
Die Dezemberausgabe ist vor allem Büchern gewidmet. Marcela Valdes
schreibt 15 spannende Seiten über
Roberto Bolanos nachgelassenen Roman
"2666" (den übrigens auch
Jonathan Lethem kürzlich
in der NYT feierte). Ein Teil des Romans handelt von einem Journalisten, der die
Morde an jungen Frauen in der mexikanischen Stadt Juarez recherchiert. Die Morde gab es wirklich, und den Journalisten auch. Sein Name ist
Sergio Gonzalez Rodriguez. Er hat Bolano mit vielen Informationen für "2666" beliefert. Valdes, die Gonzalez Rodriguez getroffen hat, erzählt, in welcher Form sie Eingang in den Roman gefunden haben. Und sie erzählt, wie seine Recherchen die Verstrickung von Politikern und Drogenmafia in die Morde vermuten ließ. Kurze Zeit später wurde er
entführt: "Er hatte spät nachts ein Taxi im schicken Condesa Viertel angehalten, um nach Hause zu fahren. Das Taxi fuhr eine Weile und hielt dann an. Zwei bewaffnete Männer sprangen hinein. Sie befahlen Gonzalez Rodriguez, seine Augenn zu schließen und sich zwischen sie auf den Rücksitz zu setzen. Das Taxi fuhr weiter - der Fahrer war ein Komplize. Obwohl Gonzalez Rodriguez sich nicht wehrte, beschimpften ihn die Männer, verprügelten ihn mit Fäusten und ihren Pistolen und rammten ihm einen
Eispickel ins Bein."
"Für die New Yorker Kritiker waren
Schriftsteller Menschen; für Wood sind Menschen, und auch Schriftsteller, Ideen." William Deresiewicz
setzt sich auf neun Seiten mit dem Star der amerikanischen
Literaturkritik James Wood und dessen neuem Buch
"How Fiction Works" auseinander. Bei allen Vorzügen Woods, die ausführlich gewürdigt werden - an die New Yorker Kritiker
Edmund Wilson, Lionel Trilling (mehr
hier und
hier),
Alfred Kazin,
Irving Howe und
Elizabeth Hardwick reicht er für Deresiewicz nicht heran. "Diese Kritiker interessierten sich für Literatur,
weil sie sich für Politik, Kultur, das moralische und das gesellschaftliche Leben interessiert haben und dafür, wie diese sich gegenseitig entblößen. Ins Zentrum ihrer Untersuchungen stellten sie die Literatur, weil sie ihre Fähigkeit erkannten, das Leben nicht nur zu
repräsentieren, sondern, wie Matthew Arnold sagte, zu
kritisieren - Fragen zu stellen, wo wir stehen und in welcher Beziehung unser Standpunkt zu dem Punkt steht, an dem wir stehen sollten. Sie waren keine Ästheten, sie waren, in weitestem Sinne, Intellektuelle."
Scott Sherman interessiert sich nicht die Bohne für
Naipauls Sexualität und seine Beziehung zu Frauen (das Thema wird auf Seite zehn seiner
zwölfseitigen Besprechung von
Patrick Frenchs Naipaul-Biografie angesprochen). Auch hätte er gern mehr über Naipauls Bücher gelesen, aber alles in allem ist diese Biografie für ihn doch eine "eindrucksvolle Leistung". Am Schluss zitiert er Naipaul, der lange vor der
Kundera-Affäre, 1994, erklärt hatte: "Das Leben eines Autors ist legitimer Gegenstand von Untersuchungen; und an der Wahrheit sollte nicht gespart werden."