Magazinrundschau - Archiv

Merkur

239 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 24

Magazinrundschau vom 05.05.2026 - Merkur

Tief taucht Claus Leggewie in der Ausstellung "Midnight Zone" im Kunstmuseum Wolfsburg: Der französisch-schweizerische Künstler, Taucher und Meeresforscher Julian Charrière gewährt Leggewie mit einer in die Tiefe herabgelassenen, sich drehenden Fresnel-Leuchte einzigartige Einblicke in die Tiefen des Ozeans und macht noch einmal auf eine ganz neue Art klar, wie schützenswert dieser Lebensraum ist und wie gefährdet gleichzeitig. Lange jedoch sind die Meeresböden schon im Blick der großen Konzerne und Charrières Rat, "Rohstoffe in großer Fülle unangetastet im Boden zu lassen", um Umweltkatastrophen wie beispielsweise das Kippen des Golfstromes zu vermeiden, ist natürlich nicht in ihrem Interesse: "Der Meeresboden an den Küsten ist schon immer auch ein Rohstoffreservoir von Sand und Kies, Zinn und Titan, Gold und Diamanten, hinzu kam die Offshore-Förderung von Erdöl und Erdgas. Seit einigen Jahren stellen sich Teile der Weltwirtschaft auf Dekarbonisierung ein und wollen den in der Industriellen Revolution eingeschlagenen Pfad der Verbrennung von CO2-haltigen Stoffen verlassen. Doch die meisten Industrie- und Schwellenländer steigen lediglich auf eine andere Form von Extraktion um. Da die Erde weitgehend ausgeplündert ist und Mond und Mars riskante Bergbau-Utopien bleiben, bekommt die Tiefsee den fragwürdigen Status einer 'next (und womöglich last) frontier'." Schützt man nun die Meere oder mit Hilfe ihrer Rohstoffe die Natur auf der Erde? Irgendwie muss beides möglich sein, überlegt Legewie: "Der 'grüne' Kompromiss (und das sei ohne Häme gesagt) besteht darin, Zeit zu gewinnen, die man angesichts der planetaren Kipppunkte eigentlich nicht mehr hat, und zunächst die ökologischen Folgen des Meeresbergbaus genauer zu erforschen, ihn präventiv auf die Agenda multilateraler Gipfeltreffen und internationaler Organisationen zu setzen und einstweilen ein Moratorium gegen weitere Explorationen und künftige Extraktionen durchzusetzen."

Magazinrundschau vom 10.03.2026 - Merkur

Viel Diskussion gab es seit Trumps Wiederwahl um das "F-Wort", wie der Kulturwissenschaftler Patrick Eiden-Offe in einem Essay darlegt: Ist Trump nun ein Faschist oder ist er es nicht? Eiden-Offe schlägt statt des historischen Faschismus-Begriffs den der "Faschisierung" vor. Der ist übrigens auch keine neue Erfindung, wie wir lesen, bereits Georg Lukacz benutzte ihn, später fragte André Glucksmann 1972 in Les Temps Modernes: "Gibt es nicht vor dem Faschismus die Faschisierung, die ihn vorbereitet und etabliert?" In "allen aufgeführten Richtungen zielt der Begriff der Faschisierung auf eine Auffächerung der Perspektiven und Fragerichtungen: weg von der monolithischen Betrachtung des Faschismus, hin zur Untersuchung einzelner Sachgebiete und Institutionen, die im Prozess der Faschisierung strategisch zusammengeführt werden, die potenziell aber auch Widersprüche und Inkohärenzen entfalten können. Faschisierung vollzieht sich auf unterschiedlichen Ebenen: im Bereich der großen, offiziellen Politik wie dem der öffentlichen Meinung; in den (ehemals) seriösen Medien wie in den ausgewilderten Sphären des Netzes und der sozialen Medien; und schließlich auch im Bereich des Persönlichen oder Privaten, der eben durch diese neuen Medien und Vernetzungsmöglichkeiten kaum noch klar abzugrenzen ist. All das ist nicht ganz neu, und all diese Phänomene müssen einzeln und gesondert untersucht werden und werden es vielerorts auch schon. Was heute zu einer neuen Debatte treibt - zur Debatte um einen 'neuen Faschismus' etwa -, ist die Beobachtung (oder das Gefühl), dass die einzelnen Bereiche und Maßnahmen auf eine neue, andere und stärkere Weise zusammenwirken. Für genau diese neue Form des Zusammenwirkens schlage ich den Begriff der Faschisierung vor, und dabei möchte ich - das Latinum war vielleicht doch zu etwas gut - auf die Übersetzung des lateinischen fascis /fasces: das Bündel zurückgreifen. Faschisierung wäre dann eine Bündelung, und erst in der Bündelung entstehen die Faschisierungseffekte, mit denen wir es heute zu tun haben - durch Verzahnung, Ergänzung und gegenseitige Verstärkung."

Magazinrundschau vom 10.02.2026 - Merkur

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Peter Jelavichs These eines deutschen Sonderwegs in Sachen Kunstfreiheit möchte Johannes Franzen mit Blick auf Konflikte um Kunstfreiheit in fast allen modernen bürgerlichen Kulturen zwar nicht zustimmen. Dennoch liest er das schmale Buch, das die Geschichte der Kunstfreiheit vom Naturalismus bis zur documenta fifteen nachzeichnet, mit großem Interesse, zeigt es ihm doch an zahlreichen Beispielen, wie sich vom Kaiserreich über die Weimarer Republik bis in die Adenauer-Ära die Streitigkeiten immer wieder darum drehten, die Gesellschaft vor Unzucht oder Blasphemie zu schützen. Erst in den 1960er Jahren änderte sich "die gesellschaftliche Einstellung zur Kunstfreiheit. Die Haltung des Kunstinteressierten löste die des 'Normalmenschen' als Maßstab für die Beurteilung von Kunstwerken endgültig ab. Im Herbst 1960 wurde der Göttinger Student Reinhard Döhl für sein Gedicht Missa profana, das er in der Studentenzeitung der Universität veröffentlicht hatte, zu einer Geldstrafe wegen der Verletzung religiösen Empfindens verurteilt. Grundlage waren die Aussagen von achtzehn katholischen Laien, die zwar mehrheitlich einräumten, dass sie das extrem komplexe und rätselhafte Gedicht nicht verstanden hätten, gleichzeitig aber beteuerten, es habe ihre religiösen Gefühle verletzt. Dieses Urteil wurde ein Jahr später vom Bundesgerichtshof aufgehoben - laut Jelavich ein 'Meilenstein' in der Geschichte der Kunstfreiheit, der das sittliche Volksempfinden als Prüfstein für die Kunstfreiheit verabschiedete. Tatsächlich verringerte sich die Anzahl der Prozesse gegen Kunstwerke, die Repräsentationstabus verletzten, seitdem rapide." Die Frage ist, ob gleichzeitig die Anzahl der Kunstwerke rapide abgenommen hat, die religiöse Gefühle verletzen könnten.

Magazinrundschau vom 03.02.2026 - Merkur

Der bekannte Soziologe Heinz Bude, Jahrgang 1954, liefert eine Art Nachruf auf die idealtypische Bibliothek, die sich westdeutsche Boomer mit ein bisschen Grips im Laufe ihres Lebens so zusammengestellt haben - sozusagen bevor sie ganz im Papiermüll landet. Die Ironisierung der eigenen Provinzialität erinnert in seinem Essay allerdings eher an die Generation Golf, während die Titel aus der Boomer-Bibliothek, die Bude so nennt, eher an die Verfallszeit der 68er-Bewegung denken lassen. Die Boomer-Generation verortet Bude in den Jahrgängen 1958 bis 68. Wer angesichts der ersten Titel, die beim WG-Umzug laut Bude idealtypischerweise rausgeschmissen wurden, nicht laut lachen muss, hat die Zeit nicht miterlebt: "'Kapital und Arbeit in der Bundesrepublik' von Urs Jaeggi musste dran glauben, auch das 'Schwarzbuch: Franz Josef Strauß' von Bernt Engelmann. Günter Wallraffs 'Ganz unten' wurde dagegen wieder einsortiert. Die Taschenbücher mit sozialwissenschaftlichem Anstrich über die gesellschaftlichen Verhältnisse und die sozialen Fragen hatten irgendwann am Ausgang des Jahrhunderts ihr Bleiberecht in der Bibliothek verspielt. Der Band 'Die SPD nach Hitler' von Theo Pirker von 1977 oder 'Die Arbeit der Zuspitzung - Über die Organisation einer regierungsfähigen Linken' von Peter Glotz aus dem Jahr 1984 blieben jedoch noch im Regal." Wie trocken war dies Brot! Sehr melancholisch die abschließenden Bemerkungen Budes: "Den Boomern, die eine Schicht aus Bildungsaufsteigern geworden sind, schwant allerdings, dass ihre Kinder und Enkel kein Interesse an ihren Bibliotheken haben. Sie verzichten darauf, anhand der Bücher, die ihre Omas und Opas hinterlassen haben, nachzuvollziehen, wie diese zu dem geworden sind, was sie am Ende waren."

Magazinrundschau vom 05.08.2025 - Merkur

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Die beiden Gratistexte reflektieren die Fragilität von Demokratie. Der Germanist Helmut Müller-Sievers und der Software-Unternehmer Greg Laugero unterhalten sich über Christian Meiers berühmtes Athen-Buch von 1993, durch das man auch einiges über das Zeitalter des Trumpismus lernen kann. Müller-Sievers sagt: "Es kommt mir nach der Lektüre so vor… als seien die Rekrutierung und ständige Beschäftigung der Bevölkerung, als sei der immense Aufwand an Zeit und Geld, den die Demokratie kostet, ein Mittel, um die männliche Bevölkerung von ihrer selbstzerstörerischen Gewalt abzuhalten und sie auf die halb mythische, halb imaginäre Einheit namens 'Athen' einzuschwören. Sobald diese Anstrengung nachlässt, aufgrund von schwacher oder exzentrischer politischer Führung, dem Abnehmen der Bedrohung durch auswärtige Feinde, oder aufgrund von Naturkatastrophen (also genau der Trias von Entwicklungen, die uns heute begegnen), treten Gewalt und Grausamkeit wieder unverschämt auf."

Der Historiker Jürgen Osterhammel schreibt eine kleine Hommage auf den kürzlich gestorbenen Politologen Joseph S. Nye, der den Begriff der "Soft Power" erfunden und in mehreren Büchern immer neu beleuchtet hat. Eine Demokratie wie die amerikanische kann nach außen nicht allein auf Gewalt beruhen, erklärt Osterhammel. Trump zerstöre eine der Säulen, auf der die amerikanische Demokratie beruhte: "Anders als sein republikanischer Vorgänger George W. Bush und dessen 'neo-konservative' Einflüsterer, will Trump die Demokratie nicht verbreiten. Er schützt sie noch nicht einmal dort, wo es sie schon gibt, indem er Auslandssender schließt, Menschenrechtspolitik und Cyberabwehr einstellt und seinen Helfern gestattet, antidemokratische Kräfte in anderen Ländern zu stärken. Die US-Verfassung, seit zweieinhalb Jahrhunderten weltweit wegen ihrer ausbalancierten Gewaltenteilung bewundert, beschädigt er in ihrem Ursprungsland. Die amerikanische Wissenschaft weckt im Ausland plötzlich Sorge und Mitleid. Was Trump seinem Land antut, hat der frühere Harvard-Präsident Larry Summers beschrieben als 'to sacrifice its role as a beacon to the world and a source of attraction for the most talented young people all over the world'. Die USA hören auf, Magnet zu sein."

Magazinrundschau vom 08.07.2025 - Merkur

Johannes Franzen braucht sehr sehr lange um zum Punkt zu kommen, aber in den letzten vier Absätzen wird es doch noch interessant. Es geht um Urheberrechte und KI. Sein Beispiel ist die Flut von Figuren, mit denen mittels KI die fantastischen Animationen aus Hayao Miyazakis Ghibli-Studio nachgeahmt werden. Franzen spricht viel von Geniekult und fast scheint es, er messe der Originalität von Künstlern und Kunstwerken keine allzu große Bedeutung bei. Aber dann gruselt es ihn doch ein wenig: "Nicht nur nutzen Vertreter der rechtsradikalen Identitären Bewegung die Technik, um ihre Bewegung zu ästhetisieren, der Account des Weißen Hauses ghiblifizierte sogar die Deportation einer angeblichen Drogenhändlerin, die im Stil Miyazakis weinend in Handschellen gelegt wurde. … Der Fall zeigt, welche Folgen die ungeordnete Vergemeinschaftung einer Ästhetik haben kann. Die Entmachtung, die mit dieser Form der Aneignung einhergeht, droht einen Stil dermaßen zu kontaminieren, dass er am Ende zerstört wird. Werkherrschaft als Souveränität des Autors schützt nicht nur die Deutungsmacht des Urhebers, sondern auch die Ästhetik selbst, die vor Missbrauch bewahrt wird. Diese Souveränität legitimiert sich allerdings nicht durch die besondere Menschlichkeit des Autors, in deren Beschwörung nur die Versatzstücke eines raunenden Geniemythos reproduziert werden, sondern durch die Integrität seiner Vision."

Magazinrundschau vom 17.06.2025 - Merkur

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Natan Sznaider nimmt sich Pankaj Mishras Buch "Die Welt nach Gaza" vor, "ein gutes und kluges" und gleichzeitig ein "schlechtes und gedankenloses Buch", wie er findet. Auffällig ist für Sznaider, wie Mishra bewusst jüdische Protagonisten der Geistesgeschichte ins Feld führt, um seine Argumentation zu untermauern und die israelische Gaza-Politik zu kritisieren. Aus pragmatischen Gründen sei das verständlich, meint Sznaider, Mishra wolle sich so vor dem Vorwurf des Antisemitismus schützen. Doch begehe er den Fehler, Erfahrungen, die Hannah Arendt oder Jean Améry gemacht haben, aus dem Kontext zu reißen oder bewusst zu missverstehen: "Er übersieht, dass viele von ihm zitierte Juden und Jüdinnen gleichzeitig radikal universalistisch, aber auch radikal partikular denken können." Die "Erinnerungen Arendts, Amérys und Levis, die auch wegen ihrer Beispiellosigkeit mit dem jüdischen kulturellen Gedächtnis verknüpft sind und versuchen, das Beispiellose zu benennen, werden bei Denkern wie Mishra zu einem intellektuellen Supermarkt, bei dem man sich beliebig bedient. Historische Ereignisse zu vergleichen, einzuordnen, berühmt-berüchtigte Kontexte zu finden, das gehört zum Handwerkszeug eines jeden sich als Intellektuellen verstehenden Menschen. Dabei müssen die emotionalen Wahrheiten der Beteiligten ausgeschlossen bleiben, um sich die gefühlslose und kalte Objektivität zu bewahren. Aber gleichzeitig ist das auch Flucht vor der Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, die von keiner schönen Theorie eingefangen werden kann. Dazu gehört auch die Wirklichkeit des 7. Oktober, auf die Mishra sich nicht einlassen will. Auch interessiert er sich für die nach Gaza entführten israelischen Geiseln so gut wie gar nicht. An diesem Tag sind Tausende bewaffnete Hamas-Kämpfer in den Süden Israels eingedrungen, haben gemordet, vergewaltigt und entführt. Sie haben Lebende und auch Tote missbraucht. Sie ermordeten mehr als 1200 Menschen und entführten 240 nach Gaza, darunter auch kleine Kinder. Das sind unverzeihbare Verbrechen, sie sind durch keine erfahrene Unterdrückung verzeihbar. Das waren nicht nur moralische Verfehlungen, das war ein Massaker. Keine um Freiheit kämpfende Bevölkerung kann so verbrecherisch handeln und es dann als Widerstand rechtfertigen. Mishra verteidigt es sicher nicht, aber er ignoriert den moralischen Abgrund des 7. Oktober, um seine Leser und Leserinnen von dem moralischen Abgrund der israelischen Reaktion darauf zu überzeugen. Ich verstehe, dass er das Buch nicht für Juden und Jüdinnen in Israel wie mich selbst geschrieben hat. Aber wie kann er für sich selbst diesen moralischen Abgrund rechtfertigen?"

Magazinrundschau vom 08.04.2025 - Merkur

David Kuchenbuch rekonstruiert die jüngere Geschichte der politischen Rechten Dänemarks im Allgemeinen sowie der restriktiven dänischen Migrationspolitik im Besonderen. Unter anderem geht er in dem Text auf den Karikaturenstreit ein und stellt umfangreiche Vergleiche mit anderen skandinavischen Ländern an: "Generell hängen viele Unterschiede im Norden - Island, das seit kurzem eine dezidiert feministische Regierung hat, ist noch einmal ein eigener Fall - mit den jeweiligen Erinnerungskulturen zusammen. Der norwegische Nationalfeiertag (grunnlovsdagen) feiert indirekt die Befreiung vom als Kolonisator wahrgenommenen Dänemark im Jahr 1814, während die Rolle Schwedens und Norwegens bei der 'Zivilisierung' der Sámi lange in die Tiefenschichten der jeweiligen kollektiven Gedächtnisse verbannt war. Das ist in Dänemark anders, wo die Kolonialgeschichte direkt an der Oberfläche zutage tritt. Neben der Erinnerungskultur erklären aber auch die traditionell ausgeprägten gegenseitigen Beobachtungen der Skandinavier manchen Unterschied. So sahen die rechten Schwedendemokraten 2006 aus Sicherheitsbedenken von einer geplanten Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in ihrer Parteizeitschrift ab. Bezeichnend ist auch der jüngste Umgang Schwedens mit den angedrohten Koranverbrennungen des (in Dänemark geborenen) islamfeindlichen Aktivisten Rasmus Paludan. Es gab Überlegungen, ausgerechnet den Blasphemie-Paragraphen zu reaktivieren, um sie zu stoppen - ein Atavismus, der 'unskandinavischer' kaum sein könnte und ohne die Sorge vor einer dänischen Dynamik nicht denkbar scheint."

Außerdem schlägt Michel Küppers ein Gegenprogramm zu Elon Musks Behördenkahlschlag vor: Mehr Bürokratie wagen.

Magazinrundschau vom 04.03.2025 - Merkur

Das erste Jahr ohne René Pollesch liegt hinter dem deutschen Theaterbetrieb - und jetzt? Ekkehard Knörer schreibt mit größerer Distanz zum überraschenden Tod des Berliner Theaterlieblings noch einmal über Leben und Werk, zeichnet Linien der Arbeitsweisen nach, die von Polleschs frühen Studientagen bis in die Gegenwart seiner letzten Inszenierungen führen. Aber Ausblick? So einen wie Pollesch gab es vielleicht wirklich nur einmal. "Ein Jahr nach seinem Tod laufen die letzten Pollesch-Inszenierungen an der noch immer intendanzlosen Volksbühne mit großem Erfolg weiter. Aber die im Theater immer virulente Frage, was - außer Erinnerungen, Kritiken und Aufzeichnungen - bleibt, ist in Polleschs Fall besonders interessant. Sein Werk liegt in einer recht einzigartig mittleren Lage zwischen einer Kunst, die mit ihrer Performance für immer vergeht und sich gegen jede Wiederholbarkeit sperrt, und einer Dramatik, die auf Texten basiert, die sich immer neu aufführen lassen. (Dass das bei zeitgenössischen Stücken eher selten passiert, steht auf einem anderen Blatt.) Nun gibt es bei Pollesch zweifellos Texte, sie sind zum nicht geringen Teil in Büchern gedruckt. Weil diese Texte im konkreten Kontext ihrer Erarbeitung mit den jeweiligen Partnerinnen und Partnern entstanden, weil sie für ihn eher Zeugnis und Halbzeug als aus ihren Kontexten lösbares Stück und damit Vorlage für weitere Aufführungen waren, hat Pollesch die Rechte zur Inszenierung oder Reinszenierung (mit wenigen Ausnahmen) aber nicht freigegeben. Es ist, auch wenn von einer testamentarischen Verfügung nichts bekannt ist, nicht davon auszugehen, dass sich an dieser Rechtslage mit seinem Tod etwas ändert. Pollesch, seine Texte, seine Inszenierungen bleiben dadurch mutmaßlich für immer an ihre Zeit, ihren Kontext und ihren Autor gefesselt."

Magazinrundschau vom 04.02.2025 - Merkur

Ein klares Jein! Der Merkur, einst ein so punkiges Institut, weiß sich des Streits  um die Antisemitismusdefinitionen nur in einem Pro und Contra zu entledigen. Team IHRA-Definition ist die Rechtswissenschaftlerin Marietta Auer. Team "Jerusalem Declaration" ist der Soziologe Stefan Hirschauer. Rührend ist schon Hirschhausers Sorge um die Juden, denn der "weite" Antisemitismusbegriff der IHRA-Definition, die israelbezogenen Antisemitismus einschließt, verschaffe "dem Diskriminierungserleben von Juden viel Nahrung. Er verstärkt die Zurechnung aller möglicher Erfahrungen von Kritik, Ablehnung, Spott oder Gehässigkeit aufs eigene Judentum." Viel präziser scheint er das "nicht per se" der "Jeruslam Declaration" (JDA) zu finden, die etwa BDS als "nicht per se" antisemitisch betrachtet. Hirschauer argumentiert in weiten Teilen seines Artikels politisch. Die deutsche Politik befinde sich "in diesem asymmetrischen Konflikt aufseiten des Stärkeren". Die IHRA-Definition blockiere "ein klares Sprechen über die so illegitime wie rechtswidrige Gewalttätigkeit von Juden in Palästina", so Hirschhauser. "Wir sind daher angesichts der irreversiblen Verbrechen gegenüber jüdischen Menschen einerseits angemessen aufmerksam für Antisemitismus, andererseits geradezu unfähig zu einem der aktuellen Politik Israels auch nur halbwegs angemessenen Zorn - wie er auf Pro-Palästina-Demonstrationen artikuliert wird."

Auer argumentiert in ihrer Rechtskolumne technischer, wenn auch nicht ohne klare Position. Sie findet die IHRA-Definition sehr wohl brauchbar. Die 'Weite' des Antisemitismusbegriffs stört sie nicht: "Selbst wenn die IHRA-Definition 'vage', 'unklar' oder 'unpräzise' wäre, folgt daraus noch kein juristisch schlagendes Argument gegen ihre Brauchbarkeit. Juristen, die so argumentieren, sollten eigentlich wissen, dass alle Rechtsbegriffe unbestimmt sind und die Hauptlast der Konkretisierung immer am konkreten Fall und nicht an der abstrakten Definition hängt." Und ist die JDA so viel präziser, oder kaschiert sie nur eine Absicht? "Sie ist, auch wenn sie sich selbst anders präsentiert, keineswegs über jeden Zweifel erhaben oder immun gegen Kritik. Sie behauptet, dass es einen kategorischen Unterschied zwischen Antisemitismus und Antizionismus gebe. Sie begründet es nicht. Sie verlangt vielmehr ihrerseits eine Umkehrung der Begründungslast: Antizionismus und Israel-Kritik sollen nicht mehr im Regelfall, sondern nur noch im Ausnahmefall antisemitische Rede darstellen. So entsteht durch schlichte Neusortierung der Argumente eine strategische Neuausrichtung des Argumentationsfelds."