Magazinrundschau - Archiv

L'Espresso

320 Presseschau-Absätze - Seite 18 von 32

Magazinrundschau vom 08.11.2005 - Espresso

Mahmud Ahmadinejads verbale Attacke gegen Israel ist Ausdruck der derzeitigen außenpolitische Stärke des Iran, meint Antonio Carlucci. "Das vorrangige Ziel der iranischen Führung ist die Vorherrschaft im Nahen Osten und auf Teilen der arabischen Halbinsel. Teheran hat verstanden, dass sein historischer Feind - die USA - nicht in der Lage ist, die Winkelzüge des Iran in der Region zu verhindern. Faktisch wird die iranische Präsenz im Irak durch die direkt kontrollierten politischen Parteien, die offen mit Leuten, Waffen und Geld unterstützt werden, von den Vereinigten Staaten im Namen des Kriegs gegen den Terrorismus toleriert."

Umberto Eco würdigt den verstorbenen französischen Künstler Arman (mehr), der mit seinen Vervielfältigungsarrangements die Vielfalt feierte. "Er zeigt uns, dass es im Inneren des Gleichen (viele Gabeln, viele Brillen, viele Musikinstrumente) die Möglichkeit einer Modulation der Multiplikation gibt. Im närrischen (aber eigentlich strengen Regeln folgenden) Spiel seiner Anordnungen, in dem jedes Objekt, durch eine Neigung, eine Ungleichgewichtigkeit, eine minimale Drehung, sich vom seinem Pendant unterscheidet, wandelt Arman die Monotonie des Identischen in eine Sinfonie des Heterogenen um."

Weiteres: Die 30-jährige saudi-arabische Fernsehmoderatorin Rania al-Baz sagt Gigi Riva im Interview, warum sie sich als eine der Ersten öffentlich für die Rechte der Frauen in ihrem Land stark macht: "Wenn nicht ich, wer dann?" Im Kulturteil gibt Monica Maggi einen knappen Überblick über die Neuerscheinungen der aufstrebenden italienischen Comicbranche.
Stichwörter: Eco, Umberto, Geld, Irak

Magazinrundschau vom 01.11.2005 - Espresso

Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk reist durch seine Heimat im goldenen Oktober und sinniert: "In der Umgebung von Domaradz waren die Schatten schon länger als die Dinge, von denen sie stammten. Und ich glaube, dass dieses Land, mein trübes, verschwommenes, schönes und düsteres, hoffnungsloses und bis zur Schmerzgrenze banales, feines und possenhaftes, mausgraues und regendüsteres Land einmal im Jahr, genau zu dieser Zeit und in einem Herbst wie diesem, eine Art von Grazie erlangt, mit der es alles Schlechte von sich weist."

Bei den Vorwahlen am 16. Oktober wurde der Vizepräsident der Regionalregierung Kalabriens, Franco Fortugno, von zwei Killern erschossen, als er seine Stimme in der Kleinstadt Locri abgeben wollte. Die kalabrische Mafia will ihre Pfründe sichern, wie Marco Lillo berichtet. "Seit Beginn des Jahres gab es 23 Morde durch die 'Ndrangheta' in Kalabrien, Dutzende von Attentaten, Schießereien, Brandstiftungen und Drohungen gegen kalabrische Politiker." In der aktuellen Titelgeschichte identifizieren Peter Gomez und Marco Lillo die politischen Umwälzungen zugunsten der linken Opposition bei den Regionalwahlen im vergangenen Frühjahr als Grund für die Beunruhigung der Bosse.

Magazinrundschau vom 25.10.2005 - Espresso

Umberto Eco nimmt die nun auf Italienisch erschienene Tirade "On Bullshit" des amerikanischen Philosophenkollegen Harry G. Frankfurt gegen den Unsinn, der seiner Meinung nach heutzutage in Medien und Politiker grassiert, zum willkommenen Anlass, in knapp sechzig Zeilen mindestens zwei Dutzend Mal "Bullshit" zu schreiben. "Den Bullshit unterscheidet vom Stuss, dass er eine auf jeden Fall falsche Behauptung ist, die uns glaubhaft gemacht werden soll. Wer Bullshit redet, kümmert sich in Wahrheit nicht darum, ob das, was er sagt, richtig oder falsch ist."

Gianni Perelli besucht den arabischen Nachrichtensender Al-Jazeera, der ab April 2006 mit einem englischsprachigen Programm auf Sendung gehen will. Die Absicht? "Zehn Millionen neue Zuschauer im ersten Jahr und die Revolution des weltweiten Nachrichtenwesens. Das vorrangige Ziel sind die USA, wo unsere Website schon heute die meisten Aufrufe verzeichnet", sagt Nigel Parsons, der designierte Chef des internationalen Ablegers. Und Cesare Balbo empfiehlt Alex Gibreys Dokumentarfilm über den Fall "Enron".

Im Titel feiert Edmondo Berselli Romano "Tsunami" Prodi, der vor einer Woche mit großer Mehrheit von Mitgliedern und Anhängern zum Spitzenkandidaten des linken Oppositionsbündnisses bei der Parlamentswahl im kommenden Mai gekürt worden ist. Leider nur im Print gibt es eine Geschichte über die leisen Reformen des neuen Papstes innerhalb des Vatikans.

Magazinrundschau vom 18.10.2005 - Espresso

Fabrizio Gatti, der in der vergangenen Ausgabe von seiner Woche als Undercover-Immigrant im italienischen Auffanglager Lampedusa berichtet hat, erzählt nun, wieder in der Titelgeschichte, was aus den wirklichen Flüchtlingen geworden ist, die er dort kennengelernt hat. Der allgemeinen Auflage, Italien am 5. Oktober wieder zu verlassen, ist nach der Entlassung auf dem Festland wohl keiner gefolgt, schreibt Gatti. "Ibrahim hat nach einer Woche Arbeit gefunden. Ein Anruf bei einem Cousin genügte, um ihn wiederzufinden und das Finale seiner Reise zu rekonstruieren. Niemand hat ihn gefragt, was er studiert hat. Ein Abschluss in Geschichte bringt einem illegalen Einwanderer in Italien überhaupt nichts. Worauf sein neuer Arbeitgeber geschaut hat, sind seine Arme und Hände, ob sie robust genug für einen Maurer sind." Der für drei Euro die Stunde arbeitet.

Der Gegenwind, dem George Bush zunehmend ausgesetzt ist, kommt nicht so sehr aus dem Irak, sondern rührt eher von den öffentlichkeitswirksamen Fehltritten seiner Vertrauten her, meint Moses Naim. Silvia Bizio unterhält sich im Kulturteil mit der selbstredend "wunderschönen" Schauspielerin Charlize Theron, die demnächst in drei recht unterschiedlichen Rollen ins Kino kommt. Cesare Balbo kündigt eine Reihe von Filmen an, die sich mit realen Personen und Ereignissen beschäftigen.

Magazinrundschau vom 11.10.2005 - Espresso

Als die linke Opposition vor kurzem über eine Art Zivilehe für Homosexuelle nachdachte, die etwa Erbschaftsfragen regeln sollte, reagierte die neuerstarkte katholische Kirche prompt und harsch. Umberto Eco entwirft nach der Affäre um die sogenannten "Pacs" nun Regeln für künftige Auseinandersetzungen. "Erstens: Jeder hat das Recht, die Meinung eines Kirchenvertreters zu kritisieren. Zweitens: Kirchenvertreter können ihre Meinungen auf theologischem und moralischem Gebiet kundtun, auch wenn sie in Einzelfällen den Gesetzen des Staates widersprechen. (...) Viertens: Wenn der Aufruf eines Kirchenvertreters ein Gesetz kritisiert oder in einen laufenden politischen Prozesse eingreift, ob nun beabsichtigt oder nicht, dann wird dieser Kirchenvertreter zum politischen Subjekt und riskiert, Anfechtungen politischer Art ausgesetzt zu werden."

Weitere Artikel: Wlodek Golkdkorn verteidigt Roberto Benignis Film "Der Tiger und der Schnee" gegen Anfeindungen von links und von rechts. "Ein großer Regisseur hat einen schönen Film gemacht, der wie alle schönen Dinge nicht perfekt ist." Für die Titelgeschichte berichtet Fabrizio Gatti aus dem Einwandererlager in Lampedusa, wo er eine Woche unter "unmenschlichen" Bedingungen verbracht hat.

Magazinrundschau vom 27.09.2005 - Espresso

Umberto Eco vermutet hinter der Anhäufung von Katastrophenberichten im italienischen Fernsehen ein politisches Ablenkungsmanöver. "Nach den Meldungen von Krieg, Gemetzel, Terrorattacken und Ähnlichem, nach einigen wohlüberlegten Enthüllungen aus der aktuellen Politik, ohne dabei den Zuschauer übermäßig zu belasten, beginnt die Liste der Straftaten, Mutter-Tochter-Gatten-Bruder-Vater-Kindermorde, Diebstähle, Vergewaltigungen, Schießereien - und, um dem Zuschauer auch ja nichts vorzuenthalten, scheinen sich die Pforten des Himmels jeden Tag über unserem Landstrich zu öffnen und es regnet wie es noch nie zuvor geregnet hat, so dass die Sintflut sich demgegenüber wie ein kleiner Rohrbruch ausnimmt. Eine paar schön abgeschnittene Köpfe halten das Volk bei Laune und verhindern, dass Ränke gegen den Chef geschmiedet werden."

Basra, ein wenig aus dem Blickfeld geraten, ist beileibe keine Insel der Seligen, berichtet der irakische Journalist Christian Elia. Das britische Militär hat das Gefängnis dort kürzlich mit schwerem Gerät angegriffen und in Schutt und Asche gelegt, um zwei Soldaten zu befreien, die kurz davor von der irakischen Polizei festgenommen worden waren. Franco Carlini weist noch einmal darauf hin, dass Yahoo mit den chinesischen Behörden kooperiert hat, um den Journalisten Shi Tao zu verhaften. Tao ist zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Etwas ausführlicher hat Riccardo Stagliano darüber in La Repubblica berichtet.

Magazinrundschau vom 20.09.2005 - Espresso

Andrzej Stasiuk macht Urlaub in Montenegro, im chaotischen Budva, das für ihn die Moderne in Reinform darstellt . "Der Sommerurlaub in Budva gleicht einem Karneval in der Hölle. Vor allem abends, wenn die Strandpromenade anfängt, von einer tödlichen mechanischen Musik erschüttert zu werden. In Dutzenden Buden werden Würstchen, Spieße und Cevapcici gebraten. Der Rauch von Holzfeuern liegt in der Luft. Es ist das Fest eines armen Volkes, das bis vor kurzem Fleisch nur an wenigen Tagen im Jahr gegessen hat, es ist ein Fest des Überflusses, eine sommerliche Kirmes. Zwischen einigen Ständen sind Autos abgestellt, vor denen irgendwelche sonnenbebrillte Typen stehen: BMWs und Mercedesse, die längsten und größten Modelle, je weiter die Karossen in den Menschenstrom hineinragen, desto unverschämter wird man von den Bewachern zur Seite geschoben."

Leo Sisti stimmt in der Titelgeschichte ein Requiem für Neapel an. Die Bevölkerung verarmt, die Camorra floriert und Tausende von desillusionierten Jugendlichen terrorisieren Mitbürger, Touristen und sich selbst. "Der letzte Schrei im August ist der Sprung vom Tragflächenboot. Ziel der 13- bis 14-Jährigen sind die Schiffe, die von Mergelina nach Ischia und Capri ablegen. Wenn das Schiff anlegt, werfen sie sich von einem Podest ins Wasser, was das Boot zu gefährlichen Manövern zwingt. Und mehr. Einige laufen wie verrückt über das Oberdeck, um sich gleich darauf von dort oben ins Meer zu stürzen: sieben, acht Meter Adrenalin."

Im Kulturteil entdeckt Cesare Balbo auf dem Festival von Toronto Martin Scorseses Filmporträt über Bob Dylan.

Magazinrundschau vom 13.09.2005 - Espresso

Das Pentagon geht massiv gegen die Blogs von Soldaten im Irak vor, in denen diese unverblümt vom Krieg berichten, schreibt Alessandro Gilioli. "Colby Buzzel, 28 Jahre, erstes Bataillon, 23. Regiment, versuchte von einer Schlacht zu erzählen, die er selbst an vorderster Front erlebt hat: jene um Mosul, im August des vergangenen Jahres. Viele grausame Details, das Geständnis, Zivilisten erschossen zu haben, bis hin zur Anfechtung der von CNN gemeldeten Gefallenenzahlen (es wurde von nur zwölf gesprochen). Schließlich erreichte Colby eine Anweisung des Pentagons, das Blog bis zu seiner Entlassung aus der Armee zu schließen. Nun hat er es wieder aufgenommen, und wer dorthin klickt, findet ganz oben ein Bild, das die Meinung des Ex-Soldaten Colby schnell deutlich macht: Guernica , Picassos Bild von den Massakern während des spanischen Bürgerkriegs."

Umberto Eco beschäftigt sich in seiner Kolumne mit Maurizio Ferraris philosophischer Abhandlung über das Handy und stellt fest, dass ein Teil der Wirklichkeit, nämlich die der sozialen Objekte, mittlerweile fast auschließlich derart vermittelt konstituiert wird. In der Titelgeschichte zitiert Riccardo Bocca genüsslich aus einer jetzt aufgetauchten geheimen Datenbank der Post, die dokumentiert, wie ausführlich die Protagonisten aus Wirtschaft und Politik in Italien sich gegenseitig Posten zuschachern und mit sensiblen Informationen versorgen. Andrea Visconti unterhält sich mit Bret Easton Ellis über den neuen Roman "Lunar Park" und erfährt, wie Ellis arbeitet: "Ich lasse mir Zeit zum Nachdenken, gehe in meinem Büro hin und her, schaue CNN, um auf Ideen zu kommen, beantworte die Post. Ich benutze Papier und Stift und keinen Computer." Im Gesellschaftsteil stellt Monica Maggi zwei neue Fetisch-Hochglanzmagazine vor, mit denen die Szene in Italien endlich auf deutschem und britischem Niveau informiert wird.

Magazinrundschau vom 06.09.2005 - Espresso

Arafat City oder doch Yassin City (mehr zu Scheich Yassin): Noch ist nicht entschieden, wie Gaza einmal genannt werden wird, wie überhaupt noch wenig entschieden ist über diesen Prototypen eines palästinensischen Staates, schreibt Barbara Schiavulli in ihrer Reportage. "Das heutige Gaza ist vor allem eine Reihe von Möglichkeiten: eine touristische Hochburg am Mittelmeer, mit Hotels, Restaurants, Geschäften, einem Hafen bis hin zu einem Vergnügungspark am Strand. Im Inneren Industrien, Gewächshäuser, ein Flughafen und viele, viele Häuser für Personen, die ihre Flüchtlingscamps im Ausland verlassen wollen oder Einwohner des Gaza-Streifens, die ihre jahrzehntelang überfüllten Quartiere wechseln wollen. In den Träumen gibt es Arbeit für alle, eine florierende Wirtschaft und eine stabile Regierung. Die andere Variante ist die Zelle Gaza, umgewandelt in einen Käfig, in dem die Frustration Terror gebiert. Eine Basis der Hamas, ein sicheres Versteck für die Leute Bin Ladens."

Weitere Artikel: Chiara Valentini registriert bei den irakischen Frauen trotz der katastrophalen Lebensbedingungen einen noch leisen, aber immer deutlicher werdenden Willen nach mehr Rechten in dem neuen Staat. Im Kulturteil kündigt Cesare Balbo an, dass Walter Salles im Auftrag von Francis Ford Coppola den legendären Beatnik-Roman "On the road" von Jack Kerouac verfilmen wird.

Magazinrundschau vom 30.08.2005 - Espresso

Anhand des großen Börsenerfolgs der chinesischen Internet-Suchmaschine Baidu erklärt Carlotta Magniani China zum neuen gelobten Land der New Economy. Verbotene Stadt oder Silicon Valley - zumindest die Marktpropaganda hört sich schon sehr ähnlich an. "'Baidu beschränkt sich nicht einfach darauf, etwas zu suchen', meint der Gründer Robin Li. 'Der Erfolg einer Internetseite hängt von ihrem Nutzwert ab. Um unseren zu erweitern, wollen wir uns nicht nur auf die Technik konzentrieren, sondern den richtigen Umgang mit ihr vermitteln.'" Der Nutzwert liegt für viele Baidu-Nutzer derzeit auch darin, dass die Seite den munteren Austausch von Raubkopien unter ihren Besuchern toleriert.

In seiner Bustina freut sich Umberto Eco auf Maurizio Ferraris demnächst erscheinende Gedanken zur Ontologie des Handys. Im Titel berichten Gianluca Di Feo und Fabrizio Gatti über den florierenden Handel mit gefälschten Flugzeugersatzteilen. Giuseppe Gazzoni Frascara, Chef des FC Bologna, erklärt Alessandro Gilioli, warum die neuen Regeln den italienischen Fussball zu Grunde richten.