Magazinrundschau

Nicht verwirklichte Zukunft

Ein Blick in internationale Magazine. Jeden Dienstag Mittag
30.03.2021. Die London Review vermisst den Herkules unter den Vögeln, der der Fressgier der Menschen zum Opfer fiel. Africa is a country schildert den Rassismus in Tunesien. Intelligenz wird oft als Arroganz ausgelegt, bedauert Tim Parks im New Statesman mit Blick auf Matteo Renzi. A2larm erinnert sich an das tragische Pathos der Chansonsängerin Hana Hegerová. Wired birgt dank Deep Learning einen Audioschatz.

London Review of Books (UK), 01.04.2021

Katherine Rundell widmet ein schönes Tierporträt dem intelligenten, starken und mutigen Storch, also dem Herkules unter den Vögeln. Angeblich schaute sich Otto Lilienthal für seine Flugexperimente bei Störchen ab, wie sie ihre Flügel schwingen, die Thermik zum Steigen nutzen und mit dem Wind gleiten. "Unsere Liebe und Bewunderung für Störche schwankt zwischen dem Sentimentalen und dem Gastronomischen. Mindestens vier Arten sind heute durch Jagd und Habitat-Verlust gefährdet. Bis vor kurzem gab es keine indigenen Störche mehr in Britannien. Die vorletzten Storchenjungen wurden 1416 in England geboren, danach dauerte es über sechshundert Jahre, bis einer der rund hundert wiedereingeführten Vögel im letzten Mai in Sussex fünf Junge bekam. Niemand weiß, warum die Störche in Britannien ausgelöscht wurden: Es heißt, sie bevorzugen Republiken, dann wären die Royals Schuld, aber wahrscheinlicher ist, dass sie verspeist wurden. Bei mittelalterlichen Festen waren sie Teil der Zutaten für Wildpastete, eine Delikatesse, in die auch Reiher, Kranich, Krähe, Kormoran und Rohrdommel gehörten. In Europa gehörten sie bis ins 17. Jahrhundert hinein zum Ritual spektakulärer Tafelfreuden: Speisen mit Edelmetall vergoldet, Hähne mit Papierhüten, die wie Reiter auf Schweinerücken saßen, Wildschweinköpfe, aus deren Mäulern Feuerwerkskörper schossen, und Störche, die gebraten und dann wieder gefiedert wurden, so dass sie aussahen, als hätten sie gerade ihre Flügel aus dem Flug angelegt und wären auf dem Tisch zur Ruhe gekommen."

Im Online-Werbemarkt herrschen die absurdesten Moden und Gesetzmäßigkeiten, stellt Donald MacKenzie fest. Jahrelang warfen Werbekunden zum Beispiel Google Abermillionen in den Rachen, indem sie Anzeigen schalteten, die bei einer Suchanfrage ganz oben erscheinen sollten, obwohl ja bereits explizit danach gesucht worden war. das ändert sich immer erst, wenn ein Tech-Gigant die Marschrichtung ändert: "Im Dezember brachte die Financial Times eine ganzseitige Anzeige von Facebook - in der Printausgabe! - als Angriff auf Apple: 'Für die kleinen Geschäfte überall bieten wir Apple die Stirn.' Die Anzeige führte nicht aus, was Facebook so aufgebracht hatte, aber es ging darum, dass jedes Iphone oder Ipad über ein IDFA, einen Identifier for Advertisers, identifiziert werden kann. Für einen Werbetreibenden, egal ob klein oder groß, ist es ziemlich nützlich, die IDFA eines Geräts zu kennen: Es macht das plumpe und rechtlich fragwürdige Fingerprinting überflüssig. Bisher mussten Nutzer, die den Zugang zu ihrer IDFA blockieren wollten, erst einmal wissen, dass sie eine hatten und wie man die Einstellungen entsprechend ändert. Von jetzt an fordert Apple von jeder App, sich explizit bei jedem Nutzer die Erlaubnis zu holen, die IDFA zu erfahren oder sie in anderer Form zu tracken - unter der Androhung, aus dem App Store verbannt zu werden, eine Strafe, die nicht einmal Facebook bereit wäre zu bezahlen. Das ist etwas anderes als die Art, wie man Cookies akzeptieren soll. Apples Interface macht es genauso leicht, die Berechtigung zu verweigern wie zu geben, und Apple (das seinen App Store als seinen Besitz ansieht und deswegen die Regeln festlegt) wird es Apps nicht erlauben, einen Dienst zu reduzieren, wenn jemand nein sagt. Die Vermutung der Branche ist, dass nur eine kleine Minderheit bereit sein wird, sich tracken zu lassen."

Weiteres: T.J. Clark entdeckt eine Art christlichen Nihilismus im Werk von Hieronymus Bosch. Jenny Turner liest Selina Hastings Biografie der Kosmopolitin, Society-Reporterin und Schriftstellerin Sibylle Bedford.
Stichwörter: Störche, Werbemarkt, Indigene

HVG (Ungarn), 30.03.2021

Die Drehbuchautorin Kata Weber wurde vor kurzem vom Magazin Variety zu den zehn vielversprechendsten Drehbuchautorinnen gewählt. Im Interview mit Rita Szentgyörgyi spricht sie über ihr gemeinsames Filmprojekt mit Kornél Mundruczó, "Pieces of a Woman", dessen Premiere letztes Jahr in Venedig gefeiert wurde (zu sehen jetzt auf Netflix). Erzählt wird die Geschichte einer Frau, deren Kind bei einer Hausgeburt stirbt. Die Hauptdarstellerin des Films, Vanessa Kirby gewann in Venedig den Darstellerinnenpreis und wurde in der vergangenen Woche in derselben Rolle für den Oscar nominiert. "Als wir mit dem Film anfingen, spürten wir, dass wir eine Geschichte aufarbeiten, die noch nicht erzählt wurde. (...) Mit der Mutterschaft scheint die Frau zum Gemeingut zu werden, bereits die Themen der Mutterschaft oder ihre Ablehnung, wie das Kind ausgetragen und wie es erzogen wird, erhalten oft eine politische Farbe. Es ist ersichtlich, dass die Welt damit in Schwierigkeiten steckt und so entstehen landesabhängige, oft extreme Antworten auf diese Fragen. Den tabubrechenden Inhalt spürten wir, als wir die Bühnenfassung von 'Pieces of a Woman' am Teatr Rozmaitości in Warschau aufführten. (...) Später wurde es aus der Rezeption und den Zuschauerquoten des Films offensichtlich, dass es unzählige Betroffene gibt."
Archiv: HVG

Africa is a Country (USA), 25.03.2021

In Tansania starb kürzlich Präsident John Pombe Magufuli, vermutlich an Corona, dessen Existenz er abstritt. Viel Trauer um ihn scheint es nicht zu geben, nach hoffnungsvollem Anfang entwickelte er sich zu einem kleinkarierten Fremdenfeind mit diktatorischen Anflügen, meint der kenianische Autor Rasna Warah, der dennoch mit Achtung auf die Nachbarn blickt: "Wenn ein Tansanier im Raum ist, fühlen sich Kenianer ein wenig unwohl, schämen sich sogar, weil wir wissen, dass Tansania im Gegensatz zu Kenia von einer Ideologie zusammengehalten wird, die sich nicht um die primitive Anhäufung von Reichtum und Individualismus dreht, und auch weil wir nie einen visionären Führer wie Julius Nyerere hatten. Er wurde liebevoll 'Mwalimu' genannt (was in Kisuaheli Lehrer bedeutet) und sagte einmal: 'Wir, das Volk von Tanganjika [wie Tansania vor der Vereinigung mit Sansibar im Jahr 1964 hieß], würden gerne eine Kerze anzünden und sie auf den Gipfel des Kilimandscharo stellen, damit sie über unsere Grenzen hinaus leuchtet und Hoffnung gibt, wo Verzweiflung war, Liebe, wo Hass war, und Würde, wo es vorher nur Demütigung gab.' Während Nyereres afrikanisches sozialistisches Experiment Ujamaa in Tansania wirtschaftlich weitgehend gescheitert ist, hinterließ es ein psychologisches und soziales Vermächtnis der Brüderlichkeit und Einheit unter den Menschen." Nachfolgerin von Magufuli ist übrigens Vizepräsidentin Samia Suluhu Hassan, "das erste weibliche Staatsoberhaupt in Ostafrika und potenzielles Rollenmodell für aufstrebende Politikerinnen in der Region".

Rassismus gibt's auch in Tunesien, erzählt Fatima-Ezzahra Bendami, doch wird er ignoriert von den "weißen Arabern" und einem Staat, der lieber nach Norden schaut. "'In Tunesien wird von Schwarzen nicht erwartet, dass sie eine Ausbildung machen, gut gekleidet sind oder ein Auto haben', sagt Saadia Mosbah, Leiterin von M'nemty (Facebook-Seite), einer tunesischen Antirassismus-Vereinigung. 'Es ist in Ordnung, wenn sie in einem Café kellnern oder kleine Jobs machen wie Schuhe putzen oder als Portier arbeiten, aber in dem Moment, in dem sie einen Abschluss haben, einen professionellen Job wollen oder ein höheres Studium anstreben, ist es wirklich ein Problem.' Es ist dieser heftige, aber schrecklich alltägliche Rassismus, den Anis Chouchène auszupacken und zu erklären versucht. Er ist Dichter und Sänger, kennt also die Macht der Worte. 'Worte haben eine größere Wirkung als Waffen', sagt er. 'Wörter wie Kahlouch (dunkel gegerbt), degla (Dattel), oussif (Sklave), kahla (schwarz)... Ich wehre mich nicht, wenn man mich so beschimpft.' Manchmal tut es noch mehr weh, etwa wenn die Leute annehmen, er sei ein Ausländer und vor ihm Arabisch sprechen, weil sie denken, er würde es nicht verstehen."
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A2larm (Tschechien), 23.03.2021

Vergangene Woche starb in Prag die slowakisch-tschechische Chansonsängerin Hana Hegerová, die besonders in den sechziger Jahren internationale Erfolge feierte. In ihrem Nachruf erzählt Tereza Stejskalová, dass in ihrer Familie bereits die vierte Generation Hegerovás Lieder höre, was vermutlich an ihrer Glaubwürdigkeit liege. "Die Protagonistinnen in Hegerovás Liedern waren keine erfolgreichen, fähigen Personen, sondern meistens Verliererinnen." Mit einer Mischung aus tragischem Pathos und Witz habe Hegerová auch "dunklere, kompliziertere und widersprüchlichere Seiten von Weiblichkeit" gezeigt, und auch ihre leicht androgyne Erscheinung habe den allgemeinen Weiblichkeitsstereotypen widersprochen. Stejskalová selbst habe als junges Mädchen in den neunziger Jahren mit der Musik der fünfzig Jahre Älteren dem herrschenden Selbstoptimierungsdruck, "dem Jugendkult und den nicht allzu inklusiven Vorstellungen von weiblicher Schönheit" getrotzt.

Hier singt sie noch einmal:


Archiv: A2larm
Stichwörter: Hegerova, Hana, Chanson

New Statesman (UK), 24.03.2021

Der nahe Verona lebende Schriftsteller und notorische Covid-Verächter Tim Parks kommentiert recht gallig das Psychodrama, dem sich das politische Italien in den vergangenen Monaten ausgesetzt hatte. Aber auch wenn Paolo Conte nahezu als Heiliger gilt und Mario Draghi als Gott, ist Parks' Held natürlich Matteo Renzi, der beinahe öffentlich gelyncht worden wäre, weil er die Regierung hat platzen lassen: "Matteo Renzi ist der meistgehasst Mann in Italien. Als er 2014 als Chef des Partito Democratico mit nur 39 Jahren Premierminister wurde, war er der meistgeliebte. Er ist charismatisch, selbstbewusst und von schneidender Intelligenz. Das hilft beim Aufsteigen, aber nicht an der Macht. Wenn man an der Macht ist, muss man sich mit jedem beraten und demütig auftreten. Man muss über Wandel sprechen, aber niemals versuchen, ihn herbeizuführen. Man muss als Beschützer erscheinen, ein bisschen onkelig. Das ist nicht Renzis Stil. In dem Moment, da ihn der Mainstream - in Italien notorisch einstimmig - als 'arrogant' zu bezeichnen begann, war klar, dass er schleunigst zurück auf die Ränge verwiesen würde."

Weiteres: Leo Robson huldigt Patricia Highsmith' psychopathischen Heldinnen und Helden, die sich noch immer ganz hervorragend auf der Leinwand machten. William Boyd bewundert die Fotografien von Georges Simenon.

Magyar Narancs (Ungarn), 24.03.2021

Der bildendee Künstler Márk Fridvalszki studierte in Wien und Leipzig und lebt gegenwärtig in Berlin. Seine aktuellen Ausstellungen "Future Perfect - Vollendete Zukunft" und "Forward and Up!" kann man an der ICA-D in Dunaújváros in Ungarn oder dem Kunstverein am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin besichtigen. Mit Sirbik Attila sprach Fridvalszki unter adnerem über die Zukunft in der Vergangenheit als Konzept für seine Kunst. "Es geht in erster Linie weniger um ästhetische Fragen, darum ist es mir wichtig von Geist, Geistern und geistiger Natur zu sprechen. Es ist wichtig zu betonen, dass sich mein Interesse nicht auf zombiehafte Formalismen richtet, ich möchte nicht die Oberfläche der Vergangenheit kopieren. Diese Zombieformen kennen wir, es reicht wenn wir uns im Netz, in Filmen, in der Mode oder auch in verschiedenen Künsten umschauen. Wir erkennen überall die Skelette der Vergangenheit. Was mich beschäftigt, könnte man vielleicht Nostalgie gegenüber einer nicht verwirklichten Zukunft nennen."

Wired (USA), 23.03.2021

Große Teile der Popgeschichte liegen lediglich in Mono vor - ohne Zugriff auf die einzelnen Instrumentespuren, die zum Beispiel einen Stereo-Upmix oder gar eine von Grund auf polierte Neuabmischung gestatten würden. Jesse Jarnow erzählt, wie Audio-Füchse mittels Algorithmen, Deep Learning und anderen digitalen Analysemethoden - eine Gitarrenspur von George Harrison wurde gar in monatelanger Detailarbeit aus dem Frequenzwust eines Beatles-Mono-Tracks herausisoliert - sich seit geraumer Zeit daran machen, diesen Audioschatz zu heben. Dadurch kann man dann nicht nur erstmals die tatsächliche Musik auf dem notorisch verkreischten Beatles-Livealbum "At the Hollwood Bowl" hören (hier dazu ein Vortrag), es gibt auch Heimanwenderlösungen, die schon recht guten Ergebnisse zeitigen: "Audioshake gelingt etwas, was vor wenigen Jahren noch nicht möglich war und weist damit in eine Zukunft, in der Maschinen noch mehr Instrumente erkennen werden. Es mag unüberwindbare Grenzen geben. Seit den Sechzigern war das Studio im Grunde für alle Produzenten der Ort, an dem man ungewöhnliche Instrumente kombinierte und wundersame Sounds (und buchstäbliche Obertöne) erfinden konnte, die explizit dafür geschaffen wurden, in den Ohren des Zuhörers zu verschmelzen. Aber was, wenn diese Artefakte sich als Kunst heraustellen? Wenn ein Demixing-Prozess, der daneben geht, in den Ohren des richtigen Produzenten cool klingt, könnte er sich als Basis für fantastische neue Musik herausstellen. Man denke nur an Cher, die mit 'Believe' Autotune zu einem Poptrend werden ließ. Wie es der Archivar Andy Zax ausdrückt: 'Irgendein 16-Jähriger, der auf seiner Playstation Hiphop produziert, wird irgendeinen Weg finden, wie man diese Sache genial nutzen kann und damit eine Klangwelt schaffen, wie wir sie noch nicht gehört haben.'"
Archiv: Wired