Magazinrundschau - Archiv

Gazeta Wyborcza

171 Presseschau-Absätze - Seite 16 von 18

Magazinrundschau vom 18.01.2005 - Gazeta Wyborcza

War Witold Gombrowicz nur ein Spötter? Ein Nihilist? Keineswegs, meint der Publizist Slawomir Sierakowski, Chefredakteur der Zeitschrift Krytyka Polityczna, in der Wochenendausgabe der Gazeta Wyborcza. Schon im Frankreich der sechziger Jahre sei Gombrowicz missverstanden worden. Man betrachtete ihn dort als als ewigen Spötter, der einer Kultur, die sich Gottes, des Vaterlands, der viktorianischen Moral, des Verstands, sogar des Anstands entledigt hatte, genau das sagte, was sie hören wollte. Aber auch im heutigen Polen wird Gombrowicz missverstanden, meint Sierakowski. Vorreiter einer Schriftstellergeneration, die nur noch gegen etwas schreiben könne - "gegen das Vaterland, gegen die Tradition, gegen die Religion, gegen jede Ideologie und Weltanschauung, die sich selbst ernst nimmt und letztendlich gegen jeden Versuch, auf den Trümmern einer dekonstruierten Form eine neue zu errichten" - hätte Gombrowicz nie sein wollen.

"Ich glaube einfach, dass es Dinge gibt, für die es sich zu kämpfen lohnt, auch wenn wir am Schluss verlieren sollten." Der Politologe und Philosoph Pierre Hassner erklärt im Gespräch mit dem Publizisten Artur Domoslawski, dass die heutige Welt sich zwischen Zivilisation und Barbarei entscheiden müsse. Doch müssten wir auch bedenken, "dass das, was wir im Westen für Fortschritt, Zivilisation und Universalismus halten, in großen Teilen der Welt als Arroganz und Hegemonialbestrebungen des Westens, insbesondere der USA, ausgelegt wird. Ich bin für den Universalismus und humanitäre Interventionen, aber oft nehmen sie repressiven Charakter an, statt auf ein positives Programm und Solidarität zu setzen."

Magazinrundschau vom 11.01.2005 - Gazeta Wyborcza

In einem Interview mit der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza denkt der Publizist Ignacio Ramonet, Redakteur der Zeitschrift Le Monde Diplomatique, warum in vielen Ländern der Islamismus attraktiver ist als linke Gesellschaftsentwürfe: "Sowohl der gemäßigte als auch der radikale Islamismus ziehen Menschen aus armen Stadtvierteln an - Menschen ohne Eigenschaften, ohne Perspektiven. Das sind Gebiete, wo die Linke nicht einmal auftaucht. Es taucht dort überhaupt niemand auf. Der radikale Islamismus erreicht Menschen, die weder Arbeiter, noch Bauern, noch Bürger sind. Sie leben außerhalb unserer Zivilisation. Sie haben keine eigene Identität, nur ein Gefühl des Ausgeschlossenseins und der Marginalisierung. Der Islamismus macht ein Versprechen und liefert Antworten."

Magazinrundschau vom 04.01.2005 - Gazeta Wyborcza

In der Neujahrsausgabe der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza erklärt der Schriftsteller und Dichter Adam Zagajewski die Tagebücher von Sandor Marai (mehr hier), die vor kurzem in Auszügen in Polen herausgegeben wurden, zu den wichtigsten Büchern des Jahres. Womöglich gibt es Ungarn überhaupt nur, weil es Marai gibt! "Westeuropa, so reich an Literatur, könnte auch ohne sie auskommen, immerhin blieben ihm dann effiziente Regierungen, schöne kleine Städte, saubere Züge und phänomenale Museen. Mitteleuropa würde wahrscheinlich versacken, ohne die ruhelose Arbeit seiner Poeten, Prosaiker und Künstler. Ohne Phantasie gäbe es diesen Teil von Europa nicht, es wäre ein Dritte-Welt-Fleck auf der europäischen Landkarte", glaubt Zagajewski.

Der Kulturhistoriker Jerzy Jedlicki sucht nach neuen Herausforderungen für die Intelligentsia, jene "Klasse, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts selbst erfunden und seitdem immer wieder von Neuem dekonstruiert hat". Das Abtreten dieser Klasse ist schon oftmals verkündet worden, aber in den letzten Jahren scheint die soziale und geistige Basis verstärkt zu schwinden, "da die Gesellschaft erwachsen geworden ist, und keine Autoritäten mehr braucht". Dennoch ist sich Jedlicki sicher, dass es auch künftig nicht ohne Intelligentsia gehen wird. Denn der jetzigen Gesellschaft wohne "eine inhärenten Tendenz zur Gleichmachung von öffentlicher Ethik, Geschmack, Sprache und politischer Kompetenz auf niedrigstem Niveau bei. Die Sorge darum, gehobene Normen als Gegengewicht zu installieren, ist ein gemeinsames, der Selbsterhaltung dienendes Interesse der Intelligenz, und sollte von ihr als konstante Aufgabe begriffen werden".

Magazinrundschau vom 28.12.2004 - Gazeta Wyborcza

Der amerikanische Politologe Benjamin R. Barber ("Coca-Cola und Heiliger Krieg") prophezeit in der Weihnachtsausgabe der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza, dass noch in diesem Jahrhundert eine Weltregierung entstehen wird, da selbst die größten Staaten nicht in der Lage seien, mit globalen Problemen fertig zu werden. Da sich nur der Kapitalismus und nicht die Demokratie globalisiert hat, so Barber, muss die Marktwirtschaft einer demokratischen "Zähmung" unterzogen werden. Denn: "Privatisierung reicht nicht aus, um Demokratie herzustellen. Der Bürger ist das Salz der Demokratie, nicht der Konsument. Wenn jemand glaubt, er sei ein guter Bürger, weil er ein guter Konsument ist, dann ist die Demokratie in Gefahr."

Wie viel vom Barbaren steckt im modernen Europäer, fragt sich im Interview der Mittelalterhistoriker und frühere Dissident Karol Modzelewski. Er unterstreicht die Tatsache, dass in diesem Jahr vor allem solche Staaten der EU beigetreten sind, die am stärksten mit dem barbarischen Erbe des Kontinents verbunden sind. Im Gegensatz zu den Mittelmeerländern, die in die post-römische Welt integriert waren, übernahmen die Slawen und Skandinavier anfänglich nur jene Institutionen und Traditionen, die ihnen von Nutzen waren. Paradoxerweise brachte ausgerechnet das Christentum den Barbaren, Individualismus und die Säkularisierung. "Die barbarischen Europäer hatten keine seperaten Begriffe für den säkularen, rechtlichen Schutz, und den sakralen. Dieser Unterschied kam erst mit dem Christentum, indem das Heilige vom Alltag abgehoben wurde, und die alltägliche Realität von sakralen Element befreit wurde. Auch die Abkehr vom allgegenwärtigen Kollektivismus der Barbaren hatte weit reichende zivilisatorische und kulturelle Folgen. Man kann sagen, dass die Christianisierung den Europäer als individuelles Subjekt der Geschichte erschaffen hat."

Magazinrundschau vom 21.12.2004 - Gazeta Wyborcza

Im Wochenendmagazin der polnischen Tageszeitung spricht der französische Mediävist Jacques Le Goff in einem langen Interview über den Eurozentrismus der mittelalterlichen Chroniker, über den antiimperialen und pazifistischen Charakter der europäischen Konstruktion und die mittelalterlichen Ursprünge Europas: "Europa entsteht durch seine Zuwanderer. Diese manifestieren ihre Zugehörigkeit durch die Annahme des Christentums, was aber gleichzeitig viel mehr bedeutet - die Akzeptanz der Spielregeln und Institutionen, die das Wesen des Kontinents bestimmen. Zum Christentum überzutreten war im Mittelalter etwa so wie heute die Mitgliedschaft in der UNO. So war das im Falle der Skandinavier, der Ungarn und der Slawen."

Abgedruckt ist außerdem die flammende Liebeserklärung, die Juri Andruchowytsch der Dame Europa in Straßburg machte (mehr hier).

Magazinrundschau vom 13.12.2004 - Gazeta Wyborcza

Der Politologe Samuel P. Huntington prophezeit im Interview mit der Wochenendausgabe der Tageszeitung Gazeta Wyborcza, dass die internationale Ordnung in nächster Zukunft "sehr unordentlich" sein wird. Der Autor des berühmten "Clash of civilizations" spricht über die zukünftige Außenpolitik der USA, die mehr auf Kooperationen mit kleineren Ländern (Polen!) statt Regionalmächten setzen wird und über die Lage in den USA nach den Wahlen. "Manche glauben, George W. Bush sei zynisch, wenn er die Verbreitung der Demokratie auf seine Fahnen schreibt. Ich würde mich besser fühlen, wenn ich wüsste, dass dies seinem Zynismus zuzuschreiben ist. Ich befürchte, dass er leider wirklich daran glaubt - und das ist erst gefährlich."

Was Europa zusammen hält, ist eine Frage, der eine von Romano Prodi eingesetzte Kommission nachgegangen ist. Kurt Biedenkopf, Bronislaw Geremek, Krzysztof Michalski und Michel Rocard präsentieren nun einen Entwurf, aus dem unter anderem zu entnehmen ist: "Da die traditionellen Intergrationsfaktoren (der Wille zum Frieden, die Bedrohung von Außen und der wirtschaftliche Aufschwung) an Wirkung verlieren, wächst zunehmend die Rolle der europäischen Kulturgemeinschaft - des seelischen Faktors - als einer Quelle der Einheit und der Kohäsion. Man soll dabei die Bedeutung der europäischen Kultur besser verstehen lernen, und ihr eine politische Relevanz zukommen lassen. Die bloße Aufstellung der gemeinsamen europäischen Werte reicht nicht aus als Basis für die Einheit Europas". Die Autoren plädieren auch dafür, dass "der Kulturraum Europa den geografischen Raum Europa bestimmt" und sprechen den Religionen einen positiven Einfluss auf den Integrationsprozess zu: "Man kann die europäische Kultur nicht durch ihre Opposition zu einer konkreten Religion, zum Beispiel dem Islam definieren".

Magazinrundschau vom 07.12.2004 - Gazeta Wyborcza

Lernen diese Westler denn nie dazu, fragt sich Marcin Bosacki nach der Lektüre einiger Kommentare zur Ukraine, die im Independent (Peter Unwin: hier), im Guardian (Jonathan Steele: hier), dem Spectator (John Laughland) und dem Figaro standen: Wieder werde das Paradigma der "Stabilisierung" über die Köpfe der Beteiligten hinweg zum höchsten Gut erklärt - wie in den achtziger Jahren. "Die Ignoranz gegenüber dem Willen der Nationen war der größte Fehler der westlichen Sowjetologen und der Grund, warum sie das rasche und größtenteils unblutige Ende des Kommunismus nicht vorhersehen konnten. Die Sowjetologen konzentrierten sich auf die Anzahl der Divisionen, die Maisernte, die Aufstellung der Ehrentribüne bei den Erste-Mai-Feiern und die Fraktionen im Politbüro. Was die Untergebenen des Systems wollten, interessierte sie kaum ... Wir sind nicht blind, deshalb sehen wir, dass Mitteleuropa besser und stabiler ist, seit seine Nationen über ihr Schicksal selbst entscheiden können. Und wir glauben, dass es der Ukraine genauso gehen wird. Wir wissen, dass Freiheit und Wahrheit keine Feinde der Stabilität sind."
Stichwörter: Laughland, John, Mitteleuropa

Magazinrundschau vom 30.11.2004 - Gazeta Wyborcza

Der russische Soziologe Jurij Lewada erklärt warum der ukrainische Wunsch nach Souveränität in Russland weder von Experten noch den Regierenden noch den einfachen Menschen verstanden wird: "Ich spreche jetzt mal nicht von den noch kleineren Staaten im Kaukasus. Unsere Menschen verstehen nicht, warum die sich so anstellen und aufmüpfig sind. Wenn wir nur einen Wink machen, sollen sie zur Ruhe kommen, und alles wird so sein, wie es sollte. Aber irgendwie wollen sie sich nicht beruhigen. Seltsam. Und jetzt will diese Ukraine auch noch irgendwas...". Man sollte aber die Weitsichtigkeit der Kreml-Strategen nicht überschätzen: "Unsere Machthaber verhalten sich wie Schachspieler, die nicht einmal einen halben Zug vorhersehen können."

Bronislaw Geremek, ehemaliger polnischer Außenminister und Vizepräsident des Europa-Parlaments, spricht im Interview mit der polnischen Tageszeitung über Populismen. "Ich glaube, wir befinden uns in einem Zustand, wo das Volk auf der politischen Bühne aufgetaucht ist und sich nicht länger ignorieren und manipulieren lässt. Die Radikalisierung der politischen Akteure entspringt der Annahme, dass der Populismus die beste Methode darstellt, sich die Unterstützung des Volkes zu sichern. Es ist auch eine Lektion aus den amerikanischen Präsidentschaftswahlen, als man sich der Mobilisierung der Extremen bedient hat".

Magazinrundschau vom 23.11.2004 - Gazeta Wyborcza

Jaroslaw Kaczynski von der nationalkonservativen Partei "Recht und Gerechtigkeit", ein konsequent antikommunistischer Hardliner, forderte unlängst ein Verbot der postkommunistischen Regierungspartei SLD, jetzt setzt er einen drauf. Im Interview mit der Gazeta Wyborcza fordert er die Einrichtung einer neuen Super-Behörde gegen Korruption, die Schaffung eines neuen Geheimdienstes ohne ex-kommunistische Funktionäre und eine "Kommission der Wahrheit und Gerechtigkeit", mit eigenen Staatsanwälten und ausgebauter Sanktionsmacht. "Für mich waren die Gespräche am Runden Tisch nur nötig, um die Solidarnosc zuzulassen. Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass wir mit den Kommunisten eine Abmachung über eine Abolition unterschreiben".

Magazinrundschau vom 16.11.2004 - Gazeta Wyborcza

Jan Rokita ("Nizza oder der Tod!") von der konservativen "Bürgerplattform" und aller Voraussicht nach künftiger Premierminister Polens, verspricht im Interview mit der Wochenendausgabe der Tageszeitung Gazeta Wyborcza Bodenhaftung: "Manchmal wache ich schweißgebadet um fünf Uhr früh auf, weil ich Angst habe, dass die Menschen zu viele Hoffnungen mit uns verbinden. Aber andererseits erfüllt es mich mit Freude, dass es diesen Glauben gibt, dass es diesmal gelingen kann ... Polen eine neue Dynamik zu geben, die Selbstlosigkeit der Regierenden wiederherzustellen, den Staat so zu stärken, dass er seine Bürger mit Stolz erfüllt." Rokita macht sich keine Sorgen, dass ihm die Macht zu Kopf steigen könnte: "Nein, davor habe ich gar keine Angst. Mein einfaches, alltägliches Leben hilft mir dabei. Wir haben eine knappe Stunde, weil ich vor 17 Uhr meine Schuhe von der Reparatur abholen muss. Was wollen Sie noch wissen?"

Der Schriftsteller Stefan Chwin hat den "Untergang" im Kino gesehen und findet, dass es Hirschbiegel gelungen ist, aus Hitler einen "verrückten und unglücklichen 'König von Deutschland' zu machen, eine Art Cyborg, eine Kreuzung von König Lear und Richard III.". Ähnlich wie kürzlich Wim Wenders in der Zeit kritisiert Chwin, dass der Selbstmord Hitlers nicht gezeigt wird: "Hitler stirbt mit Würde, hinter verschlossenen Türen, wie ein 'König', um die Ehre und Würde des deutschen Staates zu retten. Dieser Staat bricht zusammen, wird aber nicht gedemütigt und besteht fort. Er wäre gedemütigt worden, wenn die Russen den 'Führer' gefangen und ihm in den Mund geschaut hätten, wie die Amerikaner es mit Saddam getan haben. (...) Wenn die Deutschen das Kino verlassen, müssen sie sich ihrer Geschichte nicht schämen. Im Gegenteil: die deutsche Nation war und ist groß, also hat sie das Recht, den Kopf zu erheben und sich den im Sicherheitsrat vertretenen Mächten anzuschließen."