
Im New Yorker versucht David Remnick ein Porträt von
Yahya Sinwar zu entwerfen, Führer der Hamas in Gaza und Architekt des Massakers vom 7. Oktober. Sinwar hatte seine "Karriere" bei der Hamas damit begonnen,
palästinensische Abweichler oder "Verräter" aufzuspüren,
zu foltern und zu ermorden. Seine Brutalität war berüchtigt. Er saß lange in israelischen Gefängnissen wegen der Entführung eines israelischen Soldaten. Dort lernte ihn auch der pensionierte Zahnarzt Yuval Bitton kennen, der dafür sorgte, dass Sinwar in einem
israelischen Krankenhaus an einer potenziell tödlichen Geschwulst im Kopf operiert wurde. Sinwar kam später, mit hunderten anderen Palästinensern, im Austausch gegen den israelischen Soldaten Gilad Shalit frei. Aus seinem Hass auf die Israelis und Plänen zu ihrer Vernichtung hat Sinwar auch im Gefängnis
nie ein Geheimnis gemacht, lernt Remnick. Tatsächlich hätte die israelische Armee gut daran getan zu glauben, dass Sinwar alles, was er über die Jahre gesagt und geschrieben hatte,
buchstäblich auch so meinte: "Wie sich später herausstellte, war der israelische Geheimdienst seit langem im Besitz eines Kriegsplans der Hamas, der als
Jericho Wall bekannt ist und die Ereignisse des 7. Oktobers nahezu exakt wiedergibt. Sinwar hatte sogar einige Wochen zuvor eine geheime Nachricht an die Israelis geschickt, in der er sie warnte, dass sie mit einem Aufflammen der Kämpfe in den Gefängnissen rechnen müssten. Die Nachricht zirkulierte laut Channel 12 in den höchsten Rängen des Mossad, des Shin Bet und der IDF; sowohl Netanjahu als auch Verteidigungsminister Yoav Gallant waren 'auf dem Laufenden'. Doch als die israelische Militärführung am Tag des Angriffs kurz nach 3 Uhr morgens erfuhr, dass
Hamas-
Soldaten Manöver abhielten, kamen die Befehlshaber zu dem Schluss, dass es sich wahrscheinlich nur um Übungen handelte." Auch der israelische Analyst
Michael Milshtein kritisiert gegenüber Remnick "die Vernachlässigung dessen,
was Sinwar öffentlich sagte. Er sagte: 'Im nächsten Krieg werden wir die Kämpfe eröffnen - und der Krieg wird auf israelischem Gebiet stattfinden, nicht auf palästinensischem', so Milshtein. 'Das war in offenen Quellen! Sinwar und andere haben es öffentlich gesagt!' In den letzten Jahren habe die Hamas ein
umfangreiches Training durchgeführt, das auf Szenarien basierte, in denen Angreifer Kibbuzim und Militärbasen überfielen. ... Ein hochrangiger israelischer Sicherheitsbeamter sagte mir, dass die
Parallele zu 1973 unheimlich sei: Das Sicherheitsestablishment habe unter der 'eitlen Unfähigkeit gelitten, zu erkennen, dass Yahya Sinwars messianische Reden und ehrgeizige Militärproben
ernst gemeint waren'." Ein weiteres lesenswertes Sinwar-Porträt brachte vor einigen Monaten das Magazin
Tablet (unser
Resümee).
Im
Fall McGirt vs.
Oklahoma entschied der Supreme Court 2020, dass das Reservat der Muskogees bei der Gründung des Bundesstaats rechtswidrig aufgelöst worden war und daher auch heute noch in seinen
Grenzen von 1866 bestehe. Rachel Monroe
hat sich für den
New Yorker auf die Spur der Folgen dieser Entscheidung begeben: Im Reservat besteht für die Stämme die Möglichkeit, Angeklagte nach
Stammesrecht vor Gericht zu stellen, statt sie dem staatlichen Recht zu überantworten. Das führt dazu, dass die unterschiedlichen Behörden aneinandergeraten: "Der
Okmulgee County-
Vorfall begann letzten Dezember, als ein Polizist der Lighthorse-Polizei der Indigenen, Keith Bell, einen Verdächtigen abgetastet und ein kleines Tütchen Fentanyl gefunden hatte. Weil der Verdächtige nicht indigen war, rief Bell die Stadtpolizei, die nicht reagierte. Bell wollte den Mann nicht gehen lassen, aber weil es keine Kreuzvertretungsübereinkunft mit dem Sheriffsbüro gab, konnte er ihn nicht verhaften. Es hätte allerdings einen möglichen Ausweg gegeben: Die Lighthorse-Polizei hat eine Übereinkunft mit einer obskuren staatlichen Organisation namens
Grand River Dam Authority. In der Vergangenheit ist das meist so interpretiert worden, dass die Lighthorse-Polizei Verhaftungen in jedem County vornehmen konnte, wo die GRDA Gebiete hat - inklusive Okmulgee County. Northcross, der stellvertretende Lighthorse-Chef, hatte Schwierigkeiten schon erwartet und war mit zum County Jail gekommen. Als die Stammespolizei den Mann in eine Arrestzelle bringen wollte, weigerten sich die Gefängniswärter, den Verdächtigen aufzunehmen. Der Streit wurde zu einer
schreienden Auseinandersetzung; ein Gefängniswärter hat angeblich einen Stammesoffizier beschuldigt, '
kein richtiger Polizist' zu sein. Die Wärter zogen sich in einen sicheren Eingangsbereich zurück und Northcross folgte ihnen. Die Tür schlug hinter ihm zu, sodass sein Kollege Bell und ein weiterer Beamter in der Zelle mit dem Verdächtigen eingesperrt waren. (…) Northcross, der sich ziemlich zurückgehalten hat, beschrieb die Szene als 'nicht angenehm' und 'ziemlich aufgeheizt'. Letztendlich, nachdem sie sich mit dem Generalstaatsanwalt beraten hatten, nahmen die Wärter den Gefangenen zähneknirschend auf. Der Stamm hat den Wärter, der Northcross gestoßen hatte, wegen schwerer Körperverletzung an einem Polizeibeamten angeklagt, die Anklage wurde jedoch später fallen gelassen. Als Ergebnis des Konflikts hat der Gouverneur Stitt das Prinzip der
Kreuzvertretung abgeschafft, was bedeutet, dass die Stammespolizei keine Nicht-Natives mehr in Okmulgee County verhaften darf. Das Büro des Sheriffs und die Stammespolizei befinden sich im Grunde genommen in einem
kalten Krieg."