Magazinrundschau - Archiv

Merkur

213 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 22

Magazinrundschau vom 05.07.2022 - Merkur

Die deutsche Russlandpolitik ist gescheitert, das steht für den Politikwissenschaftler Ulrich K. Preuß fest, aber heißt das auch, dass sie von vornherein ein Fehler war? Und gar im Sinne Talleyrands schlimmer als ein Verbrechen? Preuß verteidigt Frank-Walter Steinmeiers Politik der Annäherung durch Verflechtung als absolut legitim und vom Grundgesetz sogar geboten gegen die Vorwürfe des ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk, gegen bellizistische Medien und gegen die "normativ hochgerüsteten Grünen": "Die Idee, ein Ende des Krieges oder zumindest einen stabilen Waffenstillstand mit mehr oder noch effizienteren Kriegswaffen erzwingen zu wollen, führt in eine im Wesentlichen von Trümmern gesäumte Sackgasse. Dass ausgerechnet die Grünen diesen fantasielosesten aller Wege zum Frieden verfolgen, ist fast schon tragisch zu nennen. Wer unter ihnen hat das Beispiel des 4. August 1914 vor Augen, jenes Tages, an dem die Reichstagsfraktion der SPD aus patriotischem Pflichtgefühl den Kriegskrediten für die kaiserliche Regierung zustimmte und damit die Schleusen für einen 'gerechten Krieg' mit verheerenden Folgen öffnete?"

Weiteres: Der Philosoph Gunnar Hindrichs denkt über das Zivile und das Kriegerische bei Habermas und Arendt nach.

Magazinrundschau vom 14.06.2022 - Merkur

Der Historiker Jan Plamper trägt Episoden aus seinem Leben als international aufstrebender Forscher zusammen, der er in Petersburg, London oder Berlin mit Putins immer düsterer werdendem  Machtsystem in Berührung kam: "2010. American Academy am Berliner Wannsee, Abendessen zu Ehren einer US-Kollegin. Eine gut vernetzte Mitarbeiterin der Academy erzählt, dass sie im selben Tennisclub wie der russische Botschafter spielt. Bei der Verteilung der Rollen im Doppelspiel kam es neulich zu folgender Szene: Der Botschafter sagte seiner Frau, sie habe freie Wahl, da sie ja den höheren KGB-Rang besitze. Hahaha. Als ein ebenfalls anwesender deutscher Kollege das hört, schaudert es ihn. Er bleibt bei der nächsten Einladung zum Neujahrsball der russischen Botschaft, der immer opulenter und Fixpunkt im Leben der Berliner High Society geworden ist, daheim. 2010. Die Stories über einen Mit-Zivi in Russland Anfang der 1990er werden immer wilder. Damals kiffender Skater oder skatender Kiffer, Zyniker, hat er mehr schlecht als recht Jura studiert - allein die Fachwahl ein Treppenwitz in den Augen aller, die ihn in den Neunzigern kannten. Dann als Anwalt bei Gazprom und anderen kremlnahen Unternehmen angeheuert. Gerade soll er in Toulouse gewesen sein, um für Präsident Medwedew bei Airbus eine Spezialmaschine abzunehmen: mit vergoldeten Wasserhähnen auf dem Klo."

Aleida Assmann liest beeindruckt Christiane Hoffmanns Buchs "Alles, was wir nicht erinnern", für das die Journalistin und mittlerweile Regierungssprecherin den Weg ihres Vaters zurückverfolgte, der einst als Kind aus Schlesien fliehen musste: "Anders als das Vergessen könnte dieses Buch mit seiner Erinnerungsarbeit und seinem nachträglichen Durcharbeiten dazu beitragen, den Fluch der Flucht zu bannen und kommende Generationen von dieser Geschichte zu befreien. Aus diesem dialogischen Erinnern könnte ein neuer Heimat- und Verlust-Diskurs entstehen, der unterschiedliche Geschichten anerkennt und dabei immer auch das Gemeinsame im Blick behält: die Verletzlichkeit aller Menschen und den Wunsch nach Sicherheit als universales Grundbedürfnis." Nur im Print findet sich eine deutsche Übersetzung von Kwame Anthony Appiahs Essay über Frantz Fanon aus der New York Review of Books.

Magazinrundschau vom 03.05.2022 - Merkur

Um sich die Aggressionsbereitschaft und die Lust an der schlechten Laune bei den Querdenkern zu erklären (wobei man beides heute auch bei vielen linken Gruppen findet), blickt der Literaturwissenschaftler Steffen Martus zurück auf die neunziger Jahre, als Christian Kracht und Botho Strauß, die Politik ästhetisierten und "das Sich-irgendwie-grundsätzlich-schlecht-Fühlen" zum Fundament einer politischen Radikalopposition machten, wie Martus schreibt: "Im 18. Jahrhundert war die 'Ästhetik' als Wissenschaft vom 'Grund der Seele' etabliert worden, jener Zone also, wo aus unbedachten Kleinigkeiten und unscheinbaren Anzeichen folgenreiche Handlungen erwachsen und die daher kultiviert werden muss. Wo Argumente nicht verfangen, weil dazu keine Disposition bestand und weil man keinen Geschmack an einem bestimmten Denkstil und seinen Voreinstellungen fand, da sollten nicht zuletzt die Künste für entsprechende Neigungen sorgen. Weil es um untergründige Strömungen ging, schlug auch für Strauß die Stunde der wahren Poesie als Schöpfung desjenigen, der den 'Mut zur Sezession' aufbringt. Er interessierte sich dezidiert nicht dafür, wie man demokratische Prozesse konkret etwa vor jenem Wählerstimmenmonopoly bewahren könnte, das bei der Planung der ersten Bundestagswahl im wiedervereinigten Deutschland einen schalen Geschmack hinterließ. Stattdessen handelte er vom 'Demokratismus' als allgemeiner Befindlichkeit der Massengesellschaft. Er grübelte nicht darüber, wie sich politische Entscheidungen mit wirtschaftlichen Gegebenheiten so harmonisieren lassen, dass die damals gerade laufende Arbeit der 'Treuhandanstalt' nicht so verheerend wirkte; ihn beschäftigte der 'Ökonomismus' als Zeitgeistphänomen. Und die Gestaltung einer humanen Einwanderungspolitik war ihm ebenso egal wie die Frage, wie sich Moral und Politik ohne Selbstüberforderung oder -überschätzung verbinden lassen. Oder wie man politische Mehrheiten für den Klimaschutz gewinnt. Strauß zielte stattdessen andeutungsreich aufs Große und Ganze, und dort steht man gewöhnlich vor Entwicklungen, die sich wie Naturereignisse jeder systeminternen Gegenmaßnahme entziehen und daher harten, umfassenden Protest verdienen."

Außerdem: Jana Volkmann wirft angesichts der jahrhundertelangen Ausbeutung von Tieren die Frage auf, ob sich marxistische Arbeitstheorien auch auf diese geschundenen Kreaturen anwenden ließen.
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Magazinrundschau vom 05.04.2022 - Merkur

Das Bundesverfassungsgericht hat schon immer auch politische Entscheidungen gefällt, räumt Uwe Volkmann ein, aber mit Blick auf das Urteil zur Klimagerechtigkeit für künftige Generationen sieht er eine neue Stufe erreicht. In der enormen Politisierung dieses Verfahrens sieht Volkmann das Ergebnis einer Moralisierung des Rechts, die den Kampf für die gerechte Sache vor gerichten austragen will: "Damit fügt es sich in eine Form der Prozessführung, die in den letzten Jahren immer weiter professionalisiert worden ist und sich mittlerweile ihrerseits zu einem eigenen Typus verfestigt hat, der 'strategic litigation' genannt wird: als, wie es auf einer einschlägigen Internetseite heißt, Versuch, 'weitreichende gesellschaftliche Veränderungen über die Einzelklage hinaus zu bewirken'. Auch zahlreiche andere Fälle vor dem Bundesverfassungsgericht der jüngeren Zeit lassen sich ihm zuordnen: Hinter den Klagen gegen Verschärfungen der Polizei- und Sicherheitsgesetze stand und steht regelmäßig die 'Gesellschaft für Freiheitsrechte e.V.', die gerade zu diesem Zweck gegründet wurde und ein 'Besseres Recht durch strategische Klagen' zu ihrem Vereinsmotto hat; die Klage zur Anerkennung eines dritten Geschlechts im Personenstandsrecht war betrieben von einer 'Kampagne für eine dritte Option', die sich mittlerweile offenbar aufgelöst hat, nachdem sie ihre Ziele durch das Urteil erreicht sah."

Elena Meilicke erliegt der schauerlichen Faszination der Mommy Media: "Ich sehe den gesponsorten Content, die kaum verhüllten Werbe- und Verkaufsabsichten, ich sehe den Konservatismus und Klassismus in diesen Darstellungen erfolgreicher Mutterschaft. Ich sehe, wie eng abgesteckt das Feld dessen ist, was als 'gute' und erstrebenswerte Mutterschaft angepriesen wird: Geld muss sie haben, einen Mann muss sie haben, Geschmack und Stil, und natürlich Kinder muss sie haben, viele, je mehr desto besser. Ich sehe das alles, und dennoch üben diese Seiten eine unwiderstehliche Faszination auf mich aus. Gierig sauge ich die Bilder von einem schönen, hellen, strahlenden Familienleben ein, die so frei sind von Sorgen, Nöten, schlechten Gefühlen und beengten Verhältnissen, von Selbstzweifeln und Eintönigkeit."
Stichwörter: Klassismus

Magazinrundschau vom 01.03.2022 - Merkur

Der Soziologe Steffen Mau zieht die häufig behauptete Spaltung der Gesellschaft in Modernisierungsgewinner und -verlierer, Globalisten und Kommunitaristen oder Anywheres und Somewheres in Zweifel. Die Empirie habe hier eine "ernstzunehmende Vetoposition", schreibt er, eine subjektive Deklassierung großer Teile der einfachen Schichten sei nicht so klar erkennbar wie oftmals angenommen: "Die Polarisierungsmetapher geht damit womöglich am eigentlichen Thema vorbei und versperrt den Blick auf die politische Soziologie neuer Konfliktkonstellationen. Sie verlegt gesellschaftliche Konflikte fälschlicherweise in die Mitte der Gesellschaft und überhöht sie zugleich, statt von moderaten Differenzen innerhalb der Gesellschaft und eher stärkeren Radikalisierungen am Rand auszugehen. Irrig ist auch die Annahme, in den politischen Konflikten spiegele sich eine vorgelagerte Spaltung der Gesellschaft, in dem Sinn, dass das Soziale ein Apriori des Politischen sei. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Ein soziales Schisma ist vor allem dort zu finden, wo politische Unternehmer, Massenmedien und Parteien Konfliktthemen besonders stark bespielen und akzentuieren - 'Lager' mit konsistenten politischen Glaubenssystemen werden politisch und medial hergestellt. Dann wäre die Politisierung bestimmter gesellschaftlicher Fragen kein Reflex einer vorhandenen und vorpolitischen Polarisierung, sondern erst die Politisierung und Aufladung von Konflikten führte zu Polarisierungen."

Die Zürcher Kulturfunktionärin Barbara Basting beschreibt den Sog der Globalisierung, von dem sich der Kunstbetrieb in ihren Augen durchaus willig hat mitziehen lassen und der junge Künstlerinnen und Künstler immer früher erfasst: "Der frühe Sprung über die Grenzen des eigenen Landes, die Einladung zu einer der immer zahlreicheren, zumeist mit touristischen oder sonst wie merkantilen Hintergedanken gegründeten Biennalen ist für die Karriere von Künstlern und Künstlerinnen heute außerordentlich wichtig. Ihr Bewusstsein für die weltumspannende Konkurrenz wird oft schon in der Akademie geschärft. Manche Künstler zirkulieren danach jahrelang durch Auslandsateliers, unterstützt von einer Kunstförderung, die dem Trend zur Entgrenzung mit der Verschickung an Orte folgt, die wahlweise zu den etablierten Drehscheiben der Kunst gehören oder ein künftiger hot spot zu werden versprechen."
Stichwörter: Mau, Steffen, Polarisierung

Magazinrundschau vom 04.01.2022 - Merkur

Andreas Dorschel überlegt, warum sich heute eine Basisgruppe für das Studierendenparlament allein mit den Behauptungen empfiehlt, sie sei "antirassistisch, antifaschistisch, antiableistisch, antisexistisch, (queer-)feministisch, antiheteronormativ, klimagerecht, kapitalismuskritisch und emanzipatorisch". Warum, fragt er, steht denn die Gesinnung auf einmal wieder so hoch im Kurs? "Ziele, Zwecke, praktische Vorteile, Interessen, der Verweis auf Erreichtes oder auf bestimmte Missgriffe derer, die bisher die Positionen innehatten - nichts davon wäre ohne Weiteres mit einer Gesinnung gleichzusetzen. Im Vergleich des einen mit dem anderen erscheint die Emphase der Gesinnung als Position des Rückzugs. Denn die Gesinnung hält sich nach Max Weber grundsätzlich für unbelangbar, was den Erfolg von Handlungen angeht. Weder lässt sich an der Gesinnung der Erfolg ablesen, noch am Erfolg die Gesinnung. Zur Frage des Erfolgs hat die Gesinnung vornehmlich eine Auskunft parat: Alles würde gut werden, wenn jeder und jede die richtige Gesinnung hätte, zum Beispiel, wenn es auf Erden keine Rassisten mehr gäbe. Die Gesinnung feiert Triumphe im Konjunktiv."

Der Soziologe Andreas Reckwitz hat mit seiner Deutung einer krisenhaften Mittelschichtsgesellschaft großen Einfluss gewonnen. Reckwitz zufolge spaltet sich die Mittelschicht in eine alte, die von Facharbeit und Nationalstaat geprägt ist, sowie eine neue, die - von Universität und kosmopolitischem Lebensstil geprägt - kulturell den Ton angibt. Nils C. Kumkar und Uwe Schimank finden Reckwitz' Theorie schon deshalb suspekt, weil sie so viel Anklang findet. Und auch seine unrevolutionären Lösungsvorschläge behagen ihnen nicht: "Es geht um die politische Re-Regulierung eines aus dem Ruder gelaufenen kulturellen und ökonomischen Liberalismus. Etwas konkreter heißt das etwa, es bedürfe eines 'neuen Gesellschaftsvertrags', der die Menschen nicht länger in Erfolgreiche und Versager unterteilt, sondern 'die gesellschaftliche Notwendigkeit gleichermaßen aller Tätigkeiten prinzipiell anerkennt'. Auch die staatliche Bereitstellung vieler Infrastrukturen - nach einer Ökonomisierungs- und Privatisierungspolitik - müsse revitalisiert werden, und angesichts des Ausmaßes kultureller Heterogenität müsse eine 'Arbeit an kulturellen Grundwerten und einer von allen geteilten kulturellen Praxis' geleistet werden. Es ist nicht so, dass Reckwitz sich diese Aufgaben einfach vorstellt - aber dennoch in der entscheidenden Frage, wer denn die Koalition der Träger dieser Re-Regulierung sein könnte, viel zu einfach, wenn er die 'Chance' erblickt, dass es einen 'aufgeklärten und selbstkritischen Teil' der 'neuen Mittelklasse' gibt, mit dem sich 'Teile der alten Mittelklasse sowie der prekären Klasse' verbünden könnten. Genauer wird er nicht, und hätte er es versucht, wäre ihm sicher selbst aufgefallen, dass ein solcher 'historischer Kompromiss' ein Luftschloss ist. Ganz abgesehen davon, dass Reckwitz hier nur der 'neuen Mittelklasse' die Fähigkeit zur Selbstkritik zuspricht, während die anderen beiden Klassen offenbar - drastisch formuliert - so tumb, wie sie sind, genommen werden müssen (ein Angehöriger der 'alten Mittelklasse' müsste hier berechtigterweise einwenden: Noch in der Selbstkritik überheblich!)."

Magazinrundschau vom 07.12.2021 - Merkur

Der Soziologe Marco Bitschnau verteidigt die deutsche Politik gegen ihr missmutiges, wenn nicht gar gehässiges Wahlvolk: "Wie anders soll man es nennen, wenn sich die halbe Republik wochenlang über Laschets Lachen und Baerbocks Buch mokiert und dabei geflissentlich ausblendet, dass andere Demokratien in Deutschlands Gewichtsklasse sich nach mit derlei 'Skandalen' beflecktem Spitzenpersonal alle Finger lecken würden... Dennoch ist da dieser mürrische Ton, dieser Zorn und immer wieder dieses Anspruchsdenken: Politik soll gleichzeitig sexy und seriös daherkommen, soll prinzipientreu sein, doch auf keinen Fall ideologisch, soll das Ohr für Volkes Stimme spitzen, muss aber über jeden Verdacht der bloßen Wählerbeschwichtigung erhaben sein. Man wünscht sich gewissermaßen eine Art deutschen Obama, den es natürlich nicht gibt und nicht geben kann und dessen Irrealität man dann mit Fundamentalkritik an den vermeintlichen Limitationen des tatsächlichen Wahlangebots kompensiert. Es ist ein antiaufklärerisches Politikverständnis, das hier immer wieder durchscheint; ein Verständnis, nach dem Politik nicht das sprichwörtlichen Bohren dicker Bretter ist, nicht das behutsame Austarieren verschiedener und zum Teil auch entgegengesetzter Interessenslagen, sondern eine staatsseitige Serviceleistung in der Erlebnisdemokratie. "

Florian Hannig liefert eine kleine Begriffsgeschichte der Betroffenheit, die als schillernde Vokabel und umkämpfte Ressource für Anerkennungskämpfe der Identitätspolitik voranging: "Auch von links kam Kritik: Auf dem Weg zum Parlamentarismus warfen die ehemaligen Spontis Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit nicht nur ihre Anti-Stellvertreterpolitik über Bord, sondern distanzierten sich allgemein von Betroffenheit als politischer Praxis. Fischer fragte 1984: 'Seien wir doch ehrlich: Wer von uns interessiert sich denn für Wassernotstände im Vogelsberg, für Stadtautobahnen in Frankfurt, für Atomkraftwerke irgendwo, weil er sich persönlich betroffen fühlt?' Innerhalb der Frauenbewegung wurden Stimmen laut, die zwar nicht komplett mit dem Konzept brachen, aber nachdenklich fragten, ob die Bewegung sich durch die Norm 'Betroffenheit-geht-vor-Inhalt' einer notwendigen Form der Selbstkritik beraube."
Stichwörter: Identitätspolitik

Magazinrundschau vom 02.11.2021 - Merkur

Der Verfassungsrechtler Christoph Möllers fühlt sich nach einem Besuch eines Nachwuchsschachturniers zu einigen grundsätzlichen Gedanken über die Meritokratie, über das Verhältnis von Verdienst und Gerechtigkeit herausgefordert. Was wird honoriert: Leistung oder Erfolg, Können oder soziale Geschmeidigkeit, Talent oder Mühe? Und warum verschafft der Golfclub mehr soziales Prestige als der Schachclub? "Wenn es zuträfe, dass die Begabung zum Schachspiel Intelligenz indiziert oder gar fördert und dass Intelligenz eine sozial relevante Eigenschaft ist, könnte man sich dennoch wundern, warum Schachclubs nicht die Golfclubs unserer Zeit sind. Anders formuliert: Während im Golfclub sozialer Erfolg von außen nach innen transportiert wird, könnte es beim Schachclub doch umgekehrt sein. Gut Golf zu spielen, dürfte als Indikator für andere Fähigkeiten nur begrenzt aussagekräftig sein, gut Schach zu spielen schon eher. Schließlich ist die Suche nach Talent gerade im naturwissenschaftlich-technischen Bereich ein großes Thema der allgegenwärtigen Innovationssemantik. Wenn ich in einen Golfclub eintrete, um Beziehungen mit sozialem, finanziellem oder politischem Kapital zu knüpfen, warum gehe ich dann nicht in einen Schachclub, um intellektuellem Kapital zu begegnen oder dieses zu rekrutieren? Warum ist es nicht attraktiver, jemanden mit einem IQ von 140 kennenzulernen als den örtlichen Bankchef?"

Magazinrundschau vom 05.10.2021 - Merkur

Jan von Brevern stellt das kuratorische Konzept des indonesischen Künstlerkollektivs ruangrupa für die documenta 15 vor und erklärt, was es mit "lumbung" auf sich hat: Der Titel der im kommenden Jahr startenden Schau bezieht sich auf die traditionelle indonesische Reisscheune: "Im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum steht ein indonesischer Reisspeicher aus Sulawesi, mehr als sieben Meter hoch, gleich in der Eingangshalle  - nach eigener Auskunft das 'Wahrzeichen' des ethnologischen Museums. 'Reis ist das Grundnahrungsmittel in Tana Toraja', schreibt die ehemalige stellvertretende Direktorin dazu, 'und Reis spielt eine zentrale Rolle im rituellen Leben der Menschen.' Auf solche Rituale bezieht sich auch ruangrupa. Als Speicher für kollektiv verwaltete Lebensmittel stehe die Reisscheune für die 'gemeinsame Nutzung von Ressourcen und gegenseitige Fürsorge'. Es ist, man muss es zugeben, ein schönes Bild, das das Künstlerkollektiv da gefunden hat. Sie nennen es ein 'künstlerisches und ökonomisches Modell' … Das ist ziemlich genau das Idealbild der 'warmen Gemeinschaft', wie es Ferdinand Tönnies gegen Ende des 19.  Jahrhunderts in einer Urszene der Soziologie  - allerdings für einen ganz anderen Kulturkreis  - als Gegenbild zur anonymen, städtischen 'kalten Gesellschaft' gezeichnet hatte. Gemeinschaft stand bei Tönnies für eine ursprüngliche Geborgenheit, die im Prozess der Moderne abhandengekommen war … Anruf bei Judith Schlehe. Sie ist Direktorin des Instituts für Ethnologie an der Uni Freiburg und auf Indonesien spezialisiert. Die Verwendung von 'lumbung' als Metapher für Gemeinschaft und Solidarität erstaunt sie. Tatsächlich gebe es Reisscheunen in ganz Indonesien zwar in sehr unterschiedlicher Form. Sie dienten aber allesamt keineswegs als kommunale Speicher, sondern seien bis heute ein Bestandteil der Gebäudeensembles der Eliten, erläutert sie. 'Für Umverteilung stehen sie also gerade nicht, sondern im Gegenteil für eine enorm stratifizierte Gesellschaft mit großen Ungleichheiten' … Offenbar hätte 'lumbung' das Zeug zu einer äußerst interessanten Metapher. Im Bild der Reisscheune könnten die Ambivalenzen sichtbar werden, die die Utopie von Gemeinschaft bis heute bereithält. Auch die merkwürdigen Prozesse, in denen Traditionen erfunden werden, an deren Urwüchsigkeit dennoch fest geglaubt wird, könnten thematisiert werden  - und damit die komplizierten Verstrickungen von Identität. Man wüsste ja gerne mehr darüber, wer in Indonesien den Traum von 'lumbung' aus welchen Gründen träumt  - und wer davon eher Albträume bekommt."

Magazinrundschau vom 31.08.2021 - Merkur

Diedrich Diederichsen, Herold der Intersektionalität im deutschen Pop-Journalismus, wischt alle Zweifel an ihrer Richtigkeit vom Tisch, rückt ihre KritikerInnen in die Nähe der Querfront und erkennt die Vorzüge der aktuellen Debatte auch darin, dass sie Karrieren beendet: "Das Kulturleben der ganzen Welt, man erkennt das an den (überwiegend visuellen) Kunstformen, die tatsächlich auf der ganzen Welt präsent sind und diskutiert werden, macht eine massive, und es ist vielleicht nicht einmal falsch zu sagen: revolutionäre Veränderung durch, die auf zwei bis drei Ebenen läuft, die miteinander verschränkt sind. Auf einem Makrolevel stellt sich in allen kulturellen Bereichen die Frage, was von ihnen legitimerweise übrigbleiben kann, wenn sie im weiteren Sinn ganz dekolonisiert sein werden. Welche Vorstellungen von Geschichte, Fortschritt, Zukunft, Modernität, Ökologie würden eine Revision der eurozentrischen Philosophie und Geschichtsschreibung überleben? Auf einem Mesolevel betrifft das die Zusammensetzung, Firmenpolitik, Hierarchien, Karrierewege und Autoritäts- und Legitimitätsbegriffe der kulturellen Institutionen - denn das ist ja meistens der wahre Hintergrund von normativen, als 'Darf man noch?' übersetzten Fragen; dass diese Debatten institutionelle Konsequenzen haben, die sie früher, als sie an verschiedenen gegenkulturellen und minoritären Orten auch schon geführt wurden, nicht hatten."