Magazinrundschau - Archiv

Merkur

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Magazinrundschau vom 03.09.2019 - Merkur

Matthias Rothe prescht durch vierzig Jahre DDR-Literatur. Zwischen Erbauung und Völkerfreundschaft, Ermüchterung und destruktivem Verwalten, findet er die interessantesten Bücher in den sechziger und siebziger Jahren, als der Alltag zur Lebenswelt wurde und die Individuen mit der Gesellschaft in Konflikt gerieten: "Auch all das andere, was in der Produktionseuphorie besinnungslos mitgeschleppt wurde oder unbeachtet geblieben war, kommt nun literarisch zur Sprache: zum Beispiel der gewöhnliche Faschismus, die Mitläufer, Kleintäter, die marginalisierten Opfer und auch der alltägliche Widerstand, der nirgendwo aufgezeichnet ist... Vom Alltag aus, mit seinen kleinsten Gesten, stand also immer das Ganze, stand der Aufbau der DDR, das Projekt des Sozialismus auf dem Prüfstand. Die Utopie war der Kunst immer gegenwärtig, blieb lange zum Greifen nah. Das ist ein entscheidender Unterschied zur Kunst in der Bundesrepublik, die in den 1970ern natürlich die gleichen Themen entdeckte. Die DDR-Kunst operierte weitestgehend im Modus immanenter Kritik. Es ging nicht gegen den Staat, das System usw., sondern um die Rettung des Ganzen. Die Autoren und Autorinnen blieben selbst in radikaler Kritik dem Projekt DDR (Sozialismus plus Antifaschismus) zutiefst verbunden, zumeist noch im westlichen Exil. 'Man kann machen, was man will, man steht in einer Tradition, aus der man nicht heraus kann, ich bin hier geboren, dies ist mein Land, ich bin daran gefesselt in Hass-Liebe', schreibt Irmtraud Morgner an einen Freund nach dem Verbot ihres Romans Rumba auf einen Herbst (1965)."

Weiteres: Hanna Engelmeier umkreist die jüngste der regelmäßig aufploppenden Kanon-Debatten. In einem Leserkommentar zum Text plädiert dagegen ein Fritz Iff für einen deskriptiven Ansatz, der die einflussreichsten Werke anhand ihrer tatsächlichen Wirkmacht erklärt: "Die Arbeit an einem deskriptiven Kanon geht natürlich nicht in einer Woche, sondern würde wohl gute zehn Jahre beanspruchen - das wäre aber immer noch viel weniger Zeit, als mit den Bauchgefühl-Debatten vertan wurde und wird."

Magazinrundschau vom 06.08.2019 - Merkur

Wer sagt eigentlich, dass Europa ganz selbstverständlich mit Liberalismus und Emanzipation einhergeht? Und wer glaubt noch an jene geschichtsphilosophische Sicht, derzufolge die Menschheit sich stetig zur global geeinten Gattung entwickelt? Moritz Rudolph jedenfalls nicht. Für ihn oszilliert die Globalisierung seit dem 15. Jahrhundert zwischen Expansion und Kontraktion, auf jede Öffnung folgten Rückzug und Abschottung, wenn auch nicht unbedingt im selben Zuschnitt: "Der nächste Nationalismus könnte supranational-europäisch sein und sich als Antinationalismus camouflieren. Seine geschichtsphilosophische Funktion ist jedoch noch immer dieselbe: Er unterbricht den Welteinigungsprozess, schließt einen partikularen Raum ab und wendet sich scharf nach außen.... Die europäische Rechte befindet sich damit ganz auf der Höhe der kontrahierenden Zeit, und wenn sie sich einmal auf Europa als Aktionsraum geeinigt hat, wird sich alles Weitere schon finden. Noch bestehen Unterschiede zwischen den einzelnen Rechtsparteien: Salvini will mehr Schulden machen, die AfD will ihm das verbieten; Le Pen ist für die Verteidigung des Wohlfahrtsstaats, die Mehrheits-AfD will ihn weiter abbauen; die AfD bejubelt den gemeinsamen Binnenmarkt, Le Pen will ihn einschränken; die AfD ist Klimaskeptikerin, Le Pen schwingt sich zur Großökologin auf; Wilders gibt sich israelfreundlich, antiimperialistische Rechte halten es dagegen mit dem palästinensischen Befreiungskampf, den sie zugleich gegen das internationale Finanzjudentum führen wollen; westeuropäische Rechte schwärmen für Russland, osteuropäische hassen die Russen. Viele Politikwissenschaftler drehen aus diesen Widersprüchen ihre Beruhigungspillen und bezeichnen das neue Bündnis, das es, wie sie selbst zugeben müssen, so noch nicht gab und daher Beachtung verdient, als 'wackelig'. Die Rechte, das macht sie ja so rechts, versammelt sich jedoch gerne unter dem Banner des Mächtigsten, der seine Linie dann schon irgendwie durchdrückt. Für langanhaltende Grabenkämpfe ist sie nicht bekannt."

Weiteres: Der Schriftsteller Per Leo lässt seine verändert Sicht auf die Politik in den USA Revue passieren. Emily Witt schreibt über die Opioid-Krise in den USA.

Magazinrundschau vom 09.07.2019 - Merkur

Die Autorin Hazel Rosenstrauch ist nicht mit allem einverstanden, was der Historiker Sebastian Panwitz in "Das Haus des Kranichs", seiner Geschichte der Privatbankiers von Mendelssohn & Co schreibt. Aber wie er in dem Buch Finanz- und Geisteswelt verbindet, das imponiert ihr. Denn hierzulande gehörten "Kapital und Musik, Fonds und Literatur" immer noch getrennten Welten an: "Als Nachteil dieser Vermischung von Disziplinen mit unterschiedlicher Tradition und Sprache erweist sich, dass diese Arbeit kaum wahrgenommen wird, weil Academia immer noch in Rubriken konferiert und rezensiert. Als Vorteil erweist sich, dass Zuordnungen und Theorien (zu Banken, Firmengeschichte, Juden und Preußen) nicht automatisch einrasten. Die Darstellung folgt weder den Usancen von Firmengeschichten noch bleibt sie im Ghetto jüdischer Geschichte beziehungsweise Geschichte von Juden stecken, die ja meist abgesondert von der 'normalen' deutschen Geschichtsschreibung betrieben wird. Im Raum zwischen den akademischen Heimaten bleibt Platz für Assoziationen. Erstaunlich viele Arbeiten zu Privatbanken, schreibt Panwitz, wurden nicht fertiggestellt. Warum? Vielleicht ist es besonders schwierig, im Geschäft mit Geld verdienstvolle Männer zu ehren?"

Weitere Artikel: Reiner Nägele wehrt sich gegen Versuche, Musikwissenschaft als reine Philologie zu betreiben. Rainer Maria Kiesow schreibt über Carl Schmitts "Gesetz und Urteil".
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Magazinrundschau vom 14.05.2019 - Merkur

Während die Geologen wohl noch hundert Jahre brauchen düften, um das menschliche Zeitalter anzuerkennen, ist das Anthropozän in den Geistes- und Kulturwissenschaftler längst ausgemachte Sache. Allerdings stellt es sie vor das Problem, wieder den Menschen denken zu müssen, den doch schon Michel Foucault verschwinden sah "wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand". Hannes Bajohr versucht, Ordnung in diesen  anti-, post- und neohumanistischen Schlamassel zu bringen: "Ganz gleich, auf welcher Seite man sich in der Auseinandersetzung um den Anthropos im Anthropozän wiederfindet - sie zeigt, dass der Mensch zumindest als diskursiver Gegenstand just in dem Moment auf die Bühne der Geisteswissenschaften zurückgekehrt ist, da seine endgültige Verabschiedung schon sicher schien. Schreibt sich zwar die Tradition des Antihumanismus fort, sind gerade ihre widerwilligen Apostaten wie Morton oder Colebrook bestes Zeichen dafür, dass es zwar nicht mit dem Menschen, ganz ohne ihn aber auch nicht geht. Diese prekäre Wiederkehr bedeutet aber gerade keine Restitution einer substantiellen Anthropologie, so als hätte es die antihumanistische Kritik nie gegeben. Das Modell des Weltenbildners homo faber, den das 'gute Anthropozän' aufruft, das ist der richtige Punkt des Posthumanismus, ist in der strikten Gegenüberstellung von Mensch und Natur nicht aufrechtzuerhalten. Seine völlige Bestreitbarkeit ist aber im Anthropozän ebenso wenig zu haben - als Adressat ethischer Forderungen, als politisch Handelnder oder als Verursacher und Verantwortlicher des Klimawandels bleibt 'der Mensch' weiterhin ein operativer, aber eben prekärer Begriff."

Zu lesen ist außerdem ein Interview, in dem Anne Peters, die Direktorin des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg, bemerkenswert nüchtern über die Macht des Völkerrecht spricht: "Das Recht ist natürlich nur ein Ordnungsfaktor neben anderen in den internationalen Beziehungen. Militärische Macht und wirtschaftlicher Druck - also: Gewalt und Geld - sind zwei weitere. Man darf sich keine Illusionen darüber machen, dass das Recht nur einen kleinen Beitrag zur Ordnung der Welt leistet - zumal harte Sanktionsmöglichkeiten kaum zur Verfügung stehen."

Magazinrundschau vom 02.04.2019 - Merkur

Aleida Assmann reagiert ziemlich kritisch auf einen Essay von Ivan Krastev und Stephen Holmes, in dem die beiden Politikwissenschaftler ein akutes Anerkennungsdefizit der postsozialistischen Staaten diagnostizieren (hier auf Englisch). Bevormundet vom "liberalen" Westen konnten sie demzufolge nach dem Ende der sowjetischen Ära ihren Nationalstolz nicht ausleben. Tappen die Autoren damit nicht in die Falle ihrer eigenen Geschichtskonstruktion?, fragt Assmann. Warum spielen die Menschenrechte keine Rolle in ihrer Erzählung zu 1989? "Den Kalten Krieg haben nicht nur die Amerikaner gewonnen, sondern auch jene europäischen Politiker, die 1975 die Schlussakte von Helsinki unterzeichnet hatten, und es war nicht nur der Kapitalismus, sondern es waren gerade auch die osteuropäischen Dissidenten, die sich auf die Menschenrechte beriefen und damit das Ende des Ost-West-Konflikts eingeleitet haben. Das hat der Menschenrechtsaktivist Gáspár Miklós Tamás kürzlich bestätigt, der unter Ceauşescu in Rumänien gelebt hat: 'Viele Politologen sprechen davon, dass der Systemwechsel von außen und von oben kam. Unsinn. Den Systemwechsel hat zwar nicht das ganze Volk gemacht, aber wir waren damals zwei, drei Millionen Menschen, es gab Klubs, Debatten, Versammlungen, Demonstrationen, es gärte unglaublich in der Gesellschaft. Dieser unbändige Freiheitswille von 1989, dieses Freiheitspathos, das war ein Augenblick von sehr großer Schönheit. Das bleibt.' Nichts davon bleibt jedoch, wenn wir dem Narrativ vom Nachahmungsimperativ folgen. Der Kampf um die Menschenrechte vor 1989 ist aber gerade deshalb ein so wichtiges Kapitel in der Geschichte der EU, weil die Ostblockstaaten eben nicht, wie es die Geschichte der Sieger will, mit dem westlichen Gut der Demokratie 'beschenkt' beziehungsweise kolonial überrannt und überwältigt worden wären, sondern weil sie dieses Gut selbst erkämpft und damit ihre eigene Utopie in die Europäische Union eingebracht haben." Assmann glaubt allerdings auch, dass die Osteuropäer eine schwere Kränkung erfahren haben, nur sei diese anders gelagert: "Denn was die ost- und mitteleuropäischen Dissidenten erkämpft und erhofft hatten, war eine liberale Demokratie; doch was sie tatsächlich bekommen haben, war eine neoliberale Wirtschaftsordnung, die der Globalisierung des Kapitals neue Räume erschloss."

Magazinrundschau vom 05.03.2019 - Merkur

In Zeiten globalisierter Finanzströme, internationaler Migrationsbewegungen und supranationaler Netzwerke schwindet die Vorstellung, ein politisches und soziales Gemeinwesens könnte weiterhin mit der Nation deckungsgleich sein. Die Soziologin Conelia Koppetsch sieht die bürgerlichen Mittelschichten im aufkommenden Kultur- und Klassenkampf in zwei Lager gespalten: Das kosmopolitisch-neobürgerliche Lager mit seiner Vision eines digitalen oder 'grünen' Kapitalismus und das eher sozialdemokratische Lager mit seinem Ethos der nivellierten Mittelschichtsgesellschaft: "Worin sich die Positionen unterscheiden, ist die Frage, wo die Grenzen der Gemeinschaft imaginiert werden und wer im gesellschaftlichen Wir aufgehoben sein soll. Während die Vertreter der nivellierten Mittelschichtsgesellschaft sich aus den (unteren) Mittelschichten rekrutieren, deren Lebensführung und Lebenschancen in besonders hohem Maße an die Nation und die Funktionsfähigkeit des Wohlfahrtsstaates gebunden sind und die darum eher zur nationalen Schließung der Gemeinschaft neigen, orientieren sich die Vertreter des globalen Kapitalismus, die aus den stärker transnationalisierten Fraktionen der oberen Mittelschicht kommen ... stärker an Strukturen und Deutungsangeboten jenseits des Nationalstaats. Beiden gemeinsam ist jedoch der Rekurs auf soziale Schließung: Auch wenn sich die kosmopolitischen Milieus der akademischen Mittelklasse dies nicht eingestehen möchten, so verteidigen auch sie auf scheinbar offen-inklusive Weise einen exklusiven Lebensraum. Zwar sieht sich die obere Mittelschicht als Träger einer weltbürgerlichen und im globalen Maßstab repräsentativen Kultur (Friedrich Tenbruck) und fühlt sich einem Ideal universalistischer Teilhabe- und Aufstiegschancen verpflichtet... Gleichwohl bleibt die weltbürgerliche Kultur - vorläufig jedenfalls - zumeist auf ihre akademischen Trägergruppen beschränkt, die sich über kulturkosmopolitische Lebensstile vergesellschaften, dabei eine Verschmelzung mit hochgebildeten Migranten (expats) anstreben, sich aber zugleich nach unten abgrenzen."

Magazinrundschau vom 05.02.2019 - Merkur

Und was, wenn Westdeutschland gar nicht der Normalstandard wäre, an dem sich die Ostdeutschen ständig messen lassen müssen? In einem rhetorisch etwas anstrengenden Text erinnert der Historiker Jürgen Große, wie viel Verachtung und billige Stereotype die Ostdeutschen in den vergangenen drei Jahrzehnten über sich ergehen lassen mussten. Wen störte schon, dass selbst Angela Merkel in der CDU jahrelang nur als Zonenwachtel tituliert wurde? "Vieles, was die industrielle Moderne ausmacht, haben Ostdeutsche gründlicher absolviert: Glaubensschwund etwa oder Frauenemanzipation. Im Osten erregt der Kampf um Gender-Sterne oder gegen Gomringer-Gedichte bestenfalls Heiterkeit. Zu sehr dementiert er die Existenz jenes Selbstbewusstseins, das dadurch behauptet werden soll. Das gilt auch für andere Selbstzuschreibungen. Wenn es so etwas wie eine ostdeutsche 'Identität' geben sollte, dann würde diese sich in Identitätspolitik kulturlinken Typs wahrscheinlich auflösen. Nicht die Artikulation des eigenen Andersseins, sondern die Analyse jenes Daseins, das zu seiner Selbstvergewisserung so dringend dieses Andersseins bedarf, verspricht kognitiven Gewinn. Mehr dürfte für die ostdeutsche Minderheit vorerst nicht drin sein."

Außerdem: Heide Volkening schreibt über den plötzlich populär gewordenen, dabei tief in den Erfahrungen von Rostock und Greifswald verwurzelten Politpunk von Feine Sahne Fischfilet.

Magazinrundschau vom 08.01.2019 - Merkur

Robin Detje erinnert sich an seine Zeit als Schauspielschüler an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule, wo er einem doppelten Trauma ausgesetzt war, der erdrückenden Spießigkeit der ZDF-Fernsehwelt und der scheinheiligen Bürgermoral der Kammerspiele: "Die Ausbildung ist so: Ich soll ganz ich selbst sein, aber auch verwertbar, und am verwertbarsten bin ich, wenn ich an einen Erfolgsschauspieler erinnere, das aber ganz aus meiner Mitte heraus. (Ich bin 'der neue Edgar Selge'.) Außerdem soll ich mich öffnen, auch das möglichst ganz. Ich soll meinen Körper kontrollieren, aber auch entgrenzen lernen, und zwar um die Fantasien eines Regisseurs zu verkörpern, der mich kontrollieren wird. Ich soll verfügbar sein, egal ob für Derrick oder Dieter Dorn. Ob man Fortschritte macht, entscheiden Lehrer und Lehrerinnen, die bei Bedarf durchaus auch mit einem schlafen wollen. Es fällt mir heute schwer, das alles nicht als Einübung von Missbrauchsbereitschaft zu verstehen."

Und Harun Maye beerdigt mit der Spex und den Printausgaben von New Musical Express, Intro, De:Bug, Neon und jetzt eigentlich auch gleich die Popkultur: "Sobald sich Nonkonformität und Dissidenz finanziell auszahlen, erzeugen sie kein symbolisches Kapital mehr. Die Popkultur wurde zur Avantgarde ihrer eigenen Abschaffung. Spätestens seit Kurt Cobain ist der Rock'n'Roll-Rebell, den David Bowie, Ozzy Osbourne und andere einst gefeiert haben, zum Idol der Kulturindustrie und des Mainstream geworden. Alternative Lebensmodelle, Nonkonformität und Dissidenz waren plötzlich mehrheitsfähig. Die ehemaligen Spex-Redakteure Tom Holert und Mark Terkessidis haben diese Entwicklung auf den Begriff 'Mainstream der Minderheiten' gebracht: 'Wo sich Dissidenz einmal des Konsums bediente, so bediente sich nun der Konsum der Dissidenz … Pop ist in diesem Sinne nichts anderes als eine Shopping Mall.'"

Magazinrundschau vom 04.12.2018 - Merkur

Mit #MeToo sind auch die letzten Burgen des Regietheaters unter Beschuss gekommen. Gut so, meint der Theaterwissenschaftler Kai van Eikels und holt zu einer Generalabrechnung mit einem Machtgefüge aus, in dem der Regisseur den Autor vom Thron stürzte, um sich selbst als Herrscher der Kunst zu installieren, der seine Vision von einer egalitären Gesellschaft mal subtil, mal krachig von der Bühne verkünden ließ: "Nachdem Begriffe wie Sexismus, Rassismus und Diskriminierung so verbreitet und populär verfügbar geworden sind, dass auch Schauspielerinnen und Assistentinnen sich in kritischer Absicht darauf zu berufen trauen, ruft das Herrschaftsgebaren von Regisseuren schließlich die Empörung hervor, die über Jahrzehnte ausgeblieben war, obwohl viele um die Gewalt im Arbeitsalltag der Stadt- und Staatstheater wussten. In den Reaktionen derer, gegen die Vorwürfe erhoben werden, hört man neben einer Mischung aus Larmoyanz und Anwaltsberatung echte Fassungslosigkeit darüber, dass so konkrete, unzweideutig wörtlich moralische Anschuldigungen auf einmal zählen sollen. Muss man das nicht reflexiver sehen? Nein, lautet die gegenwärtige Antwort, muss man nicht. Die Stärke dieser neuen Auseinandersetzung mit Theaterarbeit - und künstlerischer Arbeit überhaupt - liegt eben im Insistieren auf dem Recht des einfältig Realen, wie die Frage 'Ist das gut?' es zum Vorschein bringt. Das oft als Moralismus Geschmähte wendet sich im Namen von banalen, aber realen Einzelheiten gegen eine Souveränität, die ihre Übergriffe gerne damit legitimiert, einem komplexeren, anspruchsvolleren, Opfer erfordernden Ganzen zu dienen."

Wir müssen reden? Von wegen! Mündliche Kommunikation wird völlig überschätzt, findet Kathrin Passig, oft von Psychologen, aber auch von Leuten mit fiesen Privilegien: "Naturgemäß kommt die Verteidigung der Mündlichkeit vor allem aus Gruppen, die durch physische Anwesenheit Vorteile genießen, also von Personen mit unproblematischen Körpern, die redegeübt und sozialkompetent sind und es sich leisten können, zur richtigen Zeit lange genug am richtigen Ort zu sein."

Magazinrundschau vom 06.11.2018 - Merkur

Der Rechtsphilosoph Uwe Volkmann ist sich nicht sicher, ob eine demokratische Gesellschaft ohne normative Standards oder Werte auskommen kann. Aber wer soll diese Standards festsetzen? Oder sind "Werte" nur eine etwas unbeholfene Formulierung für Bürgersinn und demokratisches Ethos? In der Rechtswissenschaft jedenfalls erodiert Volkmann zufolge der Wertbegriff schon, im NPD-Urteil wollte das Bundesverfassungsgericht selbst die rechtsextreme Partei nicht mehr auf demokratische Werte verpflichten. Und der Aufstieg der Werte war schon in den fünfziger Jahren so ambivalent wie die Kritik an ihnen, weiß Volkmann: "Begleitet wurden dieser Aufschwung der Werte und ihre Verwandlung in eine amtliche Ethik allerdings immer schon von einem Grundrauschen der Kritik am ideologischen Charakter der ganzen Veranstaltung. Ihre bis heute maßgebliche Programmschrift hat sie in Carl Schmitts 'Tyrannei der Werte' gefunden, die den Hauptvorwurf schon in ihrem Titel trägt." So dubios man Carl Schmitt heute findet, sein Haupteinwand, so Volkmann, "steht in der Sache auch heute noch hinter aller Kritik: Die Werte, so schrieb er, hätten kein Sein, sondern nur eine Geltung, sie drängten auf fortlaufende Realisierung ihres Gehalts, immer wolle sich der höhere Wert gegen den niedrigeren durchsetzen, der Wert an sich gegen den Unwert, der am Ende ausgemerzt und vernichtet werden müsse. Auf diese Weise unterwerfen sich die Werte, sekundierten andere später, zuletzt auch die Freiheit, die nur noch auf Wertrealisierung hingeordnet wird."

Holger Schulze beobachtet in seiner Klangkolumne, wie Sprachassistenten nicht nur zu einer Merkantilisierung der Privatsphäre führen, sondern auch zu einer Domestizierung der Eigentümer: Alle sprechen mit erhobener Stimme und streberhaft überdeutlichem Duktus: "Mit der Zeit mag dieser sich abschleifen, doch die Erwartung an die Spracheingabe ist, dass sie eine erhöhte Klarheit und Deutlichkeit des Sprechens benötigt - ähnlich wie offenbar auch ein Hausherr seinem Dienstpersonal oder ein höherrangiger Militär seinen Untergebenen überdeutlich und unmissverständlich Befehle erteilt."