Weiterleitung zu einzigem Ergebnis

Magazinrundschau - Archiv

Dissent

13 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 2

Magazinrundschau vom 15.10.2019 - Dissent

Ausführlich würdigt Mitchell Cohen, einst Redakeur der ehrwürdigen Zeitschrift Dissent, die häufige Autorin des Blattes und Freundin Agnes Heller. Natürlich erinnert er an ihr Verhältnis zum berühmten Neomarxisten György Lukacs, dessen Schülerin sie war - und an 1956: "Wie Lukacs begrüßte Heller die Revolution, jenen erbitterten, blutigen Kampf, der 'die größte politische Erfahrung meines Lebens war', wie sie sagt. Während sie später Hannah Arendts Theorie des Totalitarismus in ihr Denken integrierte, wich sie von Arendts Beschreibung der Ereignisse in Ungarn ab. Arendt sah in ihnen einen Moment direkter Demokratie, in dem die Menschen aus ihren Routinen heraus in die politische Öffentlichkeit traten. Heller fand das zu romantisch, Ausdruck von Arendts Wunsch, 'absolute theoretische Schlüsse aus einer Geschichte zu ziehen, die gerade zehn Tage dauerte'. Eigentlich hatten ihre ungarischen Mitbürger für repräsentative Demokratie und Unabhängigkeit gekämpft. Heller kam zu dem Schluss, dass 'reine Demokratie' - Demokratie ohne 'Absicherungen'- sich in 'reinen Terror' verwandelt."

Magazinrundschau vom 06.02.2018 - Dissent

Der Begriff des "Neoliberalismus" gehört zu den Passepartouts linken Denkens und wird eingesetzt, wenn "Kapitalismus" oder "Globalisierung" gerade nicht passen. Der sozialdemokratische Intellektuelle Daniel Rodgers versucht eine Klärung des Begriffs, auf die auf dieser Seite dann einige Genossen und Genossinnen antworten: "Das Problem mit dem Neoliberalismus ist weder, dass der Begriff keine noch dass er unendlich viele Bedeutungen hat. Es liegt darin, dass er auf vier unterschiedliche Phänomene angewandt wird. 'Neoliberalismus' steht erstens für die spätkapitalistische Wirtschaft unserer Zeit, zweitens für eine ganze Reihe von Ideen, drittens für global zirkulierende politische Maßnahmen und viertens für die hegemoniale Kraft jener Kultur, die uns umgibt und gefangen hält. Diese vier Neoliberalismen sind natürlich engstens verwoben. Aber der bloße Akt der Bündelung, indem man all ihre Differenzen, losen Enden und ihre Verbindungen in einem einzigen Wort zusammentackert, könnte gerade verdunkeln, was wir klar sehen wollen. Wie würde jedes einzelne dieser Phänomene ohne jene Identität, die ihm das Wort 'Neoliberalismus' andichtet, aussehen?"

Magazinrundschau vom 01.11.2016 - Dissent

Timothy Shenk führt ein faszinierendes Gespräch mit Matthew Karp, der in seinem Buch "This Vast Southern Empire " die Ideologie der amerikanischen Sklavenhalter nachzeichnet und vor allem die ihrer führenden Intellektuellen und Politiker: Zehn der zwölf Präsidenten zwischen 1789 und 1850 waren Sklavenhalter. Der amerikanische Süden dominierte bis zur Wahl Abraham Lincolns die amerikanische Außenpolitik: "Immer wieder beharrten Sklavenhalter, dass 'moderne Zivilisation' und Sklaverei absolut vereinbar seien. Ökonomisch, argumentierten sie, war Sklavenarbeit notwendig, um Grundnahrungsmittel zu produzieren. Und ideologisch passte er in eine Welt, die immer mehr vom Freihandel dominiert war, zu expandierenden europäischen Reichen und zu einer sich verhärtenden rassistischen Wissenschaft. Daran glaubten die führenden Sklavenhalter-Politiker meiner Meinung ganz fest. Wir müssen diesen Glauben verstehen um die Politik vor dem Amerikansichen Bürgerkrieg zu verstehen."
Anzeige

Magazinrundschau vom 17.05.2016 - Dissent

Auch hierzulande wurde Andrew Sulllivans großer naserümpfender Essay über Donald Trump als Frucht einer "Hyperdemokratie", in der die Eliten die Kontrolle verloren haben, mit frommer Miene weiterverlinkt (unser Resümee). In Dissent antwortet Jedediah Purdy sehr polemisch und benennt den reaktionären Kern von Sullivans Argumentation: Die angeblich aus der Demokratie erwachsende Gefahr der Tyrannei, um die sich Sullivan mit Rückgriff auf Platon Sorgen macht, "ist demnach eine Auswirkung von Demokratie auf Politik. In dieser Tradition ähnelt demokratische Kultur einem milden Bild der Warnungen Platons als selbstsüchtig, gierig, eher emotional als vernünftig, getrieben von Hass und einem Ressentiment gegen Eliten... Von diesem Standpunkt hätte Demokratie ein beständiges Problem, das nur durch ein sensibles und selbstreflektiertes Management durch die Eliten zu beherrschen wäre." Purdy kritisiert weiter, dass Sullivan den demokratischen Impuls, der von der Kampagne Bernie Sanders' komme, geringschätze und den Einfluss der Wirtschaft auf die Politik verkenne.

Magazinrundschau vom 13.11.2012 - Dissent

Lawrence H. Summers, der ehemalige Präsident der Harvard-Universität hat zu Beginn des Jahres ein Studium von Fremdsprachen für überflüssig erklärt - die ganze Welt kommuniziere ja ohnehin auf englisch. Tatsächlich schließen immer mehr amerikanische und britische Bildungsinstitute ihre Fremdspracheninstitute. Paul Cohen widerspricht Summers in Dissent: "Summers' Sprachverständnis ist so utilitaristisch wie sein Ideal von Bildung. Er sieht Sprachen als neutrale Kommunikationsmedien, gleichgültige Vehikel für den Transport von Sinn. Das Medium ist für ihn ganz und gar nicht die Botschaft - und nur die Botschaft zählt, nicht das linguistische System, in dem sie geliefert wird. In solch einer funktionalistischen Konzeption der studentischen Lehrziele ist kein Raum für die Idee, dass klassische oder neue Literaturen ein in sich wertvolles Studienobjekt sind und schon gar nicht für die Vorstellung, dass eine Lektüre in den Originalsprachen etwas Spezifisches und Unerlässliches zum Verständnis hinzufügt."

Magazinrundschau vom 03.03.2009 - Dissent

Michael B. Katz lebt seit fast 30 Jahren in West Philadelphia. Er lehrt Geschichte an der University of Pennsylvania und hat u.a. über Armut und die Transformation von Städten geschrieben. Dann wurde er Geschworener in einem Mordprozess. Das Verfahren, dass er sehr anschaulich beschreibt, stürzte ihn in eine Krise: "Ich fand die Erfahrung frustierend. Ich wollte das Verfahren unterbrechen, Fragen stellen, auf Dinge aufmerksam machen, die die Anwälte übersehen hatte. Als jemand, der Seminare hält, bin ich es gewohnt, das zu tun. Ich konnte nicht. Ich war auch frustiert, weil es so vieles gab, das wir über [den Angeklagten] Manes und [das Opfer] Monroe nicht wussten. Wer waren diese Männer, über deren Leben wir nur Bruchstücke erfuhren? Was hat sie in die Straßen von Nord Philadelphia gebracht? Warum waren zwei erwachsene Männer willens sich wegen 5 Dollar zu töten? Wie konnte aus der West Oakland Street ein Ort werden, an dem ältere Männer in Zimmern leben, über deren Eingang sie ein Messer aufbewahren? Und an dem die meisten Einwohner sich weigerten, als Zeugen der Tötung einer vertrauten Person auszusagen?" Katz hat Jahrzehnte über Armut, ihren Kontext und Ideen zu ihrer Erklärung und Abschaffung geschrieben. "Aber es gibt so viel Abstraktion in der Literatur und in dem, was ich geschrieben habe." Darum entschloss er sich, den freigesprochenen Manes in Nord Philadelphia zu besuchen ...
Stichwörter: Abstraktion, Pennsylvania

Magazinrundschau vom 09.12.2008 - Dissent

Eine wütende Anklage erhebt der russische Dichter - (hier sein Blog) - Kirill Medwedew gegen die russische Intelligenzija, die sich seinen Worten in zwei Lager gespalten hat: "Die eine Hälfte dient direkt den herrschenden Strukturen des Kapitals - Banken, Verlagen, Unternehmen -, während die andere beschlossen hat, dass es trotz aller Beschwernisse - der Unmöglichkeit, in seinem Beruf zu arbeiten, der kulturellen Degradierung, der Vulgarität und der Kleingeistigkeit der neuen Herren - falsch wäre zu murren, seine Unzufriedenheit auszudrücken, Forderungen zu stellen. Es wäre nutzlos und unattraktiv, nicht mit der Zeit zu gehen." In der neuen Zeit, meint Medvedev, zählen nur Gefühle, keine Politik: "Die neue Aufrichtigkeit, oder genauer: die neue Empfindsamkeit, hat mit den schlimmsten Auswüchsen des Postmodernismus aufgeräumt: seinem unverständlichen, elitären Jargon und seiner Opposition zu großen Narrativen und globalen Konzepten. Aber sie hat auch seine unleugbar positiven Qualitäten beiseite gewischt: seine unbezähmbar kritische Perspektive und seine intellektuelle Raffinesse."

Magazinrundschau vom 14.10.2008 - Dissent

Carlos Fraenkel, Philosophieprofessor an der McGill University in Montreal, schickt einen sehr spannenden Bericht über drei Wochen, die er an der Alauddin State Islamic University in Makassar unterrichtet hat. Makassar ist die Hauptstadt der indonesischen Provinz Sulawesi. Aber wozu braucht man in Indonesien Philosophen? "Tatsächlich kann Philosophie eine wichtige Rolle spielen im größten muslimischen Land der Welt (von 240 Millionen Einwohnern sind 88 Prozent Muslime, so viel wie im ganzen Nahen Osten). Das heutige Indonesien, zumindest wie es sich mir präsentierte, ist ein riesiges intellektuelles und politisches Labor, in dem der Islam nicht nur versucht, ein Arrangement mit der Demokratie zu finden, sondern auch mit dem langjährigen Verständnis von religiösem Pluralismus, Modernisierung und der Konstruktion einer nationalen Identität. Um friedlich mit den Spannungen umgehen zu können, die dieser Prozess hervorbringt, erfordert eine Menge kreatives Denken. Dafür können die Werkzeuge der Philosophie hilfreich sein." Diskutiert werden Platon, Harun Nasution, Aristoteles, al-Farabi, Maimonides und Nurcholish Madjid. (Beim Suchen der Links finde ich den Artikel leicht gekürzt auch auf Deutsch, natürlich in der kosmopolitischen NZZ.)

Magazinrundschau vom 27.11.2007 - Dissent

Susie Linfield (mehr hier) leistet eine traurige und ausführliche Bestandsaufnahme der Lage in Zimbabwe und stellt zugleich einige Bücher über das afrikanische Desaster vor. Sie erinnert an hoffnungsvolle Anfänge des Mugabe-Regimes und sieht Mugabe selbst als den Hauptverantworlichen der Katastrophe des Landes, das heute auf Platz 4 im "Failed States Index" der Zeitschrift Foreign Policy steht: "Mugabes Abstieg in hemmungslose Tyrannei, der bizarre Schiffbruch seines Landes, waren nicht unvermeidlich: Ganz leicht könnte man sich unterschiedliche Szanarien vorstellen die weder Fantasie noch Wunschdenken sind. Die Zerstörung des Landes erscheint dadurch noch bestürzender, empörender, tragischer."

Die Herbstnummer von Dissent bringt übrigens auch ein schönes Dossier über Frankreich.
Stichwörter: Failed States

Magazinrundschau vom 28.08.2007 - Dissent

Die ehemaligen linken Befürworter des Irak-Kriegs zerstreiten sich. Im Sommerheft von Dissent bespricht der Journalist Johann Hari das Buch "What's Left?" des britischen Kolumnisten Nick Cohen, das sich mit der Frage auseinandersetzt, wie die einst kriegsbefürwortende Linke mit dem Debakel im Irak umgehen soll. "Mit 'What's Left' ist das substanzreichste Buch eines linken Intellektuellen veröffentlicht und wir können fragen: Hat diese seltsame Nische in der anglo-amerikanischen Politik - zu der ich eine Zeitlang gehörte - irgendwelche dauerhaften Einsichten produziert?" Und sein Ergebnis: Die wenigen Einsichten dieser Schule seien "in den Killing Fields von Mesopotamien splitterzerbombt und selbstmordmassakriert" worden. Cohens sehr scharfe Antwort aus der kommenden Herbstnummer von Dissent sowie Haris ebenso scharfe Antwort auf die Antwort sind online bereits publiziert. (Hier noch ein Auszug aus dem Buch, der im Guardian abgedruckt war. Das Buch hat auch in England eine Diskussion ausgelöst. Hier und hier Reaktionen im Guardian. Und hier ein Kommentar aus dem Spectator, der die Diskussionsfreudigkeit linker Intellektueller bewundert.)
Stichwörter: Cohen, Nick, England, Irak