Magazinrundschau - Archiv

Gazeta Wyborcza

171 Presseschau-Absätze - Seite 15 von 18

Magazinrundschau vom 12.04.2005 - Gazeta Wyborcza

Der Tod Papst Johannes Paul II. dominiert weiterhin die Seiten der polnischen Magazine. In der Wochenendausgabe der Gazeta Wyborcza konstatiert zum Beispiel der polnische Bischof Tadeusz Pieronek, dass die katholische Kirche in Polen nach Karol Wojtyla nicht nur verwaist, sondern auch etwas orientierungslos ist. Sie habe sich zu sehr darauf verlassen, so Pieronek im Interview, dass die Impulse und Lösungen aus Rom kommen - obwohl der damalige Kardinal Wojtyla schon mehrere Vorhaben im Geiste des II. Vatikanischen Konzils angeschoben hat. "In der Seelsorge dominieren in Polen weiterhin solche Ereignisse wie Mariennovene: mit einem hohen Maß an Devotion, mit wenig Laienbeteiligung und wenig intellektuellem Anspruch." Jetzt muss die polnische Kirche ihre Hausaufgaben machen und dabei kann ein neutraler Papst durchaus eine Hilfe sein, so der Bischof.

Unter der Überschrift "Johannes Paul, der Rebell" analysiert der Publizist Artur Domoslawski die Einstellung des Papstes gegenüber einigen Globalisierungsphänomenen, und unterstreicht, dass Johannes Paul II. dank seiner Kritik am modernen Kapitalismus und der Konsumkultur zu einem Helden der Linken und der Protestbewegungen geworden ist. "Der Papst hat viel Verwirrung in unseren Köpfen gestiftet. Zum Glück. Manche Liberale, die dem Wirtschaftsliberalismus mit nahezu religiöser Treue anhängen, akzeptieren diesen Teil der päpstlichen Botschaft nicht. 'Er hat den Kommunismus bezwungen', rufen sie, 'er hat den freien Markt unterstützt!', polemisieren diese Liberalen. Als ob man nicht gegen den Kommunismus und für den Markt sein kann, und trotzdem den Egoismus der Reichen und die vom zeitgenössischen Kapitalismus erzeugten Plagen anprangern kann."

Magazinrundschau vom 05.04.2005 - Gazeta Wyborcza

"Polen hatte seinen König, von dem es geträumt hat", erklärt in der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza der sonst eher republikanisch gesinnte Adam Michnik. "Wir lebten im Zeitalter Johannes Paul II, jenes Papstes, der die katholische Kirche, Polen, die Welt und jeden von uns verändert hat." Der Papst "lehrte uns den Heroismus und verstand die Bedeutung von Kompromissen im öffentlichen Leben. Er warnte vor der tödlichen Logik der Rache. Er war ein Zeichen der Zeit und ein Zeichen des Widerspruchs gegen diese Zeit."

Die Publizistin Halina Bortnowska beschreibt ihre Begegnungen mit dem Papst und die langen Gespräche mit ihm, als er noch Dozent an der Katholischen Universität in Lublin war. "Er war oft fröhlich. Oder besser gesagt: frohgemut, kein 'lalala'; er wusste, Gott hat eine gute Welt erschaffen, sie war kein Fehler." Bortnowska, die am Aufbau von Hospizien in Polen beteiligt war, sorgt sich um die richtige Einstellung jener Menschen, die den (damals noch lebenden) Papst in den letzten Tagen begleitet haben: "Man sollte einen Menschen gehen lassen. Nicht aufhalten, nicht belasten. Da sein und den Sterbenden in gute Gefühle hüllen, vor allem Dankbarkeit. Ich bin mir nicht sicher, ob die Umgebung des Papstes das kann."

Magazinrundschau vom 29.03.2005 - Gazeta Wyborcza

"Sie wundern sich, dass Russland weiterhin an seiner alten Vision der Jahre 1939-1945 und den kompromittierten moralischen Rechtfertigungen des Hitler-Stalin-Paktes, des Überfalls auf Polen und der Aggression gegen die baltischen Staaten fest hält? Für fast alle Russen ist der Sieg im Zweiten Weltkrieg das glorreichste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Russland ist enttäuscht von den Veränderungen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion eingetreten sind. Also flüchtet man in die glorreiche Vergangenheit, in die Zeiten als man noch ein Imperium war", erklärt der russische Historiker Jurij Afansajew. Vor allem die Veteranen fühlten sich missachtet, und für sie sei dieser 9. Mai immer noch ihr Fest, an dem ihnen durch immer dieselben Aufmärsche und das stolze Ordenrasseln Respekt gezollt werde. "Deshalb sind weder die einfachen Menschen noch die Regierung an einer Neubewertung der Geschichte interessiert".

Die britische Schriftstellerin Ewa Hoffman rezensiert zwei Londoner Ausstellungen: "Conquering England: Ireland in Victorian London" in der National Portrait Gallery und "Turks. A Journey of a Thousand Years, 600-1600" in der Royal Academy of Arts. Während die letztere eine Art von offiziellen Stellen unterstützte Werbeschau für die europäische Zugehörigkeit der Türkei ist, meint Hoffman, wo nur die schönen Teppiche von Bedeutung sind, will die erstere einen bis dato weniger bekannten Aspekt der britisch-irischen Beziehungen zeigen: einerseits Protektionismus und Vorurteile, andererseits eine bedeutende kulturelle und politische Präsenz von Iren in London. "Beide Ausstellungen verbinden auf eine faszinierende Art und Weise Politik und Kunst. Sie bewegen sich irgendwo zwischen Kunstausstellung und Geschichtsunterricht, indem sie Kunstobjekte in ihrem sozialen Kontext platzieren. Sie verwenden Geschichte, um gewisse aktuelle Fragen anzusprechen: nationale Identität, den Charakter von Imperien und die Geschichte von Kolonien."

Zu lesen ist außerdem Andrzej Stasiuks Essay über den Ersten Weltkrieg an der Ostfront. Der Text erschien im Januar in der NZZ. (Englische Version hier.)

Magazinrundschau vom 22.03.2005 - Gazeta Wyborcza

In Warschau soll ein neues Museum für moderne Kunst entstehen... oder doch eher für zeitgenössische Kunst? Darüber diskutieren in der Gazeta Wyborcza der Historiker Krzysztof Pomian ("Der Ursprung des Museums") und der Kunst- und Architekturhistoriker Andrzej Turowski. "Die polnische zeitgenössische Kunst und die polnische Gesellschaft kamen bisher ohne ein zeitgenössisches Museum aus. Wir können nur erahnen, welche Vor- und Nachteile das bisher mit sich brachte", schreibt Turowski. Jetzt werde es aber Zeit für ein neues Museum, das "seine modernistischen Wurzeln nicht verschweigt. Es muss an das 20. Jahrhundert anknüpfen, aber die in der Moderne mystifizierten Kategorien, Klassifizierungen und Abstraktionen hinterfragen. Es sollte ein Museum sein, das den aktuellen Stand der Kunst widerspiegelt und gleichzeitig ihren Platz in einer demokratischen Kultur verhandelt."

"Ein Museum für moderne Kunst wäre zwangsläufig ein Museum der künstlerischen Avantgarde. Ein Museum für Anhänger jener Avantgarde und nicht für all jene, denen man den Wandel der Kunst im 20. Jahrhundert erst erklären muss: die Brüche und das Aufbegehren gegen materielle, technische, formelle und thematische Grenzen", meint Pomian. "Das Museum sollte so geplant werden, dass es nicht von vornherein auf Ausstellungen festgelegt wird. Ich bin für eine größtmögliche Öffnung des Museums, das Kunst im weitesten Sinne zeigen sollte: Mode, Innenaustattung, Architektur, Film, Werbung und Propaganda. Alle Materialien und Techniken, die im 20. Jahrhundert verwendet wurden, sollten zugelassen werden. Das einzige Kriterium sollte die Unterscheidung zwischen Kunst und Kitsch sein. Auch wenn diese Unterscheidung manchmal fraglich ist, und später revidiert werden kann."

Piotr Buras und Basil Kerski analysieren, inwieweit die (ost-)deutschen Erfahrungen mit dem Erbe der Stasi wirklich Vorbild für die Polen sein können: "Wie tiefgreifend war die Entkommunisierung in Ostdeutschland? Wurde die Offenlegung der Stasi-Akten für politische Abrechnungen missbraucht? Die Fälle Stolpes oder Gysis zeigen, dass das nicht immer der Fall war." Die Autoren behaupten, dass der Staatsapparat in Ostdeutschland nicht etwa von ehemaligen IM's gesäubert, sondern einfach durch westliche Beamte ersetzt wurde. "Ohne die Wiedervereinigung hätten wir Zustände wie in Albanien oder Moldawien", wird der Historiker Stefan Wolle zitiert. Insgesamt finden die Autoren die Berufung auf das deutsche Vorbild durch einige Anhänger der radikalen Lustration in Polen übertrieben, vor allem, weil die institutionelle Aufarbeitung des Erbes der DDR nur ungenügend von einer moralischen Aufarbeitung begleitet worden sei.

Magazinrundschau vom 15.03.2005 - Gazeta Wyborcza

Was geschah mit bekannten Schriftstellern, die der kommunistische Geheimdienst anzuwerben versuchte oder beobachten ließ? Dieser Frage gehen in der polnischen Gazeta Wyborcza Anna Bikont und Joanna Szczesna nach. Viele Literaten, die anfangs das neue, sozialistische System gut geheißen haben, wurden später zu Regimekritikern - und gerieten somit ins Blickfeld der Stasi. Was erfährt man aus den Geheimdienstakten? "Die Inhalte eignen sich keineswegs für einen Spionage- oder Kriminalroman. Es sind meistens langweilige Zusammenfassungen von abgehörten Gesprächen oder Berichte von Treffen mit IM's die mit den beobachteten Personen gesprochen haben. Es ist alles dabei: Wichtiges und Unwichtiges, Gerüchte und Absurditäten, naive Aufsätze der Agenten über das Schaffen der Schriftsteller und Zitate aus Abhörprotokollen. Der Stasi gelang es höchstens, diesen Menschen das Leben schwer zu machen. Sie zu beeinflussen, misslang aber."

"Unsere verarbeitende Industrie ist bereits in China, unsere Dienstleistungen in Indien und unsere Wissenschaftler in Amerika. Frage an die europäischen Wohlfahrtskapitalisten: wie viel vom Wirtschaftswachstum wollt ihr opfern, um eure Sozialmodelle zu retten?". In einem Auszug aus seinem Buch "Freie Welt" analysiert der Brite Timothy Garton Ash die Ziele und das Selbstverständnis der EU: "Eine Weltmacht zu sein ist moralisch nicht vertretbarer, wenn eine Gemeinschaft Europa dahinter steht. Ein europäischer Nationalismus ist nicht besser als ein französischer, deutscher, britischer oder amerikanischer"; und plädiert für eine große Freihandelszone mit den Anrainerregionen: "Entweder wir nehmen mehr von ihren Waren auf oder von ihren Menschen."

Magazinrundschau vom 08.03.2005 - Gazeta Wyborcza

Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatten über die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit des Landes, insbesondere der Listen der Stasi-Mitarbeiter, konstatiert in der polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza Piotr Oseka: Historiker würden in der populären Wahrnehmung zur moralischen Instanz. Die Frage: Wie ist es gewesen? pervertiere immer mehr zu: Wer ist es gewesen? Das Publikum erwarte von den Historikern klare Urteile, ohne auf die Komplexität der historischen Ereignisse zu achten. "Doch sollten Historiker in keinem Fall die Rolle von Richtern des nationalen Gewissens annehmen; einer Instanz, die festlegt, wer Held und wer Verbrecher war. Sie sollten gegen das kollektive Gedächtnis argumentieren, statt es zu bejahen", findet Oseka.

Der Literaturwissenschaftler Jozef Smaga stellt Anne Applebaums Buch "Der Gulag" in eine Reihe mit den Werken Solschenizyns und Schalamows über das sowjetische Lagersystem. Trotz einiger Kritikpunkte - zum Beispiel wird die These einer strukturellen Kontinuität von der zaristischen zur bolschewistischen Gefängnisidee stark angezweifelt - würdigt der Kritiker die Pionierleistung und den Mut Applebaums, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Lagern der Nazis und der Sowjets festzustellen. "Im Gegensatz zur kalten Präzision der deutschen KZ's war das stalinistische Repressionssystem gnadenlos und kompromisslos, gleichzeitig aber veränderbar", stellt Smaga fest. Allerdings "hat es in Russland nie etwas mit der deutschen Aufarbeitung der Nazizeit Vergleichbares gegeben. Und nichts deutet darauf hin, dass sich das ändern wird."

Magazinrundschau vom 01.03.2005 - Gazeta Wyborcza

Angesichts der Konflikte mit muslimischen Einwanderern, schlägt Tadeusz Kisielewski folgende Strategie für Europa vor: Zum einen eine langfristige Demokratisierung der islamischen Länder und zum anderen eine stärkere Kontrolle der Migrationsströme. Viel naheliegender aber wäre es für Kisielewsi, die Grenzen für die Völker Osteuropas zu öffnen, die uns kulturell und zivilisatorisch viel näher stünden. "Es liegt im Interesse des Westens, Privilegien für Ukrainer und Angehörige anderer Staaten der ehemaligen UdSSR einzuführen. Da die orthodoxe Kultur der westlichen am nächsten steht, wären Integrationsschwierigkeiten viel geringer als bei Einwanderern aus ferneren Kulturen."

Das soeben zu Ende gegangene polnische Kulturjahr in Frankreich "Nova Polska" scheint ein Erfolg gewesen zu sein. Warum nur, fragt sich Marek Rapacki, hat es Le Monde in seinem Jahresrückblick nicht einmal erwähnt? Trotz einiger gut besuchter Veranstaltungen scheint die Wahrnehmung in Frankreich gering gewesen zu sein - verglichen mit dem Enthusiasmus, mit dem polnische Medien über das Kulturjahr berichtet haben. Man sollte daraus seine Lehren ziehen im Hinblick auf das im Mai beginnende Deutsch-Polnische Jahr., meint Rapacki: "Nur sollte man sich nicht vormachen, dass es gelingt, schnell ein positives Bild des Landes im Ausland aufzubauen."
Stichwörter: Privilegien

Magazinrundschau vom 08.02.2005 - Gazeta Wyborcza

Der heftige Streit über den Umgang mit den Stasi-Akten hat in der letzten Woche mit der Veröffentlichung der sogenannten "Wildstein-Liste" einen Höhepunkt erreicht. Bronislaw Wildstein, inzwischen entlassener Redakteur der Zeitung Rzeczpospolita, hatte eine Liste mit Namen von 240.000 Personen ins Netz gestellt, die entweder hauptamtlich und informell für den SB gearbeitet haben oder angeworben werden sollten. Nach einigen Berichten sollen auch die Namen von Bespitzelten auf der Liste stehen. Die Gazeta Wyborcza warnt deshalb: "Der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten. Er wird keine gerechte Abrechnung bringen, keinen Fortschritt in der historischen Bildung der jungen Generation, keine Offenlegung der heutigen Netzwerke der Korruption. In der gegenwärtigen Atmosphäre zählen nicht Recht, Verstand, die raison d'etat oder der Anstand - es geht um ein paar ideologische Slogans, um Angst und Begriffswirrwarr."

Magazinrundschau vom 01.02.2005 - Gazeta Wyborcza

Der Publizist Dawid Warszawski analysiert mit Alain Finkielkrauts "Au nom de l'Autre. Reflexions sur l'antisemitisme qui vient", warum die Linke immer öfter ihr antisemitisches Antlitz zeigt. Der öffentliche Diskurs in Westeuropa wende sich immer mehr gegen Israel als angeblich repressiven und reaktionären Staat, der freiheitsliebende Palästinenser einmauere. Aus historischen Gründen verfolgen die mitteleuropäischen Länder seit 1989 einen anderen Kurs, doch das kann sich ändern, um nicht weitere Auseinandersetzungen zwischen Polen und dem europäischen Mainstream zu provozieren, fürchtet Warszawski. Auch durch die Medienberichterstattung über den Nahen Osten könnte die Meinung in Polen umschlagen: "Die meisten Menschen wissen vom Nahost-Konflikt nur so viel, wie sie aus dem Fernsehen kennen: einen Jungen, der einen Stein auf Panzer wirft. Ich freue mich, in einer Gesellschaft zu leben, in der die erste menschliche Regung Mitgefühl mit dem Jungen ist. Doch meistens ist diese emotionale Regung zugleich die letzte intellektuelle Regung."

Magazinrundschau vom 25.01.2005 - Gazeta Wyborcza

Zdzislaw Jezioranski ist tot. Die polnische Gazeta Wyborcza zeichnet ein Porträt des legendären "Jan Nowak", der im Zweiten Weltkrieg als Kurier zwischen dem besetzten Warschau und der Exilregierung in London diente, und als einer der Ersten die Alliierten über die Vernichtung der Juden informierte. Nach dem Krieg blieb Nowak-Jezioranski im Westen und war jahrelang Chef der polnischen Abteilung beim Sender Radio Freies Europa. Bei aller Kritik an den politischen Fehlern, die beim Übergang in die Demokratie gemacht wurden, unterstützte er stets Polens Weg in die Souveränität, die NATO und die EU. "In Zeiten des Umbruchs gab es niemanden, der so wie er kompetent und mit der nötigen Distanz auf Polen schaute. Der als Augenzeuge des gesamten 20. Jahrhunderts mit solch einem Eifer die Rolle eines Lehrers der Nation einnehmen würde."
Stichwörter: Nato, Souveränität, Umbruch