Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

867 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 87

Magazinrundschau vom 15.10.2024 - New Yorker

Vinson Cunningham hat sich für den New Yorker die Netflix-Serie "Mr. McMahon" über den Wrestling-Mogul Vince McMahon angeschaut und erschreckende Parallelen zwischen WWE und der politischen Szene festgestellt. Aber ob diese Art Insinuation einen Wahlsieg Trumps verhindern hilft? "Wie die Serie uns erinnert, ist Trump auch in WWE-Sendungen aufgetreten und hat eine noch stärker karikierende Version von sich selbst gespielt, ein reiches Arschloch als Gegenspieler für das ultimative reiche Arschloch, Mr. McMahon - Vince McMahons langjährige Figur, vielleicht der am besten entwickelte 'Heel' (Wrestling-Sprech für Bösewicht) der Geschichte. Ich dachte wieder und wieder an den 13. Juli zurück, als Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pennsylvania angeschossen wurde. Inzwischen ist diese Episode eine einzige Bildmontage: Trump sackt zu Boden und wird von Mitarbeitern des Secret Service weggeschleift, die zu spät gekommen sind, um die Schießerei zu verhindern, aber früh genug, um den Körper des früheren Präsidenten zu bedecken. Blut fließt über Trumps Kopf. Soweit man weiß, läuft ein Schütze frei rum, aber Trump zeigt sein Gesicht der Menge, reckt die Faust, beschwört seine Anhänger zu kämpfen. Gegen wen? In dem Moment war es egal. Der 'Good Guy' war attackiert worden. Wenn dieses surreale Geschehen sich im Wrestling-Ring ereignet hätte, hätten wie es als 'Work' abgetan - der Insider-Begriff für einen gefakten Kampf."

Weitere Artikel: Der New Yorker bringt einen Auszug aus dem Tagebuch Alexej Nawalnys. Rivka Galchen erzählt, wie Wissenschaftler anfangen, Vogelgezwitscher zu decodieren. Justin Chang sah Sean Bakers Thriller "Anora". Parul Sehgal liest Ta-Nehisi Coates' "The Message". Joshua Cohen steuert die Kurzgeschichte "My Camp" bei.

Magazinrundschau vom 08.10.2024 - New Yorker

Das Silicon Valley gewinnt mehr und mehr Einfluss, der sich längst auch auf die politische Sphäre ausweitet. Einer, der das mit ausgefeilten Werbekampagnen vorangetrieben hat, ist der Berater Chris Lehane, der sich in aggressiver Weise gegen Politiker wendet, die versuchen, Unternehmen und Technologien wie Airbnb, Uber, Cryptowährungen und KI Beschränkungen aufzulegen, Charles Duhigg berichtet für den New Yorker von diesem "neuen Lobbymonster" und von den Gründen, die vorgeschoben werden. Die Crypto-Firma Fairshake hat beispielsweise mehrere Millionen Dollar investiert, um die Kanditatur der Demokratin Katie Porter für den Senat zu untergraben - sie hatte sich für strengere Regulierungen dieser Währungen eingesetzt. Das Übel hat durchaus bekannte Wurzeln: "Man kann die politischen Bestrebungen des Valleys als Symptom einer systemischen Wurzel sehen - als Beweis dafür, dass die amerikanische Regierung und Gesetzgebung von Geld so pervertiert ist, dass es für Menschen, die keine Milliardäre sind, beinahe unmöglich ist, ihre Interessen zu vertreten. Diese Dynamik kann als besonders gefährlich angesehen werden, wenn man bedenkt, dass die U.S.-Wirtschaft verschwenderische Reichtümer auf eine kleine Gruppe unzufriedener, unzurechnungsfähiger Tech-Experten abgeladen hat. Viele Kritiker des Silicon Valleys sehen es so, dass die Start-Up-Gründer und Risikokapitalgeber von heute, wie die Neureichen vorangegangener Zeiten, ihren Reichtum für eigene Zwecke nutzen. Dabei haben sie sich als genau so erbarmungslos erwiesen wie die Räuberbarone und Industrietyrannen vor einem Jahrhundert - nicht zufällig die letzte Zeit, in der die Einkommensungleichheit so extrem war wie heute. Lehane für seinen Teil erkennt an, dass das politische System fehlerbehaftet ist, aber er glaubt, dass er es besser macht. (…) So wie er es sieht, hat Airbnb große Hotelketten bekämpft, damit Lehrer und Krankenschwestern ein zusätzliches Einkommen mit der Vermietung ihrer leeren Zimmer gewinnen konnten. Coinbase hat den Leuten eine Möglichkeit gegeben, die großen Banken und ihre schwindelerregenden Gebühren zu umgehen. Viele der alten Unternehmen haben die Politik benutzt, um auf Kosten der Öffentlichkeit zu profitieren. Es sei nur fair, argumentiert Lehane, die Internet-Unternehmen ebenfalls für ihre Agenda kämpfen zu lassen; sein Einsatz, bekräftigt er, begründe sich in dem Glauben, dass die Technologien, wenn sie gut reguliert werden, den Machtlosen helfen, ihren Anteil zu bekommen. Natürlich hat diese Mission Lehane sehr wohlhabend gemacht. (Er hat sich geweigert anzugeben wie wohlhabend.)"

Eine Geschenkzeichnung von Polly Jane Reed,  (1818-1881), A Type of Mother Hannah's Pocket Handkerchief. New Lebanon, New York, 1851. Andrews Collection, Hancock Shaker Village, Massachusetts.


Jackson Arn besucht die Ausstellung "Anything but Simple: Gift Drawings and the Shaker Aesthetic" im American Folk Art Museum und stellt uns dabei eine Sekte vor, die hierzulande ziemlich unbekannt sein dürfte, die Shaker, die vor 250 Jahren aus Britannien kamen und den Quäkern nicht unähnliche Gemeinschaften bildeten. Dass der Begriff "Shaker" nie abwertend benutzt wurde wie "Puritaner" oder "Amish" hat mit ihren schönen Handarbeiten und Möbeln zu tun, glaubt Arn. "Shaker-Stühle gehören zu den wenigen Kunstwerken, die ich als auf zarte Art streng bezeichnen würde. Wenn ich einen anschaue, tut mir der Rücken weh, jeden anderen Teil von mir beruhigt er. Aber in dieser Ausstellung geht es nicht um Stühle, abgesehen von einem einzelnen einleitenden Werk. Es geht um Aquarell, Tinte und Papier und darum, wie eine Gruppe sich mit bodenlosem Appetit dem Visuellen widmen und dennoch für ihre Einfachheit weltberühmt werden kann. Ein Werk als Schwester Polly Jane Reeds Zeichnung des Hauses der Heiligen Mutter Weisheit, einer spirituellen Einheit der Shaker, zu bezeichnen, wäre nicht falsch. Sie sollten jedoch wissen, dass ein großes blaues Auge aus dem Dach starrt, ein Baum dort wächst und ein kompakter Kosmos aus Regenbogenformen das Haus umgibt, einschließlich eines matschig aussehenden Dings, das einer Seeanemone ähnelt, aber in Wirklichkeit, so Reeds unermüdliche Beschriftung, die Trompete der Weisheit ist. Diese Beschriftungen! Sie hecheln den Bildern hinterher, erklären manchmal, was was ist, sind aber immer mit kleinen Konfettiregen aus Buchstaben verziert. Wenn Sie auf dem Weg nach draußen an diesem Stuhl vorbeikommen, haben Sie vielleicht das Gefühl, dass die Shaker in vielerlei Hinsicht enthaltsam waren, weil sie bereits von der Göttlichkeit beseelt waren. Die Möbel müssen nicht bequem sein, wenn alle zu ekstatisch sind, um zu sitzen."

Weitere Artikel: Sage Mehta erzählt von ihrem Vater, dem Schriftsteller Ved Mehta. Alex Barasch stellt "Chairman Bang" vor, einen unfassbar erfolgreichen Vermarkter von K-Popidolen. Elizabeth Kolbert erklärt, inwiefern das Schicksal des vom Klimawandel gezeichneten Grönlands von Bedeutung für den Rest der Welt ist. Kelefah Sanneh liest eine Biografie des afroamerikanischen Bürgerrechtlers John Lewis. Alexandra Schwartz liest Rachel Kushners neuen Spionageroman "Creation Lake". Alex Ross hört Missy Mazzolis Oper "The Listeners" (hier eine Hörprobe bei Youtube). Lesen dürfen wir außerdem Matthew Klams Kurzgeschichte "Hi Daddy".

Magazinrundschau vom 01.10.2024 - New Yorker

Ratten können sich nicht erbrechen, deswegen sind sie sehr vorsichtig, was sie essen und es ist nicht leicht, sie zu vergiften, lernt Elizabeth Kolbert, die für den New Yorker zwei neue Bücher John B. Calhoun gelesen hat, einen Pionier der Rattenforschung. "Rat City: Overcrowding and Urban Derangement in the Rodent Universes of John B. Calhoun" von Edmund Ramsden und Jon Adams sowie "Dr. Calhoun's Mousery: The Strange Tale of a Celebrated Scientist, a Rodent Dystopia, and the Future of Humanity" von Lee Alan Dugatkin. Calhoun hatte in einem dystopisch anmutenden Experiment einen Wohnblock nachgestellt, anhand von dessen Rattenpopulation er herausfinden konnte, weshalb die Nagetiere eine bestimmte Populationsgrenze nicht überschreiten. Die Gründe sind brutal: "Nachdem er die Ratten so lange beobachtet hat, hatte Calhoun nun einen guten Überblick darüber, was das Bevölkerungswachstum hemmte. Die Ratten hatten sich in elf Clans aufgeteilt. Vier hatten Nester, die sich praktischerweise im Zentrum der Anlage befanden, in der Nähe der Nahrungsmittelbehälter. In diesen privilegierten Clans haben sich einige dominante männliche Ratten mit einer großen Zahl von Weibchen gepaart und sie beschützt. Obwohl diese Rattenmütter viele Jungen geboren haben, hat es nicht gereicht, um die Verluste der alternden und zunehmend streitenden Population auszugleichen. Die Ratten der banlieues haben ihrerseits unter konstantem Stress gelebt. Wenn sie versucht haben, zu den Nahrungsmitteln zu kommen, haben die fetten Ratten in der Mitte - oft erfolgreich - versucht, sie abzuwehren. An den Ecken der Anlage sind die statusniedrigen Männchen von Bau zu Bau gezogen und haben die Weibchen belästigt. Die Weibchen außerhalb des Machtzentrums waren so erschöpft, dass sie kaum je schwanger geworden sind, aber wenn sie doch geworfen haben, haben sie ihre Jungen oft verlassen. Calhoun veröffentlichte seine Ergebnisse in einer zweihundertachtundachtzig Seiten langen Monographie mit dem Titel 'The Ecology and Sociology of Norway Rats'. Wie Ramsden und Adams betonen, war die Verwendung des Wortes 'Soziologie' im Titel gewagt, da dieser Begriff normalerweise für das Studium des Menschen reserviert ist. Gegen Ende des Bandes machte Calhoun seine Absicht deutlich. 'Tierische Themen', so schrieb er, 'können bei der Erhellung einiger der sozialen Probleme, mit denen der Mensch heute konfrontiert ist, von Wert sein.'"

Suzanne Jackson, "Blooming" (1984). © Suzanne Jackson / Courtesy the artist / Ortuzar Projects


Hilton Als stellt die 80-jährige afroamerikanische Malerin Suzanne Jackson vor, "deren erhebende Ausstellung 'Light and Paper' (bei Ortuzar Projects) wenig mit unterdrückerischen Machtstrukturen und alles mit der Freude am Machen und der transformativen Kraft des Lichts zu tun hat", wofür die Black Panther laut Als in den 70ern kein Verständnis hatten. Bei Ortuzar sind jetzt "elf Arbeiten zu sehen, die alle zwischen 1984 und 2024 entstanden, und es gibt keine einzige, die sich nicht um Licht dreht und darum, wie man es darstellen oder seine flüchtige Natur einfangen kann. Eine Lektion, die man bei der Betrachtung von Jacksons Arbeiten lernt oder in Erinnerung behält, ist, dass natürliches Licht nicht stillsitzt und sich jedes Mal, wenn das Auge versucht, sich darauf auszuruhen - in einer Zimmerecke, in einem Garten, auf den Seiten eines Buches -, verschiebt und verändert, wodurch sich auch die Perspektive ändert. Licht durchflutet zum Beispiel 'Blooming' (1984). Es dringt nicht durch ein Portal in das Bild ein - es gibt keins -, sondern durch die Vorstellungskraft der Künstlerin. Man kann an der sanften Art, wie es die Blume in der Mitte des Bildes umhüllt, erkennen, dass es nicht ewig da sein wird - genau wie die Blüte."

Weitere Artikel: Ist ein Chat mit einem Bot wirklich eine Unterhaltung, fragt sich (hoffentlich nicht ernsthaft) Jill Lepore. Rebecca Mead liest eine Biografie über Queen Elizabeth II.. Amanda Petrusich unterhält sich mit Coldplay-Frontman Chris Martin. Und Alex Ross berichtet vom Musikfestival Mendelssohn on Mull.

Magazinrundschau vom 17.09.2024 - New Yorker

Grant Petersen ist der Gründer der Fahrradfirma Rivendell, die Fahrräder baut, mit denen man cruisen kann, nicht rasen. Riverdell stellt 'schöne Fahrräder her, es nutzt Materialien und Komponenten, die von der Fahrradindustrie größtenteils aufgegeben wurden und hat eine Idee vom Radfahren als unaufgeregt, Anti-Auto und Anti-Unternehmer", erklärt Anna Wiener im New Yorker. Die Rückbesinnung auf das Rad als Fortbewegungsmittel und weniger als Selbstoptimierungs-Statussymbol treibt ihn an: "Petersen glaubt, dass der Fokus der Fahrradindustrie auf das Rennen - zusammen mit 'Wettbewerb und einer allgegenwärtigen Sucht nach Technologie' - einen giftigen Einfluss auf die Radkultur hatte. Er lehnt die breit angelegte Werbung von Spandex-Trikots, Energiegels und Workout-Apps wie Strava für Freizeitradler ab. Er findet, dass niedrige, gebogene Lenker Radler in unnatürliche Positionen zwängen, dass Fahrräder aus Carbon und Aluminium Sicherheitsrisiken aufweisen, und dass dehnbare Synthetikstoffe nichts sind gegenüber Seersucker und Wolle. 'Der ganze Sinn des professionellen Fahrens ist heutzutage, eine Nachfrage auf dem Markt für wirklich teure Räder herzustellen', erklärt er. Er sieht die Glorifizierung von Schnelligkeit - persönliche Bestleistungen, konstantes Quantifizieren, Metriken, Bestenlisten - als Demotivation für Einsteiger an, die ansonsten Spaß am Radfahren haben würden. 'Ich würde gerne eine Tour de France sehen, bei der die Fahrer über die ganze Tour nur ein Rad fahren dürfen', meint er. 'Sie müssen ihre Wartungsarbeiten selbst durchführen, ihren Platten selber wechseln, genau wie normale Leute auch. Anders als jetzt hätte Radrennen dann einen positiven Trickle-Down-Effekt. Fahrräder wären besser, sie wären sicherer und sie würden länger halten. Und die Rennen wären kein Stück weniger interessant.'"
Stichwörter: Rennrad, Radrennen, Radsport

Magazinrundschau vom 24.09.2024 - New Yorker

Der italienische Priester Luigi Ciotti hat sein Leben dem Kampf gegen die Mafia gewidmet, D.T. Max hat ihn und seine Organisation Libera besucht, die sich die Aufgabe gegeben hat, Frauen aus Mafiafamilien den Ausstieg zu ermöglichen. Eine von ihnen ist L.. Sie lernt ihren Mann mit vierzehn kennen und wird mit fünfzehn Mutter. Schnell hält Gewalt Einzug in die Beziehung, erfahren wir. Als er wegen seiner Tätigkeiten in der Mafia verhaftet wird, flieht sie: "Nach Ciottis Meinung unternimmt die italienische Regierung nicht genug, um Frauen wie L. zu schützen. Männer in der Mafia stellen für gewöhnlich sicher, dass sie ihre illegalen Geschäft außerhalb der Hörweite ihrer Familie besprechen, sodass Frauen wie L. meistens niemals direkt Zeuginnen der Verbrechen werden - so können sie nicht ins Zeugenschutzprogramm aufgenommen werden. Weil sie dem Staat nicht helfen können, hilft der Staat ihnen nicht. Trotzdem war L. in unmittelbarer Gefahr. Die Frauen von Mafiosi, die ihre Familien verlassen, werden als Verräterinnen gesehen und manche werden ermordet. Die dreizehnjährige Maria Concetta Cacciola wurde mit einem Mafiamitglied verheiratet, ihre Eltern waren ebenfalls in der 'Ndrangheta involviert. 2011 floh sie schließlich aus Calabrien in Richtung Norditalien und ließ ihre drei Kinder zurück. Cacciolas Mutter hat sie mit den Kindern als Druckmittel nach Hause gelockt. Weniger als zwei Wochen darauf haben ihre Eltern sie in den Keller gerufen, wo ein Gefäß mit Säure stand. Höchstwahrscheinlich wurde sie gezwungen, die Säure zu trinken - eine der Strafen der Mafia für Verräter. Cacciola wurde im Krankenhaus für tot erklärt; ihr Vater erzählte der Polizei, sie sei durch Suizid zu Tode gekommen."

Rebecca Mead isst im Kopenhagener Restaurant Alchimist rohe Quallen und gefriergetrocknetes Lammhirn in einer Schädelattrappe, während an der Decke Videos über den Klimawandel laufen, yummy! Daniel Alarcon stellt den kolumbianischen Komponisten und Musiker Eblis Alvarez vor. Louis Menand liest einige neue Bücher, die die Verfassung der USA in Frage stellen. Jia Tolentino hört Musik der verstorbenen Sängerin Sophie. Lesen dürfen wir außerdem eine Kurzgeschichte von Allegra Goodman und Aufzeichnungen des Neurologen Oliver Sacks über Patienten, die an der europäischen Schlafkrankheit litten.

Magazinrundschau vom 10.09.2024 - New Yorker

Anhand der kleinen jüdischen Zeitschrift Jewish Currents blickt Gideon Lewis-Kraus auf die Brüche, die seit dem 07. Oktober durch die jüdisch-amerikanische Community gehen. Die Konflikte zeigen sich hier nicht nur zwischen Zionisten und Propalästinensern, sondern auch zwischen den Generationen sowohl in der personellen Besetzung als auch in der Rezeption des Blatts wie unter der Lupe: "David Myers, der am UCLA jüdische Geschichte unterrichtet, hat seinen Sitz im Currents-Vorstand 2022 aufgegeben, aber seine Millenial-Tochter hat ihren behalten. Myers erzählte mir, dass er 'nicht mehr sicher ist, was die ultimative Nachhaltigkeit oder sogar moralische Frage eines selbsternannten jüdischen Staates betrifft.' Er pausierte. 'Aber ich habe Angst, diese Zweifel jetzt auszusprechen, weil ich glaube, dass das die physische Sicherheit israelischer Juden gefährden würde. Ich gehöre zur letzten Generation - wirklich der letzten -, die im Schatten des Holocausts aufgewachsen ist, für die die existenzielle Frage, wie wir überleben werden, die Frage meines Lebens ist. Die existenzielle Frage für meine Töchter ist: Wie können wir dieses Ausmaß an Unterdrückung, Dehumanisierung und Brutalität in unserem Namen rechtfertigen? Wir können es nicht.' Aber er sagte mir, seine 'gequälte Seele' sei bei Israel: 'Wie ist diese einst so nötige und großartige Idee so schief gelaufen? Es stellt sich heraus, es war gar keine so großartige Idee, sondern ein Projekt der Eroberung und der Rettung, eines, das Juden vor großem Unglück und dem sicheren Tod bewahrt hat. Ich bin vielleicht nur einen Millimeter von meinen Töchtern entfernt, aber in dieser aufgeheizten Stimmung ist dieser Millimeter riesengroß."

Magazinrundschau vom 20.08.2024 - New Yorker

Der Pastor Paul Mackenzie hat in Kenia einen Kult begründet, dem mehrere hundert Menschen zum Opfer gefallen sein sollen, berichtet Alexis Okeowo im New Yorker. Mackenzie hatte seine Anhänger, mit denen er sich im Shakahola-Wald aufhielt, dazu bewegt, sich zu Tode zu hungern, um ins Paradies zu kommen und Jesus zu treffen. Okeowo hat sich unter anderem mit Halua Yaa getroffen, einer Überlebenden, und Victor Kaudo, einem Menschenrechtsaktivisten: "Ende März 2023 haben Polizisten Mackenzie in seinem Haus in Malindi festgenommen. Er wurde zunächst auf Kaution freigelassen. Im nächsten Monat wurde er allerdings wieder verhaftet, und dutzende schwer bewaffnete Polizisten führten eine Razzia in Shakahola durch. Kaudo war als Begleiter mitgekommen und nutzte Wegbeschreibungen von Yaa und anderen. Manche Mitglieder der Kirche hörten sie kommen und flüchteten auf Motorrädern in den Wald. Andere waren dem Tod nahe. 'Sie sind wirklich gläubig', meinte Kaudo. Eine alte Frau und ihre Enkelin protestierten, als Kaudo und ein Polizeibeamter sie aus dem Wald holen wollten, es würde sie davon abhalten, Jesus zu treffen. Kaudo sah mehrere Massengräber. 'Es gab nicht mal ein richtiges Begräbnis', sagt er. 'Die Gräber waren nicht tief, nur drei Fuß. Alle diese Körper waren sehr dünn. Die Frauen waren nackt.' In einem einzigen Grab hat er eine Frau, einen Mann und sechs Kinder liegen sehen. Vier Menschen, die Kaudo ins Krankenhaus bringen wollte, sind auf dem Weg dorthin gestorben, einer davon, ein Kind, in seinen Armen. Er empfand Trauer und Wut. 'Wenn die Regierung von Beginn an kooperiert hätte, hätten wir hunderte Menschen retten können', so Kaudo. (…) Vielen Leichen, die er gesehen hatte, fehlten Organe. 'Sie hatten keine Nieren', berichtet er. 'Sie hatten keine Augen.'" Chefinspektor Martin Munene bestätigte das, und fügte hinzu, dass vermutlich "ein gut organisierter Organhandel stattgefunden hat".

Weiteres: Annie Ernaux erzählt von einem komplizierten Jahr. Brooke Jarvis erklärt, wie schwierig es ist, einen Maßstab für die Höhe des Meeresspiegels zu finden. Louis Menand erkundet, ob die Zeit des stationären Buchhandels vorbei ist. Und Justin Chang sah im Kino Victor Erices "Close your eyes".

Magazinrundschau vom 03.09.2024 - New Yorker

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Rebecca L. Davis ist Professorin für Geschichte und Gender Studies an der Universität Delaware und hat mit "Fierce Desires: A New History of Sex and Sexuality in America" ein Buch über die Geschichte von Sexualität und vor allem ihren Besonderheiten und Abweichungen in den USA geschrieben, von dem Rebecca Mead im New Yorker viel Neues lernt. So zum Beispiel die Bedeutung, die Sklavinnen für die Entwicklung der modernen Gynäkologie hatten: "Davis schreibt auch über die sexuelle Ausbeutung, die endemisch in der Sklaverei ist. Schwarze Frauen waren nicht nur sexuellem Missbrauch durch jene ausgesetzt, die sie versklavt haben, sondern wurden auch nach ihrer Fruchtbarkeit beurteilt, sodass die Sklavenhalter die Zahl der Arbeiter auf ihren Feldern erhöhen konnten. James Marion Sims, der frühere Präsident der American Medical Association und der sogenannte Vater der modernen Gynäkologie, entwickelte eine Technik, um Fisteln zu behandeln - eine Entbindungskomplikation, die in einem Loch im Gewebe zwischen Blase und Vagina besteht - indem er, ohne Betäubung, an versklavten Frauen experimentiert hat. (Eine Statue von Sims, die einst im Central Park stand, wurde verunstaltet und 2018 nach Anti-Rassismus-Protesten entfernt). Angesichts der grauenvollen Ausnutzung der Reproduktionsorgane der versklavten Frauen war die Nutzung von volksmedizinischen Abtreibungsmitteln wie Salbeitee und Baumwollwurzel eine Form von kollektivem Widerstand. 'Widerstand gegen und Subversion der Brutalität der Sklaverei hat sich nicht nur in Sklavenrebellionen ereignet, sondern auch in diesen intimen Akten', hat Davis scharfsinnig festgestellt."

Magazinrundschau vom 06.08.2024 - New Yorker

Im New Yorker versucht David Remnick ein Porträt von Yahya Sinwar zu entwerfen, Führer der Hamas in Gaza und Architekt des Massakers vom 7. Oktober. Sinwar hatte seine "Karriere" bei der Hamas damit begonnen, palästinensische Abweichler oder "Verräter" aufzuspüren, zu foltern und zu ermorden. Seine Brutalität war berüchtigt. Er saß lange in israelischen Gefängnissen wegen der Entführung eines israelischen Soldaten. Dort lernte ihn auch der pensionierte Zahnarzt Yuval Bitton kennen, der dafür sorgte, dass Sinwar in einem israelischen Krankenhaus an einer potenziell tödlichen Geschwulst im Kopf operiert wurde. Sinwar kam später, mit hunderten anderen Palästinensern, im Austausch gegen den israelischen Soldaten Gilad Shalit frei. Aus seinem Hass auf die Israelis und Plänen zu ihrer Vernichtung hat Sinwar auch im Gefängnis nie ein Geheimnis gemacht, lernt Remnick. Tatsächlich hätte die israelische Armee gut daran getan zu glauben, dass Sinwar alles, was er über die Jahre gesagt und geschrieben hatte, buchstäblich auch so meinte: "Wie sich später herausstellte, war der israelische Geheimdienst seit langem im Besitz eines Kriegsplans der Hamas, der als Jericho Wall bekannt ist und die Ereignisse des 7. Oktobers nahezu exakt wiedergibt. Sinwar hatte sogar einige Wochen zuvor eine geheime Nachricht an die Israelis geschickt, in der er sie warnte, dass sie mit einem Aufflammen der Kämpfe in den Gefängnissen rechnen müssten. Die Nachricht zirkulierte laut Channel 12 in den höchsten Rängen des Mossad, des Shin Bet und der IDF; sowohl Netanjahu als auch Verteidigungsminister Yoav Gallant waren 'auf dem Laufenden'. Doch als die israelische Militärführung am Tag des Angriffs kurz nach 3 Uhr morgens erfuhr, dass Hamas-Soldaten Manöver abhielten, kamen die Befehlshaber zu dem Schluss, dass es sich wahrscheinlich nur um Übungen handelte." Auch der israelische Analyst Michael Milshtein kritisiert gegenüber Remnick "die Vernachlässigung dessen, was Sinwar öffentlich sagte. Er sagte: 'Im nächsten Krieg werden wir die Kämpfe eröffnen - und der Krieg wird auf israelischem Gebiet stattfinden, nicht auf palästinensischem', so Milshtein. 'Das war in offenen Quellen! Sinwar und andere haben es öffentlich gesagt!' In den letzten Jahren habe die Hamas ein umfangreiches Training durchgeführt, das auf Szenarien basierte, in denen Angreifer Kibbuzim und Militärbasen überfielen. ... Ein hochrangiger israelischer Sicherheitsbeamter sagte mir, dass die Parallele zu 1973 unheimlich sei: Das Sicherheitsestablishment habe unter der 'eitlen Unfähigkeit gelitten, zu erkennen, dass Yahya Sinwars messianische Reden und ehrgeizige Militärproben ernst gemeint waren'." Ein weiteres lesenswertes Sinwar-Porträt brachte vor einigen Monaten das Magazin Tablet (unser Resümee).

Im Fall McGirt vs. Oklahoma entschied der Supreme Court 2020, dass das Reservat der Muskogees bei der Gründung des Bundesstaats rechtswidrig aufgelöst worden war und daher auch heute noch in seinen Grenzen von 1866 bestehe. Rachel Monroe hat sich für den New Yorker auf die Spur der Folgen dieser Entscheidung begeben: Im Reservat besteht für die Stämme die Möglichkeit, Angeklagte nach Stammesrecht vor Gericht zu stellen, statt sie dem staatlichen Recht zu überantworten. Das führt dazu, dass die unterschiedlichen Behörden aneinandergeraten: "Der Okmulgee County-Vorfall begann letzten Dezember, als ein Polizist der Lighthorse-Polizei der Indigenen, Keith Bell, einen Verdächtigen abgetastet und ein kleines Tütchen Fentanyl gefunden hatte. Weil der Verdächtige nicht indigen war, rief Bell die Stadtpolizei, die nicht reagierte. Bell wollte den Mann nicht gehen lassen, aber weil es keine Kreuzvertretungsübereinkunft mit dem Sheriffsbüro gab, konnte er ihn nicht verhaften. Es hätte allerdings einen möglichen Ausweg gegeben: Die Lighthorse-Polizei hat eine Übereinkunft mit einer obskuren staatlichen Organisation namens Grand River Dam Authority. In der Vergangenheit ist das meist so interpretiert worden, dass die Lighthorse-Polizei Verhaftungen in jedem County vornehmen konnte, wo die GRDA Gebiete hat - inklusive Okmulgee County. Northcross, der stellvertretende Lighthorse-Chef, hatte Schwierigkeiten schon erwartet und war mit zum County Jail gekommen. Als die Stammespolizei den Mann in eine Arrestzelle bringen wollte, weigerten sich die Gefängniswärter, den Verdächtigen aufzunehmen. Der Streit wurde zu einer schreienden Auseinandersetzung; ein Gefängniswärter hat angeblich einen Stammesoffizier beschuldigt, 'kein richtiger Polizist' zu sein. Die Wärter zogen sich in einen sicheren Eingangsbereich zurück und Northcross folgte ihnen. Die Tür schlug hinter ihm zu, sodass sein Kollege Bell und ein weiterer Beamter in der Zelle mit dem Verdächtigen eingesperrt waren. (…) Northcross, der sich ziemlich zurückgehalten hat, beschrieb die Szene als 'nicht angenehm' und 'ziemlich aufgeheizt'. Letztendlich, nachdem sie sich mit dem Generalstaatsanwalt beraten hatten, nahmen die Wärter den Gefangenen zähneknirschend auf. Der Stamm hat den Wärter, der Northcross gestoßen hatte, wegen schwerer Körperverletzung an einem Polizeibeamten angeklagt, die Anklage wurde jedoch später fallen gelassen. Als Ergebnis des Konflikts hat der Gouverneur Stitt das Prinzip der Kreuzvertretung abgeschafft, was bedeutet, dass die Stammespolizei keine Nicht-Natives mehr in Okmulgee County verhaften darf. Das Büro des Sheriffs und die Stammespolizei befinden sich im Grunde genommen in einem kalten Krieg."

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - New Yorker

Katherine Rundell liest für den New Yorker zwei neue Bücher über Haie, "Sharkpedia" von Daniel C. Abel und "Sharks Don't Sink" von Jasmin Graham, beide Meeresbiologen, und lernt mythische Kreaturen kennen, für die die Menschheit die größte Gefahr ist und nicht umgekehrt. So sind viele der rund fünfhundert Haiarten vom Aussterben bedroht, von denen einige weitestgehend unbekannt sind, weil sie so im Verborgenen der Ozeane leben. Zum Beispiel der Grönlandhai: "Er ist das am längsten lebende Wirbeltier der Erde, aber erst kürzlich hat man herausgefunden, wie alt er wirklich wird. 2008 hat ein dänischer Physiker, Jan Heinemeier, eine Methode entwickelt, Linsenkristalle aus ihrem Auge auf C14-Isotope zu testen und damit, grob zumindest, das Alter der Geschöpfe zu bestimmen. Später hat man ihn gebeten, Grönlandhaie zu testen. Der größte unter ihnen, ein 16 Fuß langes Weibchen, wurde auf zwischen 272 und 512 Jahre geschätzt. Weil Größe als starker Indikator für das Alter gewertet wird und weil es Aufzeichnungen von Grönlandhaien gibt, die 24 Fuß lang sind, ist es gut möglich, dass es Haie gibt, tief in den dunklen Abgründen unserer Ozeane, die noch älter sind. Es gibt wahrscheinlich lebende Haie, die schon durch die Meere geschwommen sind, als Shakespeare die Zutaten für den bösen Zaubertrank seiner drei Hexen in 'Macbeth' niedergeschrieben hat: 'Scale of dragon, tooth of wolf, / witches mummy, maw and gulf, / of the ravined salt-sea shark' (Wolfeszahn und Kamm des Drachen, / Hexenmumie, Gaum und Rachen / Aus des Haifischs scharfem Schlund)."
Stichwörter: Hai, Haie, Meeresbiologie, Macbeth