Anders als viele meinen, war
Putin auch um 2000 keineswegs liberal, schon 2002 ließ er im großen Stil Bücher verbieten, schreibt der im Exil lebende
Schriftsteller Viktor Jerofejew in der
FAZ. Heutzutage ist Putin nur einfach noch autoritärer geworden und hat die Invasion der Ukraine dazu genutzt, seine Macht vollends autokratisch umzubauen. Und erneut sind dabei Bücher im Visier: Im Mai 2025 gab es erneut von Buchgroßhändlern durchgereichte Anweisungen, welche Bücher aus dem Sortiment zu nehmen und zu vernichten seien, darunter auch Bücher von Jerofejew selbst. "Nun ist die Zeit gekommen, um die unabhängige Kultur
in allen ihren Formen zu vernichten: Kino, Theater, Musik und schließlich die Literatur. ... Verleger, Verkäufer in Buchläden, Bibliothekare riskieren
Repressionen bis hin zu Strafverfahren und Haft. Als
schädliche Bücher gelten alle Werke, in denen das Thema
LGBT erwähnt wird - das kommt alles in die Tonne. Als schädliche Bücher gelten jene Bücher, die auf die eine oder andere Weise die Handlungen der Herrschenden im Kreml und in der Armee im Besonderen infrage stellen. Als schädliche Bücher gelten auch jene Texte, die die kulturelle Geschichte Russlands frei interpretieren."
Gertrud Leutenegger ist im Alter von 76 Jahre gestorben. Jahrzehntelang war sie Suhrkamp-Autorin, 2015 sogar gleichzeitig für den Deutschen und den Schweizer Buchpreis nominiert,
schreibt Sieglinde Geisel in der FAZ. Der große Durchbruch im Betrieb war der Schweizer
Schriftstellerin indessen, trotz zahlreichen Auszeichnungen, darunter der Bachmannpreis 1978, nicht vergönnt. Ihre "lyrisch gefärbte Prosa erwies sich als nicht marktgängig. Kaum je wird die Erzählung von einer Handlung vorangetrieben, denn letztlich handelt es sich um Bewusstseinsromane. In ihrer Prosa begegnet man einem
staunenden,
forschenden Ich. Diese Erzählerin, der nichts selbstverständlich ist, erscheint über das gesamte Werk hinweg als eine in vieler Hinsicht durchgängige Figur." Ihr "Schreibprojekt war eins der
Extreme, wenn auch unter Tarnung. ... Sie habe den Roman neu erfinden wollen:
schlanker, luzider,
politischer. Es lohnt sich, ihr Werk unter diesem Blickwinkel noch einmal neu zu lesen."
"Ihr Werk wollte von einer Nichtigkeit des Ichs nichts wissen",
schreibt Paul Jandl in der
NZZ. Leutenegger "war
keine Autorin der Eindeutigkeit. Ihre Literatur war voller Kippbilder. 'Ein Gleiten, ein Verlagern ist alles', heißt es einmal bei ihr. Stilistisch hat sie diesen Effekt virtuos beherrscht. An ihren atmosphärischen Bildern, die immer auch
Skizzen von Seelenzuständen waren, konnte man lange hängenbleiben und eine Kunst bewundern, die heute fast schon altmodisch genau wirkt. ... Für Gertrud Leutenegger hat sich die Wirklichkeit nie zu einem geschlossenen System geformt. Ihre Romane und ihre kurze Prosa waren offen für
die Wirklichkeiten des Lesers." Philipp Theisohn
würdigt im
Buchjahr Leutenbergers "Kunst der leisen Worte, die Schärfe ihres Blicks, der
die phantastischen Urgründe der Wirklichkeit so sacht zu bergen wusste".
Weitere Artikel: "Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Buch",
befiehlt die
Schriftstellerin Eva Menasse in einem Essay für den
Standard über Lesen, Leseverhalten und KI. Heike Holdinghausen
resümiert in der
taz das
Nature Writing Festival in Hamburg. Ein online namentlich nicht erwähnter Autor
berichtet (online nachgereicht) in der
Zeit von seiner Reise nach Radebeul zu
Karl Mays Villa Shatterhand.
Mikael Ross' mittlerweile mehrfach ausgezeichneter Comic
"Der verkehrte Himmel" ist nun auch beim Comicfestival München mit dem Peng-Preis ausgezeichnet worden,
meldet Lars von Törne im
Tagesspiegel.
Besprochen werden unter anderem
Ulli Lusts mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichneter Comic "Die Frau als Mensch" (
FR),
Nell Zinks "Sister Europe" (online nachgereicht von der
Zeit),
Didi Drobnas "Ostblockherz" (
Standard),
Armin Thurnhers Lyrikband "Sieben Flüsse" (
Standard),
Uwe Wittstocks "Karl Marx in Algier" (
NZZ),
Jiří Hájíčeks "370 m über NN" (
NZZ), der Briefwechsel zwischen
Ingeborg Bachmann und
Heinrich Böll (
SZ) sowie neue Kinderbücher, darunter
Sigrid Zeevaerts "Nuria" (
FAZ). Mehr in unserer
Bücherschau um 14 Uhr.
In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie
schreibt Robert Schöller über
Heinrich von Veldekes "Ein Lindenlied":
"So manchem Herzen fügte der kalte Winter Leid zu.
Der Wald und auch die Wiese
haben es mit ihrem grünen Kleid überwunden ..."