Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

320 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 32

Magazinrundschau vom 25.04.2006 - Espresso

Silvio Berlusconi hatte große Hoffnung auf die Stimmen der als konservativ geltenden Auslandsitaliener gesetzt. Dass sie enttäuscht wurde, schreibt Umberto Eco in seiner Bustina di Minerva dem klareren Blick der Auswärtigen zu. "Die Auslandswähler lesen zum größten Teil eben nicht Il Giornale, Il Foglio oder Libero und verfolgen nicht die Sendungen von Vespa (mehr), die Magazine auf Rai oder Mediaset. Deshalb kamen sie nie in die Versuchung zu glauben, wie es das berlusconische Propaganda-Trommelfeuer suggerierte, dass Italien wirklich großes Ansehen in der Welt genießt und dass unser Ministerpräsident wirklich ernst genommen wird von den Großen der Erde, mit denen er jeden Abend in die Pizzeria ging, um ihnen Ratschläge zur Verwaltung der Welt zu geben."

In einem langen Gespräch umkreisen sich der Arzt und Abgeordnete Ignazio Marino und der Kardinal Carlo Maria Martini vorsichtig und diplomatisch, signalisieren aber Kompromissbereitschaft, wenn es um Fragen wie künstliche Befruchtung, Abtreibung und die Grenzen der Wissenschaft geht.

Im Kulturteil stellt Cesare Balbo fünf Filme vor, die sich mit dem Krieg im Irak beschäftigen. Und auf den internationalen Seiten erkundet Margherita Belgiojoso die Geschäftsmöglichkeiten, die die zu erneuernde Betonhülle um den Reaktor von Tschernobyl italienischen Firmen bietet.

Magazinrundschau vom 18.04.2006 - Espresso

Edmondo Berselli sieht nach dem knappen Sieg Romano Prodis wenig Grund zum Jubeln. Viel liegt im Argen, und das Land ist gespalten. "Das endgültige Ergebnis ist eine Wirklichkeitsdusche, die einige Tatsachen ans Licht bringt. Die Auflösung des Mitte-Rechts-Lagers hat nicht stattgefunden. Auch die zwei Wackelkandidaten Gianfranco Fini (AN) und Pier Ferdinando Casini (UDC) haben ihre Schäfchen ins Trockene gebracht. Aber was wichtiger ist: die politische Klasse steht vor zwei Italien, geteilt durch einen Hauch an Stimmen und einen Abgrund der Feindseligkeit. Die Gesellschaft könnte noch lange gezeichnet sein von einem Wahlkampf, der in einen mittelalterlichen Bandenkrieg ausgeartet ist und Spuren hinterlassen hat, die zu beseitigen schwer fallen dürfte."

Andrzej Stasiuk denkt an Weißrussland in der Nacht und die verlorenen Demonstranten in Minsk."Stellt Euch die Einsamkeit dieses Grüppchens vor, die gegen die Wahlbetrügereien in Minsk protestieren. Stellt Euch die Kälte vor, den Schnee, die Dunkelheit, die Hundertschaften bis an die Zähne bewaffneter Polizisten, die in der Dunkelheit lauern. Stellt Euch diese absolute Einsamkeit an der äußersten Grenze unseres Kontinents vor. Sie glaubten nie daran, gewinnen zu können. Sie waren sich sicher, dass sie früher oder später zum Schweigen gebracht würden. Sie wollten nichts Besonderes, nur neue Wahlen. Sie wussten ganz genau, dass diesmal auch ohne Betrug der Diktator wieder gewinnen würde."

Magazinrundschau vom 11.04.2006 - Espresso

Umberto Eco wundert sich über die Fülle an Widersprüchen, die zum modernen Leben dazugehören. "Ich möchte auf die Widersprüche der globalen Mobilisierung der Globalisierungsgegner hinweisen, auf den bewaffneten Frieden und die humanitäre Intervention (eine Reihe von kriegerischen Aktionen im altruistischen Sinne). Und dann sind da noch die Programme der neuen Verbündeten von Berlusconi, die linken Faschisten. Außergewöhnlich widersprüchlich sind die klerikalen Atheisten wie Pera oder Ferrara. Nicht zu vergessen sind, auch wenn wir uns daran gewöhnt haben, die künstliche Intelligenz und das elektronische Gehirn (als ob das Gehirn wirklich dieses weiche Etwas ist, das in unserem Schädel sitzt)."

Im Titel lässt Giampaolo Pansa den Berlusconi-Herausforderer Romano Prodi im Interview noch einmal seine Pläne erläutern. Auch Italien hat seine Teenagerstars, wie Alberto Dentice und Sebastiano Triulzi mit Beispielen aus Film, Literatur und Musik beweisen.

Magazinrundschau vom 04.04.2006 - Espresso

An diesem Wochenende wird in Italien eine neue Regierung gewählt. Marco Damilano berichtet im Titel vom Kampf der Kandidaten Berlusconi und Prodi um die Unentschiedenen, vor allem Frauen. "Der Führer der linken Mitte fühlt sich genötigt, als Italiens Vorzeige-Ehemann aufzutreten: seriös, vertrauenswürdig, eifrig. Für ihn bürgt Lady Flavia, die in den Kampf geworfen wurde, um die Zustimmung der Frauen für ihren Romano zu bekommen. Der Cavaliere hingegen ist ins Fettnäpfchen getreten. Vor 16 Millionen Fernsehzuschauern hat er die Frauen als 'Kategorie' definiert, als würde es sich um Fernfahrer im Streik handeln. Um das wieder auszubügeln, hat er eiligst versichert, dass in seiner neuen Regierung mindestens 30 Prozent der Posten für Frauen reserviert sind."

Weiteres: Auf den Kulturseiten befragt Edmondo Berselli den Musiker und Entertainer Rosario Fiorello über die Arbeit, die Liebe und die Kinder. Monica Maggi empfiehlt das auf Melodramen spezialisierte Filmfestival "Schermi d'amore" in Verona. Offensichtlich in Anspielung auf die französische Arbeitsmarktreform plädiert Moises Naim im Meinungsteil für einen offenen Arbeitsmarkt mit lockerem Kündigungsschutz nach Vorbild der USA.
Stichwörter: Melodram, Verona, Arbeitsmarkt

Magazinrundschau vom 28.03.2006 - Espresso

Mit einer an Verzweiflung grenzenden Absolutheit verdammt die belgische Schriftstellerin Amelie Nothomb im Gespräch mit Denise Pardo die Reality-Shows und das Fernsehen überhaupt. "Wir sind alle miteinbezogen. Und korrumpiert durch ein Fernsehen, in dem der Gott des Geldes regiert und die Ideologie der Entblößung vorherrscht. Das Recht, die Gefühle, Sehnsüchte und Emotionen im Dunkeln zu lassen, gibt es nicht mehr. Es ist verpönt, etwas in seinem Inneren zurückzuhalten. Hier handelt es sich um das Diktat der absoluten Transparenz. Du darfst alles, du musst nur alles sagen. Dieses Fernsehen verneint die Jahrtausende, die es gebraucht hat, um die Regeln und Werte der Zivilisation aufzubauen. Zwanzig Jahre Fernsehen haben gereicht, um sie zu schleifen."

Weiteres: Umberto Eco feuert in seiner Bustina Spitzen gegen den ehemaligen Reformminister Roberto Calderoli (Wikipedia), den ein T-Shirt mit einer Mohammed-Karikatur den Posten gekostet hat. Im Titel schildert Marco Damilano mit unverhohlener Begeisterung, wie sich die Verbündeten Silvio Berlusconis vom angezählten Cavaliere abwenden.

Magazinrundschau vom 14.03.2006 - Espresso

Umberto Eco wird nicht müde, die Abwahl Berlusconis herbeizuschreiben. Diesmal geht es um den sagenhaft erfolglosen Außenpolitiker. "Bevor Bush den Krieg im Irak lostrat, ging Berlusconi zu ihm und sagte (laut den eigenen Aussagen, die in allen Zeitungen veröffentlicht wurden), dass er das nicht tun sollte. Prompt sammelt Bush die Marines und fängt an, Bagdad zu bombardieren. Berlusconi lädt Putin in seine Villa ein, zupft ihn am Ärmel und sagt "Hier bin ich der Chef". Prompt kürzt uns Putin die Gaslieferungen. Berlusconi reist zu Gaddafi, kommt zurück und meint, dass alles klar ist, dass wir mit Libyen einig sind, dass die kleinen Vorfälle überwunden sind, dass man Freundlichkeiten ausgetauscht hat. Prompt droht Gaddafi mit scheußlichen Massakern, durchsetzt mit Beleidigungen."

Im Titel ruft Denise Pardo das Ende des Fernsehens alter italienischer Prägung aus, dass die ganze Familie vor dem Flimmerkasten versammelte.
Stichwörter: Eco, Umberto, Irak, Libyen

Magazinrundschau vom 07.03.2006 - Espresso

Russland hat nichts anzubieten außer Gas und Gewehren, erklärt Andrzej Stasiuk in seinem Psychogramm der Wirtschaft des großen Nachbarn. Das reiche aber völlig aus. "Sowohl die Kalaschnikow als auch das Gas brauchen alle, es ist ganz einfach. Jeder benötigt günstige Waffen zum Leben, jeder benötigt Energie. Agressivität und die Macht über Energie sind eine Art siamesische Zwillinge. Die Agressivität dient zur Sicherstellung der Energie, und mit mehr Energie kann man agressiver auftreten, und so fort, bis zum bitteren Ende. Darin besteht das russische Genie."

Weiteres: Monica Maggi berichtet von der Comicon, der dreitätigen Comic-Messe in Neapel, auf die in diesem Jahr Deutschland und Großbritannien eingeladen wurden. Edmondo Berselli betrachtet den italienischen Wahlkampf als Western, in dem die Hauptdarsteller nicht schwul, sondern schön altmodisch gut, böse oder verschlagen sind. Silvia Bizio erfährt von der Schauspielerin Sarah Jessica Parker, dass sie beim Dreh mit Matthew McConaughey errötete.

Magazinrundschau vom 28.02.2006 - Espresso

Für Umberto Eco scheint der bisherige Wahlkampf - links wie rechts - einem Drehbuch von Groucho Marx entsprungen zu sein. "Es scheint so, dass die Angehörigen eines Lagers hauptsächlich damit beschäftigt sind, schlecht über die eigene Gruppierung zu sprechen und die inneren Streitigkeiten zu betonen. Das betrifft nicht nur die Union, die einen wahren Sport daraus gemacht hat, sondern auch die Casa delle Liberta, für die Freiheit einzig darin besteht, sich gegenseitig zu zerfleischen." Ein weiteres Merkmal dieses Wahlkampfes sei der Krieg der Prognosen. "Prinzipiell müsste jeder, der eine Prognose macht, sie geheim halten, weil er etwas weiß, das der Gegner nicht weiß. Aber heutzutage hat die Prognose die Funktion einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: sie soll die Unentschiedenen mobilisieren, ausgehend von der Überzeugung, dass man es hier mit einer Horde von Unterentwickelten zu tun hat, deren einziges Bedürfnis es ist, auf der Seite der Gewinner zu sein - oder auf der Seite derer, die sich im Vorfeld großreden."

Jan-Hendrik Stahlbergs auf der Berlinale gezeigte Satire "Bye Bye Berlusconi" hat noch keinen italienischen Verleih gefunden, berichtet Cesare Balbo. Der Film sei eher "auf ein ausländisches Publikum zugeschnitten", lautet die Begründung. Peter Gomez und Marco Lillo fragen sich im Titel, wie Waffen der italienischen Polizei im Irak wieder auftauchen konnten - auch in den Händen der Aufständischen.

Magazinrundschau vom 21.02.2006 - Espresso

Luc Besson verrät Alessandra Mammi, warum sein neuer Film "Angel-A" über einen kleinen Mann und einen 1,90 Meter großen blonden Engel in Paris spielt: "Ich brauchte eine großartige Stadt, die Andre in seiner Verzweiflung nicht sieht. Wenn ich eine banale Stadt gewählt hätte, wäre da kein Kontrast gewesen. Ich wollte erzählen, wie dieser Mensch nach und nach das Wunderbare, das ihn umgibt, erkennt und damit sich selbst lieben lernt. Darum habe ich Paris gewählt, aber ich hätte auch in Rom, Venedig oder Siena drehen können." In Berlin wohl eher nicht.

Der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun lobt den marokkanischen König Mohammed VI. für die von ihm angeregte Untersuchung der Opfer des Regimes seines Vaters Hassan II. (Wikipedia), auch wenn die offizielle Zahl von 592 Toten zwischen 1956 und 1999 natürlich viel zu niedrig sei.

Magazinrundschau vom 14.02.2006 - Espresso

Umberto Eco betont, dass die meisten Demonstranten die Karikaturen höchstwahrscheinlich nicht gesehen haben. "Sind die Brände der Botschaften von den Zeichnungen verursacht worden? Nein, denn wenn das Gebot, menschliche Figuren nicht darzustellen und sie schon gar nicht auszustellen (was übrigens nicht stimmt, da wir Mohammed auf vielen wunderschönen Miniaturen finden) etwas wert ist, darf kein fundamentalistischer Muslime so frevelhaft sein und ihnen die Karikaturen tatsächlich zeigen, genauso wie kein katholischer Priester in der Kirche Fotos von nackten Frauen zeigt, um die Gläubigen anzuhalten, nicht den Playboy zu kaufen. Und deshalb versteht man nicht, warum diese Hitzköpfe so erhitzt sind. Die Wahrheit ist, dass sie sehr wenig über die Karikaturen wissen und von jenen angestiftet wurden, die die extremen Ränder beherrschen."
Stichwörter: Eco, Umberto, Playboy