Essay

Wir dürfen nicht schweigen!

Von Naila Chikhi
08.05.2025. Der Fall Boualem Sansal sollte auch die deutsche Öffentlichkeit aufstören. Er zeigt, wie ein Gewaltregime seine zerstörerische Wirkung auch in den europäischen Ländern des Exils entfaltet: Algerische Intellektuelle fühlen sich nicht nur in Algerien bedroht. Überdies zeigt der Fall, wie sich hier ein instrumentalisierter linker Diskurs mit dem Islamismus verbündet. Dieser "Islamogauchisme" ist ebenfalls eine Gefahr für die Länder der EU. Daher der Appell an die neue Bundesregierung: Setzen Sie ein Zeichen für Boualem Sansal!
Am 16. November 2024 wurde der achtzigjährige algerisch-französische Schriftsteller Boualem Sansal am Flughafen Algier festgenommen. Vorausgegangen war seine Äußerung zur Zugehörigkeit des algerischen Westens zu Marokko. Am 27. März 2025 verurteilte ihn das Strafgericht Dar El Beida zu einer fünfjährigen Haftstrafe sowie einer Geldstrafe von etwa 3.500 Euro - ein inakzeptables Urteil für einen Schriftsteller, dessen einziges "Verbrechen" die freie Meinungsäußerung war.

Die zwanzigminütige Verhandlung wirft die Frage nach einer möglichen Instrumentalisierung der Justiz auf - insbesondere angesichts der haltlosen Anschuldigungen: Angriff auf die nationale Einheit, Beleidigung eines Konstitutivorgans (der Armee), Schädigung der nationalen Wirtschaft und Besitz von Publikationen, die die Sicherheit und Stabilität bedrohen.

Das Urteil ist ein ernüchterndes Ereignis sowohl für Boualem Sansal als auch für das Algerien der Post-Unabhängigkeit und der Post-Hirak-Ära, das auf eine demokratische Entwicklung hoffte. Droht nach dem schwarzen Jahrzehnt eine erneute Radikalisierung des politischen Systems?


In der Tradition von Albert Camus und Kateb Yacine

Boualem Sansal ist mehr als ein Schriftsteller: Er ist ein engagierter Intellektueller und freier Geist, der die komplexen Verstrickungen der algerischen Gesellschaft durchdringt und die Exzesse der Macht unerschrocken beim Namen nennt. Sein kritisches und provokatives Werk beleuchtet Ungerechtigkeiten, Tabus und Schweigen, die sein Land plagen. Indem er seine Analysen und Reflexionen teilt, ermächtigt er jeden Einzelnen, sich ein eigenes Urteil zu bilden.

Als dissidente Stimme weigert er sich, sich dem Diktat des Regimes zu beugen, und fordert das Recht auf freies und friedliches Denken und Reden. Er ist ein scharfsinniger Autor, kein Prediger oder Influencer.

In der Tradition von Albert Camus und Kateb Yacine schildert er die Widersprüche seiner Zeit, durchbricht religiöse Tabus und rüttelt das Gewissen auf. Der vielfach international geehrte Autor ist ein Fenster zur Außenwelt, das Perspektiven eröffnet und Isolation überwindet.


Eine Welle der Solidarität und der Fragen

Auf die Verhaftung Sansals folgte in Deutschland, Belgien und insbesondere in Frankreich eine lebhafte Mobilisierung durch Unterstützungskomitees, Solidaritätsveranstaltungen und Demonstrationen. Die Europäische Union äußerte ihre ernste Besorgnis, forderte konkrete Schritte zur Freilassung und unterstrich die Relevanz der Meinungsfreiheit. Sein französischer Anwalt François Zimeray kündigte die Anrufung der Vereinten Nationen an. Es ist denkbar, dass dieser internationale Druck ein schlimmeres Urteil verhindert hat.

Am 16. Dezember 2024 fand im Théâtre Libre in Paris eine erste Solidaritätsveranstaltung statt, deren Atmosphäre zwischen vibrierender Anteilnahme und beklemmender Sorge schwankte. Die Welle der Unterstützung für einen algerischen Autor hat mich tief berührt und gab mir Hoffnung. Doch ein Unbehagen blieb: Die Abwesenheit zahlreicher AlgerierInnen, ob zugewandert oder im Exil lebend, war spürbar. War es aus Angst? Vor was? Vor wem? Diese Fragen warfen eine beunruhigende Ungewissheit auf.


Algerien zwischen enttäuschten Hoffnungen und politischen Realitäten

Algerien verkörperte lange den Freiheitskampf und war ein Symbol für antikoloniale Befreiungsbewegungen. Noch die linksradikale französische EU-Parlamentarierin Rima Hassan feierte Algerien vor kurzem als "Mekka der Revolution". Kein Wort zu Sansal. Bei der Resolution des Parlaments zu Sansal hat sie sich nicht nur wie einige andere Mitglieder ihrer Partei enthalten - sie stimmte dagegen! Und am Dienstag wiederholte sich dieser Skandal auf nationaler Ebene: Die Partei Jean-Luc Mélenchons, das "Unbeugsame Frankreich", stimmte gegen eine Resolution, die die sofortige Freilassung des Schritstellers verlangte, "ein schändliches Votum", kommentierte Sophie Coignard in Le Point.

Das heutige Algerien sucht unterdessen vergeblich nach dem verlorenen historischen Selbstbild. Seit der Unabhängigkeit 1962 klammert sich ein Regime an die Macht, das die demokratischen Bestrebungen innerhalb der FLN und des Volkes erstickte und es seiner wiedergewonnenen Souveränität beraubte.

Wie die DDR lebte Algerien von 1962 bis 1989 unter einem Einparteiensystem, in dem jede abweichende Meinung strikt unterbunden wurde.

Der Islamismus, der seit Ende der 1970er Jahre über das Familienrecht, die Schulen und die Unis immer mehr an Einfluss gewann, führte in das "Schwarze Jahrzehnt" (1989-1999) mit seiner verheerenden Bilanz von Massakern an der Zivilbevölkerung. Im Zuge der "Versöhnungspolitik" Bouteflikas wurden islamistische Terroristen amnestiert und entschädigt, was ihnen sogar das politische Comeback ebnete. Diesen Prozess der falschen Versöhnung eines aus der Linken kommenden Regimes mit dem Islamismus auf Kosten der Opfer schildert Kamel Daoud in seinem Roman "Houris", der ihm in Algerien ein sofortiges Verbot einbrachte. Heute prägt der Islamismus maßgeblich die Gesellschaft und die politische Landschaft, insbesondere nach dem Hirak von 2019, der das Machtgefüge ins Wanken brachte. Wie der ehemalige Vorsitzende des Rassemblement pour la Culture et la Démocratie (RCD), einer laizistischen Partei der linken Mitte, Dr. Saïd Sadi betonte: "Die derzeitige Macht hat der islamistischen Strömung - den Muslimbrüdern - ganze Bereiche des algerischen nationalen Lebens überlassen: Kultur, Justiz, Bildung, Information - alles unterliegt dem islamistischen Diktat. Sansal wurde dieser Strömung als Opfergabe für ihr Überleben dargebracht."

Es ist jedoch unerlässlich, zwischen dem Land Algerien und dem herrschenden Regime zu differenzieren. Algerien, das ist sein Volk, seine Jugend, seine Kultur in all ihrer Vielfalt. Der Hirak demonstrierte der Welt eindrücklich den unbeugsamen Willen des algerischen Volkes, eine bessere Zukunft zu errichten. Seither sind Hunderte junger Algerier inhaftiert worden, deren einziges "Verbrechen" die freie Meinungsäußerung war. Sansal ist lediglich das prominenteste und medial am stärksten beachtete Beispiel.


Ein Warnsignal für die Meinungsfreiheit

Die Verhaftung Sansals sendet ein deutliches Warnsignal aus. Nach dem Hirak, dieser einst so friedlichen und hoffnungsvollen Protestbewegung im Jahr 2019, hat die Repression deutlich zugenommen und das Regime seine Politik spürbar verschärft. Algerien, befreit von der französischen Kolonialisierung, ist zur Geisel seiner eigenen aufeinanderfolgenden Regierungen geworden. Der Fall Sansal verdeutlicht dies auf erschreckende Weise: Wenn sogar eine international anerkannte und vielfach ausgezeichnete literarische Persönlichkeit Ungerechtigkeit erfährt, wie prekär mag dann die Situation für den einfachen Bürger sein?

Diese Affäre hat der internationalen Öffentlichkeit die Zerbrechlichkeit der Meinungsfreiheit in Algerien vor Augen geführt.

Heute oszilliert Algerien zwischen einer glorreichen Vergangenheit, einer herausfordernden Gegenwart und einer ungewissen Zukunft. Wird es die Kraft finden, zu seinen fundamentalen Werten zurückzukehren: Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit und Würde? Algerien ist heute das deutlichste Beispiel für das Bündnis dezidiert linker, aus dem Antikolonialismus hervorgegangener Bewegungen mit dem Islamismus. Dieser "Islamogauchisme" strahlt mit großer Wirkung nach Frankreich und Europa aus. Deshalb ist es für Europa nicht nur eine humanitäre Pflicht, Algerien beizustehen - es liegt in seinem ureigensten Interesse. Europa muss jene unterstützen, die für eine echte Demokratie kämpfen, und das algerische Regime unmissverständlich daran erinnern, dass Meinungsfreiheit ein universelles und unverzichtbares Recht ist.


Ein vielsagendes Schweigen

Angesichts der zögernden Haltung eines Teils der Algerier in und außerhalb Algeriens in dieser Sache ist diese Erinnerung unerlässlich.

Diese Haltung ist vielschichtig: Einige Demokraten und Intellektuelle äußern sich offen, im Wissen, dass eine Rückkehr in ihr Land ausgeschlossen ist. Andere, erschöpft und desillusioniert nach Jahren des Kampfes und der Enttäuschungen, wenden sich resigniert von der Politik ab. Die Angst vor Repressalien gegen ihre Angehörigen in Algerien oder gegen sie selbst führt auch zur Selbstzensur. Das Leben unter einer Justiz, die sich der herrschenden Macht beugt, untergräbt jede demokratische Teilhabe.

Zur Zeit wird viel über den Druck des algerischen Regimes auf Dissidenten in Frankreich berichtet. Doch wie steht es um Deutschland? Doppelstaatler unterliegen weiterhin dem Recht des Geburtslandes. Man denke an den Fall deutsch-iranischer Oppositioneller: Die Architektin und Aktivistin Nahid Taghavi wurde im Oktober 2020 im Iran verhaftet, im Evin-Gefängnis inhaftiert und anschließend in Teheran unter Hausarrest gestellt, angeblich wegen "Zugehörigkeit zu einer illegalen Gruppe" und "Propaganda gegen das Regime". Der Journalist und Ingenieur Jamshid Sharmahd, vom Iran des Terrorismus bezichtigt, wurde im Juli 2020 in Dubai entführt und am 28. Oktober 2024 im Iran exekutiert. Obschon die Umstände in vielerlei Hinsicht divergieren, ist auch für deutsch-algerische Kritiker der Machthaber Vorsicht geboten. Die Sorge ist begründet, wenn Kritik als Synonym für Verunglimpfung und Bedrohung der Staatsgrundlagen diffamiert wird.

Letztlich unterstützen manche aus Opportunismus oder falscher Überzeugung die Verurteilung Sansals und verwechseln dabei Macht mit Nationalstaat. Man muss sich vergegenwärtigen, dass das algerische Regime einen glühenden Nationalismus im Dienste seiner eigenen Interessen kultiviert.


Aufruf zur Solidarität und zur Verteidigung der Freiheiten

Angesichts der Inhaftierung und des ungerechten Urteils gegen Boualem Sansal dürfen wir nicht schweigen! Hier geht es um elementare Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit und Gerechtigkeit, die weit über den Einzelfall dieses Schriftstellers hinausweisen. Im Kern steht die Gedanken- und Meinungsfreiheit, das Fundament, auf dem jede demokratische Gesellschaft errichtet ist.

Sansal und die anderen Meinungsgefangenen haben weder zu Hass noch zu Gewalt aufgerufen: Sie haben lediglich ein universelles Bürgerrecht wahrgenommen, das durch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verbürgt ist.

Die Geschichte lehrt uns, dass autoritäre Regime in einem Klima der Gleichgültigkeit, des Schweigens und der Angst gedeihen. Angesichts dieser Ungerechtigkeit passiv zu verharren, bedeutet, willkürlichen Verhaftungen und der fortschreitenden Aushöhlung unserer fundamentalen Rechte und Freiheiten Vorschub zu leisten.

Es ist von entscheidender Bedeutung, dass die demokratischen Kräfte und die Zivilgesellschaft in Europa ihre Solidarität kraftvoll und entschlossen fortsetzen.

"Wenn ihr es zulasst, dass Boualem Sansal in Algerien im Gefängnis sitzt, werden eines Tages eure Schriftsteller bei euch im Gefängnis sitzen", mahnte Kamel Daoud auf dem Solidaritätsabend in Berlin am 7. März 2025. Die Schließung von Buchhandlungen und Verlagshäusern in Algerien verdeutlicht eine Gefahr, die die Meinungsfreiheit über nationale Grenzen hinweg bedroht. Um den Fall Sansal über die bilateralen Spannungen zwischen Frankreich und Algerien hinauszuheben, ist seine konsequente Internationalisierung unerlässlich.

Gerade in meinem Aufnahmeland Deutschland, wo Sansals Bücher erscheinen und er den angesehenen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, ist es entscheidend, dass die neue Bundesregierung das Deutsche Komitee für die Freilassung von Boualem Sansal gegenüber der algerischen Staatsmacht stärkt. Dies würde ein kraftvolles Zeichen für die Menschenrechte und die Freiheit des Denkens setzen - Werte, die Deutschland weltweit vertritt.

Naïla Chikhi