal pluralistische Kollektivität gegenüberstellt - auch diese wurde von einer KI generiert. Angesichts der Tragödie, die sich nur wenige Tage vor der Eröffnung vor der Küste des Peleponnes abgespielt hatte, bekommt die Arbeit nochmals eine andere Schwere."
Neun Monate nachdem Ann Demeester die Leitung des Zürcher Kunsthauses übernommen hat, horcht Isabel Pfaff für die SZ nach, wie es mit dem angekündigten Richtungswechsel im Umgang mit NS-Raubkunst klappt. Seit März ist bereits nicht mehr von der Unterteilung von Raub- und Fluchtgut die Rede, sondern es gibt nur noch die Kategorie der "NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgüter". Ab November sollen nun auch "die Bührle-Werke der Öffentlichkeit neu präsentiert werden - diesmal nach einem Konzept der Kunsthaus-Leitung und nicht, wie vorher, kuratiert von der Bührle-Stiftung. Man wolle die Sammlung 'in einen größeren gesellschaftspolitischen Zusammenhang' stellen. 'Polyphonie und Dialog' seien das Ziel, dafür will das Museum nicht nur die Kunstwerke und deren Kontext zeigen, sondern auch auf konkrete Schicksalen von ehemaligen Eigentümerinnen und Eigentümern eingehen." Offen ist noch, was die Kunstgesellschaft machen wird, wenn sich der Raubkunst-Verdacht bei einem Bührle-Werk bestätigt, so Pfaff.
Außerdem: In der FRresümiert Stefan Scholl den "Kulturkampf", der in Russland um Andrej Rubljows "Dreifaltigkeit", eine der ältesten und berühmtesten Ikonen Russlands, die auf Geheiß Wladimir Putins aus der Staatlichen Tretjakow-Galerie in die Erlöserkathedrale gebracht wurde, ausgebrochen ist: "Aus der Fachwelt gab es entsetzte Reaktionen. Vor allem der Restaurationsrat der Staatlichen Tretjakow-Galerie, wo Russlands moralisch gewichtigste Antiquität seit 1929 hängt. Das 27,3 Kilo schwere, 141,5 Zentimeter hohe, 114 Zentimeter breite Kunstwerk aus mit Temperafarben bemaltem Lindenholz gilt als schadhaft." Ebenfalls in der FRfeiert Ingeborg Ruthe die Wiedereröffnung der generalsanierten Kunsthalle Rostock. Die Berlin-Biennale wurde auf das Jahr 2025 verschoben, ein Kurator wurde auch noch nicht gefunden, meldet Laura Helena Würth in der FAS und fragt nach dem Documenta-Debakel: "Ist … das Kuratieren einer Großausstellung mittlerweile eher Endpunkt einer Karriere als deren Anfangs- oder Höhepunkt?" Für die Welt porträtiert Swantje Karich die Pariser Künstlerin Camille Henrot.
Besprochen werden die Ausstellung "Kirchner, Pechstein, Werefkin - Meisterwerke aus der Sammlung Peltzer" im noch nicht komplett wiedereröffneten Prinzenpalais des Residenzschlosses Altenburg (FAZ) und die Ausstellung "Secessionen. Klimt, Stuck, Liebermann" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (Berliner Zeitung). Tagesspiegel und Berliner Zeitung fassen die Highlights des Berliner Festivals "48 Stunden Neukölln" zusammen.
Die Konferenz von Bandung 1955 war für Dekolonialisierungsbestrebungen entscheidend. Dass ihr der Berliner Martin-Gropius-Bau mit "Spectres of Bandung" eine von Philippe Pirotte kuratierte Ausstellung widmen wollte, findet Katrin Sohns im Tagesspiegel eigentlich sehr gut. Dass die Verantwortlichen Matthias Pees und Jenny Schlenzka die Ausstellung jetzt erst einmal verschoben haben, kann sie nach der Documenta-Debatte zwar nachvollziehen - "zu präsent ist die Angst vor einer weiteren Eskalation" -, aber ein bisschen kleinmütig kommt ihr das doch vor: Bei der Documenta sei der Kontrollverlust durch das große Kuratorenkollektiv vorprogrammiert gewesen. Die geplante Ausstellung im Gropius-Bau, meint sie, wird jedoch "von einem dreiköpfigen Kuratorenteam konzipiert, zwei von ihnen haben in Deutschland gelebt. Alle drei haben die Debatte um die Documenta eng verfolgt. ... Pirotte und seine beiden Mitstreiterinnen werden nicht leichtfertig an dem Konzept der Ausstellung festgehalten haben. Vielmehr werden sie, gerade nach dieser Eskalation, dieses mit viel Sorgfalt weiterentwickelt haben, wahrscheinlich getragen von der Hoffnung, das Narrativ und den Blick wieder etwas zu weiten, vielleicht sogar die verhärteten Fronten aufzubrechen."
Sorry. Foto: Joanna Rajkowska.
"Sorry" von Joanna Rajkowska ist ein echtes Ereignis, meint Uwe Rada in der taz: Die Betonmauern, die das titelgebende Wort bilden, sind zunächst in Poznan aufgestellt gewesen und kommen jetzt nach Frankfurt/Oder, um den "irritierenden Raum zwischen Entschuldigung und Wegschauen" auszuloten, der sich in Grenzregionen öffnet. Diese Installation zwingt dazu, sich mit dem Schicksal all jener zu befassen, die die Grenzen und Hindernisse nicht überwinden können, so Rada: "Tatsächlich waren es die unmenschlichen Szenen an der polnischen Grenze zu Belarus, die Joanna Rajkowska zu ihrem Kunstwerk bewegt haben: Der Bau eines Grenzzauns, die Pushbacks, die Verzweiflung der Migrantinnen und Migranten, die zum Spielball des belarussischen Diktators Lukaschenko und des EU-Grenzschutzes wurden. 'Sorry' wurde aus dem Gefühl geboren, dass wir als Gesellschaft seit der Zeit des Holocaust keinen schwierigeren Moment hinsichtlich unserer Verantwortung und Solidarität durchlebt haben', schreibt Rajkowska auf ihrer Website."
Valie Export: Asemie. Die Unfähigkeit, sich durch Mienenspiel ausdrücken zu können. Bildrechte: Valie Export.
Dass es auch bei einer der wichtigsten Gegenwartskünstlerinnen Österreichs, Valie Export, und ihrem Werk noch Neues zu entdecken gibt, kann Katharina Rustler vom Standard in der ersten großen Soloausstellung der Künstlerin in der Wiener Albertina sehen. Radikal körperlich wirken die Exponate auf sie: "Darin steht der weibliche Körper im Zentrum, den Valie Export in vielen ihrer Werke als Leinwand, Repräsentationsfläche und künstlerisches Mittel nutzte. Sie schrieb ihn in den öffentlichen Raum ein, lieferte ihn fremdem Publikum aus und fügte ihm bewusst Schmerzen zu." Besonders im Gedächtnis bleibt die Performance "Asemie", dabei "überzog Export 1973 zuerst einen Kanarienvogel mit heißem Wachs und anschließend ihre eigenen Hände und Füße. Mit einem Messer im Mund konnte sie sich aus dem festgewordenen Material befreien"
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Plastic World" in der Frankfurter Schirn Kunsthalle (taz, FAZ) und Franco Tripolis "Pittura e Sculptura" in der Frankfurter Westend Galerie (FAZ).
Plastik, das weiß inzwischen jeder, ist umweltschädlich. Aber es gab mal eine Zeit, in der Künstler dieses Material höchst anregend und befreiend fanden, wie man derzeit in der Schirn Kunsthalle in Frankfurt sehen kann. Und Künstlerinnen arbeiteten "noch radikaler mit dem neuen Material als ihre männlichen Kollegen", erzählt Lisa Berin in der FR. "Sie waren ganz frei von Konventionen, denn für sie interessierte sich sowieso niemand, erklärt sich die Kuratorin den gewagten Griff zum neuen Material. 'Femme' von Nicola L aus dem Jahr 1968 ist ein gutes Beispiel: Auf einem plastiküberzogenen Sitzteil türmt sich der in Einzelteile zerlegte Körper einer Frau - Arme, Beine, Füße, Hände und Kopf als Kissen in ebenfalls abwaschbarer, glänzender Plastik-Ästhetik. Kiki Kogelnik zeichnete die Körper männlicher Kollegen nach, schnitt sie in Plastikfolie aus und hängte sie an Bügeln wie abgestreifte Häute auf."
In der Zeit blickt Hanno Rauterberg auf das Phänomen Ragnar Kjartansson, einen fülligen, mittelalten isländischen Künstler, der gern nackt in der Badewanne gefühlvolle Lieder singt, bis er heult. Auf ihn "können sich gerade so gut wie alle einigen. Weil er nicht abgeklärt ist wie viele andere Künstler, nicht cool, nicht zynisch. Weil er sich an die großen Gefühle heranwagt. An die innere Dunkelheit. Und weil es sonst in der Kunstwelt keinen anderen gibt, der so tiefmelancholisch und zugleich gewitzt von seiner Trauer erzählt, dem Schmerz, der totalen Vergeblichkeit. ... Wer sich auf Kjartanssons Video einlässt, das gerade mit vielen weiteren seiner Werke in Kopenhagen gezeigt wird, ist verblüfft über den enormen Sog, den es erzeugt. Draußen vor dem Museum Louisiana glitzert die Ostsee, ein Frühsommertag. Drinnen, im abgedunkelten Saal, schwelgt der Künstler in Trübsal. Und die Menschen drängt es hinein, wie gebannt harren sie aus, warten auf was auch immer. Eine Stunde lang im Schaumbad mit der Kunst, als könnte es Schöneres nicht geben."
Hier bekommt man einen kleinen Eindruck:
Weitere Artikel: Manuel Brug ärgert sich in der Welt darüber, dass die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, um Geld zu sparen, die Bildergalerieim Potsdamer Park Sanssouci und das Schloss Glienicke in Berlin-Zehlendorf 2024 schließen will: Dann wird auch Caravaggios "Ungläubiger Thomas" weggesperrt sein. Helga Meister unterhält sich für den Tagesspiegel mit Wiebke Siem über deren Ausstellung "Das maximale Minimum" im Kunstmuseum Bonn und den Kunstbetrieb. In 54booksrümpft Johannes Franzen die Nase über das NZZ-Interview mit Neo Rauch (unser Resümee), dessen "weihevolle Beschwörung" des Geniekults ihm ebenso zuwider ist wie Rauchs politische Ansichten.
Besprochen werden die Hugo-van-der-Goes-Ausstellung in der Gemäldegalerie Berlin (NZZ), die Online-Ausstellung "Blicke von Migranten auf ihr Leben in der DDR" des De-Zentralbild-Archivs (BlZ), "Otto - Die Ausstellung", die der Komiker Otto dem Maler Otto zum Fünfundsiebzigsten im Buchheim Museum in Bernried spendiert hat (FAZ) und die von Karina Bisch & Nicolas Chardon kuratierte Jubiläumsschau "Squares and Roses" zum vor vierzig Jahren eröffneten Anbau des Kunstmuseums Bochum (FAZ).
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