Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

320 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 32

Magazinrundschau vom 31.01.2006 - Espresso

Silvio Berlusconi wankt. Der Espresso attackiert ihn. "Psycho Sivlio" prangt auf dem Cover, in der Titelgeschichte erklärt Marco Damilano Berlusconis Rundumschläge der vergangenen Woche als letztes Aufbäumen eines waidwunden Machtmenschen. "Er hat allen und jedem den Krieg erklärt. Den streikenden Arbeitern bei Alitalia ("Es könnte zu Tragödien kommen, wenn man das Militär zur Räumung einsetzt") und den Statistikern ("Die Spitzen von Istat sind von der Linken ernannt worden"). Den verbündeten Christdemokraten und, etwas indirekter, dem Präsidenten Carlo Azeglio Ciampi." Im Interview tritt der Philosoph Umberto Galimberti nach und attestiert dem Ministerpräsidenten, sich für einen "Übermenschen" zu halten.

Magazinrundschau vom 24.01.2006 - Espresso

Albanien ist ohne Strom, weil es in den "verfluchten Bergen" im Norden nicht geregnet hat, berichtet Andrzej Stasiuk und schildert die wunderschön archaische, aber gottverlassene Gegend am Drin (Karte). "In diesem Sommer habe ich in der Nähe von Fierze etwa zehn Hochzeitsgäste gesehen: die Männer in Anzug und Krawatte, die Frauen mit hohen Absätzen, eleganten Kleidern und frisch gelegten Haaren. Dort habe ich sie im Gänsemarsch auf einem Pfad an einem Überhang gesehen, der bis in den Himmel führte. Es war wie ein Bild aus einem surrealistischen Film, oder wie ein schöner Traum."

Magazinrundschau vom 17.01.2006 - Espresso

Umberto Eco macht sich Sorgen über den intellektuellen Nachwuchs in Italien, der seine Informationen nur noch aus den unüberprüften Weiten des Internet im Allgemeinen und Wikipedia im Speziellen bezieht. Deshalb hat er, ganz Lehrer, eine Aufgabe entwickelt. "Findet zu einem Thema X Abhandlungen, die nicht im Internet zu finden sind und erklärt, warum man sie dort nicht findet." In Italien dürfte das nicht allzu schwer sein.

Die Italiener befürworten mehrheitlich die Atomkraft, erfährt man aus einer Umfrage des Espresso, deren Ergebnisse Paola Pilati in der Titelgeschichte referiert. Pio d'Emilia porträtiert voller Mitgefühl die kleine japanische Prinzessin Aiko, die als zukünftige Kaiserin eine Tradition brechen wird, die immerhin seit 1771 besteht.

Magazinrundschau vom 10.01.2006 - Espresso

Der marokkanische Autor Tahar Ben Jelloun würde Saddam Hussein gerne in Den Haag vor Gericht sehen. Jetzt bleibe die Verhandlung eine irakische Angelegenheit. "Dieser Prozess sollte ein Beispiel für die gesamte Welt sein: er könnte daran erinnern, dass niemand straffrei bleibt, dass jegliches Verbrechen, das bekannt wird, verfolgt werden kann. Einige Staatschefs verfolgen diesen Prozess mit besonderer Aufmerksamkeit und einigen Bedenken, weil sie wissen, dass sie früher oder später selbst zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Der Prozess gegen Saddam sollte keine lokale Sache sein, die sich auf den Irak beschränkt: er sollte vielmehr den Beginn der Moralisierung der Politik in der arabischen Welt markieren."

Im Gesellschaftsteil gibt Monica Maggi die Sorgen der italienischen Pornoindustrie weiter, die befürchtet, dass durch die von der Regierung geplante Sondersteuer noch mehr Arbeitsplätze als bisher in das liberalere Osteuropa verlegt werden könnten.

Magazinrundschau vom 03.01.2006 - Espresso

Der Espresso überlegt in vielen kleinen Vignetten, was sich 2006 ändern wird. Freigeschaltet ist aber nur der Beitrag von Umberto Eco, der die Frage natürlich hinterfragt und sich also fragt, ob sich überhaupt immer alles so schnell ändern muss oder ob nicht etwa Entschleunigung das Gebot der Stunde ist. "Es handelt sich nämlich nicht um eine Änderung im Sinne des Strebens nach Perfektion und der Spannung auf etwas Neues. Viele der Veränderungen etwa in der Mode bestehen aus Reprisen und Rückgriffen auf Vergangenes, und das Neue kann sich darin erschöpfen, sich wie in den Zwanzigern anzuziehen oder wie in den prähistorischen Zeiten von Mary Quant (der Erfinderin des Minirocks). Der Exzess der Veränderung zielt also nicht auf einen stetigen Fortschritt und auch nicht auf die 'großartigen Chancen und Verbesserungen' im Sinne Leopardis (mehr), sondern erscheint als spiralförmige Bewegung, als 'regressive Innovation'."

In seiner Bustina empfiehlt Eco schon wieder merklich beruhigt den komisch-melancholischen Autor Luciano Bianciardi. Ein Großteil seiner Werke ist in dem stattlichen Sammelband "L'Antimeridiano" erschienen.

Magazinrundschau vom 20.12.2005 - Espresso

Von wegen Fortschritt! Die Geschichte hat schon seit längerem den Rückwärtsgang eingelegt, wie Umberto Eco in seiner Kolumne "Bustina di Minerva" schreibt. "Nach fünfzig Jahren Kalter Krieg erlebten wir mit Afghanistan und dem Irak die triumphale Rückkehr des tatsächlich geführten oder heißen Kriegs, die Erinnerungen an die denkwürdigen Attacken der 'listigen Afghanen' des 18. Jahrhunderts am Chaiber Pass (Wikipedia) wachrufen; wir beobachteten eine Neuauflage des Kreuzzugs mit dem Zusammenstoß von Islam und Christentum, die Selbstmordassassinen des Alten vom Berge (Wikipedia) und die Heldentaten von Lepanto (Wikipedia) inbegriffen."

Magazinrundschau vom 13.12.2005 - Espresso

In den zwei Bestsellerautoren der Stunde, Alessandro Baricco ("Questa storia") und Pietrangelo Buttafuoco ("Le uova del drago"), werden die gesellschaftlichen und politischen Konflikte Italiens wie unter einem Vergrößerungsglas sichtbar, meint Edmondo Berselli. Baricco ist politisch links und Turiner, Buttafouco ist rechts und Sizilianer. Die Konkurrenz der beiden wird zum politischen Stellvertreterkrieg benutzt, hat Berselli beobachtet: "Auffallend ist, dass Buttafuoco unaufhörlich Feuerschutz von Giuliano 'Giulianone' Ferrara (Chefredeakteur des Foglio) erhält: 'Pietrangelo Buttafuoco hat die pathologische Sensibilität eines Louis-Ferdinand Celine, aber er schreibt zu seinem und unserem Glück in der heilsamen Sprache Alessandro Manzonis.' Und noch eine Garbe des Foglio-Kommandos: 'Ein sehr faschistischer und außergewöhnlich partisanenhafter Roman'. 'Ein prächtiger Feind.' 'Er sollte an der Schule gelesen werden' (Alessandro Giuli). Oder: 'Er wird ein Scheiß-Faschist.' 'Aber gut, mutig ist er.' (Stefano Di Michele, der sich an die Scharmützel bei l'Unita Anfang der Neunziger erinnert, als Buttafuoco dort über das 'Italienische Jahrhundert' schrieb.)"

Magazinrundschau vom 06.12.2005 - Espresso

Die treuen Woody-Allen-Fans in der Espresso-Redaktion können aufatmen. In London sei dem Meister aus New York mit "Match Point" ein Befreiungsschlag gelungen, meldet Lorenzo Soria globalerweise wiederum aus Los Angeles. "Nachdem 'Melinda und Melinda' gerade mal 3,8 Millionen Dollar in der Heimat und dreimal so viel im Ausland eingespielt hatte, wie übrigens alle seine jüngeren Filme, war wirklich niemand mehr in den USA bereit, zwanzig Millionen in eine schwarze Box reinzustecken, nur damit sich alles noch einmal wiederholt. Wenn britische Geldgeber, darunter die BBC, als einzige Bedingung verlangten, dass in Großbritannien gedreht werden müsse, hat Allen akzeptiert. Also das Exil. Aber er wusste es zu seinem Vorteil zu nutzen: er hat die Professionalität der englischen Crews schätzen, London und sein soziales Leben lieben und seinen grauen Himmel wie die Regengüsse zu akzeptieren gelernt."

Emilio Piervincenzi schildert ein Gespräch mit der englischen Fußballerlegende George Best, der kurz vor seinem Tod bei einem Glas Scotch in Montecarlo sein Leben resümierte. Monvia Maggi begeistert sich für die Ausstellung "100.000 Jahre Sex" im Japanischen Palais in Dresden.
Stichwörter: Allen, Woody, Best, George

Magazinrundschau vom 29.11.2005 - Espresso

Umberto Eco vermittelt im Streit um das intelligente Design, das die USA und nun auch Italien beschäftigt. Schöpfung und Evolution sind miteinander vereinbar, es kann Plan und Zufall gleichzeitig geben, meint Eco und verweist auf die Kunst der Renaissance. "Denken wir an die edelste Idee, die wir von einem intelligenten Design haben, denken wir an ein Werk der Kunst. Es ist Michelangelo, der uns in einem seiner berühmten Sonette sagt, dass der Künstler, wenn er vor einem Marmorblock steht, nicht von Anfang an die Statue vor sich sieht, die daraus hervorgehen wird. Vielmehr unternimmt er Versuche, erprobt die Widerstände im Material, versucht das 'Überflüssige' wegzunehmen, um nach und nach die Staue von dem Material freizulegen, das sie gefangengehalten hat."

Der Economist-Chefredakteur Bill Emmott liest der italienischen Politik im Nachrichtenteil die Leviten und erklärt Annalisa Piras (parallel zu einer Artikelserie im eigenen Blatt), warum Italien in Europa am langsamsten wächst, warum es so wettbewerbsfähig wie Botswana ist und warum die dritthöchste Schuldenquote der Welt bald zum Zusammenbruch führen könnte. Gianluca Di Feo erfährt aus einem Interview, das der ehemalige Luftwaffenchef Basilio Cottone einem Online-Forum gegeben hat, dass der libysche Scud-Angriff auf Lampedusa 1986, der bis dato einzige Raketenangriff auf ein westliches Land, vermutlich eine Fälschung war. Und zwar von europäischen und amerikanischen Geheimdiensten, die Italiens Offenheit gegenüber Libyen störte.

In der Titelgeschichte berichtet Riccardo Bocca über Aids in Italien, das mittlerweile vor allem im heterosexuellen Bürgertum wütet.

Magazinrundschau vom 22.11.2005 - Espresso

Rita Tripodi feiert eine großartige Ausstellung über Italiens größten Künstler des 20. Jahrhunderts Alberto Burri (mehr) und seine Erben auf dem Quirinal (hier einige Exponate). "Wie Burri waren auch Beuys, Rotella, Pistoletto, Rauschenberg, Schnabel, Twombly, Kounellis, Cesar, Nicholson, Millares, Ceroli, Canogar, um nur einige zu nennen, Alchimisten der Materie. Ökologen ante litteram, Poeten der Natur, Liebhaber des Mülls. Sie haben Holzfetzen und Stofflappen ins Zentrum der Kunst gerückt. Für sie wie auch für Burri reichte die Farbe nicht mehr aus, um die Kraft der Kreativität auszudrücken. Sie machten Kunst mit Gips, Sand und Zement."

Niemand braucht einen zweiten Irak, kommentiert Tahar Ben Jelloun den wachsenden Druck auf Syrien und seinen Präsidenten Baschar el Assad. "Alles hängt davon ab, wie die Vereinten Nationen ihn behandeln. Es kommt nun darauf an, ihn nicht zu demütigen und seine Glaubwürdigkeit bei den Funktionären des syrischen Staates nicht zu untergraben. Vielmehr muss Assad dabei geholfen werden, das von seinem Vater übernommene Regime zu verändern, damit er sich in Zukunft nicht mehr auf die Berichte der Geheimdienste verlässt, seien sie nun ziviler oder militärischer Natur."

Weiteres: Emiliano Carpineta erzählt den Plot des neuen Films der Wachowski-Brüder "V for Vendetta", in dem ein faschistisches London der Zukunft von einem Terroristen hinter einer Guy-Fawkes-Maske erschüttert wird. Die Titelgeschichte zeigt, dass der Espresso zwar ein politisch-intellektuelles, aber eben auch ein italienisches Magazin ist. Vorgestellt werden - zumindest in der Printausgabe - alle Aufnahmen des hochintellektuellen Pirelli-Kalenders 2006 (hier Fotos von Kate Moss).