Magazinrundschau - Archiv

The Nation

164 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 17

Magazinrundschau vom 07.07.2009 - The Nation

Robert Dreyfuss gibt in seinem Bericht über den Iran den Volksaufstand so gut wie verloren und sieht das Land nun vor zwei Alternativen stehen: "Im besten Falle wird der Iran in dem Stillstand verharren, dem es sich seit 2005 gegenüber sieht, mit einer auseinanderbrechenden Wirtschaft. Im schlimmsten Falle wird es in eine Nordkorea-artige Isolation geraten, in dem Fundamentalisten und das Sicherheitsestablishment predigen, dass eine Mangelwirtschaft auf Subsistenzniveau zum Wohl der islamischen Reinheit erduldet werden muss. In jedem Fall aber wurde der klerikale, quasi-demokratische Staat durch etwas ersetzt, was wesentlich mehr nach einer Militärdiktatur aussieht. Seit den Wahlen 2005 hat Ahmadinedschad eine Reihe von ehemaligen Kommandeuren der Revolutionsgarden in den Ministerien, als Gouverneure und lokale Vertreter installiert. Seine Spezis haben eine mächtige Clique gebildet, die zwar loyal zu Chamenei steht, aber den Religionsführer auch zugleich umzingelt."

Magazinrundschau vom 30.06.2009 - The Nation

Der Musikwissenschaftler David Schiff bespricht den vierten Band von Henry-Louis de la Granges (mehr hier) gigantischer Biografie über Gustav Mahler (über 1700 Seiten für die letzten vier Jahre des Konponisten), geht aber kaum darauf ein. Zitierenswert an seinem Artikel ist der erste Absatz, der ziemlich genau das heutige Mahler-Bild auf den Punkt bringt: "Gesättigt mit Lacrimosa-Melodien, Trauermarschrhythmen und dem geisterhaften Umtata tragischer Walzer trauern die Sinfonien und Lieder Gustav Mahlers prophetisch um die Opfer der Katastrophen des 20. Jahrhunderts - die der Komponist wegen seines frühen Todes gar nicht miterleben und vielleicht nicht einmal vorausahnen konnte. So zumindest klingt sein Werk heute für uns, in deren Geist es sich vermischt mit Musik über jene Katastrophen von Komponisten, die er beeinflusste: Alban Berg, Dmitri Schostakowitsch, Benjamin Britten, Leonard Bernstein."

Außerdem in einer insgesamt interessanten Nummer: Die Schriftstellerin Katha Pollitt findet es doch etwas erstaunlich, dass Barack Obama in der Passage seiner Kairoer Rede über Freuenrechte ausschließlich über das Recht sprach, Kopftuch zu tragen, aber nicht über das Recht es abzulegen. Der iranische Journalist Babak Sarfaraz (Pseudonym) macht sich noch einmal Gedanken über die Khamenei-Rede vom 19. Juni. Und der Kritiker Benjamin Lytal stellt in seinem sehr ausführlichen Artikel Hans Fallada vor.

Magazinrundschau vom 16.06.2009 - The Nation

Joshua Jelly-Schapiro liest einige interessante Neuerscheinungen zur Geschichte Kubas, des "Reichs der Sünde", in dem der Mafioso Meyer Lansky den Diktator Fulgencio Batista schmierte, bis dieser von Fidel Castro und seinen Barbudos abgelöst wurde. Nebenbei erfährt man, dass Kuba eigentlich längst ein Staat der USA sein könnte: "Nachdem die Vereinigten Staaten 1848 Texas und Kaliforniern mit kriegerischen Mitteln annektierten, traten viele in Washington für eine Annexion Kubas ein. Der Impuls wurde für eine Weile unterdrückt. Aber dennoch: Da der Stern des spanischen Kolonialreichs sank, galt die Inbesitznahme Kubas durch fast das ganze 19. Jahrhundert als unvermeidlich."

Außerdem: Jordan Stancil erklärt die Erfolge der Rechtsextremen in Ungarn als Folge der Politik des Währungsfonds (wieder einmal zeige sich, "wie soziale Zerstörungen durch marktwirtschaftliche Reformen dem Faschismus den Weg ebnen"). Und Juan Cole hofft, dass nach Obamas Kairoer Rede anderthalb Milliarden Muslime zu Obama-Anhängern wurden.

Magazinrundschau vom 02.06.2009 - The Nation

Die chinesische Regierung erlaubt nach wie vor keine offene Diskussion über die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz vor 20 Jahren, schreibt der Historiker Jeffrey Wasserstrom. "Chinas Herrscher haben statt dessen die in Tiananmen bewiesene Rigidität mit einer verblüffenden Flexibilität an anderen Fronten kombiniert. Um eine Wiederholung von 1989 zu vermeiden und dem zu erliegen, was einige chinesische Führer die 'polnische Krankheit' nennen (eine Bewegung wie die Solidarnosc), hat die Partei den Konsum belebt, sich aus dem Mikromanagement des Campus-Lebens zurückgezogen (heutige Studenten haben viel mehr Freiheiten als ihre Vorgänger) und versucht, neue Ausbrüche von Nationalismus anzuführen und zu lenken. Sie hat auch verschiedene Arten von Protesten unterschiedlich behandelt, indem sie drakonische Maßnahmen benutzt hat, um jeglichen Widerstand zu brechen, der organisiert ist oder unterschiedliche Klassen verbindet, während sie gleichzeitig nachsichtig ist bei Aktionen, die lokal von einer Klasse ausgehen. Und während Dissidenten die aufregenden neuen Technologien wie Internet und SMS benutzen, hat das Regime seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, diese Medien ebenfalls benutzen zu können, um Proteste zu abzuschrecken und seine eigene Interpretation der Ereignisse zu verbreiten und Unterstützer dafür auf die Straße zu schicken."

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - The Nation

Jana Prikryl greift in einem epischen Artikel noch einmal die Kundera-Affäre auf, die im Oktober letzten Jahres durch einen Artikel der Zeitschrift Respekt losbrach. Wir erinnern uns: Laut einem Polizei-Dokument hat Kundera im Jahr 1950 den bei einem Freund logierenden Kurier des amerikanischen Geheimdienstes Miroslav Dvoracek bei der Polizei angeschwärzt. Dvoracek verbrachte daraufhin 14 Jahre in einem Uran-Bergwerk. Am Ende eines in seinen Standpunkten mäandernden Artikels findet die Autorin ein paar klare Sätze. Bei allen seinen Vorbehalten gegen die Medien sei es "unleugbar, dass Kundera Miroslav Dvoracek und Iva Militka die Wahrheit schuldet, so genau er sich an sie erinnert." Es fällt auf, dass die Autorin nicht zu wissen scheint, wer Martin Simecka ist, seinerzeit Herausgeber von Respekt, dessen Name sie konsequent falsch schreibt und dass sie nicht erwähnt, dass der Artikel aus Respekt, den sie scharf kritisiert, auch auf Englisch nachzulesen ist.

Weiteres: Elisabeth Sifton, Verlegerin im Holtzbrinck-Haus Farrar, Straus & Giroux legt eine ziemlich verzagte Bilanz des Buchmarkts in den USA in Zeiten von Amazon und Google vor. Besprochen werden eine Reihe von Bücher, darunter Jose Manuel Prietos Roman "Rex", dessen Hauptschauplatz eine "spektakulär geschmacklos eingerichtete Villa in Marbella" ist.
Stichwörter: Amazon, Buchmarkt

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - The Nation

Der Urbanist Mike Davis hat in Mexiko seinen Freund Marcos Ramirez (Künstlername ERRE) getroffen, der ihm erzählt, wie Mexiko die Schweinegrippe zunächst als Witz wahrnahm - bis folgendes eintrat: "Plötzlich starb der berühmte Archäologe Felipe Solis. Er war Direktor des Nationalen Anthropologischen Museums und hatte noch eine Woche vorher Barack Obama durch die aztekischen Sammlungen geführt. Es kursierten Gerüchte, dass er an Schweinegrippe gestorben sei (was später dementiert wurde). Das setzte die ganze Szenerie unter Strom. Die Leute wussten nicht mehr, was sie denken sollten. Es war wie in Camus' Roman 'Die Pest'. Enge Freunde trauten sich nicht mehr, sich mit Wangenkuss zu begrüßen."

Der New Yorker Journalismusprofessor Eric Alterman greift in seiner Kolumne recht heftig den Washingtoner Alphajournalisten David Broder an, der angesichts der Folter in Guantanamo und anderswo einerseits zugab, dass Amerika einige seiner dunkelsten Jahre erlebt habe und andererseits alle Recherchen zum Thema ablehnt, weil sich in ihnen nur eine 'unwürdige Rachsucht' manifestieren würde.

Magazinrundschau vom 05.05.2009 - The Nation

Dimiter Kenarov porträtiert Georgi Stoev, einen ehemaligen Mafioso und Autor mehrerer autobiografischer Romane über die bulgarische Mafia. Einen Auftragsmord schildert er in einem seiner Romane so: zwei Schüsse in den Rücken, ein Kontrollschuss in den Kopf, und dann ruhig weggehen, denn gestellt wird man doch nicht. Genauso wurde Stoev vor einem Jahr ermordet. In Bulgarien streitet man bis heute über den Wahrheitsgehalt seiner Romane, so Kenarov, aber vielleicht wurde Stoev erschossen, weil er ein Tabu übertreten hatte. Und das bestand nicht darin, dass er einem ehemaligen Minister Mafiakontakte, sondern dass er ihm eine schwule Beziehung zu einem Ko-Mafioso nachsagte: "Diese Behauptung war in der bulgarischen Chauvi-Gesellschaft eine schwere Beleidigung, viel schlimmer als die Behauptung, jemand sei ein Verbrecher. Die Story wurde in allen Zeitungen und Talkshows immer wieder recycelt und diskutiert, bis sie fast als Tatsache akzeptiert war." Stoev hatte in einer Talkshow seine Ermordung selbst vorausgesagt.

Außerdem: Marc Perelman beschreibt das Aufleben der "linken" Linken in Frankreich, stellt aber keine neue Revolution in Aussicht.

Magazinrundschau vom 14.04.2009 - The Nation

Der bekannte New Yorker Journalismusprofessor Eric Alterman sieht angesichts der drastischen Zeitungskrise in den USA nur noch einen Weg: die Umwandlung von Zeitungen in gemeinnützige Stiftungen. Schon gibt es ein Gesetzesprojekt, das Werbung oder Spenden an Zeitungen steuerabzugsfähig machen soll. Die Zeitungen werden darüber aber nicht glücklich sein, denn der Status der Stiftung wird den Zeitungen - aus Gründen, die Alterman nicht erläutert - ihren Lieblingssport nehmen: das "editorial endorsement", also das öffentliche Bekenntnis zu bestimmten politischen Kandidaten: "Nichts mobilisiert die Säfte innerhalb einer Zeitung so sehr wie ein im Konferenzraum abgehaltenes Treffen mit dem Präsidentschaftskandidaten, der den Redakteuren dann für ihre kollektive Macht und Weisheit Tribut zollt. Und nichts trainiert eine Redaktion so gut wie ein hübscher Streit darüber, welcher Kandidat ihre Zustimmung erhält. Auch wenn es niemanden sonst kümmert..."

Außerdem: Michael O'Donnell bespricht Fred Strebeighs (Website) große Studie "Equal -Women Reshape American Law" über die Rolle von Juristinnen in den USA bei der Gleichstellung von Frauen in Justiz und Gesellschaft.

Stichwörter: Zeitungskrise, Gleichstellung

Magazinrundschau vom 24.03.2009 - The Nation

Kürzlich forderte der Journalismusprofessor Joel Brinkley für die Printmedien eine Ausnahme vom Kartellrecht, damit sie alle zusammen und gleichzeitig im Netz Geld für ihre Artikel nehmen können. Dann trafen sich die Herausgeber der größten amerikanischen Zeitungen mit Google, um ein besseres Ranking ihrer Artikel bei Google zu fordern. Und nun fordern John Nichols und Robert W. McChesney im Aufmacher der Nation staatliche Unterstützung für die etablierten Medien. Oder vielmehr: verstärkte Unterstützung, denn eigentlich sei die Presse schon immer staatlich subventioniert gewesen. "Die staatlichen Subventionen, die von den Gründern [der Vereinigten Staaten] eingeführt wurden, endeten nicht im 18. oder gar 19. Jahrhundert. Heute verteilt die Regierung zig Milliarden Dollar an direkten oder indirekten Subventionen. Dazu gehören vor allem freie, permanente und monopolartige Sendefrequenzen, monopolartige Kabel- und Satellitenprivilegien, Urheberrechtsschutz und Portosubventionen. ... Weil diese Subventionen vor allem den Reichen und Mächtigen nützen, werden sie selten erwähnt in den fiktiven Berichten über die unabhängige und angriffslustige vierte Gewalt. ... Die Wahrheit ist, dass Regierungspolitik und Subventionen unser Pressesystem bereits definieren."

Außerdem: Norman Birnbaum berichtet mit großem Bedauern, dass die linke italienische Tageszeitung il manifesto vor dem Aus steht, weil sie keine staatlichen Subventionen mehr bekommt. Hier kann man spenden.

Magazinrundschau vom 10.03.2009 - The Nation

Joseph Stiglitz, Wirtschaftsnobelpreisträger, hat ganz klare Ansichten zur Sanierung der Banken in den USA - er will sie verstaatlichen: Und überhaupt "gibt es ein Grundprinzip in der Umweltökonomie. Und das heißt 'the polluter pays'. Wer die Umwelt verschmutzt, muss für die Reinigungskosten aufkommen. Amerikanische Banken haben die globale Wirtschaft mit Giftmüll verpestet, es ist nur gerecht und wirksam, wenn sie früher oder später gezwungen werden, die Reinigungskosten zu übernehmen. Solange der Banksektor das Gefühl hat, dass ihm schon ausgeholfen wird, sogar dann, wenn er das Desaster selbst geschaffen hat, hat er einen moralischen Freibrief. Nur wenn der Sektor selbst die Kosten seiner Taten übernimmt, wird Effizienz wiederhergestellt."

In der gleichen Nummer konstatieren Barbara Ehrenreich ("Arbeit poor") und Bill Fletcher, dass dem Kapitalismus wohl nicht mehr zu helfen sein wird. Man muss also über Sozialismus nachdenken. Die beiden geben zwar zu, "keinen Plan" für den Weg in den Sozialismus zu haben, aber sie sind überzeugt, dass "die Kernidee des Sozialismus Bestand hat: Leute tun sich zusammen und klären, wie sie ihre Probleme oder zumindest einen großen Teil ihrer Probleme gemeinsam lösen können. Wir - nicht der Markt oder die Kapitalisten oder irgendwelche Überplaner - nehmen unser Schicksal in die Hand."

Und Samuel Moyn schreibt über Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten": "Im Gegensatz zur Ansicht der meisten ausländischen Kritiker (und vielleicht Littells Selbstverteidigung) ist die wahre Prämisse des Romans nicht, dass Aue wie andere Täter ist. Er steht vielmehr für den Nationalsozialismus als ganzes."