Magazinrundschau

Mehr als dreißigtausend Reden

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
10.05.2022. Der New Yorker begibt sich ins Kriegsgebiet Ukraine, wo vor allem zivile Einrichtungen bombardiert werden. In Soziopolis erklärt Osteuropa-Experte Manfred Sapper, wie sehr Putins Weltbild in den Siebzigern verankert ist. New Lines findet die Verantwortlichen für ein Massaker in Syrien. Wired porträtiert den größten Konkurrenten von Zara, H&M und bald vielleicht sogar Amazon: den chinesischen Onlinehändler Shein. Die London Review lässt sich von Richard Butterwick in die Welt der herrlich streitsüchtigen und exzentrischen Szlachta führen.

New Yorker (USA), 09.05.2022

Russland geht es nicht einfach um einen militärischen Sieg über die Ukraine, es geht - was auch für eine Kapitulation nichts Gutes hoffen lässt - um die Zerstörung einer ganzen Gesellschaft und ihrer zivilen Einrichtungen. Das zeigt sich auch in Luke Mogelsons Reportage aus einem verwüsteten Land: "Die Lage in Mariupol war einzigartig düster, aber die Russen griffen zivile Gebiete und die Infrastruktur in der gesamten Ukraine an, insbesondere in Charkiw, dreihundert Meilen östlich von Kiew. Am 16. März fuhr ich mit ein paar Fotografen dorthin. Durch den Beschuss wurden mehrere Häuserblocks in der Innenstadt verwüstet. Büros, Geschäfte, Restaurants, Cafés, Universitätsgebäude und eine nach Ernest Hemingway benannte Kneipe lagen in Trümmern, einige waren mit Eis aus gebrochenen Rohren bedeckt. Ein riesiger Krater klaffte vor dem regionalen Verwaltungssitz, einem sechsstöckigen Monolithen, der der Explosion teilweise standgehalten hatte. Eine zweite Rakete hatte eine Küche im Untergeschoss zerstört und mehrere Frauen getötet. Ein Teil eines Schädels lag in der Nähe. Feuerwehrleute mit Schaufeln wühlten noch immer in den Trümmern und suchten nach Leichen. ... Eine Stunde später wurde ein Markt ein paar Kilometer östlich von uns beschossen. Ich ging dorthin und fand Feuerwehrleute vor, die einen brennenden Komplex von Ständen im Freien ablöschten. Es war nichts in Sicht, was als militärisches Ziel hätte missverstanden werden können. Ich filmte gerade die Schäden, als eine weitere Mörsergranate in geringer Entfernung von mir einschlug. Die Explosion und das Schrapnell verletzten eine Frau, die aus dem Unterleib blutete und schnell in einen Krankenwagen gebracht wurde. Solche 'Doppeltreffer' waren in Syrien üblich, wo Russland und das Assad-Regime systematisch Ersthelfer ins Visier genommen hatten, um die Bevölkerung zu demoralisieren und in die Unterwerfung zu treiben. Dieselbe Strategie wurde eindeutig auch in der Ukraine angewandt. An diesem Tag bombardierten die Russen auch ein Theater in Mariupol, in dem Zivilisten Zuflucht gefunden hatten. Auf dem Parkplatz war in großen weißen Buchstaben auf Russisch 'KINDER' aufgemalt worden. Berichten zufolge starben Hunderte. Am nächsten Nachmittag wurde in Charkiw einer der größten Märkte Osteuropas bombardiert. Tausende von Menschen hatten dort vor dem Krieg gearbeitet. Ein wütendes Inferno verzehrte den Komplex, und teerschwarzer Rauch verdunkelte den Himmel."
Archiv: New Yorker

Sociopolis (Deutschland), 09.05.2022

Im Interview mit Jens Bisky beschreibt der Osteuropa-Redakteur Manfred Sapper, wie systematisch Wladimir Putin die Remilitarisung Russland betrieben hat und dass er gar nicht in zivilen Kategorien denken kann: "Putin ist ein grobschlächtiger Imperialist, ein Vertreter des russländischen Großmachtanspruchs, aber er ist kein Kommunist. Wenn Sie Putins im Sommer 2021 veröffentlichten Text über die historische Einheit von Russen und Ukrainern lesen oder seine Reden vom 21. Februar und 24. Februar 2022, dann stellen Sie fest, dass er sich explizit von Lenin abgrenzt. Er wirft Lenin und der bolschewistischen Nationalitätenpolitik vor, die Ukraine künstlich geschaffen zu haben. Zum anderen gehört Russlands politische Führung einer Generationskohorte an und teilt dieselben Prägungen: Putin, Lawrow und all die anderen, die heute an den Schalthebeln der Macht sitzen, sind zwischen Ende der 1940er- und Mitte der 1950er-Jahre geboren worden. Sie wurden auf dem Höhepunkt der sowjetischen Machtentfaltung, also Ende der 1960er- bis Mitte der 1970er-Jahre, politisch sozialisiert. Die Zeit war geprägt von der globalen militärstrategischen Parität zwischen den USA und der Sowjetunion, von der wechselseitigen Anerkennung der mutual assured destruction. Damit gingen der Anspruch und die Fähigkeit einher, die eigene Hegemonie in Stellvertreterkriegen durchzusetzen. Der damalige Eindruck, dass der Ost-West-Konflikt mit seinen Stellvertreterkriegen ein Nullsummenspiel war, prägt bis heute nicht nur das militärpolitische Denken Putins, sondern auch der militärischen Elite und der Geheimdienste. Da hieß es: Wir verlieren zwar Somalia, aber gewinnen Äthiopien. Oder: Wir verlieren Israel, sind dafür aber in Syrien. Das ist der Kern der außen- und sicherheitspolitischen Weltwahrnehmung. Daher verstehen diese Leute gesellschaftliche Bewegungen wie die im Winter 2011 in Russland abgehaltenen Massendemonstrationen gegen die massiven Wahlfälschungen bei der Präsidentschaftswahl nicht als Form gesellschaftlicher Opposition. Für sie sind sie Ausdruck feindlicher geheimdienstlicher Tätigkeit - eben weil sie es in den 1970er-Jahren so gelernt haben und sie selbst im Ausland mit solchen Methoden operiert haben."
Archiv: Sociopolis

Forum24 (Tschechien), 04.05.2022

Der tschechische Schriftsteller Petr Pazdera Payne (Unterzeichner der Charta 77, Bildhauer und evangelischer Pfarrer) wendet sich, nachdem er auf privatem Wege keine Antwort erhalten hatte, in einem offenen Brief an den tschechischen Kardinal Duka. Duka hatte für Empörung gesorgt, als er auf seinem Blog die in der Ukraine vergewaltigenden russischen Soldaten ebenfalls Opfer nannte, den Ukrainerinnen Pfefferspray und laute Tröten empfahl, und darüber hinaus (für den Fall, dass sie den Angriff überlebten) sich mit ihrer etwaigen Schwangerschaft zu versöhnen. Weiter schrieb der Kardinal: "Es ist aber nicht ganz korrekt, nur von den Verbrechen der russischen Soldaten zu sprechen, weil eine Reihe Zeugenaussagen auch davon sprechen, dass sie Frauen in dieser Bedrohung Hilfe leisteten. Ich möchte diese Frage hier nicht weiter ausbreiten …" Petr Pazdera Payne fordert den Kardinal aber nun auf, genau diese Frage weiter auszubreiten. Er bittet um Präzisierung der Aussage und Angabe von Quellen. "Auch sollte doch erwähnt werden, vor wem diese Retter laut dieser Reihe von Zeugenaussagen denn die angegriffenen Frauen bewahrten - wer sollte oder wollte Ihren Informationen nach in diesen Fällen vergewaltigen? (…) Herr, Kardinal, ich fürchte, dass Sie wissentlich oder unwissentlich die russische Propaganda unterstützen, die behauptet, die russischen Soldaten würden in der Ukraine die armen Zivilisten befreien, sie nicht angreifen, sondern sogar schützen."
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Archiv: Forum24

New Lines Magazine (USA), 27.04.2022

Zartbesaiteten kann man die Lektüre dieses Berichts von Uğur Ümit Üngör und Annsar Shahhoud im Grunde nicht empfehlen. Minutiös schildern die beiden Völkermordforscher darin zunächst (und auch im weiteren Verlauf immer wieder) die Gräueltaten syrischer Armee- und Geheimdienstoffiziere bei einem Massaker an Zivilisten. Dokumentiert sind die seitens der Täter in aller Ruhe und Siegesgewissheit begangenen Morde auf einem Video, das offenbar als private Trophäe und Beleg gegenüber Vorgesetzten entstanden ist. Aber wie ticken Menschen, die solche Taten zu begehen imstande ist und sich dabei auch noch unbekümmert auf HD-Video filmen? Mittels eines Fake-Facebook-Profils und bildforensischer Methoden haben Üngör und Shahhoud in langwieriger Kleinstarbeit nicht nur den Ort des Geschehens identifiziert, sondern sich auch online an die Haupttäter herangepirscht und mit viel Ausdauer ihr Vertrauen gewonnen. "Nach einigen Monaten konfrontierten wir Youssef mit dem Massaker und ließen ihn wissen, dass wir die Aufnahmen gesehen haben. Zunächst leugnete er, in dem Video zu sein. Dann sagte er, er habe lediglich jemanden verhaftet. Schließlich entschied er sich für eine Rechtfertigung: Er habe nur seinen Job gemacht und zeigte sich zudem zufrieden: 'Ich bin stolz auf meine Taten.' Warum hatte Youssef eingewilligt, so lange mit uns zu sprechen? Wahrscheinlich aus vielen Gründen: Neugier, Einsamkeit und Frustration. Seit der Krieg mit einem Pyrrhussieg und einer wirtschaftlichen Ermattung endete, leben Assads Täter oft schweigsam mit ihren Erinnerungen. Sie saufen Araq und rauchen Kette. Auch war er unzufrieden, wie sich die Arbeit in letzter Zeit entwickelte, seit er als Kommandeur aus Tadamon und Yarmouk abgezogen und zu langweiliger Schreibtischarbeit versetzt wurde. Dass er den Massenmod in Tadamon gestand, kam nicht völlig überraschend: Seine Frau und seine Kinder wusste wahrscheinlich von nichts, wir waren wohl die einzigen, die ihn je danach gefragt haben. Als wir ihm schließlich offenbarten, dass uns sämtliche Videos vorliegen und wir im Laufe unserer Untersuchungen einen Riesenhaufen belastender Informationen über ihn und seine Einheit gesammelt haben, begann er, uns zu bedrohen - oder besser gesagt die Kunstperson Anna: 'Komm nach Damaskus und Du wirst alles verlieren, was du liebst', sagte er im Zorn."

HVG (Ungarn), 01.05.2022

Ákos Vizis Karte der Budapester Nachtclubs, Clubs und Partylocations der 90er Jahre 


Man könnte den Kulturhistoriker Ákos Vizi einen Besessenen nennen: Er hat Karten der legendären Nachtlokale und Kinos der 80er, 90er und 2000er Jahre in Budapest erstellt. Und nun arbeitet er an Familienstammbäumen von ungarischen Interpreten und Bands der vergangenen Jahrzehnte. Im Interview mit Róbert Németh spricht Vizi über seine Arbeit: "Ein bisschen habe ich mich schon erschrocken, als ich den musikalischen Stammbaum des Undergrounds und des Mainstreams der achtziger Jahre erstellt habe, denn bereits damals gab es eine unglaubliche Vielfalt im ungarischen Musikleben. Die Neunziger können im Vergleich zu den Achtzigern kaum mehr rekonstruiert werden, also kann es sein, dass ich jahrelang daran arbeiten werde. Historisch gesehen ist sehr wenig Zeit seit den Neunzigern vergangen, aber auch seit den Sechzigern. Wir reden hier nicht über die frühe Neuzeit, doch bereits jetzt sind einige Details entschwunden, die Erinnerung ist ebenfalls nicht eindeutig und auch die Quellen sind unvollständig. In manchen Fällen können sich selbst die Beteiligten nicht mehr an Ereignisse oder ihre Mitgliedschaft in einer Band erinnern. Für mich ist diese Tätigkeit wichtig, damit nach Möglichkeit möglichst wenig Wissen verloren geht. In mancherlei Hinsicht ist diese nie zu Ende gehende Arbeit aber sehr unterhaltsam."
Archiv: HVG

La vie des idees (Frankreich), 09.05.2022

Mit sehr viel Kritik im Detail und dennoch positiver Tendenz bespricht der Anthropologe Charles Stépanoff das auch in Deutschland gefeierte Grundlagenwerk "Anfänge - Eine neue Geschichte der Menschheit" von David Graeber und David Wengrow. Als größten Erkenntnisgewinn nimmt er mit, dass Geschichte nicht so einsträngig Richtung Domination und Herrschaft lief, wie es sich westliche Geschichtsschreibung ausmale: "Diese Oszillationen implizieren, dass sich die Mitglieder dieser Gesellschaften der Möglichkeit bewusst waren, zwischen verschiedenen politischen Systemen wählen zu können, ohne sich auf eines festzulegen. Graeber und Wengrow leiten daraus überzeugend ab, dass die grundlegende Frage nicht so sehr die nach der Entstehung von Herrschaft ist, deren zeitweilige Existenz wahrscheinlich schon sehr lange zurückliegt, sondern die nach der Unterbrechung der Oszillationen und der Verfestigung von Hierarchien."

Boston Review (USA), 04.05.2022

Im Jahr 2014, schreibt Raj Patel, hatten 607 Millionen Menschen weniger als 2.100 Kilokalorien am Tag, im Jahr 2022 werden es 830 Millionen sein. Schuld an der gegenwärtigen Ernährungskrise ist für Patel in erster Linie der Kapitalismus. Aber es gibt noch ein paar mehr Cs, die er als Faktoren anerkennt: einerseits natürlich "Colonialism" und "climate change" und dann "Covid", "conflict", "chemical agriculture" "craven opportunism". Zu "Konflikt", dem aktuellsten Punkt, schreibt er: "Der Punkt 'Konflikt' geht natürlich dem Krieg in der Ukraine voraus und setzt sich parallel zu ihm fort, vom Jemen über Syrien und Myanmar bis nach Mexiko. Die obszönste Waffe der Rüstungsindustrie, die Antipersonenmine, wurde über die Nahrungsmittelfelder der Welt verstreut. Bei jedem bewaffneten Konflikt werden die Nahrungsmittellieferungen unterbrochen, die Felder bleiben unbepflanzt und unzureichend gepflegt, überlebenswichtige Nahrungsquellen werden abgeschnitten, Mittel fließen weg von der sozialen Sicherheit und hin zur militärischen Sicherheit, und Flüchtlinge sind gezwungen, sich fern der Heimat mit Nahrungsmitteln zu versorgen, manchmal über Jahrzehnte."
Stichwörter: Ernährung, Hunger

Wired (USA), 04.05.2022

Während in den vergangenen Pandemiejahren einige Händler um ihre Existenz kämpften, stiegen die Umsätze des chinesischen Onlinehändlers Shein rasant in die Höhe. Shein unterbietet sogar die Preise bekannter Fast-Fashion-Riesen wie H&M oder Zara und bietet zugleich ein vielfaches an wechselnden Modellen an. Vauhini Vaha hat für Wired ergründet, was die Marke von ihren Konkurrenten unterscheidet und wie sie sich so erfolgreich etablieren konnte, dass einige sie schon als Konkurrenz zu Amazon sehen: Simon Irwin, ein Analyst der Credit Suisse, bezweifelt im Gespräch mit Vaha, "dass Sheins Preise allein oder nur großteils durch effiziente Beschaffung niedrig gehalten werden. Stattdessen verweist er darauf, wie geschickt Shein das internationale Handelssystem ausnutzt. Nach dem internationalen Handelsabkommen kostet es oft weniger, kleine Pakete aus China in die USA zu versenden als aus anderen Ländern oder sogar innerhalb der USA selbst." Auch bei der Einhaltung internationaler Arbeits- und Umweltstandards lässt sich Shein kaum in die Karten gucken. Doch sein Wachstum "ist nicht unaufhaltsam. Irwin veröffentlichte im Februar einen Forschungsbericht, in dem er argumentierte, dass es 'sehr wahrscheinlich' ist, dass die US-Gesetzgeber in Zukunft versuchen werden, Fast-Fashion-Unternehmen zu zügeln - und dass insbesondere Shein damit Schwierigkeiten haben wird. Die Führungskräfte von Shein scheinen sich auf die Prüfung vorzubereiten. Seit letztem Herbst hat das Unternehmen zahlreiche Stellenausschreibungen für regulatorische und rechtliche Angelegenheiten veröffentlicht: Director of Sustainability, Senior Product Safety and Labelling Counsel, Senior Privacy Counsel, Marketing Counsel, Intellectual Property Counsel."
Archiv: Wired

Elet es Irodalom (Ungarn), 06.05.2022

Anderthalb Wochen nach den Wahlen verkündete die Medienbehörde in Ungarn, dass die im September ablaufende Sendefrequenz von Tilos Radio (Radio Verboten) nicht verlängert wird. Der Journalist Balázs Weyer war zwischen 1997 und 2003. Vorsitzender des Kuratoriums von Tilos. In den letzten zehn Jahren arbeitete Weyer als Musikproduzent und Musikdirektor bei Filmproduktionen (u.a. Son of Saul) und ist Dozent am Lehrstuhl für Kommunikation und Medien der Universität Pécs. Im Interview mit János Széky spricht er u.a. darüber, was Tilos ausmacht und ob das Radio ein unabhängiger oder gar oppositioneller Sender ist. "Ein schlagkräftigeres Medium als Tilos ist schwer zu finden. Das bedeutet auch, dass wir den Sender sehr günstig betreiben können, wobei Freiwillige dabei helfen, dass dieses Radio alles überleben kann. Sein Überleben ist auch deshalb wichtig, weil jeder weiß, dass so etwas nie wieder entstehen wird. Ich war jahrelang Vize-Präsident des Weltverbands der Gemeinschaftsradios (AMARC - Anm. d. Red.) aber auch dort galten wir als Ausnahme. Während wir über Gemeinschaftsradios von Afrika bis Südamerika zahlreiche wunderbaren Geschichten hörten, wurde unser Existenzmodell stets als 'Einhorn' bezeichnet. Immerhin hat es seit 1991 sieben oder acht Regierungen überlebt. Während jeder Regierung gab es irgendeine Krisensituation, aber wir konnten stets weitermachen. Nicht nur technisch, sondern auch wegen der Unterstützung unserer Hörer konnten wir die Krisen überleben. Oppositionell würde ich uns keineswegs nennen und selbst unabhängig ist nicht das beste Wort. Tilos ist ein Outsider-Radio."

London Review of Books (UK), 09.05.2022

Neal Ascherson liest gebannt Richard Butterwicks Geschichte des polnisch-litauischen Königreiches, mit dem Russland im 18. Jahrhundert, nach Verabschiedung der "revolutionären Verfassung vom 3. Mai 1791", ähnlich umsprang wie heute mit der Ukraine (wobei natürlich auch Preußen und Habsburg ihren Anteil an der Zerschlagung Polens hatten): "Die Schlupfwespe tötet die Raupe nicht, sondern injiziert ihrer Beute ein Gift, das sie lähmt und gefügig macht. Russland hat sich seinen Nachbarn gegenüber immer wie eine Schlupfwespe verhalten. Katharina II. hätte es vielleicht vorgezogen, Polen gelähmt zu halten, anstatt es zu zerschlagen, aber die Raupe gab unerwartet Lebenszeichen von sich. Heute gelingt es Putin weder der Ukraine Nachgiebigkeit einzuflößen noch sie zu annektieren. Beide Optionen erfordern einen Kader von willigen Verrätern, die die Regierung übernehmen. In der Ukraine rechnete Putin damit, sie unter den lokalen Oligarchen und ihren politischen Lakaien zu finden, die seit vielen Jahren ihre Wetten und Investitionen zwischen Kiew und Moskau abgesichert haben. Katharina rekrutierte sich den Kader aus den größten Adelsfamilien, den Großgrundbesitzern, deren Ländereien so groß wie Belgien sein könnten. Der polnisch-litauische Adel - die 'Szlachta' - steht im Mittelpunkt dieser Geschichte. Der letzte König von Polen, Stanisław August Poniatowski, bleibt trotz seines dreißigjährigen Kampfes um die Modernisierung seines Königreichs und die Wiederherstellung seiner Unabhängigkeit ein Nebenakteur. Die Szlachta war nicht wie der westliche Adel. Diese Gruppierung, herrlich streitsüchtig und exzentrisch, verschaffte jedem westlichen Besucher Anekdoten für ein ganzes Leben. ... Der Meteor hob 1788 ab, als der Sejm in Warschau zusammentrat (die Sitzung ist noch als 'Großer Sejm' in Erinnerung). Er sollte vier Jahre lang tagen und mehr als dreißigtausend Reden hören. Er war keine Revolution, aber er war revolutionär in seiner Umwandlung des polnisch-litauischen Commonwealth in etwas, das sich der Moderne annähert, und in seinem Sturmangriff auf reaktionäre Missstände, die einst als unabänderlich galten. ... Die aufgeregten, aber 'anarchischen' Adligen, die den Sejm besetzten, waren begeistert von Polens Aufbruch zu echter Unabhängigkeit, aber misstrauisch gegenüber Reformen, die ihre Goldene Freiheit untergruben. Die Magnaten schließlich (die Branickis, Potockis und Rzewuskis, die Oligarchen ihrer Zeit) baten insgeheim um eine russische Intervention, um sie vor den jakobinischen Demokraten zu schützen und ihre Vorherrschaft wiederherzustellen. All dies gipfelte in der Verfassung vom 3. Mai 1791, die noch immer ein heiliger Tag in der nationalen Geschichte ist."

Online-Werbung ist eine Geheimwissenschaft, Donald MacKenzie hat eher vergeblich für den britischen Markt versucht, der Spur des Geldes zu folgen: "Im Jahr 2016 testete der Guardian die Angebote, indem er auf seiner eigenen Website Werbeplätze kaufte und stellte fest, dass manchmal nur 30 Prozent der gezahlten Beträge den Weg zur Zeitung fanden. Ein paar Jahre später wurde ein Team von PricewaterhouseCooper von der Incorporated Society of British Advertisers beauftragt, die Geldströme systematischer zu verfolgen. Das Team arbeitete mit fünfzehn großen Werbetreibenden - darunter Nestlé, Unilever, Vodafone und British Airways -, deren jährliche Gesamtausgaben für Online-Werbung sich im Vereinigten Königreich auf etwa 100 Millionen Pfund belaufen. Zwölf Zeitungs- oder Zeitschriftenkonzerne, die am anderen Ende der Wertschöpfungskette stehen, nahmen an der Studie teil. PwC versuchte, die von den Werbetreibenden gekauften Werbeeinblendungen mit den von den Verlegern verkauften Werbeplätzen abzugleichen. Die Verhandlungen über den Zugang zu den Daten, die sich im Besitz der Zwischenhändler von Angebots- und Nachfrageplattformen (SSP und DSP) befinden, erwiesen sich als kompliziert - die Studie dauerte schließlich fünfzehn Monate - und Schwierigkeiten wie Unterschiede im Datenformat machten einen Abgleich oft unmöglich. Bei den 31 Millionen Impressions, die PwC vollständig abgleichen konnte, stellte es fest, dass im Durchschnitt nur 51 Prozent der von den Werbetreibenden ausgegebenen Mittel die Publisher erreichten. Zwei Drittel der verbleibenden 49 Prozent wurden von den Gebühren der Vermittler absorbiert. PwC konnte jedoch nicht feststellen, wo fast ein Drittel der 49 Prozent - das sind etwa 15 Prozent der Ausgaben der Werbetreibenden - gelandet sind."

Weiteres: Azadeh Moaveni schildert in einer umfangreichen Reportage, wie geflüchtete Ukrainerinnen in die Gefahr von Menschenhandel und Prostitution geraten.