
Vor kurzem erschien ein Essayband des Dichters und
Schriftstellers István Kemény (Lúdbör, Gänsehaut, Magvetö Verlag, Budapest 2017, 220 Seiten) über Dichter, Gedichte, Literatur und Kunst. Im
Gespräch mit Adél Hercsel denkt Kemeny über die Rolle der
politischen Dichtung nach: "Ich bin kein politischer Typ, doch hat es mich immer gestört, wenn andere vorschreiben wollten, worüber heute Gedichte geschrieben werden dürfen und worüber nicht: heute in 1982, heute in 1993, heute in 2017. Als ich ein Kind war, galt das Schreiben von politischen Gedichten
als Muss. In den Achtzigern ist dieser Auffassung die Luft ausgegangen, weil es in der sozialistischen Diktatur entweder nicht gestattet war, ein ehrliches Gedicht über die Freiheit zu schreiben, oder es durfte nicht erscheinen. Unter dem Titel 'politische Dichtung' erschienen mit wenigen Ausnahmen müde, kastrierte,
pseudopolitisch-pathetische Gedichte, über die man nur laut lachen konnte. Ich wuchs als Zwanzigjähriger in die gemeinsame Ironisierung hinein, und nach der Wende wurde Ironie beinahe Pflicht, die Erwartungen zielten auf Ironie statt Pathos. ... Ich mochte die Ironie und mag sie auch heute, doch dieses Erwartete, Pflichtartige irritiert mich. ... Es gab kein politisches Thema in den 90ern, zu dem mir ein Gedicht einfiel. Doch 1999 musste ich einige Gedichte über den
Jugoslawienkrieg schreiben. Mit Pathos. Und dann sah ich, dass es wirklich möglich ist, ja manchmal ist es ein Muss."