Magazinrundschau - Archiv

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2 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 14.04.2020 - iLiteratura

Die tschechische Schriftstellerin Markéta Pilátová, die viele Jahre in Südamerika gelebt hat, vergleicht die Corona-Erfahrung mit einem anderen bekannten Bedrohungsgefühl: "Sieben Jahre lang war für mich der März ein etwas unheimlicher Monat. Ich zog nach Brasilien, wo mich die alljährliche Epidemie des Dengue-Fiebers erwartete. In Mato Grosso do Sul, wo ich arbeitete, sind dieses Jahr schon 19 Menschen daran gestorben und Hunderttausende infiziert worden." Gegen die Überträgermücken habe sie sich außer mit riesigen Moskitonetzen und Insektenspray mit dem "Gestank von Bierhefe" geschützt. "Nichtsdestoweniger musste ich mich sieben Jahre lang daran gewöhnen, dass ich sterblich und, falls ich Dengue-Fieber mit einem schweren Verlauf bekomme, im brasilianischen Gesundheitssystem, in dem wirklich sehr vieles fehlt, geliefert bin. Seit dieser Zeit habe ich in meinem Handy die App We Croak installiert, die mich fünf Mal am Tag daran erinnert, dass ich sterben werde, und dann kann ich mir eine von fünf weisen Sprüchen über den Tod öffnen. Die App beruht auf einem Sprichwort aus Bhutan, nach dem derjenige, der fünf Mal täglich an den Tod denkt, ein glückliches Leben führen kann." Was nun den Coronavirus betrifft, der werde von Präsident Bolsonaro zwar heruntergespielt, der Rest des Landes aber habe die Gefahr erkannt. Nicht zuletzt die Drogengangs in den besonders gefährdeten Favelas. "Letzte Woche", berichtet Pilátová, "sind sie mit Megafonen durch die Favelas gefahren, haben die Waffen geschwungen und die Einwohner aufgefordert, die Quarantäne einzuhalten, sprich: 'Bleib zu Hause, oder wir pusten dich weg!'. Um Demokratie sorgt sich in den Favelas niemand, also gab es keinerlei Einwände. Eine Kalaschnikow ist deutlich wirksamer als eine Geldbuße."

Magazinrundschau vom 15.01.2019 - iLiteratura

Marcel Černý unterhält sich mit dem bulgarischen Schriftsteller Georgi Gospodinov über die Umbruchjahre 1968 (Gospodinovs Geburtsjahr) und 1989, die freilich in Bulgarien zu keinem größeren gesellschaftlichen Umbruch geführt hätten. "Die Generation der unverwirklichten Revolutionen" - so nennt Gospodinov sich und seine bulgarischen Altersgenossen. Zum Thema des aktuellen osteuropäischen Populimus und der Rolle (oder des Versagens) der Intellektuellen darin meint er: "Der Intellektuelle war in Osteuropa in den letzten zehn, fünfzehn Jahren ein völlig vergessenes und marginalisiertes Subjekt. Das hängt unmittelbar mit dem Aufkommen des Populismus zusammen. Ich glaube, dass die Kunst - und besonders die Literatur - furchtbar wichtig ist für etwas, das wir unterschätzen: die Verfeinerung des Geschmacks. Geschmacksverfeinerung ist eine politische Frage, da ein Mensch mit kultiviertem Geschmack weniger leicht Fake News oder Propaganda unterliegt und selbstverständlich auch nicht so anfällig für Populismus ist. Meine Antwort lautet also: Unterschätzt die Literatur nicht, unterschätzt die Kunst nicht, weil sonst auf dem frei werdenden leeren Platz der Populismus einzieht."