Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 27.01.2025 - New Yorker

Mit dem Sturz des Assad-Regimes nach 13 Jahren Bürgerkrieg sind auch dessen Foltergefängnisse wieder in den Fokus der (westlichen) Öffentlichkeit geraten - und diejenigen, die darin zu Tode gefoltert wurden, wie der Oppositionelle Mazen al-Hamada, dessen Familie Jon Lee Anderson in Syrien für den New Yorker besucht hat. Nach mehreren Jahren in Haft konnte seine Familie Mazen freipressen, er floh in die Niederlande, wo er mit den psychischen Folgen der Haft kämpfte - und sich letztlich vom Regime manipulieren ließ, zurückzukehren: "Er verschwand und machte sich auf den Weg nach Syrien. Er muss einen neuen Pass erhalten haben - was für seine Familie und Freunde ein Beweis dafür ist, dass das Assad-Regime ihn nach Damaskus gelockt hat. 'Es war klar, dass sie Mazen zurückwollten', so Mouaz Moustafa (ein Aktivist). Mazens Unterstützer sprechen davon, dass er mehrfach mit einer Frau gesehen wurde, von der man weiß, dass sie in der syrischen Botschaft in Berlin arbeitete. Moustafa glaubt, dass er in Berlin eine Gruppe von Expats getroffen hat, die mit Assads Geheimdienst verbunden waren, und dass sie ihm versprochen haben, er könnte eine Schlüsselrolle bei der Beendigung des Krieges spielen. 'Mazen litt zunehmend unter Größenwahn', sagte er. 'Sie haben seine Wahnvorstellungen genutzt, um ihn davon zu überzeugen, nach Damaskus zurückzukehren, und sie haben ihm versichert, 'Sie werden den roten Teppich für dich ausrollen.'' (…) Am Flughafen von Damaskus hat Mazen ein paar letzte hektische Anrufe getätigt. Er hat Natalie Larrison von der Unterstützungsorganisation Syrian Emergency Task Force erreicht, aber alles, was sie verstehen konnte, war das Wort 'Damaskus' auf Arabisch, und dann ging die Verbindung verloren. Noch vor dem Morgengrauen hat Mazen seinem Bruder Fawzi zufolge eine ihrer Schwestern angerufen mit der Bitte, ihm Geld an den Flughafen zu bringen - vielleicht, um Bestechungsgeld zu zahlen, vielleicht, um ein Ticket für einen weiteren Flug zu zahlen. Die Schwester hatte das Gefühl, es wäre unsicher, zu dieser Uhrzeit zu reisen, also kam sie zum Tagesanbruch und fragte nach Mazen. Da war er bereits verhaftet und ins Gefängnis des Geheimdienstes gebracht worden. Niemand hat ihn wieder gesehen, bis sein Körper in der Leichenhalle des Militärs auftauchte, fünf Jahre später."

Weiteres: Karl Ove Knausgaard stellt die Malerin Celia Paul vor (mehr hier). Alex Ross hört Neue Musik in LA. Lesen dürfen wir außerdem Samantha Schweblins Erzählung "A Visit from the Chief".

Magazinrundschau vom 20.01.2025 - New Yorker

Kassandrarufe, dass es um unsere Aufmerksamkeitsspannen schlecht bestellt steht, sind nicht neu, meint Daniel Immerwahr, der für den New Yorker unter anderem Chris Hayes' Buch "The Siren's Call" liest. Das Hauptproblem sei heute vor allem "Aufmerksamkeitskapitalismus", lernt er dort. Dieser habe "den gleichen dehumanisierenden Effekt auf die Psyche der Konsumenten wie der industrielle Kapitalismus auf die Körper der Arbeiter. Erfolgreiche Aufmerksamkeitskapitalisten halten unsere Aufmerksamkeit nicht mit spannendem Material, sondern reißen sie wie Spielautomaten immer wieder an sich. Sie behandeln uns wie Augäpfel und nicht wie Individuen, 'sich in unsere Hirne hacken', und uns nach mehr lechzend zurücklassen. 'Unsere Macht über unsere Hirne ist angeknackst worden', schreibt Hayes. 'Die Geschwindigkeit, in der wir diese Veränderung erleben, ist noch höher und intimer als selbst die schärfsten Kritiker erwartet haben.'" Diese Fragmentation von Aufmerksamkeit weist aber in mehr als eine Richtung, fügt Immerjahr hinzu: "Wir geben dem Internet die Schuld an polarisierender Politik und geschredderten Aufmerksamkeitsspannen, aber diese Tendenzen ziehen sich in gegenteilige Richtungen. Was auf die Kultur zutrifft, ist auch für Politik wahr: Wenn Menschen sich vom Mainstream entfernen, sind sie geneigt, obsessiv in Rabbit Holes zu fallen. QAnon anzuhängen erfordert dieselbe Hingebung, die man von einem K-Pop-Fan erwartet. Demokratische Sozialisten, Impfskeptiker, Antizionisten, Mannosphären-Alphas - alles keine Gruppen, die sich nur ein bisschen engagieren. Manche sind missinformiert, aber nie uninformiert: 'Betreib deine eigene Recherche', ist das Mantra der politischen Peripherie. Fragmentierung, so zeigt sich, führt in subkulturelle Tiefen."

Magazinrundschau vom 14.01.2025 - New Yorker

In einigen US-amerikanischen Bundesstaaten, unter anderem in Ohio, gibt es kostenintensive Bildungsgutscheine, die zunächst einmal dafür sorgen sollen, dass auch Kinder aus einkommensschwachen Familien die Chance haben, auf eine Privatschule zu gehen. Alec MacGillis erklärt, dass dadurch Schlupflöcher entstehen, die vor allem von konservativ-religiösen Privatschulen genutzt werden und öffentlichen Schulen schaden: Das Geld, das die Eltern von der Regierung erhalten, wandert direkt in die Kassen religiöser Organisationen: "Eine Initiative, die über Jahre hinweg als Bürgerrechtsbewegung beworben wurde - armen Kindern in schwierigen Schulverhältnissen zu helfen - droht, eine nationale Profitmasche zu werden. Viele Privatschulen erhöhen das Schulgeld, um von der Förderung zu profitieren, und neue Schulen werden gegründet, um sich daran zu bereichern. (…) Staaten, die die Familien mit Mitteln zu Homeschooling und Bildung versorgen, sehen sich mit Berichten konfrontiert, dass das Geld so ungewöhnliche Käufe wie Kayaks, Videospielkonsolen und Reitstunden finanziert." Ganz besonders profitiert das Center for Christian Virtue, die laut MacGillis auch kräftig bei den jüngsten Gesetzgebungen zugunsten eines größeren Budgets für die Bildungsgutscheine mitgemischt haben: Es ist, nachdem das Budget verabschiedet wurde, "stärker denn je. Die Organisation hat ein Netzwerk von dutzenden Schulen aufgebaut, die dem Center fünf Dollar pro eingeschriebenem Schüler zahlen, bis zu 3000 Dollar pro Schule, um Lobbyarbeit in ihrem Sinne zu betreiben. Essentiell können die religiösen Schulen nun einiges vom Steuergeld, das sie beziehen, nutzen, um für weitere Förderung zu werben. Zwischen 2020 und 2022 haben sich die Einnahmen des Centers mehr als verdreifacht, auf 4,2 Millionen Dollar."

Warum war die afroamerikanische Autorin Zora Neale Hurston so besessen von Juden, fragt sich Louis Menand. Sie versuchte sogar, eine Geschichte der Juden zu schreiben - "was im Grunde bedeutet hätte, die Bibel neu zu schreiben", so Menand: Das ganz eigene an ihrer Geschichtsversion, die sich in ihrem Entwurf für das Buch formuliert: Für sie sind die Juden quasi die ersten Amerikaner, denn sie sieht sie als die ersten, die universale Werte formuliert hätten. "Zwei Dinge fallen bei 'Just Like Us' auf. Erstens bezieht sie sich kaum auf Ethnie oder Geschlecht. Hurston sagt nicht, dass sie sich als schwarzer Mensch, der unter Stereotypen und Diskriminierung gelitten hat, mit den Juden identifiziert, und sie sagt nicht, dass sie sie als Frau, die in einer patriarchalischen Gesellschaft untergeordnet wurde, versteht. Sie sagt, dass sie sich mit den Juden als Amerikanerin identifiziert. Das 'wir' in ihrem Titel sind die Amerikaner. Das zweite, was auffällt, ist der persönliche Charakter des Dokuments. Die forsche, selbstbestimmende, selbständige Figur, die Hurston als Prototyp des Juden beschwört, ist Hurston selbst, eine Frau, die sich nicht von anderen vorschreiben lässt, wie sie zu leben hat. Was dieses Persönlichkeitsmerkmal für zeitgenössische Leser von Hurston kompliziert gemacht hat, ist, dass sie nicht meinte, dass die Weißen ihr nicht vorschreiben könnten, wie sie zu leben habe. Weiße Menschen waren nicht ihr Problem... Die Menschen, deren Führung sie sich widersetzte, waren die Freunde der Schwarzen, die Liberalen. Ihre Rabbiner waren die Ethnienführer der N.A.A.C.P. Hurston war der Meinung, dass die Liberalen des Nordens den Schwarzen eine Rolle zuwiesen, und sie weigerte sich, diese zu spielen. 'Ich gehöre nicht zu den schluchzenden Negern, die glauben, dass die Natur ihnen irgendwie ein schmutziges Schicksal beschert hat, und deren Gefühle deswegen verletzt sind', schrieb sie 1928, ein Satz, den sie ihr Leben lang wiederholte. Briefe an weiße Freunde unterzeichnete sie manchmal mit 'Your pickaninny'. Sie sah keinen Grund, sich über die Sklaverei zu beschweren. 'Sklaverei', sagte sie, 'ist der Preis, den ich für die Zivilisation bezahlt habe'."

Magazinrundschau vom 10.12.2024 - New Yorker

Amputations-Operationen haben sich lange Zeit kaum weiterentwickelt, stellt Rivka Galchen, auch bekannt als Romanautorin, für den New Yorker fest, aber der Biophysiker Hugh Herr, der selbst durch einen Kletterunfall seine Unterschenkel verloren hat, arbeitet unermüdlich daran, bionische Prothesen zu bauen, die über neuronale Verbindungen gedanklich und nicht mechanisch gesteuert werden können. Dafür sind Amputationen nötig, bei denen so viele Muskeln und ihre jeweiligen Gegenspieler bewahrt werden wie möglich. Das Problem dabei ist, dass vieles über das menschliche Gehverhalten nicht bekannt ist und so auch nicht technisch nachgeahmt werden kann - Herr und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Tyler Clites arbeiten unermüdlich für Herrs Freund Jim Ewing, der ebenfalls bei einem Kletterunfall einen Unterschenkel verlor, "um die Prothese für Ewings Wahrnehmung von Bewegung zu 'tunen.' Die Sensoren für die Elektromygraphie (EMG), das wie ein EKG für Muskeln außerhalb des Herzens funktioniert, wurden am Stumpf seines Beines angebracht und haben die elektrische Aktivität in seinen Beinmuskeln überprüft. (…) Wenn Ewing gebeten wurde, seinen Fuß leicht zu beugen, aber der prosthetische Fuß sich stark gebeugt hat, kann das System sich anpassen. 'Vielleicht ist das philosophische Konzept dabei, dass bei einer guten Amputation die bestmögliche Prothese ruhig dumm sein kann', hat Clites mir erzählt. 'Es ist eine Prothese, die gar nicht viel denken muss … weil das Hirn und das Rückenmark das Denken übernehmen.' Herr erklärt noch einmal klarstellend: 'Es gibt keinen richtigen Algorithmus in der Prothese. Es stammt alles aus der biologischen Berechnung. Das ist cool, weil der Mensch die Kontrolle hat.'"

Weitere Artikel: Alex Ross stellt nach einem Konzert der Berliner Philharmoniker fest: Die brauchen keinen Stardirigenten. Lauren Collins fragt, wie Emmanuel Macron "Frankreich ins Chaos stürzen" konnte. Calvin Tomkins porträtiert den Künstler Rashid Johnson vor seiner großen Schau im Guggenheim. Alex Barasch stellt die niederländische Regisseurin Halina Reijn vor, deren Film "Babygirl" mit Nicole Kidman gerade im Kino läuft. Benjamin Kunkel liest Paul Valérys Roman "Monsieur Teste". Richard Brody sah im Kino RaMell Ross' Verfilmung von Colin Whiteheads Roman "Nickel Boy". Lesen dürfen wir außerdem Lauren Groffs Erzählung "Between the Shadow and the Soul".

Magazinrundschau vom 03.12.2024 - New Yorker

Seit Javier Milei vor einem Jahr an die Macht gekommen ist, hat er Argentinien vor allem in ökonomischer Hinsicht einer Schocktherapie ausgesetzt. Aber ob das Land diese auf Dauer aushält, wird von mehreren Experten bezweifelt, mit denen Jon Lee Anderson für den New Yorker gesprochen hat. Der argentinische Ökonom Sebastián Menescaldi beispielsweise "glaubt, dass Milei zu wenig getan hat, um die lokale Wirtschaft anzukurbeln. Stattdessen kontrolliert er die Devisenkurse, um Investments aus dem Ausland anzulocken. Für Menescaldi eine Illusion, denn das meiste Geld kommt von Kurzzeit-Investoren, die von Mileis Angebot von zwei Prozent Zinsen angelockt wurden. Aber sie werden ihre Investitionen nicht dort belassen, wenn sie das Land für finanzpolitisch instabil halten. Einige große Firmen wie Exxon haben bereits Vermögenswerte in Argentinien veräußert. 'Alles, was wir derzeit an Entwicklung sehen, basiert auf Spekulation', so Menescaldi. 'Die Herausforderung für Milei ist es, eine Brücke zu schlagen, um das Spekulationskapital in Langzeitkapital zu verwandeln. Leider endet es meistens schlecht, wenn ein solcher Prozess sich in Argentinien abgespielt hat.'" Auch der Harvard-Professor Kenneth Rogoff macht auf die Instabilität des Systems aufmerksam: "'Es ist nun einmal Fakt, dass in Argentinien nichts für eine lange Zeit funktioniert. Es gibt strukturelle Probleme im Staatsapparat, die weit über den Peronismus hinausgehen. Die Bundesstaaten sind beispielsweise sehr autonom und können Defizite anhäufen, die dann der Staat ausgleichen muss. Ihre Wirtschaft braucht eine Neustrukturierung - sie ist schon so lange korrupt.' Milei will eine Revolution in Argentinien und Revolutionen sind von Natur aus unsicher und instabil. 'Es ist schwer, ein Beispiel einer Schocktherapie zu finden, die ebenso drastisch gewesen wäre wie diese', so Rogoff weiter. 'Höchstens in Polen vielleicht. Aber in Polen, das den Kommunismus hinter sich gelassen hat, war eine Bereitschaft da, sich mit vielem auseinandezusetzen. Und jetzt haben sie die vielleicht am besten funktionierende Wirtschaft Europas. Russland hatte auch eine Schocktherapie, aber in diesem Fall hat das zu Putin geführt.'"

Außerdem: Alex Ross hört Kali Malones achtzigminütige Suite "All Life Long". Casey Cep liest ein Buch über die Handwerkskunst des Zimmermanns, "Ingrained" von Callum Robinson. Richard Brody sah im Kino Paul Schraders "Oh, Canada". Lesen dürfen wir außerdem David Szalays Erzählung "Plaster".
Stichwörter: Argentinien, Milei, Javier

Magazinrundschau vom 26.11.2024 - New Yorker

Nachdem KI in letzter Zeit große Entwicklungssprünge gemacht hat, sind jetzt Roboter an der Reihe, erzählt im New Yorker James Somers, der einige Roboter-Labore besucht hat. Es ist schwierig, Robotern menschliches Verhalten wie Hemdenfalten beizubringen, aber es geht: Mit bestärkendem Lernen, das Belohnungen ermöglicht, wenn eine Aufgabe erfolgreich absolviert wird. Aber ist es wirklich erstrebenswert, dass Roboter uns unliebsame Alltagsaufgaben abnehmen? Was steht in moralischer Hinsicht auf dem Spiel? "Es ist leicht, den Reiz darin zu sehen - und sich die Risiken vorzustellen, so viel Kontrolle über die Welt aufzugeben. Schon jetzt finden wir es schwierig, KI zu kontrollieren. Aus Sicherheitsgründen ist es Chatbots untersagt, bestimmten Content zu produzieren - aber es ist sebst für Amateure leicht, das mit simplen Prompts zu durchbrechen. Wenn eine künstliche Intelligenz gefährlich ist, die über Waffen spricht, stellen Sie sich eine K.I. vor, die eine Waffe ist: Ein humanoider Soldat, eine Sniper-Drone, eine Bombe, die denken kann (…) Im Ukrainekrieg wurden Fotografie-Drohnen in ferngesteuerte Explosiva verwandelt. Wenn solche Drohnen autonom werden, könnten die Militärs behaupten, diesen oder jenen Angriff nicht in Auftrag gegeben zu haben - sondern ihre Roboter. 'Es ist nicht möglich, ein unbelebtes Objekt zu bestrafen', hat Noel Sharkey geschrieben, ein emeritierter Informatikprofessor an der University of Sheffield. 'In der Lage zu sein, Verantwortung zuzuordnen, ist essentieller Bestandteil der Kriegsgesetzgebung. Es wird geschätzt, dass mehr als neunzig Länder Militärroboterprogramme haben, die meisten beinhalten Drohnen. Einige der größten Militärmächte der Welt haben gegen eine UN-Resolution gestimmt, die die Nutzung dieser Roboter einschränken." Bezüglich der Alltagstauglichkeit solcher humanoiden Helfer, etwa im Haushalt, fasst der Philosophieprofessor Mark Coeckelbergh zusammen: "Nicht alle Aufgaben sollten von Robotern übernommen werden. Wir haben es in der Hand. Es ist wie eine Denkaufgabe: Welche Jobs wollen wir Menschen erledigen lassen?"

Magazinrundschau vom 19.11.2024 - New Yorker

Spätestens seit Narendra Modi 2014 in sein Amt kam, werden die Bestrebungen, Indien auch linguistisch in einen hindunationalistischen Staat zu transformieren, immer stärker. Einer, der sich dem entgegenstellt, ist der Literaturwissenschaftler Ganesh Devy, den Samanth Subramanian für den New Yorker porträtiert. Seit 2010 verfolgt er mit seiner Großstudie, der People's Linguistic Survey of India (P.L.S.I.), das Ziel, so viele Sprachen wie möglich zu erfassen, die in Indien gesprochen werden, unabhängig von der Anzahl ihrer Sprecher. Es geht ihm dabei nicht um eine rein formale linguistische Erfassung, sondern darum, eine Landkarte der sprachlichen und kulturellen Vielfalt Indiens zu zeichnen: "Er wollte nicht zwischen Sprache und Dialekt trennen, und ganz besonders wollte er keine Sprachen ausschließen, die nicht über ein Schriftsystem verfügen. Wenn siebzig Prozent des Wortschatzes einzigartig sind, kam die Sprache in die Studie. Devy hat die Aufzeichnenden gebeten, alles zu notieren, was sie über die Geschichte ihrer Sprache wissen, zusätzlich Lieder, Gedichte und Geschichten. Er hat nach linguistischen Besonderheiten gefragt - wie die Zeiten funktionieren, oder ob Nomen ein Geschlecht haben. Er hatte gelesen, dass in Sprachen, die dem Aussterben nahe waren, die Worte für Farben als letztes aussterben, also schlug er den Beitragenden vor, diese ebenfalls zu sammeln. Er fragte nach Begriffen für Verwandschaft, die er mir als 'aufregendstes Material für alle Anthropologen' beschrieb. 'Die Gesellschaft ist eben eine elementare Struktur der Verwandtschaft, wie Claude Lévi-Strauss festgestellt hat.'" Der Politiktheoretiker Jyotirmaya Sharma versteht Devys Arbeit als demokratisches Projekt, wie er Subramanian erklärt: "Linguistische Pluralität ist an sich noch keine Garantie für Frieden und Wohlstand - und sie kann sich zu einem Fetisch für Nummern entwickeln, so Sharma. Aber er versteht Devys Vorhaben als ein demokratisches - als Mittel, denen das Rückgrat zu stärken, die sich bemühen, Widerstand zu leisten. Wenn viele Sprachen koexistieren, berichtete Sharma mir, gibt es die Möglichkeit, dass 'die kleinste Sprache, der harmloseste Dialekt das Potential erhalten, das wichtigste Wort zu sagen: 'Nein.''"

Weitere Artikel: Adam Gopnik liest Bücher, die sich mit der Frage beschäftigen, was der Unterschied ist zwischen einem gewalttätigen Mob und einer legitimen Protestbewegung. Lesen dürfen wir außerdem Saïd Sayrafiezadehs Kurzgeschichte "Minimum Payment Due".

Magazinrundschau vom 05.11.2024 - New Yorker

Captagon ist eine Droge, die ursprünglich mal in Deutschland erfunden wurde, erzählt Ed Caesar im New Yorker, heute sind die Amphetamin-Pillen vor allem im Mittleren Osten virulent - dank Assad. Er hat mit Christopher Urben gesprochen, einem ehemaligen Mitarbeiter der amerikanischen Drug Enforcement Administration, für den sich bis 2021 einiges abgezeichnet hat, was den Schmuggel mit Captagon angeht: "Viele der kontrollierten Schiffsfrachten kamen aus Syrien - besonders vom Hafen in Latakia, eine Hochburg der Assad-Familie. Im interessantesten Fall im Juli 2020 wurden 84 Millionen Captagon-Tabletten in einer Fracht aus Industriegetrieben und Papierrollen im Hafen von Salerno gefunden. Die sichergestellten Drogen waren eine Milliarde Dollar wert. Aber den Schätzungen Europols zufolge gibt es keinen Markt für Captagon in Europa. Einige Schmuggler aus dem Mittleren Osten, deren Lieferungen verdächtig aussehen für die Autoritäten in Saudi Arabien oder in der Golfregion, verschleiern die Bestimmung ihrer Fracht, indem sie sie zuerst durch Europa schicken. Die Extrakosten lohnen sich, wenn die Schiffslieferung erfolgreich ist. 'Das Assad-Regime hat diesen Handel groß organisiert', so Urben. 'Es gab einen gewissen Professionalismus im organisierten Verbrechen.' Quellen aus Syrien bestätigen, dass die Assad-Familie, insbesondere Maher, der Bruder des Präsidenten, die Lieferungen zusammen mit den Produzenten im Libanon kontrolliert. Die Verbindung zur Hisbollah ist wichtig, erklärt Urben, 'weil sie Experten sind, was Transporte und Korruption in diesen Regionen und außerhalb davon angeht - Korruption in den Häfen, Geldwäsche.'" Matthew Zweig von der Foundation for the Defense of Democracies glaubt hingegen nicht, dass der Handel noch völlig unter der Kontrolle der Syrer ist: "Im Laufe der Zeit, stellt er heraus, bilden Drogenreiche rivalisierende Machtzentren und die Kriminellen, die in den Captagon-Handel involviert sind, wollen zweifelsohne ihr Geschäft aufrechterhalten. Zweig hat keine Zweifel, dass die 4. syrische Division weitreichend involviert ist. Aber der Amphetamin- und Metamphetaminhandel im Nahen Osten ist möglicherweise über Assads Kontrolle hinausgewachsen. Zweig meint, dass die Entscheidung der Arabischen Liga 2023, die Beziehungen zu Syrien wieder aufzunehmen, zum Teil auch der Hoffnung entsprang, Assad könne dafür sorgen, dass Captagon die Region nicht überflutet. Aber der Handel ist immer noch stark, möglicherweise sogar wachsend. Zweig fragt: 'Ist es, weil Assad ihn nicht stoppen will - oder weil er es nicht kann?'"

Weiteres: Jill Lepore liest einige Bücher, die sich mit der Frage beschäftigen, ob Algorithmen, mit denen Wahlkämpfer die Temperatur des Wahlvolks messen, eher nützlich oder schädlich für die Demokratie sind.Immer mehr Amerikaner bereiten sich auf den Weltuntergang nach der Wahl vor, berichtet Charles Bethea. Sam Knight porträtiert den Schatzsucher Nigel Pickford, der gesunkene Wracks findet, ohne je Land zu verlassen. Jennifer Wilson erklärt, warum die Märchen der Gebrüder Grimm so düster sind. Alex Ross berichtet von einem Festival in Indiana, das den 150. Geburtstag des Komponisten Charles Ives feierte. Lesen dürfen wir außerdem Greg Jacksons Kurzgeschichte "The Honest Island".

Magazinrundschau vom 12.11.2024 - New Yorker

Edwin Frank ist Verleger in der Klassiker-Abteilung des Buchverlags der New York Review of Books, der obskure ebenso wie bekannte Werke neu auflegt und damit, für Louis Menand im New Yorker zumindest, unerklärlicherweise sein Publikum findet. Frank hat mit "Stranger Than Fiction" nun ein Buch über den Roman des zwanzigsten Jahrhunderts geschrieben - den versteht er als eigenes Genre. Frank interessiert sich vor allem für die Gefühle, die er bei den Lesern auslöst. Anhand von 31 Romanen entwickelt er seine Theorie, die Menand so beschreibt: "Das zwanzigste Jahrhundert war eine Zeit gewaltvoller Veränderung, das reflektiert auch der Roman des zwanzigsten Jahrhunderts - nicht, oder nicht nur, im Inhalt, sondern auch anhand der Form. Wenn die Dinge zusammenhangslos und unverlässlich werden, wenn sich die Welt auf den Kopf stellt, tut das auch der Roman. 'Die Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts werden von der Geschichte überwältigt', so Frank. 'Sie existieren in einer Welt, in der die dynamische Balance zwischen Selbst und Gesellschaft, die der Roman des neunzehnten Jahrhunderts aufrechterhalten wollte, nicht mehr aufrechterhalten werden kann, nicht mal als Fiktion.' Der Romancier des zwanzigsten Jahrhunderts lehnt deshalb die 'scheinheilige, sentimentale und heuchlerische' (Franks Worte) Fiktion des neunzehnten Jahrhunderts ab. Die Autoren haben im Roman eine Form gefunden, die aus dem vorangegangenen Jahrhundert 'als robuste Präsenz mit einer hartnäckigen Neugier auf die Welt und einem gewissen zufriedenen Selbstbewusstsein' hervorgegangen ist, 'eine Form, die gleichzeitig bereit war, die Dinge aufzurütteln, als auch selbst aufgerüttelt zu werden.'" Das zeigt Menand, dass der Roman in der Lage ist, sich zu entwickeln und fast seismographisch auf gesellschaftliche Entwicklungen zu reagieren. Aber ob diese Elastizität anhält? Frank übt sich in Skepsis: Er "denkt, dass der Roman vor dreißig Jahren seine Relevanz verloren hat. Romanciers gehen in seiner Wahrnehmung nicht mehr an die Grenzen. Ich denke nicht, dass es so ist. Was mir aber wahr zu sein scheint, ist, dass der Roman nicht mehr im Zentrum des kulturellen Interesses steht."

Jadé Fadojutimi, Cavernous Resonance, 2020


Rebecca Mead besucht in London die 31-jährige Malerin Jadé Fadojutimi in einem - wo sonst? - riesigen alten Lagerhaus: Fadojutimis Gemälde, die sie manchmal in nur wenigen Stunden malt, "sind, wie der Raum, in dem sie entstehen, von großem Ausmaß. Einige ihrer Leinwände sind drei Meter hoch und drei Meter breit, und sie ist sogar noch größer geworden. Innerhalb dieser ehrgeizigen Dimensionen schafft sie komplizierte Werke, die an der Grenze zwischen abstrakt und figurativ schimmern. Inmitten von leuchtenden Einschnitten, schillernden Bögen und eindringlichen Linien kann der Betrachter die Konturen von Blättern, Blumen, Schmetterlingsflügeln, Wellen oder Sonnen erkennen. Doch Fadojutimis wirbelnde Bilder scheinen einen Geisteszustand ebenso einzufangen wie einen Zustand der Natur - sie sind immer energiegeladen und manchmal ekstatisch, blühen in Farbe, Bewegung und Licht auf. Wie der improvisierte Kokon aus Einrichtungsgegenständen und Grünzeug, den sie im Herzen ihres Ateliers installiert hat, laden ihre Bilder zum Eintreten ein. Sie sind ein alternativer Ort zum Verweilen." Um Identität geht es der Tochter zweier Briten nigerianischer Herkunft dabei nicht die Bohne. Ihr Bezugspunkt ist nicht Nigeria, sondern die Welt der japanischen Animé. "Japan ist nach wie vor ein wichtiger Teil ihres Lebens; sie verbringt jeden Winter einige Monate dort und hat festgestellt, dass sie dort nicht nur malen, sondern auch eine Pause vom Malen einlegen kann. Anders als in London kann sie nachts um 3 Uhr ein Restaurant finden, das geöffnet hat, wenn sie oft gerade ein Bild fertiggestellt hat, und sie kann allein essen gehen, ohne sich unsicher zu fühlen."

Weitere Artikel: Eine Reihe von New-Yorker-Mitarbeitern und Autoren, darunter Rachel Maddow, Timothy Snyder und Jennifer Egan, liefern kurze Gedanken zur Wahl Donald Trumps (alle hier). Benjamin Wallace-Wells fragt entgeistert, warum die Demokraten einen derart inhaltslosen Wahlkampf führten. Jackson Arn besucht eine Tattoo-Messe. James Wood liest Devika Reges Debütroman "Quarterlife". Richard Brody sah im Kino Tyler Thomas Taorminas Comedy-Drama "Christmas Eve in Miller's Point". Lesen dürfen wir außerdem Han Kangs Kurzgeschichte "Heavy Snow".

Magazinrundschau vom 22.10.2024 - New Yorker

David D. Kirkpatrick hat versucht herauszufinden, wie groß die Gefahr ist, dass die Präsidentschaftswahl in Amerika von ausländischen Geheimdiensten beeinflusst wird - durch "Hacks und Lecks, Bots und Trolle, versteckte Zahlungen und gezielte Angriffsanzeigen". Besonders aktiv sind auf diesem Gebiet vor allem Russland (pro Trump) und der Iran (pro Harris). Abwehren soll diese Versuche das Foreign Malign Influence Center, dessen Arbeit nicht gerade leichter wird, wenn ihm ausgerechnet Mitglieder der Parteien, die es beschützen soll, misstrauen. Noch brisanter wird die Sache durch die Tatsache, dass diese Wahl "von Zehntausenden von Stimmen in einer Handvoll Staaten abhängen könnte. Nahezu jeder unerlaubte Vorteil könnte über den Ausgang der Wahl entscheiden (und das Ergebnis in Frage stellen), was das Rennen zu einer erstklassigen Gelegenheit für ausländische Einmischung macht. Tatsächlich sagen Geheimdienstmitarbeiter und Analysten von Technologieunternehmen, dass mehr ausländische Spione als je zuvor in dieses Spiel einsteigen. Clint Watts, der Leiter des Threat Analysis Center von Microsoft, sagte mir, dass der Erfolg des Kremls im Jahr 2016 'fast jede autoritäre Nation davon überzeugt hat, dass sie in dieses Spiel einsteigen muss'. Und die größten Akteure, Russland und der Iran, arbeiten noch intensiver an der Wahlbeeinflussung als 2016 oder 2020. Doch die Warnungen der Regierung vor ausländischen Machenschaften werden häufig durch die Versuche sowohl der Demokraten als auch der Republikaner untergraben, diese Informationen als Waffe einzusetzen. Im Jahr 2024 haben die Demokraten darüber gewettert, dass Wladimir Putin Trump 'anfeuert', während die Republikaner darauf bestanden haben, dass die von Biden ernannten Geheimdienstmitarbeiter die Pläne des Irans, Trump zu besiegen - einschließlich der Planung seiner Ermordung - herunterspielen..."

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Gideon Lewis-Kraus liest mit einigem Interesse "The Hidden Globe: How Wealth Hacks the World", ein Buch der Journalistin Atossa Araxia Abrahamian, die darin jene unsichtbare Territorien beschreibt, in denen die Reichen und Mächtigen zu Hause sind. Geschaffen werden sie von Nationalstaaten, die Teile ihrer Souveränität verkaufen: "Abrahamian erklärt zum Beispiel, wie ein zwielichtiger Kunsthändler einen bestehenden Schweizer Freihafen in ein Lagerhaus umwidmete - einen gesicherten, klimatisierten Bunker, in dem Werke gelagert werden, die auf den Britischen Jungferninseln an in Zypern registrierte Firmen verkauft wurden. Sobald diese Gemälde und Skulpturen von ihrem Objektstatus befreit sind, fungieren sie als Token für den unauffindbaren Austausch zwischen oligarchischen Spekulanten. An anderer Stelle beschreibt Abrahamian detailliert, wie Dubai ein vollständig paralleles Rechtssystem einführte, das als 'Court-in-a-Box'-Produkt vermarktet wird: 'Seine Gesetze kamen von anderswo. Genauso wie seine Richter. Und seine Kläger. Und seine Angeklagten. Das Ergebnis war ein Staat im Staat im Staat'... Die Figuren, die Abrahamian porträtiert, spiegeln häufig ihre eigene Vorliebe für Dislokation wider. Ihre Eltern, die im Iran aufgewachsen sind, sind russischer und armenischer Abstammung; sie selbst ist in Kanada geboren und in Genf aufgewachsen, spricht vier Sprachen und besitzt drei Pässe. Das Genf ihrer Kindheit - wo jeder von woanders kam und die Regeln frei zu sein schienen - bereitete ihr Unbehagen: 'Als Teenager beobachtete ich, wie die Kinder von Diplomaten die funktionale Immunität genossen, die mit dem Posten ihrer Eltern einherging, indem sie einfach davonliefen, wenn die Polizei sie bei Geschwindigkeitsübertretungen oder beim Haschischrauchen im Dunkeln erwischte. Ein weiterer Vorteil war das zollfreie Einkaufen; wenn man als Ausländer in eine bestimmte Beschäftigungskategorie fällt, ist die Welt dein Flughafen'."