Magazinrundschau - Archiv

Guernica

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Magazinrundschau vom 25.03.2013 - Guernica

Der Anglistik-Professor Amitava Kumar spricht im Interview mit Teju Cole über dessen Buch "Open City", flämische Malerei des 16. Jahrhunderts, die Essay- und die Tweetform. Zwar kann ein Tweet einen Essay nie ersetzen, aber warum soll er nicht als gleichberechtigte Form neben ihm stehen? "Das Medium gibt uns die Chance, am Heute teilzuhaben. Aber Twitter ist weder hier noch dort. Im 18. Jahrhundert gabe es Pamphlete, Montaigne schrieb Essays und Homer Epen. Aber wir sehen ganz richtig, dass sie an der selben Konversation teilnahmen. Darum liebe ich Dinge wie Twitter - es gibt mir die Gelegenheit mit Menschen zu sprechen, mit denen ich wirklich sprechen will."

Außerdem stellt Kumar stellt die Bilder eines Fotoprojekts von Cole vor. Man sieht immer zwei Bilder von Cole aus verschiedenen Städten und liest einen kurzen Text von Kumar dazu. Weiter gibt es ein Interview mit dem Autor Aleksandar Hemon über Literatur und das echte Leben in Amerika und Bosnien. und es stehen einige Briefe online aus dem Band 'Airmail: The Letters of Robert Bly and Tomas Tranströmer'.

Magazinrundschau vom 28.02.2012 - Guernica

Der bosnisch-amerikanische Schriftsteller Aleksandar Hemon beschreibt sehr anschaulich den Wahnsinn in Bosnien Herzegowina, in dem ethnische Unterschiede durch das Dayton-Abkommen festgeklopft und bürokratisiert wurden, am Beispiel der Kindererziehung an einer Grundschule in Sarajewo: "Religiöse Erziehung ist ein Teil der sogenannten 'nationalen Gruppe von Fächern', einer Eigenart der bosnischen Grund- und Highschoolerziehung, die außerdem die 'Muttersprache', Literatur, Georgrafie, Geschichte und Gesellschaft beinhaltet. Die Lehrpläne in diesen Fächern richten sich nach der ethnischen Identität, Fächer wie Mathematik, Physik und Sport sind wahrscheinlich transethnisch. Während religiöse Erziehung meist sehr früh beginnt, werden die anderen 'nationalen' Fächer nicht vor der fünften Klasse unterrichtet. Zu diesem Zeitpunkt würde eine hypothetische integrierte Klasse mit bosnischen (Bosniern mit muslimischem Hintergrund), serbischen und kroatischen Kindern jedesmal auseinanderbrechen, wenn zum Beispiel eine Geschichtsstunde ansteht - die drei ethnisch identifizierten zehnjährigen Schüler würden drei verschiedene, ziemlich sicher sich ausschließende Versionen ihres bemitleidenswerten Heimatlandes lernen. Um diese widersinnige Situation zu verstehen, in der Kinder ihre ethnische Identität mit Hilfe nationaler Fächer trainieren, muss man tief in die Scheißegruben von Krieg, Frieden und Politik in Bosnien und Herzegowina tauchen. Halten Sie sich die Nase zu und los geht's."

Magazinrundschau vom 10.01.2012 - Guernica

Ruth Williams stellt die koreanische Dichterin Kim Hyesoon vor, die sich beharrlich weigert, von Liebe, Schönheit und anderen zarten Dingen zu singen. Im Interview sagt sie: "Die koreanischen Dichter ließen mich nicht in ihre Zirkel. Ich konnte auch kein Vorbild unter koreanischen Dichterinnen finden. Ich hatte keine Lehrer, keine erfahrenen Kollegen oder Mitstreiter. Die Kritiker trampelten auf meinen grotesken Bildern herum, sie schäumten. Ich bedaure sehr, dass Leser nur das zu mögen scheinen, woran sie gewöhnt sind. Nach und nach wurde mir klar, dass die Stimme des Außenseiters für einen Dichter die authentischste ist."

Liu Xiaobos Essays, auf Deutsch unter dem Titel "Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass" erschienen, kommen nun auch auf Englisch heraus. Im Guernica Magazine ist vorab ein Text zu lesen, in dem der Friedensnobelpreisträger sehr kritisch Chinas Großmachtsfantasien betrachtet: "Wenn dem Aufstieg dieser großen Diktatur mit ihrer rapide wachsenden Wirtschaftskraft nicht von außen Einhalt geboten, sondern ihm vom internationalen Mainstream nur beschwichtigend gegenüber getreten wird, und wenn es den Kommunisten erneut gelingt, China auf einen desaströs falschen Weg abwärts zu führen, dann werden die Folgen nicht nur eine Katastrophe für das chinesischen Volk sein, sondern auch ein Desaster für die Verbreitung der liberalen Demokratie in der Welt."
Stichwörter: Guernica, Kim Hyesoon, Abwärts

Magazinrundschau vom 13.12.2011 - Guernica

Azu Nwagbogu hat in Lagos das Fotografiefestival LagosPhoto gegründet und zeigt dort einmal jährlich in einer großen Schau Fotos von nigerianischen und internationalen Fotografen. Es gibt Workshops und eine Modeausstellung. Im Interview erklärt er, warum ihm dieser Mix so wichtig ist: Um den ewigen Elendsansichten von Afrika etwas anderes zur Seite zu stellen. Natürlich seien die Elendsgeschichten nicht unwahr, "aber es ist wichtig, zum Beispiel auch Modefotografie zu zeigen, den Stil der Leute, die Industrie und den Intellekt zu zeigen, die Normalität des Lebens hier. ... Ich glaube es ist wichtig, auch das Positive zu zeigen, ein umfassenderes Bild." Hier die Webseite von LagosPhoto. Links ein Foto von Daniele Tamagni, rechts ein Bild von Misa Irodia.

Magazinrundschau vom 06.12.2011 - Guernica

Im Interview mit der Zeitschrift Guernica verteidigt sich Kalle Lasn, der Erfinder der Adbusters und der Occupy Wall Street-Bewegung, gegen den Vorwurf des Antisemitismus. Lasn hatte in einem Artikel im Jahr 2004 gefragt, wer die fünfzig wichtigsten Neocons in der Bush-Regierung seien und dann hinter alle Namen von Juden ein Zeichen gemacht, um zu zeigen, dass sie über die Hälfte der Liste ausmachten. Auch heute noch verteidigt er seine Reflexe: "Im Rückblick hätte ich statt von 'Juden' von Likud-Anhängern, Zionisten und von Leuten sprechen sollen, die nicht nur gegenüber Amerika, sondern auch gegenüber Israel eine besondere Loyalität empfinden. Und über die Tatsache, dass sie eine wichtige Rolle als Kriegstreiber zum Nutzen Israels spielen konnten. Bei Adbusters kämpfen wir nicht nur gegen den Konsumismus, sondern auch gegen Neocons, die stark für Israel und stark gegen die Palästinenser sind, die den Krieg gegen den Irak wollten und die heute Obama in seinem Verhältnis zu Netanyahu angreifen. Neocons sollte man unter das Mikroskop legen um zu untersuchen, was sie der amerikanischen Außenpolitik angetan haben. Das ist eine größere Story als die Frage, ob Adbusters oder Kalle Lasn Antisemiten sind."

Magazinrundschau vom 22.11.2011 - Guernica

Amira Hass ist die einzige israelische Journalistin, die permanent auf der West Bank lebt und ihren Landsleuten die Folgen der Besatzung nahe zu bringen versucht. Wie reagieren die Israelis auf ihre Artikel, fragt sie Jasmin Ramsey. "Ich hielt eine Vorlesung in Middlebury, unter dem Titel 'Translating Occupation to the Occupier'. Das sagt ja wohl alles. Ich glaube, die meisten Israelis ziehen es vor, nichts zu wissen. Für sie sind Artikel über die Besatzung Texte in einer fremden Sprache. Wenn sie wollen, kann man es ihnen übersetzen. Aber es ist ihre Entscheidung. Im großen und ganzen wollen die Israelis es nicht wissen, glaube ich. So schreibe ich vor allem für die Bekehrten."
Stichwörter: Guernica

Magazinrundschau vom 08.11.2011 - Guernica

Wie kann man ein moderner iranischer Autor sein, ohne westlich zu sein, möchte Shiva Rahbaran von Amir Hassan Cheheltan wissen. Angesichts der Situation im Iran, die Cheheltan beschreibt, kommt einem diese Frage etwas seltsam vor: "In der iranisch-islamischen Kultur gibt es etwas, das man Taqiyeh nennt. Es bedeutet, dass man schweigt, nicht protestiert, nichts sagt, damit man weiterleben kann, um es sagen zu können, wenn sich die Situation verbessert hat. Mehr noch, nicht direkt zu sagen, was man meint, ist im Iran aus historischen Gründen tief verwurzelt. Es ist schwer zu wissen, wem man trauen soll; nicht den Nachbarn, nicht den Kollegen, nicht den Kommilitonen, nicht einmal dem eigenen Ehepartner. Wir reden viel, natürlich, aber nur, um einen wesentlichen Teil der Fakten zu verbergen, das ist zu einem sozialen Charakterzug geworden."

Iraj Isaac Rahmim, Schriftsteller und amerikanischer Jude iranischer Abstammung, hat seine Geburtsstadt Teheran besucht, wo er erst einen Besuch im leicht surrealen Museum für moderne Kunst macht und dann von einem vermeintlichen Bassidschi verfolgt wird. Bei der Gelegenheit erfahren wir, dass der schiitische Humor kein Stück prüder ist als der jüdische: "Eins der Dinge, die ich an den Iranern am meisten liebe, ist ihre kreative und dem Ereignis angemessene Art zu fluchen. Einmal saß ich in einem Taxi, das von einem privaten Auto geschnitten wurde - ein Anschlag auf die Männlichkeit jedes Teheraner Cabbies. Mein Taxifahrer reihte sich neben dem Auto ein, kurbelte die Scheibe herunter, bedeutete dem anderen Fahrer dasselbe zu tun und rief: 'Möge Gott deine Schwester ficken, denn ich habe dazu heute keine Zeit.'"

Magazinrundschau vom 05.07.2011 - Guernica

In einem sehr schön mäandernden Text erzählt Eric Benson von einem wenig bekannten Liebesverhältnis - demjenigen von Jorge Luis Borges nämlich zu Austin, der Hauptstadt von Texas. Kurz bevor er Weltruhm erlangte, im Jahr 1961, war Borges das erste Mal auf Einladung der Universität für ein Semester in der Stadt und kehrte im Lauf der nächsten Jahrzehnte regelmäßig wieder. Benson sucht zum fünfzigsten Jahrestag der Erstbegegnung Zeitzeugen von damals und wird zunächst nicht fündig. Dann aber trifft er Carter Wheelock, der 1961 in Borges' Seminar saß: "September 1961: Borges kommt in Miami an und entscheidet, dass er und seine Mutter, statt nach Austin zu fliegen, lieber mit dem Bus durch Florida, Alabama, Mississippi und Louisiana anreisen. Drei Tage nach der geplanten Ankunft ruft der Professor, der ihn eingeladen hat, bei der Fluglinie an und fragt, ob ein gewisser Jorge Luis Borges im Flugzeug war und sicher durch die Zollkontrolle gelangt ist. Ist er. Am nächsten Tag ist Borges noch immer nicht da. Die Fakultät für Romanische Sprachen ist kurz davor, die Polizei zu unterrichten, dass ein blinder argentinischer Autor und seine ältliche Mutter irgendwo hinter den sieben Bergen des Bible Belt verloren gegangen sind, als Borges allerbester Stimmung in Austin eintrifft. 'Sie waren in Miami angekommen und beschlossen, 'Was soll's, wir nehmen diese Fahrt durch die Südstaaten mit', erzählt mir Carter Wheelock. 'Er sagte, 'Wir wollten den Süden sehen'. Borges redete immer so, als könnte er sehen; dabei war er blind'."

In einem weiteren Artikel unterhält sich Jim Moore mit Rebecca Hamilton, Korrespondentin der Washington Post für den Sudan, über die Lage des Landes.

Magazinrundschau vom 19.04.2011 - Guernica

Nach fast dreißig Jahren Bürgerkrieg ist in Angola der Ölboom ausgebrochen. Scott Johnson berichtet aus dem doppelt verheerten Land, in dem amerikanische Konzerne, chinesische Staatsfirmen und die korrupte Präsidentenfamilie um ihre Anteile am Reichtum streiten. Ein amerikanischer Geschäftsmann schildert ihm das so: "Für sein Haus in Luanda zahlt er 26.000 Dollar Miete, und das ist ein Schnäppchen. Einige kosten 40.000 Dollar. Ein Mietwagen kostet im Monat 14.000 Dollar. Luanda, sagt er, ist die teuerste Hauptstadt der Welt. All das Ölgeld treibt in der Stadt die Gier an. Dieselben Angolaner, die einst diese Ecke Afrikas in ein Schlachtfeld verwandelt hattenen, machen sie nun zu einer der ineffizentesten und krassesten Kleptokratien der Welt. Auch wenn sich die Verschwendung auf jeden Winkel der Industrie erstreckt, wird sie im Ölsektor am deutlichsten. Amerikanische Öltanker, die eine Ladung von gerade aus dem Meer gepumpten Millionen Gallonen Rohöl entladen wollen, müssen für jedenTag, den sie vor einem Hafen warten, exorbitante Gebühren zahlen - manchmal bis zu 80.000 Dollar. Das ist ihnen egal, sagt Jim, sie verdienen so viel Geld, das sind Peanuts für sie. Das könnte sich ändern, fügt er hinzu. Die Angolaner sind gut in Korruption, aber die Chinesen machen sie besser. All die Milliarden-Kredite sind in die Taschen der reichsten Funktionäre geflossen."

Außerdem unterhält sich Bill Moyers mit dem Drehbuchautor David Simon über seine Serie "The Wire" und schreiendes soziales Unrecht, an denen auch der Journalismus nichts geändert hat. Seine Haltung: "Ich würde Drogen sofort entkriminalisieren. Ich würde all das Geld für die Verbote, die Inhaftierungen, die Ermittlungen, die Untersuchungshaft, all dieses Geld würde ich in Drogentherapien stecken, in berufliche Ausbildung und Arbeitsprogramme."

Magazinrundschau vom 16.11.2010 - Guernica

Guernica bringt ein unveröffentlichtes Interview mit John Updike, das Lila Azam Zanganeh 2006, zwei Jahre vor seinem Tod, mit dem Schriftsteller führte. Updike spricht über Nabokov, andere literarische Einflüsse und über das Stehlen. "Klar, man ist immer auf der Suche. Es gab ein Bild in einem der ersten Nabokovs, die ich gelesen habe. Da sagt ein Bleistiftanspitzer 'Ticonderoga, Ticonderoga'. Ticonderoga war die Marke des Stifts. Aber zu hören, wie ein Bleistiftanspitzer etwas sagt, das war ein Bild, das ich liebend gern selbst erfunden hätte. Ich würde es wahrscheinlich nicht stehlen, weil es zu speziell ist. Aber ich habe Bilder gestohlen, wenn ich dachte, niemand würde es merken. Klar. Wenn man anfängt zu schreiben, sucht man erst mal nach einem Vorbild. Ich hatte vier oder fünf, die mir in formenden Abschnitten meines Lebens sehr viel bedeutet haben. Aber wenn man geformt ist, dann liest man gewissermaßen nach den Dingen, die so bewundernswert sind, dass man sich wünschte, man selbst hätte sie geschrieben. Und man ist nicht darüber erhaben, sie zu stehlen, wenn man einen guten Platz findet, sie zu verstecken."
Stichwörter: Guernica, Updike, John