Magazinrundschau - Archiv

Merkur

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Magazinrundschau vom 12.05.2020 - Merkur

Warum diskutieren wir darüber, wenn Katy Perry und Kim Kardashian ihre Haare in Braids oder Cornrows tragen, aber nicht, wenn sich David Beckham oder Lars Eidinger die Fingernägel lackieren?, fragt Heide Volkening in ihrer Popkolumne und diskutiert das Konzept der kulturellen Aneignung im Pop mit Blick auf Judith Butlers "Unbehagen der Geschlechter", das ja gerade wesenhafte Differenzen ablehnte, weil sie auf auf diskriminierenden Strukturen beruhten: "Das ökonomische Szenario reicht nicht als Erklärung, auch David Beckham und Lars Eidinger verdienen gutes Geld mit der Inszenierung einer ehemals 'metrosexuell' genannten Form von Männlichkeit. Zweitens ist auch das Konzept der geschlechtlichen Parodie bei Butler etwas anderes als ein Kleidertausch, also eine Aneignung von Zeichen im Sinne der Kostümierung. Zu fragen wäre, ob Formen des racial drag in der Fankultur, ob Verkörperungen des Anderen durch Frisur, Musikvorlieben oder Kleidungsstile nicht ähnlich wie Gender-Aneignungen als fantasmatische Identifikationen verstanden werden können, die über karnevaleske Verkleidungen hinausgehen. Womöglich lässt sich sogar noch in den stereotypisierten Kostümen des Karnevals eine vergleichbare Form der Identifikation beobachten."

Christian Demand untersucht Distinktionsstrategien im modernen Wohnen, für die Schlichtheit und Strenge noch immer unüberbietbar sind: "An das dignifizierende Potenzial derartiger Rangzuschreibungen schließen insbesondere die Wohn- und Wohnbegleitindustrien für ökonomisch Bessergestellte an, deren Rauminszenierungen selten sybaritische Opulenz zelebrieren. In der Mehrzahl der Fälle setzen sie vielmehr auf die edle Entrücktheit vollendeter Reduktion. Von der Immobilienwerbung über die internationalen Design- und Lifestylemagazine bis hin zum Coffee-Table-Architekturbuchmarkt ist die visuelle Standardformel dafür seit gut dreißig Jahren im Wesentlichen dieselbe: ein urbaner, an die 'geadelte Sachlichkeit' der Avantgardearchitektur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts angelehnter, formstrenger, farbarmer, weiträumiger Minimalismus." (Aber nein, farbarm wohnt man oft nur noch im risikoscheuen Deutschland! Hier die colori pareti 2020 und die colori primari)

Magazinrundschau vom 31.03.2020 - Merkur

Der Merkur stellt die komplette Aprilausgabe frei zugänglich online. Sehr großzügig! Robin Detje ist zum Beispiel in die SPD eingetreten und kommt mit leichtem Schleudertrauma aus seiner ersten Abteilungssitzung: "Deutschland ist ein Lied mit dem immergleichen Refrain. Deutschland ist eine Platte, die hakt. Feigheit und Opportunismus, Opportunismus und Feigheit und Geldgier. Dazu diese fundamentale Unfähigkeit, sich auch überhaupt nur vorzustellen, dass ein Konflikt sich austragen ließe. Ich könnte immer die gleiche Kolumne schreiben, über das Land mit der lähmenden Zukunftsangst vor seiner eigenen Gegenwart, eine Kolumne, die dann von der Realität immer bestätigt, aber nie anerkannt werden würde, was mir in alle Ewigkeit meinen Job garantiert. Meine einzige Hoffnung ist, dass es nicht funktioniert."

Tilman Baumgärtel beobachtet, wie der Ruf von Hongkongs Polizei auf den Hund gekommen ist, seit ihr Bild vom chinesischen Staatsfernsehen und nicht mehr von den großen Regisseuren des Actionskinos bestimmt wird: "Dabei hatten Regisseure wie Johnnie To Kei-fung oder Alan Mak in den letzten Jahrzehnten die Polizei in ihren Filmen immer wieder als effektive, engagierte, unkorrumpierbare und dem Allgemeinwohl verpflichtete Institution porträtiert. Seit immer deutlicher wird, dass China versucht, in Hongkong verstärkt ins politische und kulturelle Geschehen einzugreifen, kann man diese Filme auch als einen Versuch auffassen, die Rechtsstaatlichkeit und das Potential des politischen Modells Hongkongs zu betonen. Die Gesetzestreue seiner Polizei fungierte immer als Lackmustest einer fairen, regelbasierten öffentlichen Ordnung, die es in China nicht gibt."

Weiteres: Johanna Hedva liest Benjamin Mosers bisher nur auf Englisch erschienene Susan-Sontag-Biografie. Marcus Twellmann widmet sich dem Konzept der Urbanormativität, mit dem Gregory M. Fulkerson und Alexander R. Thomas urbane Dominanz gegenüber dem ländlichen oder peripheren Raum beklagen, und stellt fest: Auch wenn Populisten gegen eine Vorherrschaft der Städte Stimmung machen, lässt sie sich nicht ganz leugnen. Felix Heidenreich betrachtet Emanuel Macrons Strategie der digitalen Souveränität.

Magazinrundschau vom 03.03.2020 - Merkur

Carolin Amlinger kann ihn gut verkraften, den eigenwilligen Sound, mit dem Klaus Theweleit in seinen "Männerfantasien" Affektzustände und Körperstrukturen faschistischer Männer untersuchte. Und wie Theweleit die Angst von Freikorps-Soldaten vor allem Fließenden und Weichen aufzeigte, vor sozusagen "weiblichen" Körperzuständen, gegen die es einen "männlichen" Panzer zu bilden galt, das findet Amlinger auch heute in Zeiten einer rechten Männerbewegung relevant und schlagend. Wobei es heute nicht nur darum gehe, Natur, Sinnlichkeit oder Körper zu kontrollieren, sondern auch die Realität: "Die politische Rechte betrachtet diese ontologische Relativität moderner Gesellschaften mit Argwohn. Die existentielle Überwältigung, die Zustände des Fließens und Strömens bei soldatischen Männern auslösen, lässt sich ebenso erkenntnistheoretisch lesen; die Verflüssigung von absoluten Wahrheitsansprüchen ist für die Neue Rechte Ausdruck zivilisatorischer Auflösung... Die Aufkündigung von Wirklichkeitskonventionen, die in Zeiten gesellschaftlichen Wandels virulent werden, wird als Derealisierung erlebt, als Verlust fester Fundamente und sozialer Stabilität. Ob der Queer-Feminismus die Binarität traditioneller Geschlechterkonzepte hinterfragt oder Migranten und Migrantinnen eine homogenes Kulturmodell hybridisieren - in den Augen der Neuen Rechten ist die Komplexitätszunahme moderner Gesellschaften Ausdruck einer politischen Krise. Der Verlust kultureller Festlegungen befeuert die Angst vor der Körperauflösung der wirkmächtigsten Ganzheitsmaschine, der Nation."

Oliver Staudt diskutiert außerdem schon sehr intensiv Thomas Pikettys demnächst erscheinende Geschichte der Ungleichheit "Kapital und Ideologie". So viel vorweg: "Als entscheidende politische Herausforderung unserer Zeit wird die 'identitäre Falle' identifiziert. Die Sozialdemokratie sei im Grunde Opfer ihres eigenen bildungspolitischen Erfolgs geworden, indem sie sich schleichend von einer Arbeiterpartei in eine Akademikerpartei verwandelt habe. Die ehemalige Klientel empfinde sich heute als Globalisierungsverlierer und drohe, zwischen einer 'Kulturlinken' (gauche brahmane) und einer 'Businessrechten' (droite marchande) politisch heimatlos geworden, sich auf die nationale Identität zurückzuziehen. In der Regierung Macrons, de facto aber auch bei den britischen remainers, sieht Piketty eine Koalition dieser zwei Lager von Globalisierungsgewinnern, die sich selbst als progressiv betrachten und einen verächtlichen Blick auf die Abgehängten werfen."
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Magazinrundschau vom 04.02.2020 - Merkur

Im Merkur sucht Kevin Vennemann dem kapitalistischen Arbeitsmarkt und dessen Mechanismen der Entfremdung mit Hilfe von Heike Geißlers 2014 erschienener autofiktionaler Erzählung "Saisonarbeit" auf die Spur zu kommen. Karl Marx' Arbeitstheorie im Gepäck und Maya Derens Kurzfilm "Meshes of the Afternoon" von 1943, beleuchtet Vennemann die erzählerische Besonderheiten Geißlers, die das Thema Arbeit und Selbst, wie Vennemann es im Titel fasst, eindrucksvoll literarisiert: "In 'Saisonarbeit' gibt es zwei Hauptfiguren: eine Ich-Erzählerin und eine erzählte Figur. Die Erzählerin berichtet von der Zeit der erzählten Figur bei Amazon, vom ersten Moment bis zum letzten und darüber hinaus. Dabei benutzt sie aber nicht die dritte Person Singular - sie. Sondern die direkte, formale Anrede - Sie. Die Erzählerin leitet also die angesprochene, erzählte Figur an, ihre Welt gemäß den Instruktionen der Erzählerin zu errichten. Ein Beispiel, ganz zu Beginn: 'Ihr Freund hat Ihnen vorm Losgehen viel Glück gewünscht und nochmals gesagt, Sie müssten das nicht machen. Aber das stimmt nicht, Sie müssen das machen, Sie müssen jetzt das Erstbeste versuchen, um Geld ins Haus zu bekommen.' ... Heike Geißlers Erzählerin denkt im Namen ihrer Angesprochenen anders: 'Sie bevorzugen es, auf Menschen zu treffen, die sind, was sie tun, und Sie wurden vor einigen Jahren gefragt, ob es Ihnen um Authentizität gehe. Das war die Frage eines etwas irritierten Journalisten, die Sie bejahten.' Teilweise zumindest mag der kritische Erfolg von Saisonarbeit daran gelegen haben, dass es Geißler gelungen ist, die vollkommene menschliche Leere einzufangen, in der das Fließband vor sich hin rattert, jener entauthentifizierende Inbegriff der Arbeitsteilung. Geißler reißt auf diese Weise das entsetzlichste Zukunftsszenario an, das die meisten von uns, die wir in ihrem literarisch gebildeten Publikum aufmerksam zuhören und zustimmend nicken, in Erwägung zu ziehen vermögen: die Möglichkeit nämlich, dass auch wir dereinst unser Privileg einzubüßen gezwungen sein könnten, wirklich fest daran zu glauben, dass wir tatsächlich Menschen seien, 'die sind, was sie tun.'"

Magazinrundschau vom 07.01.2020 - Merkur

Heute wird Kultur oft als Gegenpol zur Migration gesetzt, als wäre sie das verlässlich Bleibende gegenüber dem stetig unzuverlässigen Wandel. Doch aus dem Blickwinkel der Deep History ergibt sich für den Wissenschaftsphilosophen Oliver Schlaudt eine ganz anderes Bild: Erst die Migration hat den frühen Menschen abgenötigt und ermöglicht, sich einen Vorrat an Techniken anzueignen, mit dem sie auf Veränderungen reagieren kann: "Das Rätsel, wie sich der Mensch in seiner langen Migrationsgeschichte neue Habitate erschließen konnte, löst sich nun auf. Mit dem Auftauchen von Kultur begegnen die frühen Menschen der Natur nicht mehr einfach mit einem unveränderbaren Organismus (beziehungsweise einem Organismus, der sich nur auf der unendlich langsamen Skala der Evolution verändert), sondern durch eine variable Kultur. Mit den schneidenden Kanten steinerner Abschläge, die bereits vor über drei Millionen Jahren auftreten, wurden große Tierkadaver als Nahrungsquelle zugänglich. Mit den - sehr viel jüngeren - Jagdwaffen war der Mensch nicht mehr darauf angewiesen, Aas zu finden oder Raubtiere von ihrer Beute zu vertreiben, sondern konnte nun selbst jagen. Auch mit dem Feuer vermochten Menschen sich als Nahrungsquelle zu erschließen, was vormals unerreichbar oder wertlos war. Die Kultur bildet einen Puffer zwischen dem menschlichen Organismus und seiner Umwelt. Sie transformiert die ökologische in eine kulturelle Nische."

Magazinrundschau vom 03.12.2019 - Merkur

Leider in einem etwas absurden Sprachenmix, aber doch sehr lesenswert eruiert der Politikwissenschaftler Philip Manow, ob der Populismus heute ein Symptom für eine Krise der Demokratie oder eine Krise der Repräsentation ist. Seine These: Im 18. und 19. Jahrhundert war der Pöbel ökonomisch, politisch und ästhetisch strikt vom Volk unterschieden. Die moderne Demokratie versagt niemandem die gleichen Rechte und die Teilhabe: "Ansonsten aber muss diskursiv ausgeschlossen werden, was sozial längst eingeschlossen ist, durch ein Regime des Sagbaren und des Unsagbaren. Die Demokratie selber hat dafür keine eigenen Stoppregeln, zumindest keine prinzipieller, sondern nur solche praktischer Art. Deren Funktionskrise erleben wir gerade - aber anders verstanden als üblicherweise: nicht in dem Sinne, dass etwas Vorhandenes nicht mehr angemessen repräsentiert wird, sondern in dem Sinne, dass etwas immer Vorhandenes sich heute durch Repräsentation nicht mehr effektiv unterdrücken lässt. Repression by representation funktioniert nicht mehr wie gewohnt, die Disziplinierungsfunktion der Demokratie lässt nach."

Zu spät, ruft Moritz Rudolph den Rechtspopulisten im Osten zu, die sich hinter Pegida oder dem AfD-Slogan "Vollende die Wende" scharen: "Der Osten versucht sich also noch einmal an jener Revolte, um die er sich damals leichtfertig bringen ließ. Die Tragik besteht aber darin, dass der Augenblick, in dem sie möglich war, vorbei ist und sich nicht künstlich wiederherstellen lässt. Es gab nur diesen einen geschichtlichen Moment, aber den ließ man ungenutzt verstreichen. Seither geistert die Revolte als Zombie durchs Land und findet keine Erlösung."

Magazinrundschau vom 05.11.2019 - Merkur

Warum wurde und wird eigentlich der Antisemitismus der Brüder Grimm so beharrlich in Abrede gestellt oder minimiert, fragt der Schriftsteller Gerhard Henschel und stellt in erschreckender Folge judenfeindliche Zitate von Jacob und Wilmhelm Grimm den Beschwichtigungen ihrer Adepten gegenüber. Das beginnt etwa so: "Heinz Rölleke, der hochverdiente Nestor der Märchenforschung, schrieb 2007 in einem Aufsatz, man sage den Brüdern Grimm 'zuweilen unbesehen, einigermaßen töricht und ganz zu Unrecht' Antisemitismus nach. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Rölleke selbst Wilhelm Grimms Wiesbadener Kurtagebuch von 1833 herausgegeben hat, in dem es heißt: 'Ich bemerke nur daß die Juden immer mehr überhand nehmen, ganze Tische u. Plätze sind damit angefüllt, da sitzen sie mit der ihnen eigenen Unverschämtheit, fressen Eis u. legen es auf ihre dicken u. wulstigen Lippen, daß einem alle Lust nach Eis vergeht. Getaufte Juden sind auch zu sehen, aber erst in der 5ten oder 6ten Generation wird der Knoblauch zu Fleisch.'"

Weiteres Sonja Asal denkt vor Windrädern im Schwarzwald darüber nach, ob nicht auch Landschaft Schutz genießen sollte. Danilo Schulz rekapituliert in einem langen Essay die französische Kolonialpolitik, die im Gegensatz zur Sklaverei viel später abgeschafft und auch heute noch weniger kritisch reflektiert wird.

Magazinrundschau vom 08.10.2019 - Merkur

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Der Historiker Valentin Groebner hat sich in diesem langen Sommer im Freibad viele Gedanken über Tätowierungen machen können. Ihm ist zum Beispiel aufgefallen, dass Tattoos nicht Revolte, sondern Zugehörigkeit signalisieren, aber auch, dass ihre Bedeutung im Auge des Betrachters liegt. Die Frage, ob der tätowierte Mensch frei ist, mag Groebner nicht abschließend beantworten: "Alles, auch das Banalste, wird groß, schwer und bedeutungsvoll, wenn es unauslöschlich unter die Haut geschrieben wird. Tätowieren verändert die eigene Vergangenheit dadurch, dass sie nachträglich zeichenhaft gemacht und in ein etwas unheimliches Futur II überführt wird: Wie ich gewesen sein werde. Die Tätowierten, geht mir im Freibad der friedlichen Schweizer Kleinstadt auf, sind so gesehen Gefangene - gezeichnete Gefangene ihres eigenen Bedürfnisses nach Selbstdarstellung und Niemals-Vergessen, lebenslang. 'Glück' hatte eine junge Frau mit Hornbrille und markantem asymmetrischem Haarschnitt in blaugrünen Buchstaben auf ihren Nacken tätowieren lassen. Die Aufforderung 'be unique' habe ich auch schon gesehen, zweimal."

Thomas E. Schmidt verteidigt den internationalen Kunstmarkt gegen seine Verächter, die Kunst lieber in der öffentlichen Hand sehen. Unter staatlichem Schutz entstehe keine neue Kunst, meint Schmidt ein wenig apodiktisch, weder als Leitkultur noch als Sozialstaatsprojekt: "Globale Kultur und globale Öffentlichkeit - sieht man einmal vom schmalen Sektor des staatlich organisierten Austauschs ab - entwickeln sich derzeit in einer Sphäre des privaten Rechts. Genau das führt der Kunstmarkt mit seinen Preisen vor. Aber eben nicht als Furie des kulturellen Verschwindens, sondern als Quelle neuartiger sozialer und ästhetischer Phänomene."

Magazinrundschau vom 03.09.2019 - Merkur

Matthias Rothe prescht durch vierzig Jahre DDR-Literatur. Zwischen Erbauung und Völkerfreundschaft, Ermüchterung und destruktivem Verwalten, findet er die interessantesten Bücher in den sechziger und siebziger Jahren, als der Alltag zur Lebenswelt wurde und die Individuen mit der Gesellschaft in Konflikt gerieten: "Auch all das andere, was in der Produktionseuphorie besinnungslos mitgeschleppt wurde oder unbeachtet geblieben war, kommt nun literarisch zur Sprache: zum Beispiel der gewöhnliche Faschismus, die Mitläufer, Kleintäter, die marginalisierten Opfer und auch der alltägliche Widerstand, der nirgendwo aufgezeichnet ist... Vom Alltag aus, mit seinen kleinsten Gesten, stand also immer das Ganze, stand der Aufbau der DDR, das Projekt des Sozialismus auf dem Prüfstand. Die Utopie war der Kunst immer gegenwärtig, blieb lange zum Greifen nah. Das ist ein entscheidender Unterschied zur Kunst in der Bundesrepublik, die in den 1970ern natürlich die gleichen Themen entdeckte. Die DDR-Kunst operierte weitestgehend im Modus immanenter Kritik. Es ging nicht gegen den Staat, das System usw., sondern um die Rettung des Ganzen. Die Autoren und Autorinnen blieben selbst in radikaler Kritik dem Projekt DDR (Sozialismus plus Antifaschismus) zutiefst verbunden, zumeist noch im westlichen Exil. 'Man kann machen, was man will, man steht in einer Tradition, aus der man nicht heraus kann, ich bin hier geboren, dies ist mein Land, ich bin daran gefesselt in Hass-Liebe', schreibt Irmtraud Morgner an einen Freund nach dem Verbot ihres Romans Rumba auf einen Herbst (1965)."

Weiteres: Hanna Engelmeier umkreist die jüngste der regelmäßig aufploppenden Kanon-Debatten. In einem Leserkommentar zum Text plädiert dagegen ein Fritz Iff für einen deskriptiven Ansatz, der die einflussreichsten Werke anhand ihrer tatsächlichen Wirkmacht erklärt: "Die Arbeit an einem deskriptiven Kanon geht natürlich nicht in einer Woche, sondern würde wohl gute zehn Jahre beanspruchen - das wäre aber immer noch viel weniger Zeit, als mit den Bauchgefühl-Debatten vertan wurde und wird."

Magazinrundschau vom 17.09.2019 - Merkur

Einen großen Roman hat der amerikanische Horrorschriftsteller H.P. Lovecraft nie geschrieben, sein vor allem aus Kurzgeschichten und Novellen bestehendes Werk erschien in den Zwanzigern und Dreißigern in Pulpmagazinen auf billig-grauem Papier. Dennoch erweist es sich als erstaunlich vital und erfreut sich immer wieder neuer Kontextualisierungen vor allem auch der Theorie, schreibt die Kulturwissenschaftlerin Eva Geulen in einem Essay aus dem aktuellen Merkur, den ZeitOnline zugänglich gemacht hat. Lovecrafts Konzept des kosmischen Grauens, das den Budenzauber von Spinnweben und wallenden Gewändern durch ein Gefühl des Verloren-Seins inmitten des indifferenten Kosmos ersetzt, erweist sich bis heute als anregend: "Hyperobjekte sind Dinge, deren Ausmaß unsere Fassungskraft übersteigt, die keine verlässliche Form haben und sich der Unterscheidung von Natur und Kultur entziehen. Das Klima ist ein solches Hyperobjekt. Und 'Die Farbe aus dem All' ist auch eins. Unter diesem Titel hat sich Lovecraft in einer seiner vielleicht besten Erzählungen einem Gegenstand zugewandt, der schon die noch von keinem theoretischen Selbstzweifel angenagte Philosophie von Leibniz über Kant und Goethe bis Wittgenstein irritiert hat. Ist Farbe eine Sache subjektiver Wahrnehmung, oder hat sie objektive Substanz? Farbe ist gewiss kein Begriff, sondern eher ein Ding, das aber erst an anderen Dingen überhaupt ein Ding zu werden scheint. Farbe ist eigentlich ein Unding beziehungsweise ein Hyperobjekt. In Lovecrafts Erzählung kommt die Farbe als sich rasch in nichts auflösende heiße und verformbare Blase mit einem Meteoriten auf die Erde und sorgt dann auf unheimliche Weise für die 'Vergrauung' aller normalen Vegetation im Umkreis des Einschlags. ... Auch die Menschen fallen den Veränderungen zum Opfer und sind zum Todeszeitpunkt nicht mehr als menschliche Wesen erkennbar... Minus den Überbietungsfuror ist das der Stoff, aus dem auch die neuen Ökologien gemacht sind. Donna Haraway, Verfasserin des berühmten 'Cyborg Manifests' (1985), das Bruno Latour wiederholt in seinen 'Gaia-Lectures' (2017) zitiert, fordert in Anspielung auf Lovecrafts tintenfischartige Monster 'tentacular thinking'. Sein Cthulhu-Mythos wird in ihrem jüngsten Buch 'Unruhig bleiben - Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän' (2018) zum Epochenbegriff erhoben."