Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

851 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 86

Magazinrundschau vom 20.08.2024 - New Yorker

Der Pastor Paul Mackenzie hat in Kenia einen Kult begründet, dem mehrere hundert Menschen zum Opfer gefallen sein sollen, berichtet Alexis Okeowo im New Yorker. Mackenzie hatte seine Anhänger, mit denen er sich im Shakahola-Wald aufhielt, dazu bewegt, sich zu Tode zu hungern, um ins Paradies zu kommen und Jesus zu treffen. Okeowo hat sich unter anderem mit Halua Yaa getroffen, einer Überlebenden, und Victor Kaudo, einem Menschenrechtsaktivisten: "Ende März 2023 haben Polizisten Mackenzie in seinem Haus in Malindi festgenommen. Er wurde zunächst auf Kaution freigelassen. Im nächsten Monat wurde er allerdings wieder verhaftet, und dutzende schwer bewaffnete Polizisten führten eine Razzia in Shakahola durch. Kaudo war als Begleiter mitgekommen und nutzte Wegbeschreibungen von Yaa und anderen. Manche Mitglieder der Kirche hörten sie kommen und flüchteten auf Motorrädern in den Wald. Andere waren dem Tod nahe. 'Sie sind wirklich gläubig', meinte Kaudo. Eine alte Frau und ihre Enkelin protestierten, als Kaudo und ein Polizeibeamter sie aus dem Wald holen wollten, es würde sie davon abhalten, Jesus zu treffen. Kaudo sah mehrere Massengräber. 'Es gab nicht mal ein richtiges Begräbnis', sagt er. 'Die Gräber waren nicht tief, nur drei Fuß. Alle diese Körper waren sehr dünn. Die Frauen waren nackt.' In einem einzigen Grab hat er eine Frau, einen Mann und sechs Kinder liegen sehen. Vier Menschen, die Kaudo ins Krankenhaus bringen wollte, sind auf dem Weg dorthin gestorben, einer davon, ein Kind, in seinen Armen. Er empfand Trauer und Wut. 'Wenn die Regierung von Beginn an kooperiert hätte, hätten wir hunderte Menschen retten können', so Kaudo. (…) Vielen Leichen, die er gesehen hatte, fehlten Organe. 'Sie hatten keine Nieren', berichtet er. 'Sie hatten keine Augen.'" Chefinspektor Martin Munene bestätigte das, und fügte hinzu, dass vermutlich "ein gut organisierter Organhandel stattgefunden hat".

Weiteres: Annie Ernaux erzählt von einem komplizierten Jahr. Brooke Jarvis erklärt, wie schwierig es ist, einen Maßstab für die Höhe des Meeresspiegels zu finden. Louis Menand erkundet, ob die Zeit des stationären Buchhandels vorbei ist. Und Justin Chang sah im Kino Victor Erices "Close your eyes".

Magazinrundschau vom 03.09.2024 - New Yorker

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Rebecca L. Davis ist Professorin für Geschichte und Gender Studies an der Universität Delaware und hat mit "Fierce Desires: A New History of Sex and Sexuality in America" ein Buch über die Geschichte von Sexualität und vor allem ihren Besonderheiten und Abweichungen in den USA geschrieben, von dem Rebecca Mead im New Yorker viel Neues lernt. So zum Beispiel die Bedeutung, die Sklavinnen für die Entwicklung der modernen Gynäkologie hatten: "Davis schreibt auch über die sexuelle Ausbeutung, die endemisch in der Sklaverei ist. Schwarze Frauen waren nicht nur sexuellem Missbrauch durch jene ausgesetzt, die sie versklavt haben, sondern wurden auch nach ihrer Fruchtbarkeit beurteilt, sodass die Sklavenhalter die Zahl der Arbeiter auf ihren Feldern erhöhen konnten. James Marion Sims, der frühere Präsident der American Medical Association und der sogenannte Vater der modernen Gynäkologie, entwickelte eine Technik, um Fisteln zu behandeln - eine Entbindungskomplikation, die in einem Loch im Gewebe zwischen Blase und Vagina besteht - indem er, ohne Betäubung, an versklavten Frauen experimentiert hat. (Eine Statue von Sims, die einst im Central Park stand, wurde verunstaltet und 2018 nach Anti-Rassismus-Protesten entfernt). Angesichts der grauenvollen Ausnutzung der Reproduktionsorgane der versklavten Frauen war die Nutzung von volksmedizinischen Abtreibungsmitteln wie Salbeitee und Baumwollwurzel eine Form von kollektivem Widerstand. 'Widerstand gegen und Subversion der Brutalität der Sklaverei hat sich nicht nur in Sklavenrebellionen ereignet, sondern auch in diesen intimen Akten', hat Davis scharfsinnig festgestellt."

Magazinrundschau vom 06.08.2024 - New Yorker

Im New Yorker versucht David Remnick ein Porträt von Yahya Sinwar zu entwerfen, Führer der Hamas in Gaza und Architekt des Massakers vom 7. Oktober. Sinwar hatte seine "Karriere" bei der Hamas damit begonnen, palästinensische Abweichler oder "Verräter" aufzuspüren, zu foltern und zu ermorden. Seine Brutalität war berüchtigt. Er saß lange in israelischen Gefängnissen wegen der Entführung eines israelischen Soldaten. Dort lernte ihn auch der pensionierte Zahnarzt Yuval Bitton kennen, der dafür sorgte, dass Sinwar in einem israelischen Krankenhaus an einer potenziell tödlichen Geschwulst im Kopf operiert wurde. Sinwar kam später, mit hunderten anderen Palästinensern, im Austausch gegen den israelischen Soldaten Gilad Shalit frei. Aus seinem Hass auf die Israelis und Plänen zu ihrer Vernichtung hat Sinwar auch im Gefängnis nie ein Geheimnis gemacht, lernt Remnick. Tatsächlich hätte die israelische Armee gut daran getan zu glauben, dass Sinwar alles, was er über die Jahre gesagt und geschrieben hatte, buchstäblich auch so meinte: "Wie sich später herausstellte, war der israelische Geheimdienst seit langem im Besitz eines Kriegsplans der Hamas, der als Jericho Wall bekannt ist und die Ereignisse des 7. Oktobers nahezu exakt wiedergibt. Sinwar hatte sogar einige Wochen zuvor eine geheime Nachricht an die Israelis geschickt, in der er sie warnte, dass sie mit einem Aufflammen der Kämpfe in den Gefängnissen rechnen müssten. Die Nachricht zirkulierte laut Channel 12 in den höchsten Rängen des Mossad, des Shin Bet und der IDF; sowohl Netanjahu als auch Verteidigungsminister Yoav Gallant waren 'auf dem Laufenden'. Doch als die israelische Militärführung am Tag des Angriffs kurz nach 3 Uhr morgens erfuhr, dass Hamas-Soldaten Manöver abhielten, kamen die Befehlshaber zu dem Schluss, dass es sich wahrscheinlich nur um Übungen handelte." Auch der israelische Analyst Michael Milshtein kritisiert gegenüber Remnick "die Vernachlässigung dessen, was Sinwar öffentlich sagte. Er sagte: 'Im nächsten Krieg werden wir die Kämpfe eröffnen - und der Krieg wird auf israelischem Gebiet stattfinden, nicht auf palästinensischem', so Milshtein. 'Das war in offenen Quellen! Sinwar und andere haben es öffentlich gesagt!' In den letzten Jahren habe die Hamas ein umfangreiches Training durchgeführt, das auf Szenarien basierte, in denen Angreifer Kibbuzim und Militärbasen überfielen. ... Ein hochrangiger israelischer Sicherheitsbeamter sagte mir, dass die Parallele zu 1973 unheimlich sei: Das Sicherheitsestablishment habe unter der 'eitlen Unfähigkeit gelitten, zu erkennen, dass Yahya Sinwars messianische Reden und ehrgeizige Militärproben ernst gemeint waren'." Ein weiteres lesenswertes Sinwar-Porträt brachte vor einigen Monaten das Magazin Tablet (unser Resümee).

Im Fall McGirt vs. Oklahoma entschied der Supreme Court 2020, dass das Reservat der Muskogees bei der Gründung des Bundesstaats rechtswidrig aufgelöst worden war und daher auch heute noch in seinen Grenzen von 1866 bestehe. Rachel Monroe hat sich für den New Yorker auf die Spur der Folgen dieser Entscheidung begeben: Im Reservat besteht für die Stämme die Möglichkeit, Angeklagte nach Stammesrecht vor Gericht zu stellen, statt sie dem staatlichen Recht zu überantworten. Das führt dazu, dass die unterschiedlichen Behörden aneinandergeraten: "Der Okmulgee County-Vorfall begann letzten Dezember, als ein Polizist der Lighthorse-Polizei der Indigenen, Keith Bell, einen Verdächtigen abgetastet und ein kleines Tütchen Fentanyl gefunden hatte. Weil der Verdächtige nicht indigen war, rief Bell die Stadtpolizei, die nicht reagierte. Bell wollte den Mann nicht gehen lassen, aber weil es keine Kreuzvertretungsübereinkunft mit dem Sheriffsbüro gab, konnte er ihn nicht verhaften. Es hätte allerdings einen möglichen Ausweg gegeben: Die Lighthorse-Polizei hat eine Übereinkunft mit einer obskuren staatlichen Organisation namens Grand River Dam Authority. In der Vergangenheit ist das meist so interpretiert worden, dass die Lighthorse-Polizei Verhaftungen in jedem County vornehmen konnte, wo die GRDA Gebiete hat - inklusive Okmulgee County. Northcross, der stellvertretende Lighthorse-Chef, hatte Schwierigkeiten schon erwartet und war mit zum County Jail gekommen. Als die Stammespolizei den Mann in eine Arrestzelle bringen wollte, weigerten sich die Gefängniswärter, den Verdächtigen aufzunehmen. Der Streit wurde zu einer schreienden Auseinandersetzung; ein Gefängniswärter hat angeblich einen Stammesoffizier beschuldigt, 'kein richtiger Polizist' zu sein. Die Wärter zogen sich in einen sicheren Eingangsbereich zurück und Northcross folgte ihnen. Die Tür schlug hinter ihm zu, sodass sein Kollege Bell und ein weiterer Beamter in der Zelle mit dem Verdächtigen eingesperrt waren. (…) Northcross, der sich ziemlich zurückgehalten hat, beschrieb die Szene als 'nicht angenehm' und 'ziemlich aufgeheizt'. Letztendlich, nachdem sie sich mit dem Generalstaatsanwalt beraten hatten, nahmen die Wärter den Gefangenen zähneknirschend auf. Der Stamm hat den Wärter, der Northcross gestoßen hatte, wegen schwerer Körperverletzung an einem Polizeibeamten angeklagt, die Anklage wurde jedoch später fallen gelassen. Als Ergebnis des Konflikts hat der Gouverneur Stitt das Prinzip der Kreuzvertretung abgeschafft, was bedeutet, dass die Stammespolizei keine Nicht-Natives mehr in Okmulgee County verhaften darf. Das Büro des Sheriffs und die Stammespolizei befinden sich im Grunde genommen in einem kalten Krieg."

Magazinrundschau vom 30.07.2024 - New Yorker

Katherine Rundell liest für den New Yorker zwei neue Bücher über Haie, "Sharkpedia" von Daniel C. Abel und "Sharks Don't Sink" von Jasmin Graham, beide Meeresbiologen, und lernt mythische Kreaturen kennen, für die die Menschheit die größte Gefahr ist und nicht umgekehrt. So sind viele der rund fünfhundert Haiarten vom Aussterben bedroht, von denen einige weitestgehend unbekannt sind, weil sie so im Verborgenen der Ozeane leben. Zum Beispiel der Grönlandhai: "Er ist das am längsten lebende Wirbeltier der Erde, aber erst kürzlich hat man herausgefunden, wie alt er wirklich wird. 2008 hat ein dänischer Physiker, Jan Heinemeier, eine Methode entwickelt, Linsenkristalle aus ihrem Auge auf C14-Isotope zu testen und damit, grob zumindest, das Alter der Geschöpfe zu bestimmen. Später hat man ihn gebeten, Grönlandhaie zu testen. Der größte unter ihnen, ein 16 Fuß langes Weibchen, wurde auf zwischen 272 und 512 Jahre geschätzt. Weil Größe als starker Indikator für das Alter gewertet wird und weil es Aufzeichnungen von Grönlandhaien gibt, die 24 Fuß lang sind, ist es gut möglich, dass es Haie gibt, tief in den dunklen Abgründen unserer Ozeane, die noch älter sind. Es gibt wahrscheinlich lebende Haie, die schon durch die Meere geschwommen sind, als Shakespeare die Zutaten für den bösen Zaubertrank seiner drei Hexen in 'Macbeth' niedergeschrieben hat: 'Scale of dragon, tooth of wolf, / witches mummy, maw and gulf, / of the ravined salt-sea shark' (Wolfeszahn und Kamm des Drachen, / Hexenmumie, Gaum und Rachen / Aus des Haifischs scharfem Schlund)."
Stichwörter: Hai, Haie, Meeresbiologie, Macbeth

Magazinrundschau vom 16.07.2024 - New Yorker

Was haben Piraterie und Sex miteinander zu tun? Eine ganze Menge, wenn man Daniel Immerwahr im New Yorker Glauben schenkt; er hat einige neue Bücher zu Piraten gelesen, aber auch Serien wie "Our Flag Means Death" geschaut, in denen die Piraten Blackbeard und Stede Bonnet ein Paar sind: "Die Trope der schwulen Piraten verkörpert gut das generelle Verständnis von Piratenschiffen als nautische Autarkie, ohne Beziehungen zum Land, nicht einmal sexuelle. Der Mythos des vergrabenen Schatzes komplettiert das Bild. Der Gedanke ist, dass Piraten ihre Beute, anstatt sie auszugeben, an geheimen Orten verstecken, die sie nur miteinander teilen, durch geflüstertes Vertrauen und kryptische Landkarten. Wir stellen uns Piraten als Einwohner geschlossener Welten vor, die Schiffe als ihre Heimat, ihre Crewmitglieder ihre Familie, und einsame Inseln als ihre Bank. Der Rest kann ihnen gestohlen bleiben. Aber haben sich die Piraten wirklich vom Land losgesagt? Es ist schwer nachzuweisen, ob sie miteinander auf See Sex hatten. Die Beweise sind 'so selten, dass sie quasi nonexistent' sind, so ein Forscher. Es gibt auch keine Beweise, dass sie ihre Beute in vergrabenen Schatztruhen gesammelt haben. Wofür es sehr wohl Beweise gibt - viele Beweise - ist, dass die Seeräuber ihre Beute für Frauen an Land ausgegeben haben. Piratenschiffe mögen Oasen der Freiheit gewesen sein, aber sie waren auch beengte Räume, in denen Rationen niedrig und Spannungen hoch waren. Wenn sie das Festland erreicht hatten, stoben die Männer wie Kanonenschüsse davon, mit Ziel auf die Tavernen und Bordelle. Münzen flogen in alle Richtungen. Ein Freibeuter hat einer Frau fünfhundert Pieces of Eight gegeben - eine schwindelerregende Summe - um sie nackt zu sehen." Es ist also auch ein großer Wirtschaftsfaktor: "Sex war ein wichtiges Mittel, über das fremde Währungen in die Kolonien gekommen sind. Die von den Piraten favorisierten Häfen waren Brutstätten der Prostitution. Das war illegal und in der Piratenhochburg Port Royal in Jamaika wurden 'gemeine Dirnen' in 'Käfigen beim Schildkrötenmarkt' eingesperrt, wie ein Besucher berichtet. Aber statt diese Frauen in den Zwinger zu sperren, hätte Jamaika Statuen für sie errichten sollen, weil sie die koloniale Liquiditätskrise gelöst haben. Die größte Statue sollte der unbekannten Frau gewidmet werden, die einen Piraten davon überzeugt hat, ihr fünfhundert Pieces of Eight zu geben, um sie strippen zu sehen. Vergesst Blackbeard, sie ist der Outlaw, über den es Fernsehserien geben sollte."

Magazinrundschau vom 23.07.2024 - New Yorker

Für Israel wird die Lage immer prekärer, berichtet Dexter Filkins im New Yorker. Die Dominanz der Hisbollah in den Grenzregionen des Libanon ist für Israel seit langem ein Problem, immer wieder gibt es kriegerische Auseinandersetzungen, , aber ein Mehrfrontenkrieg könnte für Israel fatale Konsequenzen haben: "Einige Beamte in Israel haben Zurückhaltung vor einem großen Konflikt signalisiert. 'Wir müssen nicht alle Probleme gleichzeitig lösen', meinte ein Mitglied des Kabinetts zu mir. 'Wenn wir uns in einen ernsthaften diplomatischen Prozess begeben, haben wir, denke ich, eine reelle Chance, einen Krieg zu vermeiden.' Andere waren weniger optimistisch. Ein hoher israelischer Beamter sagte mir, 'Würden wir es derzeit vorziehen, in einen großen Krieg mit der Hezbollah zu treten? Ich nicht. Gerade würden wir es erst einmal vorziehen, mit der Hamas fertigzuwerden.' Aber er hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, dass es irgendwann zu einem Showdown kommen würde. 'Irgendwann werden wir gegen sie in den Krieg ziehen - vielleicht in einem Jahr, vielleicht in zwei Jahren', sagte er. Ein hochrangiger amerikanischer Beamter, der sich oft mit der israelischen Führungsriege trifft, erklärte mir, dass er sich sorgt, dass sie möglicherweise ihre Kräfte überschätzt, einen solchen Konflikt unter Kontrolle halten zu können. 'Die Israelis denken, sie sind die Meister der militärischen Eskalationsstufen', fügt er an, 'aber es braucht nur einen einzigen Fehler - und es gibt einen folgenschweren Krieg.' Ein solcher Krieg würde zu groß angelegter Zerstörung führen. Im April, als der Iran und seine Alliierten mehr als dreihundert Dronen und Raketen auf Israel abgeschossen haben, war die israelische Luftverteidigung in der Lage, den Angriff fast komplett abzuwehren. Aber die Beteiligung der Hisbollah war relativ minimal. Einige israelische Beamte, mit denen ich gesprochen habe, befürchten einen Krieg an vier Fronten - mit der Hamas im Süden, dem Westjordanland im Osten, Hisbollah im Norden und dem Iran im Norden. 'Wenn der Iran mehr Raketen abgefeuert und Hisbollah ein größeres Feuer entfesselt hätten, wäre die israelische Verteidigung überfordert gewesen', so James Jeffrey, ein früherer US-Sondergesandter für den Nahen Osten: 'Das ist das Albtraumszenario. Es ist existenziell.'"

Magazinrundschau vom 02.07.2024 - New Yorker

Rebecca Mead trifft für den New Yorker Jacques Testard, den französischstämmigen englischen Verleger, der mit Fitzcarraldo Editions einen Verlag gegründet hat, der anspruchsvolle Literatur vorwiegend in Übersetzung publiziert und mit Olga Tokarczuk, Svetlana Alexievich, Annie Ernaux und Jon Fosse in den zehn Jahren seines Bestehens schon vier Nobelpreisträger unter Vertrag hat. Für den ungewöhnlichen Erfolg ist nicht nur das ikonisch-schlichte Design der Bände in blau und weiß verantwortlich, sondern auch der erstaunlich gute Riecher des Verlegers: "Testards Bilingualität verschafft ihm einen Vorteil in einer Verlagsindustrie, in der die Fähigkeit, auch in anderen Sprachen als Englisch zu lesen, überraschend selten ist. Nicht nur, dass er viele französische Autoren liest, bevor sie ins Englische übersetzt werden, als französischer Leser bekommt er auch schneller Autoren anderer Sprachen zu lesen, da die französischen Verlage dazu tendieren, Übersetzungen schneller in Auftrag zu geben als britische oder amerikanische Häuser. Testard hat Svetlana Alexievich auf Französisch gelesen, bevor er die Rechte für 'Second-Hand-Zeit' auf der Frankfurter Buchmesse 2014 erwerben wollte (…) In dem Jahr fiel die Frankfurter Buchmesse mit der Verkündung des Nobelpreisträgers zusammen, und Alexievich war eine der Favoritinnen. 'Man hat mir mehr oder minder gesagt, ich hätte keine Chance', erinnert er sich. Als dann Patrick Modiano als Preisträger feststand, war die Luft aus dem Wettstreit um die Rechte raus, innerhalb von einer Woche hatte Testard sie für Alexievichs Buch erworben, zu dem für ihn hohen Preis von 3500 Pfund. Im Jahr danach hat sie den Nobelpreis bekommen, und die englische Übersetzung von Bela Shayevich, die Testard in Auftrag gegeben hatte, wurde für 250 000 Dollar an einen amerikanischen Verleger verkauft."

Weitere Artikel: Kathryn Schulz empfiehlt wärmstens den Autor Norman MacLean, dessen schmales Werk man an einem Tag lesen könne. Kelefa Sanneh hört den mexikanischen Sänger Ivan Cornejo. Richard Brody sah im Kino Kevin Costners "Horizon". Außerdem gibt es eine Reihe "Love & Heartbreak" mit Texten von Akhil Sharma, von Edwige Danticat, von Shuang Xuetao, von Donald Antrim und von Addie Citchens. Außerdem dürfen wir vier Stories lesen: von E.L. Doctorow, von Haruki Murakami, von Sally Rooney und von Annie Proulx.

Magazinrundschau vom 25.06.2024 - New Yorker

Dass gleich zwei neue Bücher über Harriet Tubman erscheinen, ist für Casey Cep im New Yorker durchaus Anlass zur Freude, werden doch Facetten der Abolitionistin beleuchtet, die bislang eher im Dunkel geblieben sind. Edda L. Fields-Black schreibt in "Combee: Harriet Tubman, the Combahee River Raid, and Black Freedom During the Civil War" über Tubmans Beteiligung an einer der wichtigsten militärischen Befreiungsoperationen der Sklaven in den Südstaaten 1863, "Night Flyer: Harriet Tubman and the Faith Dreams of a Free People" von Tiya Miles berichtet von ihren spirituell-religiösen Überzeugungen. Zwei lohnenswerte Bücher: Fields-Blacks "Einschätzung des Combahee River-Überfalls als 'größte und erfolgreichste Sklavenrevolte in der Geschichte' ist strittig, weil sie entscheidende Unterstützung der Nordstaatenarmee erfahren hat; andere Revolutionäre hätten mit dieser Rückendeckung wahrscheinlich in ähnlichem Maße Erfolg haben können. Aber es stimmt, wie Fields-Black herausstellt, dass die Involvierten entscheidende Verbindungsglieder in einer langen Reihe mutiger Menschen waren, die dieses Land mit seinen ehrenwertesten Idealen von Freiheit und Gleichheit verbinden. Und sie verschweigt nicht, wie oft und wie grausam die USA darin gescheitert sind, diese Ideale aufrechtzuerhalten, auch nach dem Bürgerkrieg, als es Tubman und unzähligen anderen schwarzen Veteranen verwehrt wurde, eine Rente zu erhalten oder sie Jahrzehnte dafür kämpfen mussten, die Kompensationen zu erhalten, die sie verdienten. Tubman ist als berühmte, aber verarmte Frau gestorben. (…) Trotzdem hat sie nie ihren Glauben verloren, weder an ihr Land noch an ihren Schöpfer. Der große Gewinn von 'Combee' und 'Night Flyer' ist, dass sie uns, wenn sie zusammen gelesen werden, Möglichkeiten der Erlösung von Patriotismus und Religiosität aufzeigen, die heute allzu oft mit dem Reaktionären anstatt dem Radikalen assoziiert werden."

Ian Buruma macht sich für den New Yorker Gedanken über Taiwan, Anlass sind nicht nur außenpolitische Spannungen, sondern auch die Bücher "The Boiling Moat", ein Sammelband herausgegeben von Matt Pottinger, Trumps ehemaligem Asien-Berater, und "The Struggle for Taiwan" von Sulmaan Wasif Khan, Professor für chinesische Außenpolitik an der Tufts University. Die Position der USA zu Taiwan ist nicht uneingeschränkt klar: "Die offizielle Position ist immer noch, die Chinesen rätseln zu lassen, wie die Reaktion der USA aussehen würde. Allerdings hat Präsident Biden 2021 in einem Fernsehinterview mit George Stephanopulos bekannt, dass die USA Taiwan im Falle eines Krieges in der Tat zur Hilfe eilen würden, genau so, wie sie es tun würden, wenn Japan oder ein NATO-Mitglied attackiert würde. Biden hätte das wahrscheinlich nicht gesagt, wenn China selbst sich in den letzten zehn Jahren nicht radikal verändert hätte. Unter Chinas relativ pragmatischen Regierungschefs in den 1990er Jahren war die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Konflikts um Taiwan gering. Aber Xis feindlicher Nationalismus, der auf eine komplette Wiedereinsetzung der Grenzen des Qing-Reichs abzielt, wenn nötig mit Zwang, ist eine größere Gefahr für den Status Quo als Maos Bombardements von Matsu und Quemoy. Während Taiwan von Kissinger und Nixon oder sogar von Clinton noch als Ärgernis behandelt werden konnte, fühlen sich die USA jetzt verpflichtet zu zeigen, dass sie mit China hart ins Gericht gehent und einen Krieg riskieren würden, um Taiwan zu verteidigen. (…) Wieder einmal ist Taiwan zum Spielball zwischen großen Mächten geworden. Das Risiko ist größer als je zuvor. Aber Ostasien vor einem schrecklichen Krieg zu schützen, ist nicht allein ein militärisches Problem. Khan hat sicher Recht damit, sich zu fragen, wie sich das Verhalten Chinas ändern lässt, wenn andere Saiten aufgezogen werden. Machtdemonstrationen sollen China von Aggressionen abschrecken. 'Aber was, wenn Abschreckung fehlschlägt?', schreibt Khan. 'Abgeschreckt zu sein, ist eine Entscheidung; China könnte sich entscheiden, es nicht zu sein. Was, wenn die Machtdemonstrationen China in eine Ecke drängen, aus der sich das Land nur zu befreien glaubt, indem es angreift?'"

Weitere Artikel: Würden Sie Ihren Hund clonen, fragt Alexandra Horowitz. Rachel Monroe schickt einen Brief aus Arizona, wo eine Jugendgang die Phoenix-Vorstadt Gilbert terrorisiert. Benjamin Wallace-Wells stellt den irrlichternen demokratischen Abgeordneten John Fetterman vor, der unbegreiflicherweise Israel unterstützt. Tessa Hadleys Kurzgeschichte "Vincents Party" findet sich hier. Justin Chang sah im Kino Yorgos Lanthimos' "Kinds of Kindness". Und ein hingerissener Alex Ross hört mittelalterliche Liebeslieder von Guillaume de Machaut.

Hier einige Kostproben:

Magazinrundschau vom 11.06.2024 - New Yorker

Masha Gessen reist für den New Yorker nach Wahat al-Salam/Neve Shalom, ein israelisches Dorf, das einst als Friedensprojekt für das Zusammenleben von Palästinensern und Israelis gegründet wurde. Nach dem 07. Oktober ist für Gessen aber auch hier eine große Zerrissenheit spürbar: "Ich reise seit Jahrzehnten nach Israel. Auf dieser Reise erschien es mir zum ersten Mal, als wäre die mentale Kluft zwischen den meisten linken Juden und den Siedlern kleiner als die zwischen linken Juden und Palästinensern. Ein langjähriger jüdischer Anti-Besatzungs-Aktivist sagte, dass er in den Monaten nach dem 07. Oktober untröstlich war. Ein Teil der Tragödie war für ihn das Schweigen seiner palästinensischen Kollegen und Mitstreiter. 'Es ist nicht leicht, auf jemanden zuzugehen und zu sagen, 'Das ist grauenvoll', gibt er zu. 'Es ist ein Muskel, der trainiert werden muss. Manche Israelis sind geübt - nicht weil wir bessere Menschen sind, sondern weil wir Bürger eines schlechten Landes sind.' In den letzten Monaten hätten sich einige palästinensische Kollegen privat an ihn gewandt, aber zwei Dinge fehlen ihm doch: ein öffentliches Bekenntnis der Solidarität seitens der palästinensischen Menschenrechtsaktivisten und eine Versicherung, dass auch sie eine gerechte Zukunft vor Augen haben, in der Palästinenser und Juden zusammenleben können. Zuvor hatte er 'ein wachsendes Gefühl von Kameradschaft, basierend auf dem gemeinsamen Ziel und einem Gefühl der Dringlichkeit.' Jetzt 'bin ich nicht sicher, was von dieser Vision noch übrig ist'. In den Tagen nach dem 07. Oktober haben viele palästinensische Bürger in Israel geschwiegen, weil sie Angst hatten - Angst vor der Hamas, vor der Gewalt der Rechten, vor dem israelischen Staat, der sich direkt gegen die palästinensischen Äußerungen gewandt hat. Außerdem sind sie menschlich. Wenn man Palästinenser ist und der erste Gedanke, wie flüchtig er auch sein mag, nicht zum Leid des eigenen Volkes geht - die Vertreibung, die Besatzung, die Jahrzehnte an Gewalt und Unterdrückung - und die kommende Vergeltung, dann ist man übermenschlich. Viele israelische Juden, die seit Jahren gegen die Besatzung kämpfen, die von ihrer eigenen Regierung bekämpft und von ihren eigenen Nachbarn und Familien ausgeschlossen werden, haben von ihren palästinensischen Verbündeten erwartet, in diesem Moment übermenschlich zu sein - weil die jüdischen Aktivisten das Gefühl hatten, übermenschlich für die Palästinenser gewesen zu sein. Für die allerdings waren diese Aktivisten nur eine kleine Minderheit ehrlicher und aufrichtiger israelischer Juden." Warum sollte nicht auch wenigstens eine kleine Minderheit unter den Palästinensern ehrlich und aufrichtig das Massaker vom 7. Oktober verurteilen können?

Magazinrundschau vom 18.06.2024 - New Yorker

Daniel Noboa ist seit November 2023 Präsident Ecuadors, eines seiner erklärten Ziele ist die Bekämpfung der Drogenkartelle. Mit teils recht fantasievollen Ideen, wie Jon Lee Anderson im New Yorker berichtet. In Ecuador gibt es immer wieder Anschläge auf Politiker und eine Korruption, die hochrangigen Drogenbossen die Flucht aus den Gefängnissen ermöglicht. Erfolge der Ermittlungsbehörden werden sofort öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt, auch wenn sie noch so gering ausfallen: "Der Höhepunkt unserer Reise sollte eigentlich eine Drogenrazzia in einem ländlichen Ort sein, aber unser Erscheinen dort wurde in letzter Sekunde abgesagt. Noboa erzählte mir, die Verdächtigen seien durch ein Geheimdienstleck informiert worden, sodass das Erbeutete zu unwichtig wäre, um sich damit sehen zu lassen - er würde nicht erscheinen, um mit drei Leuten und einem Esel zu posieren, die mit ein paar Kilos erwischt wurden. Stattdessen fuhren wir nach Guayaquil, wo er sich zwei Tage freigenommen hat, um Verwandte zu besuchen(…). Während er beschäftigt war, habe ich die Erlaubnis erhalten, La Roca zu besuchen. Das sicherste Gefängnis Ecuadors befindet sich neben einer Autobahn an den Rändern der Stadt, ein Areal mit Autowerkstätten, Strommasten und heruntergekommenen Gebäuden. Die Zufahrtsstraße ist von Maschendrahtzaun umgeben, mit Unkraut überwuchert und von Müll gesäumt. Eine neue Wärterin, Martha Macías, wurde Anfang des Jahres eingestellt, nachdem einer ihrer Vorgänger beschuldigt worden war, eine Waffe in das Gefängnis geschmuggelt zu haben. (…) Macías erklärt, dass Noboa die Armee im Gefängnis stationiert hat, um den Rest des Personals zu kontrollieren. Das Militär hat im Grunde genommen keine Erfahrung darin, Gefängnisse zu leiten und die Atmosphäre war angespannt." Kritik an Noboas Führungsstil wird eher zögerlich geäußert: "Noboa hat sich gefragt, ob es möglich wäre, ein Gefängnis in einem Gebiet der Antarktis zu bauen, über das Ecuador die Kontrolle hat. 'Uns gehört ein Teil davon, also warum nicht?' fragt er, mit verschmitztem Lächeln. 'Ein Gefängnis nur für hundert Leute.' Ein Angestellter, der uns gegenüber sitzt, hustet nervös. 'Herr Präsident, es ist keine schlechte Idee, aber ich glaube, die Nationen, die Gebiete in der Antarktis verwalten, sind vertraglich gebunden, und ihre Präsenz dort ist limitiert auf wissenschaftliche Forschung und ähnliches', sagt er, 'aber ich werde mal nachforschen.' Nach einem Moment überlegte Noboa eine andere Möglichkeit. Wenn die Antarktis sich als zu kompliziert erweisen sollte, könnte er bedrohte Staatsanwälte und Richter von ecuadorianischen Botschaften aus agieren lassen? Könnten sie von da aus Prozesse führen und Urteile aussprechen? Mit zweifelndem Blick versprach der Angestellte, auch das zu überprüfen."

Jay Fielden erzählt die Geschichte von John Lennons gestohlener Patek-Philippe-Uhr. Dhruv Khullar informiert über die Fortschritte der Nanotechnologie. Paige Williams beobachtet Glasaale. Jerome Groopman liest die Autobiografie Anthony Faucis, Adam Gopnik liest Charles Taylor. Amanda Petrusich hört Lizzy McAlpine. Justin Chang sah Annie Bakers "Janet Planet" im Kino. Und Roddy Doyle steuert eine Kurzgeschichte bei, "The Buggy".