Was haben Piraterie und Sex miteinander zu tun? Eine ganze Menge, wenn man Daniel Immerwahr im New Yorker Glauben schenkt; er hat einige neue Bücher zu Piraten gelesen, aber auch Serien wie "Our Flag Means Death" geschaut, in denen die Piraten Blackbeard und Stede Bonnet ein Paar sind: "Die Trope der schwulen Piraten verkörpert gut das generelle Verständnis von Piratenschiffen als nautische Autarkie, ohne Beziehungen zum Land, nicht einmal sexuelle. Der Mythos des vergrabenen Schatzes komplettiert das Bild. Der Gedanke ist, dass Piraten ihre Beute, anstatt sie auszugeben, an geheimen Orten verstecken, die sie nur miteinander teilen, durch geflüstertes Vertrauen und kryptische Landkarten. Wir stellen uns Piraten als Einwohner geschlossener Welten vor, die Schiffe als ihre Heimat, ihre Crewmitglieder ihre Familie, und einsame Inseln als ihre Bank. Der Rest kann ihnen gestohlen bleiben. Aber haben sich die Piraten wirklich vom Land losgesagt? Es ist schwer nachzuweisen, ob sie miteinander auf See Sex hatten. Die Beweise sind 'so selten, dass sie quasi nonexistent' sind, so ein Forscher. Es gibt auch keine Beweise, dass sie ihre Beute in vergrabenen Schatztruhen gesammelt haben. Wofür es sehr wohl Beweise gibt - viele Beweise - ist, dass die Seeräuber ihre Beute für Frauen an Land ausgegeben haben. Piratenschiffe mögen Oasen der Freiheit gewesen sein, aber sie waren auch beengte Räume, in denen Rationen niedrig und Spannungen hoch waren. Wenn sie das Festland erreicht hatten, stoben die Männer wie Kanonenschüsse davon, mit Ziel auf die Tavernen und Bordelle. Münzen flogen in alle Richtungen. Ein Freibeuter hat einer Frau fünfhundert Pieces of Eight gegeben - eine schwindelerregende Summe - um sie nackt zu sehen." Es ist also auch ein großer Wirtschaftsfaktor: "Sex war ein wichtiges Mittel, über das fremde Währungen in die Kolonien gekommen sind. Die von den Piraten favorisierten Häfen waren Brutstätten der Prostitution. Das war illegal und in der Piratenhochburg Port Royal in Jamaika wurden 'gemeine Dirnen' in 'Käfigen beim Schildkrötenmarkt' eingesperrt, wie ein Besucher berichtet. Aber statt diese Frauen in den Zwinger zu sperren, hätte Jamaika Statuen für sie errichten sollen, weil sie die koloniale Liquiditätskrise gelöst haben. Die größte Statue sollte der unbekannten Frau gewidmet werden, die einen Piraten davon überzeugt hat, ihr fünfhundert Pieces of Eight zu geben, um sie strippen zu sehen. Vergesst Blackbeard, sie ist der Outlaw, über den es Fernsehserien geben sollte."
Für Israel wird die Lage immer prekärer, berichtet Dexter Filkins im New Yorker. Die Dominanz der Hisbollah in den Grenzregionen des Libanon ist für Israel seit langem ein Problem, immer wieder gibt es kriegerische Auseinandersetzungen, , aber ein Mehrfrontenkrieg könnte für Israel fatale Konsequenzen haben: "Einige Beamte in Israel haben Zurückhaltung vor einem großen Konflikt signalisiert. 'Wir müssen nicht alle Probleme gleichzeitig lösen', meinte ein Mitglied des Kabinetts zu mir. 'Wenn wir uns in einen ernsthaften diplomatischen Prozess begeben, haben wir, denke ich, eine reelle Chance, einen Krieg zu vermeiden.' Andere waren weniger optimistisch. Ein hoher israelischer Beamter sagte mir, 'Würden wir es derzeit vorziehen, in einen großen Krieg mit der Hezbollah zu treten? Ich nicht. Gerade würden wir es erst einmal vorziehen, mit der Hamas fertigzuwerden.' Aber er hatte sich mit dem Gedanken abgefunden, dass es irgendwann zu einem Showdown kommen würde. 'Irgendwann werden wir gegen sie in den Krieg ziehen - vielleicht in einem Jahr, vielleicht in zwei Jahren', sagte er. Ein hochrangiger amerikanischer Beamter, der sich oft mit der israelischen Führungsriege trifft, erklärte mir, dass er sich sorgt, dass sie möglicherweise ihre Kräfte überschätzt, einen solchen Konflikt unter Kontrolle halten zu können. 'Die Israelis denken, sie sind die Meister der militärischen Eskalationsstufen', fügt er an, 'aber es braucht nur einen einzigen Fehler - und es gibt einen folgenschweren Krieg.' Ein solcher Krieg würde zu groß angelegter Zerstörung führen. Im April, als der Iran und seine Alliierten mehr als dreihundert Dronen und Raketen auf Israel abgeschossen haben, war die israelische Luftverteidigung in der Lage, den Angriff fast komplett abzuwehren. Aber die Beteiligung der Hisbollah war relativ minimal. Einige israelische Beamte, mit denen ich gesprochen habe, befürchten einen Krieg an vier Fronten - mit der Hamas im Süden, dem Westjordanland im Osten, Hisbollah im Norden und dem Iran im Norden. 'Wenn der Iran mehr Raketen abgefeuert und Hisbollah ein größeres Feuer entfesselt hätten, wäre die israelische Verteidigung überfordert gewesen', so James Jeffrey, ein früherer US-Sondergesandter für den Nahen Osten: 'Das ist das Albtraumszenario. Es ist existenziell.'"
Rebecca Mead trifft für den New YorkerJacques Testard, den französischstämmigen englischen Verleger, der mit Fitzcarraldo Editions einen Verlag gegründet hat, der anspruchsvolle Literatur vorwiegend in Übersetzung publiziert und mit Olga Tokarczuk, Svetlana Alexievich, Annie Ernaux und Jon Fosse in den zehn Jahren seines Bestehens schon vier Nobelpreisträger unter Vertrag hat. Für den ungewöhnlichen Erfolg ist nicht nur das ikonisch-schlichte Design der Bände in blau und weiß verantwortlich, sondern auch der erstaunlich gute Riecher des Verlegers: "Testards Bilingualität verschafft ihm einen Vorteil in einer Verlagsindustrie, in der die Fähigkeit, auch in anderen Sprachen als Englisch zu lesen, überraschend selten ist. Nicht nur, dass er viele französische Autoren liest, bevor sie ins Englische übersetzt werden, als französischer Leser bekommt er auch schneller Autoren anderer Sprachen zu lesen, da die französischen Verlage dazu tendieren, Übersetzungen schneller in Auftrag zu geben als britische oder amerikanische Häuser. Testard hat Svetlana Alexievich auf Französisch gelesen, bevor er die Rechte für 'Second-Hand-Zeit' auf der Frankfurter Buchmesse 2014 erwerben wollte (…) In dem Jahr fiel die Frankfurter Buchmesse mit der Verkündung des Nobelpreisträgers zusammen, und Alexievich war eine der Favoritinnen. 'Man hat mir mehr oder minder gesagt, ich hätte keine Chance', erinnert er sich. Als dann Patrick Modiano als Preisträger feststand, war die Luft aus dem Wettstreit um die Rechte raus, innerhalb von einer Woche hatte Testard sie für Alexievichs Buch erworben, zu dem für ihn hohen Preis von 3500 Pfund. Im Jahr danach hat sie den Nobelpreis bekommen, und die englische Übersetzung von Bela Shayevich, die Testard in Auftrag gegeben hatte, wurde für 250 000 Dollar an einen amerikanischen Verleger verkauft."
Dass gleich zwei neue Bücher über Harriet Tubman erscheinen, ist für Casey Cep im New Yorker durchaus Anlass zur Freude, werden doch Facetten der Abolitionistin beleuchtet, die bislang eher im Dunkel geblieben sind. Edda L. Fields-Black schreibt in "Combee: Harriet Tubman, the Combahee River Raid, and Black Freedom During the Civil War" über Tubmans Beteiligung an einer der wichtigsten militärischen Befreiungsoperationen der Sklaven in den Südstaaten 1863, "Night Flyer: Harriet Tubman and the Faith Dreams of a Free People" von Tiya Miles berichtet von ihren spirituell-religiösen Überzeugungen. Zwei lohnenswerte Bücher: Fields-Blacks "Einschätzung des Combahee River-Überfalls als 'größte und erfolgreichste Sklavenrevolte in der Geschichte' ist strittig, weil sie entscheidende Unterstützung der Nordstaatenarmee erfahren hat; andere Revolutionäre hätten mit dieser Rückendeckung wahrscheinlich in ähnlichem Maße Erfolg haben können. Aber es stimmt, wie Fields-Black herausstellt, dass die Involvierten entscheidende Verbindungsglieder in einer langen Reihe mutiger Menschen waren, die dieses Land mit seinen ehrenwertesten Idealen von Freiheit und Gleichheit verbinden. Und sie verschweigt nicht, wie oft und wie grausam die USA darin gescheitert sind, diese Ideale aufrechtzuerhalten, auch nach dem Bürgerkrieg, als es Tubman und unzähligen anderen schwarzen Veteranen verwehrt wurde, eine Rente zu erhalten oder sie Jahrzehnte dafür kämpfen mussten, die Kompensationen zu erhalten, die sie verdienten. Tubman ist als berühmte, aber verarmte Frau gestorben. (…) Trotzdem hat sie nie ihren Glauben verloren, weder an ihr Land noch an ihren Schöpfer. Der große Gewinn von 'Combee' und 'Night Flyer' ist, dass sie uns, wenn sie zusammen gelesen werden, Möglichkeiten der Erlösung von Patriotismus und Religiosität aufzeigen, die heute allzu oft mit dem Reaktionären anstatt dem Radikalen assoziiert werden."
Ian Burumamacht sich für den New Yorker Gedanken über Taiwan, Anlass sind nicht nur außenpolitische Spannungen, sondern auch die Bücher "The Boiling Moat", ein Sammelband herausgegeben von Matt Pottinger, Trumps ehemaligem Asien-Berater, und "The Struggle for Taiwan" von Sulmaan Wasif Khan, Professor für chinesische Außenpolitik an der Tufts University. Die Position der USA zu Taiwan ist nicht uneingeschränkt klar: "Die offizielle Position ist immer noch, die Chinesen rätseln zu lassen, wie die Reaktion der USA aussehen würde. Allerdings hat Präsident Biden 2021 in einem Fernsehinterview mit George Stephanopulos bekannt, dass die USA Taiwan im Falle eines Krieges in der Tat zur Hilfe eilen würden, genau so, wie sie es tun würden, wenn Japan oder ein NATO-Mitglied attackiert würde. Biden hätte das wahrscheinlich nicht gesagt, wenn China selbst sich in den letzten zehn Jahren nicht radikal verändert hätte. Unter Chinas relativ pragmatischen Regierungschefs in den 1990er Jahren war die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Konflikts um Taiwan gering. Aber Xis feindlicher Nationalismus, der auf eine komplette Wiedereinsetzung der Grenzen des Qing-Reichs abzielt, wenn nötig mit Zwang, ist eine größere Gefahr für den Status Quo als Maos Bombardements von Matsu und Quemoy. Während Taiwan von Kissinger und Nixon oder sogar von Clinton noch als Ärgernis behandelt werden konnte, fühlen sich die USA jetzt verpflichtet zu zeigen, dass sie mit China hart ins Gericht gehent und einen Krieg riskieren würden, um Taiwan zu verteidigen. (…) Wieder einmal ist Taiwan zum Spielball zwischen großen Mächten geworden. Das Risiko ist größer als je zuvor. Aber Ostasien vor einem schrecklichen Krieg zu schützen, ist nicht allein ein militärisches Problem. Khan hat sicher Recht damit, sich zu fragen, wie sich das Verhalten Chinas ändern lässt, wenn andere Saiten aufgezogen werden. Machtdemonstrationen sollen China von Aggressionen abschrecken. 'Aber was, wenn Abschreckung fehlschlägt?', schreibt Khan. 'Abgeschreckt zu sein, ist eine Entscheidung; China könnte sich entscheiden, es nicht zu sein. Was, wenn die Machtdemonstrationen China in eine Ecke drängen, aus der sich das Land nur zu befreien glaubt, indem es angreift?'"
Weitere Artikel: Würden Sie Ihren Hund clonen, fragt Alexandra Horowitz. Rachel Monroe schickt einen Brief aus Arizona, wo eine Jugendgang die Phoenix-Vorstadt Gilbert terrorisiert. Benjamin Wallace-Wells stellt den irrlichternen demokratischen Abgeordneten John Fetterman vor, der unbegreiflicherweise Israel unterstützt. Tessa Hadleys Kurzgeschichte "Vincents Party" findet sich hier. Justin Chang sah im Kino Yorgos Lanthimos' "Kinds of Kindness". Und ein hingerissener Alex Ross hört mittelalterliche Liebeslieder von Guillaume de Machaut.
Masha Gessen reist für den New Yorker nach Wahat al-Salam/Neve Shalom, ein israelisches Dorf, das einst als Friedensprojekt für das Zusammenleben von Palästinensern und Israelis gegründet wurde. Nach dem 07. Oktober ist für Gessen aber auch hier eine große Zerrissenheit spürbar: "Ich reise seit Jahrzehnten nach Israel. Auf dieser Reise erschien es mir zum ersten Mal, als wäre die mentale Kluft zwischen den meisten linken Juden und den Siedlern kleiner als die zwischen linken Juden und Palästinensern. Ein langjähriger jüdischer Anti-Besatzungs-Aktivist sagte, dass er in den Monaten nach dem 07. Oktober untröstlich war. Ein Teil der Tragödie war für ihn das Schweigen seiner palästinensischen Kollegen und Mitstreiter. 'Es ist nicht leicht, auf jemanden zuzugehen und zu sagen, 'Das ist grauenvoll', gibt er zu. 'Es ist ein Muskel, der trainiert werden muss. Manche Israelis sind geübt - nicht weil wir bessere Menschen sind, sondern weil wir Bürger eines schlechten Landes sind.' In den letzten Monaten hätten sich einige palästinensische Kollegen privat an ihn gewandt, aber zwei Dinge fehlen ihm doch: ein öffentliches Bekenntnis der Solidarität seitens der palästinensischen Menschenrechtsaktivisten und eine Versicherung, dass auch sie eine gerechte Zukunft vor Augen haben, in der Palästinenser und Juden zusammenleben können. Zuvor hatte er 'ein wachsendes Gefühl von Kameradschaft, basierend auf dem gemeinsamen Ziel und einem Gefühl der Dringlichkeit.' Jetzt 'bin ich nicht sicher, was von dieser Vision noch übrig ist'. In den Tagen nach dem 07. Oktober haben viele palästinensische Bürger in Israel geschwiegen, weil sie Angst hatten - Angst vor der Hamas, vor der Gewalt der Rechten, vor dem israelischen Staat, der sich direkt gegen die palästinensischen Äußerungen gewandt hat. Außerdem sind sie menschlich. Wenn man Palästinenser ist und der erste Gedanke, wie flüchtig er auch sein mag, nicht zum Leid des eigenen Volkes geht - die Vertreibung, die Besatzung, die Jahrzehnte an Gewalt und Unterdrückung - und die kommende Vergeltung, dann ist man übermenschlich. Viele israelische Juden, die seit Jahren gegen die Besatzung kämpfen, die von ihrer eigenen Regierung bekämpft und von ihren eigenen Nachbarn und Familien ausgeschlossen werden, haben von ihren palästinensischen Verbündeten erwartet, in diesem Moment übermenschlich zu sein - weil die jüdischen Aktivisten das Gefühl hatten, übermenschlich für die Palästinenser gewesen zu sein. Für die allerdings waren diese Aktivisten nur eine kleine Minderheit ehrlicher und aufrichtiger israelischer Juden." Warum sollte nicht auch wenigstens eine kleine Minderheit unter den Palästinensern ehrlich und aufrichtig das Massaker vom 7. Oktober verurteilen können?
Daniel Noboa ist seit November 2023 Präsident Ecuadors, eines seiner erklärten Ziele ist die Bekämpfung der Drogenkartelle. Mit teils recht fantasievollen Ideen, wie Jon Lee Anderson im New Yorkerberichtet. In Ecuador gibt es immer wieder Anschläge auf Politiker und eine Korruption, die hochrangigen Drogenbossen die Flucht aus den Gefängnissen ermöglicht. Erfolge der Ermittlungsbehörden werden sofort öffentlichkeitswirksam in Szene gesetzt, auch wenn sie noch so gering ausfallen: "Der Höhepunkt unserer Reise sollte eigentlich eine Drogenrazzia in einem ländlichen Ort sein, aber unser Erscheinen dort wurde in letzter Sekunde abgesagt. Noboa erzählte mir, die Verdächtigen seien durch ein Geheimdienstleck informiert worden, sodass das Erbeutete zu unwichtig wäre, um sich damit sehen zu lassen - er würde nicht erscheinen, um mit drei Leuten und einem Esel zu posieren, die mit ein paar Kilos erwischt wurden. Stattdessen fuhren wir nach Guayaquil, wo er sich zwei Tage freigenommen hat, um Verwandte zu besuchen(…). Während er beschäftigt war, habe ich die Erlaubnis erhalten, La Roca zu besuchen. Das sicherste Gefängnis Ecuadors befindet sich neben einer Autobahn an den Rändern der Stadt, ein Areal mit Autowerkstätten, Strommasten und heruntergekommenen Gebäuden. Die Zufahrtsstraße ist von Maschendrahtzaun umgeben, mit Unkraut überwuchert und von Müll gesäumt. Eine neue Wärterin, Martha Macías, wurde Anfang des Jahres eingestellt, nachdem einer ihrer Vorgänger beschuldigt worden war, eine Waffe in das Gefängnis geschmuggelt zu haben. (…) Macías erklärt, dass Noboa die Armee im Gefängnis stationiert hat, um den Rest des Personals zu kontrollieren. Das Militär hat im Grunde genommen keine Erfahrung darin, Gefängnisse zu leiten und die Atmosphäre war angespannt." Kritik an Noboas Führungsstil wird eher zögerlich geäußert: "Noboa hat sich gefragt, ob es möglich wäre, ein Gefängnis in einem Gebiet der Antarktis zu bauen, über das Ecuador die Kontrolle hat. 'Uns gehört ein Teil davon, also warum nicht?' fragt er, mit verschmitztem Lächeln. 'Ein Gefängnis nur für hundert Leute.' Ein Angestellter, der uns gegenüber sitzt, hustet nervös. 'Herr Präsident, es ist keine schlechte Idee, aber ich glaube, die Nationen, die Gebiete in der Antarktis verwalten, sind vertraglich gebunden, und ihre Präsenz dort ist limitiert auf wissenschaftliche Forschung und ähnliches', sagt er, 'aber ich werde mal nachforschen.' Nach einem Moment überlegte Noboa eine andere Möglichkeit. Wenn die Antarktis sich als zu kompliziert erweisen sollte, könnte er bedrohte Staatsanwälte und Richter von ecuadorianischen Botschaften aus agieren lassen? Könnten sie von da aus Prozesse führen und Urteile aussprechen? Mit zweifelndem Blick versprach der Angestellte, auch das zu überprüfen."
Jay Fielden erzählt die Geschichte von John Lennons gestohlener Patek-Philippe-Uhr. Dhruv Khullar informiert über die Fortschritte der Nanotechnologie. Paige Williams beobachtetGlasaale. Jerome Groopman liest die Autobiografie Anthony Faucis, Adam Gopnik liestCharles Taylor. Amanda Petrusich hörtLizzy McAlpine. Justin Chang sahAnnie Bakers "Janet Planet" im Kino. Und Roddy Doyle steuert eine Kurzgeschichte bei, "The Buggy".
Mexiko und die USA befinden sich in einem dauerhaften Tauziehen um die Frage, wie mit Migranten umzugehen ist - Mexiko war bis Mitte der Nullerjahre vor allem Herkunftsland jener Flüchtlinge, deren Ziel die USA war, mittlerweile ist es verstärkt Transitstation für Guatemalteken, Venezolaner und Kubaner, erzählt Stephania Taladrid in ihrer Reportage, die vor den Wahlen in Mexiko geschrieben wurde. Der bis dahin amtierende linke mexikanische Präsident López Obrador, oft AMLO genannt, der nach der Präsidentschaftswahl am Sonntag sein Amt an seine Wunschnachfolgerin Claudia Sheinbaum abgibt, stand laut Taladrid mit Trump in einem Verhältnis gegenseitiger Zugeständnisse: "López Obrador, dessen Amtszeit sich dem Ende zuneigt, wird zunehmend für seine Rücksichtnahme auf die Streitkräfte kritisiert; ihm wird auch vorgeworfen, die demokratischen Institutionen zu untergraben und zu versuchen, die Wahlregeln zu unterlaufen. Doch wie Sarukhán, der ehemalige Botschafter, sagte, 'hört man kaum einen Pieps aus Washington'. Er deutete an, dass Biden sich bewusst sei, dass die mexikanische Regierung sein Schicksal beeinflussen könnte. 'AMLO wird bis zum 1. Oktober an der Macht sein, und er hat die Möglichkeit, den Ausgang der US-Wahl zu beeinflussen, indem er die Ventile [der Flüchtlingsströme] zum richtigen Zeitpunkt öffnet', sagte er. Warum López Obrador Trump zum Sieg verhelfen sollte, ist eine Frage der Spekulation. Unter vier Augen äußerten sich die von mir befragten mexikanischen Beamten beunruhigt über die Aussicht, wieder mit Trump verhandeln zu müssen. Neben anderen Bedenken steht der Handelspakt 2026 zur Überprüfung an - ein Datum, das beide Seiten befürwortet haben, wie mir ein Beamter sagte, weil alle davon ausgingen, dass AMLO und Trump dann sicher aus dem Amt sind. 'Es war vielleicht eine Fehlkalkulation', sagte Gerónimo Gutiérrez, Mexikos Botschafter in den USA in den ersten Jahren der Trump-Regierung. 'Oder wir haben nicht mit einem Szenario gerechnet, in dem Trump vier Jahre später ein Comeback feiern könnte. Einige wiesen auf eine unausweichliche Ironie hin: Trumps Beharren darauf, Mexiko zu zwingen, die Last der Einwanderungskontrolle zu übernehmen, könnte dazu beitragen, ihn wieder an die Macht zu bringen. 'Man kann eine durchsetzungsorientierte Einwanderungspolitik nicht an andere Länder auslagern, weil diese Länder die Einwanderungsströme als Waffe benutzen können', sagte Sarukhán."
Weitere Artikel: Die AutorinRivka Galchenüberlegt, ob wir dem Untergang geweiht sind. William Finnegan porträtiert den SurferJock Sutherland. Merve Emre fragt sich, was Freud uns noch zu sagen hat. Jackson Arn besucht die Jenny-Holzer-Ausstellung im Guggenheim. Und Richard Brody sah im Kino Richard Linklaters "Hit Man".
Der Liberalismus ist ein sinkendes Schiff, glaubt Adam Gopnik voller Bedauern: Selbst Liberale scheuen vor dem Begriff zurück, während Anti-Liberale mit Furor zum großen Angriff blasen, wie zu beobachten in Trumps aktuellem Wahlkampf. Um die Krise des Liberalismus zu erkunden, hat Gopnik aktuelle Bücher gelesen - von zaghaften Befürwortern, die aber - Stichwort Obama und Biden - kaum Heldengeschichten vorzuweisen haben bis zu den wahren Bluthunden unter den Kritikern des Liberalismus. Beide Seiten verzetteln sich im Schwarzweiß-Denken, dabei liegt die Qualität des Liberalismus doch gerade in seinem entschlossenenJein: "Zwischen Autorität und Anarchie liegt die Auseinandersetzung. Der Trick ist es, keine in sich vereinten Gesellschaften zu haben, die 'Werte teilen' - solche Gesellschaften hat es nie gegeben oder es gab sie bloß an der Kante der Axt eines Scharfrichters -, sondern Gesellschaften, die unter dem Verzicht auf Gewalt auch ohne gemeinsame Werte auskommen, abgesehen von dem einen Wert, Meinungsverschiedenheiten ohne Gewalt auszuhandeln. ... Kurios an antiliberalen Kritikern wie John Gray ist, dass sie offenkundig daran glauben, dass die Merkmale des liberalen Staates, die ihnen genehm sind, auch dann noch fortbestehen werden, nachdem die Einrichtungen und Handlungsweisen zerstört worden sind, auf denen ihr Wohlergehen basiert... Versuch mal, einantikommunistischesBuchin China oder eine Kritik an der Theokratie in Iran zu veröffentlichen... Die wütendsten Kritiker des Liberalismus verhalten sich wie Passagiere auf der Titanic, die den den Eisberg anfeuern... 'Ich habe es euch doch gesagt, das Ende der Dampfschifffahrt ist vorbei', rufen sie, während das Wasser ihre Schuhe umspült."
Constantin Brancusi, Vogel im Weltraum, 1941Jackson Arn ist hin und weg von der großen Brancusi-Ausstellung in Paris. Die Modernität dieser Skulpturen ist für den Kritiker immer noch unübertroffen. Viel verdankt er Auguste Rodin, bei dem er lernte. Aber der Unterschied ist gewaltig: "1907 arbeitete der jüngere Mann einige kunstgeschichtlich bewegende Wochen lang als Assistent des älteren. Wer Brancusi-Zitate kennt, weiß: 'Nichts kann im Schatten eines großen Baumes wachsen', wobei der Baum Rodin ist und Brancusi sich nicht hätte entwickeln können, wenn er länger geblieben wäre. Wahrscheinlich nicht. Was auch das bedeuten mag, ein Rodin sagt: 'Rodin war hier'. In seiner unvollendeten Marmorarbeit 'Schlaf' (1894), die in dieser Ausstellung zu sehen ist, werben Textur und Gewicht für einen Akt heroischer, muskulöser Anstrengung, was es ein wenig schockierend macht, sich daran zu erinnern, dass Rodin nicht im wörtlichen Sinne hier war; wie andere bedeutende Bildhauer seiner Zeit fertigte er Tonmodelle an, überließ aber das Schnitzen und den Guss seinem Team. Brancusi hatte Helfer, darunter Isamu Noguchi, aber er ließ sich ganz auf die schweißtreibende Seite der Bildhauerei ein und versenkte so viele Stunden des Schnitzens und Polierens in seine Kreationen, dass alle Zeichen der Anstrengung verschwanden. ... Das blasse Dinosaurierei von 'Der Anfang der Welt' berührt kaum seinen Sockel."
In Jordanien regen sich Proteste gegen das israelische Vorgehen im Gazakrieg, Rania Abouzeid berichtet für den New Yorker über die konfligierenden Haltungen von Bevölkerung und Regierung (der Wadi-Araba-Vetrag von 1994 zum Beispiel hat eine enge Zusammenarbeit mit Israel ermöglicht), sie spricht dafür unter anderen mit dem früheren jordanischen Außenminister Marwan Muasher: "Im Januar hat das Arab Center for Research and Policy Studies in Doha die Ergebnisse der laut eigenen Aussagen ersten Umfrage zur öffentlichen Meinung zum Gaza-Konflikt in der Arabischen Welt veröffentlicht. 92 Prozent der Befragten gaben an, die Palästinenserfrage sei nicht nur die Sache der Palästinenser, sondern aller Araber, die höchste Zahl seit die Umfragen vor mehr als einem Jahrzehnt begonnen wurden. Für mehr als 75 Prozent stellen die USA und Israel 'die größte Gefahr für Sicherheit und Stabilität in der Region' dar. Zwei Drittel beschrieben die Massaker der Hamas als legitime Form des Widerstands. Muasher erklärte mir: 'Die Unterstützung für die Hamas basiert nicht auf religiösen Gründen. Heute unterstützen die meisten Christen in Jordanien die Hamas. Das kommt aus dem Gefühl, dass sie die einzigen sind, die gegen Israel aufstehen.'" Die Regierungsbehörden sind in ihrem Umgang mit den Demonstranten strenger: "Am dreizehnten aufeinanderfolgenden Tag der Proteste wurden die Demonstranten um ihre Ausweise gebeten. Minderjährige durften nicht mehr teilnehmen. Familien mit jungen Kindern wurden weggeschickt. Ich habe Polizisten gesehen, die Kuffiyah-Träger aufgefordert haben, das Tuch abzunehmen und ohne wiederzukommen oder es den Beamten zu übergeben." Die Nachfrage beim zuständigen Ministerium fördert die Aussage zutage, es habe keine Anordnungen gegeben, palästinensische Flaggen oder Kuffiyahs zu konfiszieren. Dazu noch einmal der frühere Außenminister: "Ich denke, insbesondere die Sicherheitsbehörden machen sich große Sorgen, dass solche Proteste sich gegen Jordanien, gegen das System selbst richten könnten."
David Remnick schaut sich zudem die Zeitung Haaretz an, die es als eines der wenigen hebräischen Blätter schafft, die israelisch-palästinensischen Realitäten von den zivilen Opfern der Offensive, ihrer medizinischen Behandlung, aber auch von anschwellendem Antisemitismus und den verschiedensten mächtigen Akteuren der Region abzubilden. Gerade jetzt ein entscheidender Verdienst: "Während Netanyahu derzeit damit droht, Rafah einer vollumfänglichen Militäroffensive zu unterziehen, ist es fast unmöglich, sich die Zukunft in irgendeiner klaren Art und Weise vorzustellen. Zwischen all dem Zorn, dem Tod, dem Misstrauen braucht es Anführer, Intellektuelle und Institutionen mit der nötigen Integrität und den Visionen, um aufzubauen, was schon immer notwendig war: Politische Übereinkünfte, die die grausam-harten 'Fakten vor Ort' der Besatzung nicht akzeptieren und eine organisierte Bewegung zu einer humanen und umsetzbaren Lösung, die den Israelis die Sicherheit gibt, die sie natürlich brauchen und den Palästinensern die Würde und Unabhängigkeit verschafft, die sie zu Recht einfordern."
Diagnosen wie Autismus oder Borderline-Persönlichkeitsstörung sind für Nutzer von Online-Plattformen wie reddit oder tiktok zunehmend bedeutende Identitätsmarker, beobachtet Manvir Singh. Diagnosekriterien werden in den USA vor allem über das Manual DSM V bereitgestellt, doch es regt sich seit längerer Zeit Kritik, die daran zu viel Kategorien- und Einsortierungsdenken sieht. HiTOP (Hierarchical Taxonomy of Psychopathology) hingegen versucht von einzelnen Symptomen auszugehen statt von starren Krankheitsbildern. Aber ein Problem kann auch dieses neue System nicht umgehen, wie Singh am Beispiel der Autistin Paige Layle und dem Psychotherapeuten Alexander Kriss klarstellt: "Häufig entwickeln sich die Symptome der Patienten entlang der Diagnose, die ihnen gestellt wurde. Nachdem Layle einen Psychiater aufgesucht hatte, beobachtete ihre Mutter: 'Du benimmst dich mehr und mehr autistisch, seit du die Diagnose bekommen hast.' Für Layle war dieser Kommentar ein Zeichen, dass ihre Mutter sie nicht verstand - 'Ich hasse es, wenn mich jemand für eine Lügnerin hält', schreibt sie - aber Menschen überall begegnen Krankheiten, die sie unbewusst nachahmen. Manche Fälle sind subtiler, andere sind dramatisch und erschreckend. 2006 hat ein Internatsschüler in Mexiko schlimme Schmerzen im Bein entwickelt und Schwierigkeiten mit dem Laufen bekommen; schon bald wurden hunderte Mitschüler ebenfalls davon heimgesucht. Eine deutsche Nonne im fünfzehnten Jahrhundert hat angefangen, ihre Ordensschwestern zu beißen, diese merkwürdige Hysterie hat irgendwann Klöster von Holland bis Italien befallen. Der Philosoph Ian Hacking geht davon aus, dass eine ähnliche Dynamik für den rapiden Anstieg an Fällen multipler Persönlichkeiten im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert gesorgt hat, und das scheint sich auch in den sozialen Medien abzuspielen, wo sich immer mehr Darstellungen der dissoziativen Identitätsstörung, wie die Erkrankung derzeit heißt, finden."
Weiteres: Rebecca Mead schreibt über die Skandale, die das British Museum in den letzten Jahren heimgesucht haben - und über die Elgin Marbles. Jackson Arn berichtet von der Biennale. Jennifer Wilson liest den neuen Roman von Claire Messud. Amanda Petrusich erliegt dem "Radical Optimism" Dua Lipas. Und Richard Brody sah im Kino David Leitchs "Fall Guy". Lesen darf man außerdem eine Kurzgeschichte von Simon Rich.
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