Magazinrundschau - Archiv

The Nation

164 Presseschau-Absätze - Seite 12 von 17

Magazinrundschau vom 02.02.2010 - The Nation

Im dritten Teil seiner Memoiren, "Summertime", lässt J.M. Coetzee seinen Biografen Interviews mit fünf Menschen führen, die den Autor aus früheren Jahren kannten, darunter zwei einstige Liebhaberinnen. Joanna Scott hat mit diesem Buch tiefere Einblicke in das Denken eines Schriftstellers erhalten, als sie jemals zu hoffen wagte, wie sie erklärt: "Aber was erfahren wir am Ende über diesen Schriftsteller? Wir erfahren, dass er mit Gleichgüligkeit, Verachtung und Verwirrung von eben den Frauen betrachtet wurde, von denen er sich erhofft hatte, sie würden ihn inspirieren. Er kann nicht sagen, wann sie genug von ihm hatten. Sie können sein Genie nicht erkennen."

Mit Interesse, aber ohne rechte Überzeugung hat Alice Kaplan die Biografie des Literaturkritikers Ramon Fernandez gelesen, der sich 1936 dem faschistischen Parti Populaire von Jacques Doriot anschloss und einer der eifrigsten Kollaborateure mit den Nazis in Frankreichs wurde. Geschrieben hat sie sein Sohn, der inzwischen 80-jährige Schriftsteller Dominique Fernandez, der ausführlich beschreibe, wie sehr sein Vater Hitler, Goebbels und den ebenfalls "brutal antisemitischen" Doriot bewunderte, aber auch etliche Anekdoten aufführt, die seinen Vater entschuldigen sollen. "Es ist schwer, eine Familiengeschichte gegen eine literarische Lektüre aufzuwiegen, und Literatur gegen die Archive. Für Historiker sind sie nicht gleich. Für den Sohn existieren sie nebeneinander, Fußnoten des Herzens."

Magazinrundschau vom 26.01.2010 - The Nation

Die Kolumnistin und Dichterin Katha Pollitt beschreibt die Notlage der 24jährigen Nazia Quazi, IT-Spezialistin mit indischer und kanadischer Staatsangehörigkeit, die seit zwei Jahren in Saudi Arabien festsitzt. Nach saudischem Recht braucht sie für die Ausreise die Zustimmung ihres Vaters und der weigert sich. Am meisten empört sich Pollitt über die kanadischen Behörden, die auf taub geschaltet haben. "Mehrere Personen, mit denen ich gesprochen habe, deuteten an, dass es für den Fall relevant ist, dass die Quazis Muslime sind: die [kanadische] Botschaft in Riyadh will sich nicht in etwas einmischen, was sie als muslimischen Familienstreit betrachtet." Für die Familie Quazi "ist es irrelevant, dass Nazia eine 24jährige Collegeabsolventin ist. Ihre Gefühle, Ängste, Wünsche und Rechte sind bedeutungslos. Was zählt ist, dass der Vater Nazias Freund missbilligt. Aber das ist das Problem der Quazis. Es ist kein Grund für Kanada zuzulassen, dass Nazia ihrer Rechte beraubt wird. Wie weit haben es Frauen gebracht, wenn ein demokratisches säkulares Land wie Kanada es einem Vater erlaubt, seine erwachsene Tochter im Käfig saudischer Gesetze einzusperren?" Hier erzählt Nazia ihre Geschichte selbst.

Magazinrundschau vom 19.01.2010 - The Nation

Barry Schwabsky hatte null Erwartungen, als er sich - aus reinem Pflichtgefühl - zur Gerhard-Richter-Ausstellung in der Galerie Marian Goodman aufmachte. Aber wie so oft, wenn die Erwartungen niedrig sind, erlitt er einen Schock. "Die stärksten Werke in der Ausstellung waren verschiedene große Gemälde mit einer fast weißen Oberfläche - allerdings war dieses Beinahe-Weiß stark variiert, mit viel Farbe darin oder darunter, die in geisterhaften Abgrenzungen hervorscheinen. (...) In diesen Gemälden erreicht Richter wie selten oder sogar niemals zuvor einen Effekt der Erhabenheit, über den die Kunstkritiker des Abstrakten Expressionismus oft gesprochen haben, den Maler aber selten erreicht haben. Hat man das im Kopf, während man Richters Anmerkungen liest, dann stellt man fest, dass er oft wie ein Maler aus den Vierzigern klingt. Wenn er von der Malerei spricht als 'einem fast blinden, verzweifelten Versuch, wie von einer Person, die verlassen, hilflos, in einer vollkommen unbgreiflichen Umgebung steht', dann könnte man glauben, Willem de Kooning spricht. Richters beste Arbeiten mögen selbst die besten Abstrakten Expressionisten übertreffen, aber das liegt nicht daran, dass sein Projekt sich von ihrem radikal unterscheidet. Es liegt daran, dass seines wie ihres in extremis ist."

Magazinrundschau vom 12.01.2010 - The Nation

Wie kann man den Journalismus retten? Mit Subventionen, meinen John Nichols und Robert W. McChesney. Sie denken an etwa 30 Milliarden Dollar im Jahr. Denn dann wären die USA - im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt - auf dem Stand der Pressesubventionen von 1840. Man könne überlegen, ob dieses Geld zum Teil auch ums Überleben kämpfenden kommerziellen Medien zugute kommen soll. "Aber der Löwenanteil der Subventionen muss jetzt und in der Zukunft in die Entwicklung und Ausweitung des nicht-kommerziellen Sektors gesteckt werden. Journalismus benötigt eine institutionelle Struktur, die sich mit seinem Status als öffentliches Gut verträgt. Worüber sprechen wir? Für den Anfang sollten die Ausgaben für den öffentlichen Rundfunk dramatisch erhöht werden, wobei das Geld in erster Linie Journalismus, vor allem Lokaljournalismus finanzieren sollte. ... Wir sollten auch Gesetze entwerfen, um den Übergang niedergehender Tageszeitungen in solvente Nonprofit- oder low-profit-Rechtsgebilde zu beschleunigen."

Außerdem: Ben Ehrenreich stellt den neuen Roman des Kolumbianers Evelio Rosero vor, "The Armies": Trotz aller Grausamkeit ist es "kein realistischer Roman, noch weniger ein journalistischer. Er hat eine stärkere Verwandtschaft mit Kafka und Juan Rulfos 'Pedro Paramo' als mit Roseros Zeitgenossen". David Caroll Simon porträtiert die britische Schriftstellerin Sylvia Townsend Warner (1893-1978).

Magazinrundschau vom 29.12.2009 - The Nation

Freies Downloaden schön und gut, meint ein eher deprimierter J. Gabriel Boylan, der einige Neuerscheinungen über Anfang und Ende der Popindustrie gelesen hat. Aber verschwindet durch das Internet nicht der Pop selbst? "Es gab eine Zeit, da wurden Popstars gehegt und gepflegt, bis sie groß waren, und die Hitlisten spiegelten den Geschmack einer informierten und demokratischen Hörerschaft wider. Solche Institutionen hatten Vor- und Nachteile, gewiss, aber wie soll ein Popuniversum ohne sie existieren? Wird der Popsong als Genre den Riesenapparat überleben, der ihn hervorbrachte, und kann der Popsong kulturell relevant bleiben, wenn die ehemalige Tempel der Popmusik, wie die gerade geräumten Virgin Megastores, zu Klamottenläden umfunktioniert werden?"

Außerdem: David Yaffes Besprechung der "erschöpfenden, notwendigen und zumindest heute definitiven" Thelonious-Monk-Biografie (Auszug) von Robin D.G. Kelley.
Stichwörter: Monk, Thelonious, Popmusik

Magazinrundschau vom 01.12.2009 - The Nation

Natasha Wimmer porträtiert den salvadorianischen Autor Horacio Castellanos Moya, einen Freund Roberto Bolanos, der seine eigene Art hat, mit der grausamen Realität in Lateinamerika umzugehen. "Der Bürgerkrieg, der 1992 endete, formte Castellanos Moyas Leben und sein Schreiben, aber er scheint niemals seine Fantasie erobert zu haben. Obwohl die meisten seiner Romane (es sind jetzt neun) um den Krieg und seine Folgen kreisen - nie assimiliert oder romantisiert Castellanos Moya die Kultur der Gewalt, nie verliert er sein geschärftes Bewusstsein für ihre Absonderlichkeit. Als Schriftsteller reagiert er zugleich hochsensibel und unsentimental darauf. In dem brillant lustigen und beunruhigenden Roman 'Senselessness', der auch der erste seiner Romane war, der ins Englische übersetzt wurde, ist der Erzähler ein Schriftsteller, der einen Job als Redakteur für einen 1100-seitigen Menschenrechtsbericht über ein Massaker an Indianern während des Krieges in einem namenlosen lateinamerikanischen Land angenommen hat. Er ist gefangen von der seltsamen Schönheit der Sprache, mit der die Opfer die Gewalt ihrer Angreifer beschreiben. Die Sätze, die er abschreibt, fließen ein in seine banale Beschreibung von Amtspolitik und fehlgeschlagenen Verführungen, bis langsam der Horror, den die Indianer beschreiben, in sein Bewusstsein dringt und einen milden Fall von Ängstlichkeit in rasende Paranoia verwandeln."

Weiteres: In New York, Madrid und Rom fingen die Taxifahrer jedesmal an zu jubeln, wenn Jose Manuel Prieto auf die Frage, aus welchem Land er komme, "Kuba" antwortete. Prieto, verstört von dieser Reaktion, antwortet ihnen mit einem Essay: "Travels by Taxi: Reflections on Cuba" (auf Deutsch bei Suhrkamp erschienen). Verleger und Parlament sollen endlich aufhören, dem Internet die Schuld am Niedergang der Zeitungen zu geben (den haben die Zeitungen nämlich selbst verschuldet) und endlich über geeignete Fördermittel nachdenken, die den Journalismus wieder revitalisieren kann, meinen John Nichols und Robert W. McChesney. Besprochen werden Christopher Caldwells Buch "Reflections on the Revolution in Europe: Immigration, Islam, and the West" (Leseprobe) und eine englische Ausgabe der Gedichte von Rilke.

Magazinrundschau vom 17.11.2009 - The Nation

Mit großem Interesse wird in den USA ein Erzählband des fast vergessenen russischen Autors Sigismund Krzyzanowski aufgenommen, der seit den zwanziger Jahren im kommunistischen Russland Erzählungen verfasste, aber so gut wie nie veröffentlichte. Elaine Blair fühlt sich an Kafka erinnert, den Krzyzanowski aber erst 1939 "mit Überraschung" entdeckte. In einer interessanten Passage legt Blair dar, warum surrealistische und später postmoderne Erzählweisen gerade in den sozialistischen Ländern so einleuchteten: "Krzyzanowski begreift, dass die sowjetische Revolution mehr war als ein Umsturz von Regierung, Wirtschaft, sozialem Status, Arbeit. Sie war ein Angriff auf die Wahrnehmung der Wirklichkeit. Gesetze der Logik konnten von der Presse außer Kraft gesetzt werden, offensichtliche Lügen gingen als Wahrheit durch. Das Ausmaß dieses Angriffs wurde Krzyzanowski wie den meisten Russen erst nachträglich bewusst, Jahre nach der Revolution, als Stalin die Liste der verbotenen Themen immer mehr verlängerte und immer mehr falsche Anschuldigungen und Geschichtsrevisionen der jüngsten Vergangenheit publizierte."
Stichwörter: Stalin, Josef, Umsturz

Magazinrundschau vom 03.11.2009 - The Nation

Richard Byrne nutzt das Erscheinen einer Biografie über den jugoslawischen Filmemacher Dusan Makavejev - sein bekanntester Film ist "WR: Mysteries of the Organism" - um eines der großen ungelösten Rätsel des Weltkinos zu lösen: Warum hat Makavejev seit 15 Jahren keinen Film mehr gedreht? Makavejevs vorletzter Film 'Gorilla Bathes at noon' (1993) nahm seinen Ausgang in Erich Honeckers Erklärung, die Mauer würde in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen; doch sie fiel, bevor das Drehbuch fertig war. "Dank seiner improvisatorischen Fähigkeit schuf Makavejev einen Film, der im Laufe der Zeit noch an Tiefe gewonnen hat... Er erzählt von einem russischen Soldaten namens Vikto Borisovich (Svetozar Cvetkovic), der unbeabsichtigt im Berlin der Wendezeit zurückbleibt, als seine Einheit zurück in die Sowjetunion zurückbeordert wird... In seiner letzten Szene sieht man Cvetkovic am Brandenburger Tor, klar als ein Schauspieler zu identifizieren, der, einen Apfel mampfend, versucht, seine Uniform als Souvenir an Touristen zu verhökern, wie es so viele andere in Berlin gestrandete Russen getan haben. Der Erzähler aus dem Off legt den Finger noch einmal auf die Wunde: Wo ist Viktor Borisovich? Ich stelle mir selbst die gleiche Frage. Und ich bekomme keine Antwort. Man spürt, dass Makavejev mit dem Ende des Kalten Kriegs auch sein großes Thema verloren hat. Und selbst wenn er zu seinen Wurzeln zurückkehren und die chaotischen Widersprüche des Landes, das ihn geformt hatte, erkunden wollte - das Jugoslawien seiner frühen Filme war untergegangen, wie einst Atlantis, in einem Meer aus Blut."

Außerdem: ein Interview mit Gorbatschow über 1989 und Ronald Gregor Sunys Rezension einiger Bücher zu 1989 - von Victor Sebestyen, Constantine Pleshakov und Stephen Kotkin.

Magazinrundschau vom 29.09.2009 - The Nation

Die Kapitalismuskritikerin Naomi Klein hat den neuen, kapitalismuskritischen Film von Michael Moore gesehen und findet ihn wundervoll. Im Gespräch (auch als Podcast) zwischen den beiden geht es natürlich auch um Barack Obama und seine kapitalismusfreundlichen Berater und Minister wie Lawrence Summers und Timothy Geithner. Und zwar so: "NK: Wir wollen immer Obama psychoanalysieren und ich höre oft, dass ihn diese Leute übers Ohr hauen. Aber er hat sie ausgesucht und wir sollten ihn nach diesen Taten beurteilen. MM: Genau. Ich glaube nicht, dass sie ihn übers Ohr hauen. Ich glaube, dass er schlauer ist als alle zusammen. Als er sie ernannte, hatte ich gerade ein Interview mit einem Bankräuber gemacht - und zwar einem, den die großen Banken engagiert haben, damit er ihnen sagt, wie sie Überfälle vermeiden können. Aha, habe ich mir gedacht, schon um nicht in bittere Verzweiflung zu sinken, das also hat Obama im Sinn. Wen anderes sollte er engagieren als die Leute, die das ganze Schlamassel angerichtet haben? Er holt sie in seine Nähe, damit sie das, was sie verschuldet haben, selbst wieder in Ordnung bringen. Ja, ja. So muss es sein, habe ich mir wieder und wieder gesagt."

Weitere Artikel: William F. Baker, Journalismus-Professor und langjährigre Präsident der größten öffentlichen Rundfunkstation der USA WNet plädiert für die Rettung des US-Journalismus durch Stiftungen, aber auch durch staatliche Unterstützung. Als strahlendes Vorbild empfiehlt er die britische BBC und auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland. Als Zukunft des Ballets feiert Marina Harss den 1968 in Sankt Petersburg geborenen Tänzer und Choreografen Alexei Ratmansky, den ersten "artist in residence" des American Ballet Theater überhaupt. (Hier ein kurzer Video-Eindruck einer Ratmansky-Choreografie.)

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - The Nation

Man kann darüber diskutieren, ob sportliche Wettbewerbe weiter nach Geschlecht getrennt durchgeführt werden sollen. Aber die Art, wie die südafrikanische Athletin Caster Semenya behandelt wird, ist unter aller Kanone, finden Dave Zirin und Sherry Wolf. "Seit es Frauensport gibt, wurde die Beschreibung der besten Athletinnen als 'Mannsweiber' durchgängig dazu benutzt, sie herabzusetzen. Als Martina Navratilova das Frauentennis dominierte und stolz ihren gemeißelten Bizeps entblößte - das war Jahre bevor Hollywood Mädels mit Kanonen feierte - beschwerten sich Spieler, dass bei ihr 'irgendwo ein Chromosom lose sein müsse'. Ein Minenfeld aus Sexismus und Homophobie hat jahrzehntelang Athletinnen in Magazine wie Maxim getrieben, wo sie ihre Sexyness und damit implizit ihre Heterosexualität beweisen wollten. Vor allem in der Leichtathletik war man immer vom Geschlecht besessen, vor allem, wenn Rassismus im Spiel war. Vor fünfzig Jahren schlug der IOC-Vertreter Norman Cox vor, das Internationale Olympische Komitee solle für schwarze Frauen 'eine spezielle Wettbewerbs-Kategorie einrichten - diese unfair bevorzugten Hermaphroditen'."