
Der Historiker Krisztián Ungváry veröffentlichte vor kurzem ein Buch über Verbindungen zur Kommunistischen Partei und
Agententätigkeiten der Abgeordneten des ersten freigewählten Parlaments von Ungarn in 1990. Die Akten sind bis heute
nicht oder nur eingeschränkt zugänglich, weil - so die Argumentation von Ungváry in der Wochenzeitschrift
HVG - die Führungsriegen der Parteien diese seit der Wende bis heute innerhalb und außerhalb der eigenen Reihen für
Erpressungen verwendeten. Über ein mögliches Ende der jetzigen Regierung
denkt der Historiker ähnlich wie
György Konrád letzte Woche. "Noch ist es für Orban nicht nötig, Oppositionspolitiker zu verhaften, doch seine Grundsätze sind mit denen Putins verwandt: das Parlament ist eine Kulisse, der Parlamentarismus und die Demokratie nur ein Schauspiel. Die Abgeordneten der Regierungspartei werden von einer Person ausgewählt und sie stimmen
so homogen ab, wie es in der jüngeren ungarischen Geschichte seit den fünfziger Jahren noch nie der Fall war. Dennoch würde ich Ungarn nicht als Mafia-Staat bezeichnen, der Staat funktioniert wohl - als
geschlossene Aktiengesellschaft."
2018 wird ein Erinnerungsjahr an die Ereignisse von
1968. Die Philosophin
Ágnes Heller eröffnet mit einem
Essay die Erinnerungsreihe. "Die neue Linke war vielleicht die
erste globale Bewegung, von Frankreich bis Mexico, von Amerika bis Japan. Auf ihren Hauptstationen war sie stets mit grundsätzlichen politischen Zielen verbunden. (...) Bei uns in Ungarn fehlte der direkte politische Bezug, doch es gab andere Auswirkungen. Die
alternativen Theater sind entstanden, die ersten Beatgruppen wurden populär und auch die
Filme von Miklós Jancsó spiegelten die Idee der neuen Linken wider. Kurz: das junge ungarische intellektuelle Leben wurde im Zuge der neuen Linken 'westlich', zeitgemäß, europäisch. Letztendlich wurden die Teilnehmer der neulinken Revolution enttäuscht, aber anders als die Reformer des real existierenden Sozialismus. Letzterer hinterließ nur Katzenjammer und Unbehagen. Der Glaube daran wurde beschämend. Jene aber die sich von den neulinken Bewegungen von 1968 enttäuscht fühlen, können sich immer noch an ihren Glauben und ihre Grundsätze erinnern -
ohne Scham und mit ein wenig Nostalgie."