Magazinrundschau - Archiv

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215 Presseschau-Absätze - Seite 17 von 22

Magazinrundschau vom 29.05.2007 - Nepszabadsag

Die katastrophal schlechte, doch inzwischen legendäre ostdeutsche Automarke Trabant ist 50 Jahre alt geworden. Die ungarischen Fans feierten den großen Tag angemessen, findet Zsigmond Falusy: "Wenn das Honecker erlebt hätte! Im Wind flattert eine DDR-Flagge, überall Trabants und junge Menschen in trendigen DDR-T-Shirts. (...) Der Trabant ist mehr als eine Leidenschaft. Er symbolisiert ganz Osteuropa, unser ganzes jämmerliches Leben, die Hornkämme der Ostdeutschen, das Mauscheln der Polen, die Armut der Bulgaren, die Tauchkolbenpumpe, die ich von einer sowjetischen Touristengruppe gekauft hatte, das preiswerte Bier in Prag und der auf dem Schwarzmarkt ergatterte Dollar, Kadar, Honecker und Breschnew, Flammkuchen und Kartoffelnudeln. Witzig und traurig zugleich."
Stichwörter: Ostdeutsche

Magazinrundschau vom 22.05.2007 - Nepszabadsag

Nach den Präsidentschaftswahlen in Frankreich und den letzten Parlamentswahlen in Ungarn vergleicht Peter Farkas, Politikwissenschaftler an der Universität von Nizza, die politische Kultur beider Länder. Die französischen Politiker behandeln ihre Wähler als gleichrangige Partner, sie bekennen sich dazu, bestimmte grundsätzliche Werte mit ihren Gegnern gemeinsam zu haben und fachpolitische Argumente spielen eine größere Rolle als Gefühle, meint er. Im politisch stark gespaltenen Ungarn sei diese Art von politischem Pluralismus leider noch unbekannt. Farkas kommentiert selbstironisch: "Wie seltsam sind die Franzosen! Sie wollen den Politikern nicht glauben, dass die Welt schwarz und weiß sei und man deshalb nur die Wahl zwischen zwei Anführern habe. Viele von ihnen haben einen Kandidaten gewählt, der zwar keine Chance mehr hatte, aber ihre Meinung vertritt. (...) Die Franzosen lieben ihre Demokratie, in der mehrere Parteien wichtige Rolle spielen, während sich bei uns das Zweiparteiensystem verfestigt hatte. Aus Ungarn gesehen ist es seltsam, dass die französischen Präsidentschaftskandidaten auf fachpolitischer Ebene diskutieren, gemeinsame grundsätzliche Werte nicht in Frage stellen und die kleinen Parteien von den Medien nicht ignoriert werden."

Magazinrundschau vom 15.05.2007 - Nepszabadsag

Neben Wong-Kar-Wai, den Coen-Brüdern, Emir Kusturica, Quentin Tarantino und Gus Van Sant zeigt auch der ungarische Filmemacher Bela Tarr seinen neuen Film "Homme de Londres" im Wettbewerb des Filmfestivals von Cannes. Der Film dreht sich um einen Leuchtturmwärter in einer kleinen französischen Stadt, erzählt Tarr im Interview. "Die meisten Schiffe kommen aus England, die Fahrgäste reisen ins Innere des Kontinents weiter. Die Geschichte beginnt damit, dass der Wärter Augenzeuge eines Mordes wird. Aber die Handlung ist nebensächlich, mich hat eher die Einsamkeit des Wärters interessiert, wie er in Versuchung gerät und gegen die Monotonie des Alltags revoltiert." Die Regisseure, deren Werke nächste Woche in Cannes ihre Weltpremiere erleben, "vertreten alle ein anderes Genre, einen anderen Stil, die Werke kann man eigentlich nicht miteinander vergleichen. Wettbewerbe von Kunstwerken sind unmöglich. Die Preise werden aus politischen oder kommerziellen Gründen verliehen. Große Filmverleihe machen Lobbyarbeit für ihre Regisseure." Auf die Frage, wer hinter ihm als Unterstützer steht, antwortet er: "Hinter mir stehen nur mein Film und das Team.?

Magazinrundschau vom 08.05.2007 - Nepszabadsag

Die Grabstätte des langjährigen Kommunistenführers Janos Kadar auf dem Budapester Zentralfriedhof wurde in der Nacht zum letzten Mittwoch geschändet. Unbekannte Täter öffneten den Metallsarg und entwendeten seine sterblichen Überreste. Die Marmorwand des Pantheons beschmierten die Täter mit den Worten: "Mörder und Verräter dürfen in der heiligen Erde keine Ruhe finden." Als Täter werden Mitglieder der rechtsextremen Szene vermutet. Der Philosoph Miklos T. Gaspar kommentiert die Schändigung seiner Grabstätte: "Die Ungarn ringen mit ihren Toten. Sterbliche Überreste historischer Persönlichkeiten, die in der Emigration gestorben sind, werden zurück in die Heimat gebracht, umstrittene Denkmäler werden sorgfältig renoviert oder aber zerstört. Nicht nur Ungarn, auch andere osteuropäische Länder kämpfen sich müde mit der Vergangenheit, wenn auch nicht so heftig, wie hierzulande. ... Sowjetische Denkmäler fallen zu Staub, das millionenmal erniedrigte Gespenst des Leninschen Systems kehrt trotzdem zurück. Die Rechte ist zu feige, mit ihm offen zu kämpfen, sie bleibt verborgen, sie greift ihn nur nachts an und zwar mit dem gleichen Instrument, wie Mitte des 20. Jahrhunderts, dem Faschismus."

Magazinrundschau vom 17.04.2007 - Nepszabadsag

Die Feindseligkeiten zwischen den Ländern Mitteleuropas sind darauf zurückzuführen, dass die Menschen die Geschichte und Kultur ihrer Nachbarn nicht kennen, meint Emese John, Mitglied im Vorstand der ungarischen Liberalen, und plädiert für ein gemeinsames Geschichtsbuch Mitteleuropas: "Unsere Erinnerungskultur basiert ausschließlich auf nationalen Geschichtsbüchern. Sie tragen die Spuren kriegerischer Auseinandersetzungen der letzten tausend Jahre und zeigen Kriege und Konflikte nur aus der eigenen nationalen Perspektive. Wir leben auf einem so winzigen Fleck der Welt, unsere Wurzeln sind ineinander verschlungen, unsere Zweige berühren sich, und doch sehen wir unsere gemeinsamen Interessen in der gemeinsamen Geschichte nicht - weil wir sie noch gar nicht gesucht haben."

Zum Erfolg des vor 110 Jahren erschienenen Dracula-Romans von Bram Stoker, meint der Schriftsteller Andras Cserna-Szabo: "Wie wenig hat sich dieser rosige, christliche und rationale Westen in mehreren hundert Jahren verändert! Das Böse stammt immer aus dem Osten, das Chaos bedroht unsere Ordnung aus der heidnischen Ferne, aus dem Osmanischen Reich, aus der romantischen Landschaft der Karpaten oder aus den Felsenbunkern Afghanistans. ... Die archetypische Geschichte des aus dem Osten kommenden Bösen, das den Frieden des Westens zerstört, ist vielleicht der Grund dafür, warum die Leser dieses verstaubte Vampirepos heute immer noch reizend finden."

Magazinrundschau vom 10.04.2007 - Nepszabadsag

Eine neue Umfrage zeigt, dass die europäische Integration der Ungarn auf emotionaler Ebene noch nicht gelungen ist: die Mehrheit der befragten Ungarn meinte, die ungarische Kultur sei nur partiell Teil des europäischen Kulturerbes. Judit N. Kosa kommentiert: "Liegt dieses schockierende Ergebnis nicht daran, dass wir selbst unsicher sind, was wir unter ungarischer Kultur verstehen? Die Politiker führen seit der Wende einen verbitterten Kulturkampf, die Politik ist in allen Bereichen der kulturellen Bildung omnipräsent, die ungarische Kultur wurde ghettoisiert. Die Menschen wählen Bücher, Filme, Musik aufgrund dessen aus, welchem politischen Lager die Künstler angehören. Theaterdirektoren werden wie zu Zeiten der Diktatur aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit ernannt, Theaterstücke werden aus politischen Gründen angezeigt, in Statuen suchen wir zuerst die politische Botschaft, statt sie einfach visuell auf uns wirken lassen. Wenn man Andersdenkende im eigenen Land am liebsten aus dem ungarischen Kulturerbe ausschließen würde, kann man sich auch mit dem auf gegenseitige Toleranz aufgebauten Europa kaum identifizieren."

Magazinrundschau vom 06.03.2007 - Nepszabadsag

Mit Blick auf den vor einigen Wochen veröffentlichten Bericht der parlamentarischen Kommission, die die Verantwortlichen für die Ausschreitungen von vergangenen Herbst in Budapest zu ermitteln versucht, analysiert der Politologe Laszlo Lengyel die Ereignisse, die sich am Staatsfeiertag, dem 15. März wiederholen könnten: "Fest steht die Verantwortungslosigkeit der politischen Klasse, die die Spannung der Demonstranten wie auch der Polizei in Gewalt umschlagen ließen. Sowohl die Gewalt des Mobs als auch die brutalen Reaktionen der Polizei deuten auf die Schwäche der Politik hin und schüren unter den friedlichen Wählern berechtigte Ängste. Sie wissen nämlich nicht, vor wem sie sich eher fürchten sollen: vor den Randalierern oder vor den Ordnungshütern? Ein Zustand der negativen Erwartung ist erreicht: wir warten nicht darauf, dass etwas geschieht, sondern hoffen, dass nichts passiert. Dabei merken wir auch, dass der Zerfall des ungarischen Staates begonnen hat. Von den Kräften der Staatsmacht kann man nicht wissen, ob sie mit sicherer Hand geleitet werden und in wessen Hand sie überhaupt sind. Von den Randalierern kann man nicht wissen, ob sie aus dem Hintergrund von einem Teil der politischen Klasse geführt werden, und wenn ja, ob diese in der Lage ist, ihre Aggression zu bremsen."
Stichwörter: Mob

Magazinrundschau vom 13.02.2007 - Nepszabadsag

Der Politikwissenschaftler Laszlo Lengyel hat den neuen Essayband von Adam Michnik gelesen und schließt sich seiner Kritik an Westeuropa an, dass es "das Interesse an unserer Region verloren" habe. "Wir sind keine Mitgestalter Europas, sondern immer noch entweder ehrerbietige oder skeptische Außenseiter. ... Es ist schwer, die anderen Europäer in Brüssel und in den Hauptstädten ständig anzuflehen, von ihnen Hilfe zu verlangen, um die liberale Peripherie Europas vor den Barbaren zu schützen, und dabei die kalten, berechnenden oder lächelnd-uninteressierten Blicke wahrzunehmen. Diese Blicke sagen: Liebe Ostmitteleuropäer, erledigt doch eure Barbaren selbst, wir haben genug Probleme! Michnik hasst jenes Polen, das der historische 'Gläubiger' Westeuropas sein will, der Forderungen an Europa und die Welt stellt, selbst aber angeblich keine Schulden hat, jenes Polen - und das gilt für ganz Ostmitteleuropa - das nur seine Leidensgeschichte vor Augen führt und all seine Sünden erlassen haben will. Michnik wollte, dass Polen ein normales Land wird. Jetzt steht er da, immer noch an der Peripherie, und muss ständig das Besondere, das Andere an Polen vorzeigen, um überhaupt Aufmerksamkeit zu bekommen."
Stichwörter: Michnik, Adam

Magazinrundschau vom 06.02.2007 - Nepszabadsag

Warum tun die ungarischen Grenzbehörden so, als wäre Rumänien der EU nie beigetreten? Journalisten der rumänischen Zeitung Romania Libera haben mit einer versteckten Kamera aufgenommen, wie einreisende Rumänen an der Grenze schikaniert werden. Istvan Tanacs kommentiert: "Die rumänisch-ungarische Grenze zu passieren ist heute genauso bedrückend wie zu Zeiten der Diktatur. Die EU-Mitgliedschaft bedeutet hier nicht, dass die Landesgrenzen durchlässiger und die Bürger freier werden, sondern dass sich die Grenzbehörde jetzt auch noch auf die Brüsseler Beschlüsse berufen kann, um die Einreisenden zu schikanieren... Ungarische, ukrainische, serbische, rumänische, mazedonische Zöllner sind daran gewöhnt, dass die Uniform nicht für den Dienst an allen Bürgern steht, sondern für die uneingeschränkte Willkür des Kleinbürgers über andere Menschen. Dass Politik und Medien die Bedeutung dieses Zwischenfalls nicht erkennen, ist höchst besorgniserregend."
Stichwörter: Rumänien

Magazinrundschau vom 23.01.2007 - Nepszabadsag

Auf die Frage, ob sich die modernen gesellschaftlichen Strukturen, der Sieg des Individuums über das Kollektiv, auch in der zeitgenössischen Musik widerspiegeln, antwortet der Komponist Ivan Madarasz: "Die Verbindung zwischen musikalischer Ordnung und den Systemen der Außenwelt ist so kompliziert, dass man diese Frage nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten kann. Bis zum 19. Jahrhundert existierte ein musikalisches Ideal, an dem sich die Komponisten gleichermaßen orientierten und das sie nach ihrem Geschmack und ihrer Phantasie variierten. Doch wie fern ist dieser ideale Zustand, als ein Choral Bachs erklang und jedem seiner Zuhörer fast das gleiche bedeutete - diese Musik fungierte auch als Volkslied. Der Mensch des Mittelalters formte die Gesetze der ihn umgebenden höheren Weltordnung zu einer musikalischen Ordnung. Im 20. Jahrhundert existieren bereits mehrere musikalische Ideale, die einander ausschließen, die aber auch unterschiedliche Funktionen haben. Die Musik von heute wurde - durch die gesellschaftlichen Veränderungen - zu einer individuellen Kunst, deren Funktion nicht die Schaffung einer Gemeinschaft ist."
Stichwörter: Mittelalter, Weltordnung