Magazinrundschau - Archiv

The Nation

166 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 17

Magazinrundschau vom 29.09.2009 - The Nation

Die Kapitalismuskritikerin Naomi Klein hat den neuen, kapitalismuskritischen Film von Michael Moore gesehen und findet ihn wundervoll. Im Gespräch (auch als Podcast) zwischen den beiden geht es natürlich auch um Barack Obama und seine kapitalismusfreundlichen Berater und Minister wie Lawrence Summers und Timothy Geithner. Und zwar so: "NK: Wir wollen immer Obama psychoanalysieren und ich höre oft, dass ihn diese Leute übers Ohr hauen. Aber er hat sie ausgesucht und wir sollten ihn nach diesen Taten beurteilen. MM: Genau. Ich glaube nicht, dass sie ihn übers Ohr hauen. Ich glaube, dass er schlauer ist als alle zusammen. Als er sie ernannte, hatte ich gerade ein Interview mit einem Bankräuber gemacht - und zwar einem, den die großen Banken engagiert haben, damit er ihnen sagt, wie sie Überfälle vermeiden können. Aha, habe ich mir gedacht, schon um nicht in bittere Verzweiflung zu sinken, das also hat Obama im Sinn. Wen anderes sollte er engagieren als die Leute, die das ganze Schlamassel angerichtet haben? Er holt sie in seine Nähe, damit sie das, was sie verschuldet haben, selbst wieder in Ordnung bringen. Ja, ja. So muss es sein, habe ich mir wieder und wieder gesagt."

Weitere Artikel: William F. Baker, Journalismus-Professor und langjährigre Präsident der größten öffentlichen Rundfunkstation der USA WNet plädiert für die Rettung des US-Journalismus durch Stiftungen, aber auch durch staatliche Unterstützung. Als strahlendes Vorbild empfiehlt er die britische BBC und auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland. Als Zukunft des Ballets feiert Marina Harss den 1968 in Sankt Petersburg geborenen Tänzer und Choreografen Alexei Ratmansky, den ersten "artist in residence" des American Ballet Theater überhaupt. (Hier ein kurzer Video-Eindruck einer Ratmansky-Choreografie.)

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - The Nation

Man kann darüber diskutieren, ob sportliche Wettbewerbe weiter nach Geschlecht getrennt durchgeführt werden sollen. Aber die Art, wie die südafrikanische Athletin Caster Semenya behandelt wird, ist unter aller Kanone, finden Dave Zirin und Sherry Wolf. "Seit es Frauensport gibt, wurde die Beschreibung der besten Athletinnen als 'Mannsweiber' durchgängig dazu benutzt, sie herabzusetzen. Als Martina Navratilova das Frauentennis dominierte und stolz ihren gemeißelten Bizeps entblößte - das war Jahre bevor Hollywood Mädels mit Kanonen feierte - beschwerten sich Spieler, dass bei ihr 'irgendwo ein Chromosom lose sein müsse'. Ein Minenfeld aus Sexismus und Homophobie hat jahrzehntelang Athletinnen in Magazine wie Maxim getrieben, wo sie ihre Sexyness und damit implizit ihre Heterosexualität beweisen wollten. Vor allem in der Leichtathletik war man immer vom Geschlecht besessen, vor allem, wenn Rassismus im Spiel war. Vor fünfzig Jahren schlug der IOC-Vertreter Norman Cox vor, das Internationale Olympische Komitee solle für schwarze Frauen 'eine spezielle Wettbewerbs-Kategorie einrichten - diese unfair bevorzugten Hermaphroditen'."

Magazinrundschau vom 07.07.2009 - The Nation

Robert Dreyfuss gibt in seinem Bericht über den Iran den Volksaufstand so gut wie verloren und sieht das Land nun vor zwei Alternativen stehen: "Im besten Falle wird der Iran in dem Stillstand verharren, dem es sich seit 2005 gegenüber sieht, mit einer auseinanderbrechenden Wirtschaft. Im schlimmsten Falle wird es in eine Nordkorea-artige Isolation geraten, in dem Fundamentalisten und das Sicherheitsestablishment predigen, dass eine Mangelwirtschaft auf Subsistenzniveau zum Wohl der islamischen Reinheit erduldet werden muss. In jedem Fall aber wurde der klerikale, quasi-demokratische Staat durch etwas ersetzt, was wesentlich mehr nach einer Militärdiktatur aussieht. Seit den Wahlen 2005 hat Ahmadinedschad eine Reihe von ehemaligen Kommandeuren der Revolutionsgarden in den Ministerien, als Gouverneure und lokale Vertreter installiert. Seine Spezis haben eine mächtige Clique gebildet, die zwar loyal zu Chamenei steht, aber den Religionsführer auch zugleich umzingelt."

Magazinrundschau vom 30.06.2009 - The Nation

Der Musikwissenschaftler David Schiff bespricht den vierten Band von Henry-Louis de la Granges (mehr hier) gigantischer Biografie über Gustav Mahler (über 1700 Seiten für die letzten vier Jahre des Konponisten), geht aber kaum darauf ein. Zitierenswert an seinem Artikel ist der erste Absatz, der ziemlich genau das heutige Mahler-Bild auf den Punkt bringt: "Gesättigt mit Lacrimosa-Melodien, Trauermarschrhythmen und dem geisterhaften Umtata tragischer Walzer trauern die Sinfonien und Lieder Gustav Mahlers prophetisch um die Opfer der Katastrophen des 20. Jahrhunderts - die der Komponist wegen seines frühen Todes gar nicht miterleben und vielleicht nicht einmal vorausahnen konnte. So zumindest klingt sein Werk heute für uns, in deren Geist es sich vermischt mit Musik über jene Katastrophen von Komponisten, die er beeinflusste: Alban Berg, Dmitri Schostakowitsch, Benjamin Britten, Leonard Bernstein."

Außerdem in einer insgesamt interessanten Nummer: Die Schriftstellerin Katha Pollitt findet es doch etwas erstaunlich, dass Barack Obama in der Passage seiner Kairoer Rede über Freuenrechte ausschließlich über das Recht sprach, Kopftuch zu tragen, aber nicht über das Recht es abzulegen. Der iranische Journalist Babak Sarfaraz (Pseudonym) macht sich noch einmal Gedanken über die Khamenei-Rede vom 19. Juni. Und der Kritiker Benjamin Lytal stellt in seinem sehr ausführlichen Artikel Hans Fallada vor.

Magazinrundschau vom 16.06.2009 - The Nation

Joshua Jelly-Schapiro liest einige interessante Neuerscheinungen zur Geschichte Kubas, des "Reichs der Sünde", in dem der Mafioso Meyer Lansky den Diktator Fulgencio Batista schmierte, bis dieser von Fidel Castro und seinen Barbudos abgelöst wurde. Nebenbei erfährt man, dass Kuba eigentlich längst ein Staat der USA sein könnte: "Nachdem die Vereinigten Staaten 1848 Texas und Kaliforniern mit kriegerischen Mitteln annektierten, traten viele in Washington für eine Annexion Kubas ein. Der Impuls wurde für eine Weile unterdrückt. Aber dennoch: Da der Stern des spanischen Kolonialreichs sank, galt die Inbesitznahme Kubas durch fast das ganze 19. Jahrhundert als unvermeidlich."

Außerdem: Jordan Stancil erklärt die Erfolge der Rechtsextremen in Ungarn als Folge der Politik des Währungsfonds (wieder einmal zeige sich, "wie soziale Zerstörungen durch marktwirtschaftliche Reformen dem Faschismus den Weg ebnen"). Und Juan Cole hofft, dass nach Obamas Kairoer Rede anderthalb Milliarden Muslime zu Obama-Anhängern wurden.

Magazinrundschau vom 02.06.2009 - The Nation

Die chinesische Regierung erlaubt nach wie vor keine offene Diskussion über die Ereignisse auf dem Tiananmen-Platz vor 20 Jahren, schreibt der Historiker Jeffrey Wasserstrom. "Chinas Herrscher haben statt dessen die in Tiananmen bewiesene Rigidität mit einer verblüffenden Flexibilität an anderen Fronten kombiniert. Um eine Wiederholung von 1989 zu vermeiden und dem zu erliegen, was einige chinesische Führer die 'polnische Krankheit' nennen (eine Bewegung wie die Solidarnosc), hat die Partei den Konsum belebt, sich aus dem Mikromanagement des Campus-Lebens zurückgezogen (heutige Studenten haben viel mehr Freiheiten als ihre Vorgänger) und versucht, neue Ausbrüche von Nationalismus anzuführen und zu lenken. Sie hat auch verschiedene Arten von Protesten unterschiedlich behandelt, indem sie drakonische Maßnahmen benutzt hat, um jeglichen Widerstand zu brechen, der organisiert ist oder unterschiedliche Klassen verbindet, während sie gleichzeitig nachsichtig ist bei Aktionen, die lokal von einer Klasse ausgehen. Und während Dissidenten die aufregenden neuen Technologien wie Internet und SMS benutzen, hat das Regime seine Fähigkeit unter Beweis gestellt, diese Medien ebenfalls benutzen zu können, um Proteste zu abzuschrecken und seine eigene Interpretation der Ereignisse zu verbreiten und Unterstützer dafür auf die Straße zu schicken."

Magazinrundschau vom 26.05.2009 - The Nation

Jana Prikryl greift in einem epischen Artikel noch einmal die Kundera-Affäre auf, die im Oktober letzten Jahres durch einen Artikel der Zeitschrift Respekt losbrach. Wir erinnern uns: Laut einem Polizei-Dokument hat Kundera im Jahr 1950 den bei einem Freund logierenden Kurier des amerikanischen Geheimdienstes Miroslav Dvoracek bei der Polizei angeschwärzt. Dvoracek verbrachte daraufhin 14 Jahre in einem Uran-Bergwerk. Am Ende eines in seinen Standpunkten mäandernden Artikels findet die Autorin ein paar klare Sätze. Bei allen seinen Vorbehalten gegen die Medien sei es "unleugbar, dass Kundera Miroslav Dvoracek und Iva Militka die Wahrheit schuldet, so genau er sich an sie erinnert." Es fällt auf, dass die Autorin nicht zu wissen scheint, wer Martin Simecka ist, seinerzeit Herausgeber von Respekt, dessen Name sie konsequent falsch schreibt und dass sie nicht erwähnt, dass der Artikel aus Respekt, den sie scharf kritisiert, auch auf Englisch nachzulesen ist.

Weiteres: Elisabeth Sifton, Verlegerin im Holtzbrinck-Haus Farrar, Straus & Giroux legt eine ziemlich verzagte Bilanz des Buchmarkts in den USA in Zeiten von Amazon und Google vor. Besprochen werden eine Reihe von Bücher, darunter Jose Manuel Prietos Roman "Rex", dessen Hauptschauplatz eine "spektakulär geschmacklos eingerichtete Villa in Marbella" ist.
Stichwörter: Amazon, Buchmarkt

Magazinrundschau vom 12.05.2009 - The Nation

Der Urbanist Mike Davis hat in Mexiko seinen Freund Marcos Ramirez (Künstlername ERRE) getroffen, der ihm erzählt, wie Mexiko die Schweinegrippe zunächst als Witz wahrnahm - bis folgendes eintrat: "Plötzlich starb der berühmte Archäologe Felipe Solis. Er war Direktor des Nationalen Anthropologischen Museums und hatte noch eine Woche vorher Barack Obama durch die aztekischen Sammlungen geführt. Es kursierten Gerüchte, dass er an Schweinegrippe gestorben sei (was später dementiert wurde). Das setzte die ganze Szenerie unter Strom. Die Leute wussten nicht mehr, was sie denken sollten. Es war wie in Camus' Roman 'Die Pest'. Enge Freunde trauten sich nicht mehr, sich mit Wangenkuss zu begrüßen."

Der New Yorker Journalismusprofessor Eric Alterman greift in seiner Kolumne recht heftig den Washingtoner Alphajournalisten David Broder an, der angesichts der Folter in Guantanamo und anderswo einerseits zugab, dass Amerika einige seiner dunkelsten Jahre erlebt habe und andererseits alle Recherchen zum Thema ablehnt, weil sich in ihnen nur eine 'unwürdige Rachsucht' manifestieren würde.

Magazinrundschau vom 05.05.2009 - The Nation

Dimiter Kenarov porträtiert Georgi Stoev, einen ehemaligen Mafioso und Autor mehrerer autobiografischer Romane über die bulgarische Mafia. Einen Auftragsmord schildert er in einem seiner Romane so: zwei Schüsse in den Rücken, ein Kontrollschuss in den Kopf, und dann ruhig weggehen, denn gestellt wird man doch nicht. Genauso wurde Stoev vor einem Jahr ermordet. In Bulgarien streitet man bis heute über den Wahrheitsgehalt seiner Romane, so Kenarov, aber vielleicht wurde Stoev erschossen, weil er ein Tabu übertreten hatte. Und das bestand nicht darin, dass er einem ehemaligen Minister Mafiakontakte, sondern dass er ihm eine schwule Beziehung zu einem Ko-Mafioso nachsagte: "Diese Behauptung war in der bulgarischen Chauvi-Gesellschaft eine schwere Beleidigung, viel schlimmer als die Behauptung, jemand sei ein Verbrecher. Die Story wurde in allen Zeitungen und Talkshows immer wieder recycelt und diskutiert, bis sie fast als Tatsache akzeptiert war." Stoev hatte in einer Talkshow seine Ermordung selbst vorausgesagt.

Außerdem: Marc Perelman beschreibt das Aufleben der "linken" Linken in Frankreich, stellt aber keine neue Revolution in Aussicht.

Magazinrundschau vom 14.04.2009 - The Nation

Der bekannte New Yorker Journalismusprofessor Eric Alterman sieht angesichts der drastischen Zeitungskrise in den USA nur noch einen Weg: die Umwandlung von Zeitungen in gemeinnützige Stiftungen. Schon gibt es ein Gesetzesprojekt, das Werbung oder Spenden an Zeitungen steuerabzugsfähig machen soll. Die Zeitungen werden darüber aber nicht glücklich sein, denn der Status der Stiftung wird den Zeitungen - aus Gründen, die Alterman nicht erläutert - ihren Lieblingssport nehmen: das "editorial endorsement", also das öffentliche Bekenntnis zu bestimmten politischen Kandidaten: "Nichts mobilisiert die Säfte innerhalb einer Zeitung so sehr wie ein im Konferenzraum abgehaltenes Treffen mit dem Präsidentschaftskandidaten, der den Redakteuren dann für ihre kollektive Macht und Weisheit Tribut zollt. Und nichts trainiert eine Redaktion so gut wie ein hübscher Streit darüber, welcher Kandidat ihre Zustimmung erhält. Auch wenn es niemanden sonst kümmert..."

Außerdem: Michael O'Donnell bespricht Fred Strebeighs (Website) große Studie "Equal -Women Reshape American Law" über die Rolle von Juristinnen in den USA bei der Gleichstellung von Frauen in Justiz und Gesellschaft.

Stichwörter: Zeitungskrise, Gleichstellung