Magazinrundschau - Archiv

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Magazinrundschau vom 22.08.2017 - HVG

Das Sziget-Festival ist das größte Musikfestival des Landes und auch international renommiert. In diesem Jahr ließen sich immer wieder auch führende Politiker und regierungsnahe Geschäftsleute in den VIP Lounges sehen, wofür dem Hauptorganisator Károly Gerendai Opportunismus vorgeworfen wurde. Im Interview mit Péter Hamvay spricht Gerendai über das Festival: "Mein Ziel ist, dass sich auf unseren Festivals alle wohlfühlen. Auch diejenigen, die Jobbik wählen oder denken, dass der Grenzzaun die beste Sache auf der Welt ist. Wir können höchstens soweit gehen, dass wir zeigen: nach unserer Werteordnung sind Vielfalt, Hilfe für Bedürftige, Respekt und Akzeptanz von Andersdenkenden grundlegende menschliche Werte. Doch wir wollen niemanden in die peinliche Situation bringen mit einer politischen Botschaft direkt konfrontiert zu werden. Ich kann mir nicht erlauben, dass Sziget mit meinen Ansichten und mit meiner Person gleichgesetzt wird. Dies ist hier Teamarbeit, das Ergebnis von Menschen mit unterschiedlichen Ansichten. Ich wurde bewusst Geschäftsmann und kein Politiker."

András Hont sieht in den Festivalbesuchen eigentlich das Eingeständnis der ungarischen Nomenklatura, dass ihr System der nationalen Kooperation (NER) nicht halb so sexy ist wie ein internationales Musikfestival: "Die Köpfe und die Klientel des NER in der VIP Lounge halten genau das für schick und erfolgreich, auf dessen Negierung und Verschmähung sie ihre Macht hierzulande bauen. Globalisierung, Multikulti vermischt mit Freiheitlichkeit, das sich integrierende Europa, der Kult der Toleranz, Marktlogik und dessen rationale Kritik. Die einfache Existenz von Sziget zeigt bereits: Sie können zwar alles kaufen, doch wegnehmen können sie nichts."

Magazinrundschau vom 27.06.2017 - HVG

Im Gespräch mit Péter Hamvay skizziert die Soziologin Zsuzsa Ferge das Problem der Armut in der ungarischen Gesellschaft: "Die ungarischen Zivilgesellschaft weiß, dass ihr Kampf hoffnungslos ist, doch sich selbst und ihren Kindern muss sie sagen können: Wir haben es wenigstens versucht. Sie weiß nämlich, dass es so eine zerstörende, jegliche Autonomie und gescheite Gedanken, Wissen, Kunst - somit die Zukunft vernichtende Zeit wie jetzt, außer in den Diktaturen, noch nie in Ungarn gab. Öffentliche Angelegenheiten wurden zu Privatangelegenheiten der politischen Elite, die Geld verdienen und ihre Macht erhalten will. Ein Drittel der Kinder werden heute im Elend geboren und im jetzigen Schulsystem werden sie auch nicht aufsteigen: Ihnen steht ein Leben geprägt von Nichtstun, Kriminalität und Selbstzerstörung bevor. So sehr ich die jungen Leute auch schätze, die jetzt die Freiheit der Lehre verteidigen wollen, ich bedauere es sehr, dass selbst für die Crème der Intellektuellen Armut kein Thema ist."

Magazinrundschau vom 13.06.2017 - HVG

Die Feierliche Buchwoche, als landesweite Veranstaltungsreihe ist ein Großereignis in Ungarn, bei dem Verlagshäuser ihre jüngsten Veröffentlichungen präsentieren und Autoren und Publikum sich begegnen. Zur Buchwoche erschien auch der zweite Roman der junge Schriftstellerin Zsofi Kemény (die jüngere Tochter des Dichters und Schriftstellers István Kemény) mit dem Titel "Rabok tovább" (Sklaven weiter), in der sie eine von der Y- und Z-Generationen angeführte fiktive Revolution beschreibt. In ihrem neuen Projekt "Sophie Hard Marktlücke" - eine ironische Anspielung auf die Porno-Idnustrie - tritt sie als antisexistische Rapperin auf. Im Interview mit Adél Hercsel erklärt sie: "In der Rap-Szene finden wir grundsätzlich kaum Frauen, und es handelt sich um eine Offenbarungsgattung: in den Texten wird gerne offenbart wie Frauen sind. Wir wollen es hier offenbaren: die Welt des Raps ist eine ziemliche Macho-Welt. Das Problem ist aber auch, dass es unmöglich ist, über Sexismus nicht sexistisch zu sprechen. (...) Ich denke, dass nicht nur Männer, sondern wir alle sexistisch sind. Wenn eine Frau und ein Mann auf die Bühne gehen, werden sich alle für den Mann interessieren, auch die Frauen. Wenn es bei einem Slam-Abend - manchmal - vorkommt, dass ich geistreich bin, höre ich hinterher immer: 'und das als Mädchen...' 'Sophie Hard Marktlücke' ist ein aussagekräftiger Titel. Mein Vater meinte, dass dies der beste Titel sei, den er je gehört habe, aber er ist überhaupt nicht froh darüber, dass er mit seiner Tochter BSDM-Phantasien verbindet. Da wurde mir klar, dass der Titel funktioniert und klar macht, worum es geht: das Ausgeliefertsein der weiblichen Kunstschaffenden."

Magazinrundschau vom 20.06.2017 - HVG

Geboren und aufgewachsen in der Vojvodina (Serbien), zog der Schauspieler Gábor Nagypál nach dem Ende des Balkankrieges nach Ungarn. Neben seiner Tätigkeit als Schauspieler, ist er der künstlerische Direktor des unabhängigen Theaters Studió K. Im Gespräch mit Ilda G. Tóth denkt er über das politische Theater in Ungarn nach: "Manchmal müsste man wirklich schreien, doch das Politisieren halte ich für plakativ, es ist nicht meine Welt. Es lohnt aber, sich im Theater mit Problemen auf der Systemebene zu beschäftigen, denn die verändern sich leider nicht so schnell, sie nehmen lediglich zu. (...) Ich bin maßlos verbittert. Unsere Gesellschaft ist in einer so schändlichen Lage, dass ich befürchte, selbst wenn es zu einer Änderung käme und ab sofort 9 Millionen Menschen anfingen die Öffentlichkeit zu reparieren, die Arbeiten mindestens zehn Jahre dauerten. Bis es wieder gut sein wird, hier zu leben, werde ich über fünfzig sein und das ist bestimmt nicht witzig."

Magazinrundschau vom 25.04.2017 - HVG

Vor kurzem erschien ein Essayband des Dichters und Schriftstellers István Kemény (Lúdbör, Gänsehaut, Magvetö Verlag, Budapest 2017, 220 Seiten) über Dichter, Gedichte, Literatur und Kunst. Im Gespräch mit Adél Hercsel denkt Kemeny über die Rolle der politischen Dichtung nach: "Ich bin kein politischer Typ, doch hat es mich immer gestört, wenn andere vorschreiben wollten, worüber heute Gedichte geschrieben werden dürfen und worüber nicht: heute in 1982, heute in 1993, heute in 2017. Als ich ein Kind war, galt das Schreiben von politischen Gedichten als Muss. In den Achtzigern ist dieser Auffassung die Luft ausgegangen, weil es in der sozialistischen Diktatur entweder nicht gestattet war, ein ehrliches Gedicht über die Freiheit zu schreiben, oder es durfte nicht erscheinen. Unter dem Titel 'politische Dichtung' erschienen mit wenigen Ausnahmen müde, kastrierte, pseudopolitisch-pathetische Gedichte, über die man nur laut lachen konnte. Ich wuchs als Zwanzigjähriger in die gemeinsame Ironisierung hinein, und nach der Wende wurde Ironie beinahe Pflicht, die Erwartungen zielten auf Ironie statt Pathos. ... Ich mochte die Ironie und mag sie auch heute, doch dieses Erwartete, Pflichtartige irritiert mich. ... Es gab kein politisches Thema in den 90ern, zu dem mir ein Gedicht einfiel. Doch 1999 musste ich einige Gedichte über den Jugoslawienkrieg schreiben. Mit Pathos. Und dann sah ich, dass es wirklich möglich ist, ja manchmal ist es ein Muss."

Magazinrundschau vom 11.04.2017 - HVG

In Kürze erscheinen die Erinnerungen von Péter Nádas mit dem Titel "Világló részletek" (Aufleuchtende Einzelheiten, mehr). In dem aus diesem Anlass geführten Gespräch mit Péter Hamvay analysiert Nádas die gegenwärtige Lage der ungarischen Gesellschaft: "Viktor Orbán erkannte ausgezeichnet, dass er gegen einen kolonialistischen Ansatz der Union das ungarische Bürgertum erschaffen musste - wenn nötig auch auf protektionistischer Grundlage. Letzteres ist sein großer historischer Irrtum. Bürgertum und Kapitalismus lassen sich nicht auf protektionistischer Grundlage erschaffen. (…) Er lernte die Tricks des Brüsseler Politikbetriebs kennen, jedoch leider nicht dessen Substanz. Eines seiner wichtigsten Prinzipien ist, keine Entscheidungen zu fällen, aus denen es nicht auch wieder einen Ausweg gibt. Darum war es eine unermessliche Naivität von Seiten der ungarischen Opposition, darauf zu hoffen, dass Brüssel für sie die Demokratie verteidigen wird. Brüssel macht es nicht, weil Brüssel dies nicht machen kann. Das demokratische Europa kann nicht entgegen dem legitimen ungarischen Wählerwillen agieren, was auch immer jemand über ein antidemokratisches und antiliberales Regime denkt."

Magazinrundschau vom 04.04.2017 - HVG

"Nach den Sechzigerjahren dauerte die große Epoche des ungarischen Dramas über zwei Dekaden", erinnert sich die inzwischen 79-jährige dramaturgische Leiterin des Budapester Vígtheaters, Zsuzsa Radnóti (auch Witwe des Schriftstellers István Örkény). "Autor, Theater und Publikum sprachen eine Sprache. Das Publikum verstand es, wenn kodiert, durch die Blume gesprochen wurde, wenn auf der Bühne die Stimme der Wirklichkeit und der Freiheit ertönte. Seit der Jahrtausendwende ist die Gemeinschaft nicht mehr homogen. Die Menschen sind verstreut, ihre Geschmäcker und Meinungen unterscheiden sich, das Land ist gespalten. Es gibt keine große gemeinsame Idee mehr, um die sich das zeitgenössische literarische Drama flechten könnte. Jetzt gibt es einsame Autoren und Themen, doch keinen gemeinsamen Generationenklang. (...) Da herrscht gegenwärtig Ebbe. Improvisations- und textschaffende Theater stehen im Vordergrund. Doch die großen Vertreter dieser Generation (...) bekamen nicht rechtzeitig einen eigenen Spielort und darum gehen sie zunehmend ins Ausland."
Stichwörter: Improvisation, Hvg

Magazinrundschau vom 28.03.2017 - HVG

Am 13. März wurde Staatspräsident János Áder von der Mehrheit der Regierungspartei Fidesz für weitere fünf Jahre in seinem Amt bestätigt. András Hont ist nicht froh über diese  Wiederwahl: "Der Präsident erhob keinerlei Bedenken bei großen Rechtseinschränkungen, etwa bei der Änderung des Wahl- oder Informationsgesetz. Er schwieg bei wichtigen gesellschaftlichen Fragen und blieb bei der vom Staat forcierten Kampagne gegen Flüchtlinge ebenso stumm wie bei den Angriffen auf Vertreter der Zivilgesellschaft und NGOs. Er zog sich auch aus anderen Bereichen der Öffentlichkeit zurück, verglichen mit seinen Vorgängern und anderen hohen Amtsträgern trat er viel seltener auf. Das Amt wird jedoch inhaltlich gerade mit Stellungnahmen und Wegweisungen gefüllt. (...) Die politische und institutionelle Bedeutungslosigkeit des Präsidenten ist nun durchgesetzt und wie es aussieht, gibt es keine Absicht daran etwas zu ändern."
Stichwörter: Ader, Janos, Ungarn, Ngos, Fidesz, Hvg, Ngo

Magazinrundschau vom 14.03.2017 - HVG

Nach "Son of Saul" im vergangenen Jahr, erhielt in diesem Jahr der Kurzfilm "Sing" (Mindenki) von Kristóf Deák einen Oscar - diesmal in der Kategorie Short Film (Live Action). Ádám Bicsérdi überlegt, was den Film so anziehend macht: "Die Filmemacher betonten wiederholt, dass sie eine einfache Geschichte aus dem wahren Leben mit positivem Ausklang zeigen wollten. Zwei Mädchen geben einer diskriminierenden Lehrerin nicht nach, sie schließen sich mit ihren Mitschülern zusammen und widersetzen sich in einer kathartischen Szene den gesetzten Regeln. (...) Die Mitglieder der Amerikanischen Filmakademie begriffen offenbar die Bedeutungsschichten des Films. In der seit den Präsidentschaftswahlen vergifteten Beziehung zwischen Trump und Hollywood war die Auszeichnung des Films auf jeden Fall eine eindeutige Stellungnahme. Eines Films, in dem Kinder sich gemeinsam mit den Mitteln der Kunst gegen die sie verachtende Macht wehren. Es ist seltsam, dies über einen Kinderfilm zu sagen, doch offenbar rief der Film bei Vielen die gegenwärtige weltpolitische Lage, wie das Prinzip von 'teile und herrsche' in Erinnerung."

Magazinrundschau vom 07.03.2017 - HVG

Erstmals seit der Übernahme des Medienunternehmens Mediaworks AG im vergangenen Oktober durch einen regierungsnahen Investor, der damit die Kontrolle über zwölf Regionalzeitungen erhielt und die bis dahin größte unabhängige Tageszeitung des Landes Népszabadság (mit damals 35.000 verkauften Exemplaren) einstellte, veröffentlichte der Bund der Ungarischen Zeitungsverleger einen Bericht zur Lage der überregionalen Tageszeitungen in Ungarn. Das Gesamtvolumen wird landesweit nunmehr auf unter 50.000 verkauften Exemplaren geschätzt, was bedeutet, dass in einem Bezirk mit etwa 450.000 Einwohnern mehr Exemplare der dortigen Regionalzeitung verkauft werden als im gesamten Land von allen existierenden überregionalen Zeitungen zusammen. Gábor Juhász kommentiert die Entwicklung: "Die Ungarn werden zunehmend ein Volk der Boulevardzeitungen, der Regionalzeitungen und der kostenlosen Veröffentlichungen. (...) Allgemein wird die Leserschaft älter. Die unter 40-Jährigen kaufen kaum noch Tageszeitungen und die unter 30-Jährigen haben vielleicht mal von der Existenz solcher Organe gehört. Die Gebildeten unter ihnen informieren sich über die Ereignisse in der Welt durch ausländische Webseiten. (...) Es ist kennzeichnend für die ungarischen Zustände, dass es keine überregionale Tageszeitung gibt, die dauerhaft existieren würde, oder gar gewinnbringend betrieben werden könnte. Unter solchen Umständen gibt es nur die Wahl zwischen der Akzeptanz politischer Einflussnahme und Übernahme und der Schließung."
Stichwörter: Ungarn, Ungarische Medien, Hvg