Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 5 von 25

Magazinrundschau vom 11.11.2008 - Nouvel Observateur

"Ghetto urbain. Segregation, violence, pauvrete en France aujourd'hui" heißt die neue Studie des Soziologen Didier Lapeyronnie, in der er die Übel und Werte der "Gegen-Gesellschaft" in den neuen Ghettos französischer Vor- und Kleinstädte untersucht. Auf die Frage, ob diese "Gegen-Welt", die "Käfig und Kokon zugleich" sei, auch Werte und Antworten produziere, die über die Logik der allfälligen Gewalt in diesen Milieus hinausweist, antwortet er im Gespräch: "Das Ghetto ist eine Welt der starken Bindungen: Jeder kennt jeden. Das unterscheidet sich stark von der gewöhnlichen sozialen Welt, in der wir leben, die von schwachen Bindungen beherrscht wird: Wir kennen Leute, die sich ihrerseits nicht kennen. Schwache Bindungen sind aber sozial viel effizienter: Sie liefern ein Netz. Über diese Art Verbindungen findet man Arbeit, nicht indem man Lebensläufe verschickt. Starke Bindungen schützen die Leute, sind wie ein Kokon, mit all seinen negativen Aspekten. Aber sie stellen für jeden auch ein Handicap und eine Last dar."

Weiteres: Unter der Überschrift "Die Zukunft darf nicht aus dem Müll der Gegenwart bestehen" spricht der spanische Philosoph Daniel Innerarity in einem Interview über sein neues Buch "Le Futur et ses ennemis. De la confiscation de l'avenir a l'esperance politique", in dem er die klassische Rechts-Links-Spaltung für nicht mehr sachdienlich erklärt und seine Hoffnung auf eine erneuerte Demokratie darlegt.

Magazinrundschau vom 04.11.2008 - Nouvel Observateur

Jonathan Littell empfiehlt den Essay "Les elections presidentielles aux Etats Unis" von Roger Persichino (Folio Actuel), der sich grundsätzlich mit den amerikanischen Präsidentschaftswahlen und nicht ausschließlich mit dem Wahlkampf 2008 beschäftigt. Littell schreibt: "Viele von uns werden, wenn Barack Obama, was wahrscheinlich erscheint und wie wir uns wünschen, zum Präsidenten gewählt wurde, verstehen wollen, worin die Logik und Zwänge bestehen, die seine Entscheidungen steuern und seine Handlungsfähigkeit bestimmen. Und so bin ich fest davon überzeugt, dass man ein historisches oder politisches Phänomen ohne ein präzises Verständnis der ihm zugrundeliegenden Mechanismen nicht analysieren kann. Und dieses Verständnis vermittelt uns Persichinos Buch auf luzide, pointierte und didaktische Weise, gleichermaßen nützlich für einen Amerikaner wie für einen Franzosen. Der nächste Präsident wird großteils durch den Wahlkampf definiert, der ihn zur Macht geführt hat: Das zu verstehen, das Wie und das Warum, ist entscheidend für die Folgezeit."

Besprochen wird außerdem der Essay "Le bluff ethique" (Flammarion) des Philosophen Frederic Schiffer. Darin wettert dieser gegen die "falschen Versprechungen" der "Moralprediger" und "Scharlatane" seiner Zunft wie Michel Onfray oder Luc Ferry sowie deren Vorgänger von Platon bis Wittgenstein, die einem "getäuschten Publikum ein glückliches, erfolgreiches und authentisches Leben durch Arbeit am eigenen Selbst" verhießen.

Magazinrundschau vom 28.10.2008 - Nouvel Observateur

In einem Interview spricht Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel über sein neues Buch "Le cas Sonderberg" ("Der Fall Sonderberg"; hier eine Inhaltsangabe bei Arte), und erklärt, was er vom Plan von Nicolas Sarkozy hält, jedem französischen Grundschüler das Gedenken an ein deportiertes jüdisches Kind zu überantworten. "Ich bin überzeugt davon, dass die Absicht gut ist. Aber in welchem Alter kann ein Kind dieses Ereignis begreifen? Manche fragen mit acht, andere mit vierzehn, aber hat man das Recht, ein Kind zu zwingen? Nein. Wenn eine Lehrerin bemerkt, dass da in der Ecke ein kleiner Junge steht, der nichts darüber hören will, darf man ihn auch nicht zwingen. Nicolas Sarkozy hat das damit verbundene Drama nicht erfasst. Seine Idee hat mich berührt, aber auch entrüstet."

Magazinrundschau vom 21.10.2008 - Nouvel Observateur

Es ist völlig absurd, die religiösen Fundamentalismen als Antireaktion auf die Moderne darzustellen, meint der Islamwissenschaftler Olivier Roy im Gespräch mit dem Nouvel Obs, vielmehr seien sie gerade Akteure der Moderne: "Die Globalisierung hat die fundamentalistischen Formen des Religiösen bestärkt, ob es sich nun um den islamischen Salafismus oder den Protestantismus der Evangelikalen handelt. Diese Fundamentalismen sehen in den weltlichen Kulturen - und zwar sowohl in den traditionellen als auch den modernen - reines Heidentum. Sie sind gegen Kultur, denn sie bringt der Religion nichts und ist also unnütz, oder sie wird sogar als Hindernis für eine authentische religiöse Praxis gesehen. Die Fundamentalisten leiden nicht nur nicht unter dem Absterben der Kulturen im Zeichen der Globalisierung, sie profitieren sogar davon." Roy hat in Frankreich gerade ein neues Buch publiziert: "La Sainte Ignorance" (Seuil).

Magazinrundschau vom 14.10.2008 - Nouvel Observateur

Hat die Republik überhaupt noch Ideen?, fragen Aude Lancelin und Elisabeth Vigoureux im Titeldossier über die "intellektuelle Kraft Frankreichs". Seit den Zeiten von Sartre und Aron seien die großen ideologischen Lager und das intellektuelle Milieu nie zersplitterter gewesen. Die öffentlichen Intellektuellen meldeten sich kaum noch zu Wort, "und viele von ihnen müssen sich, wie etwa Andre Glucksmann oder Max Gallo vorwerfen lassen, ihre Rolle abgestreift zu haben, indem sie Sarkozy auf seinem Weg zur Macht und zu einem Rechtsruck begleiteten. 'Adieu Jean-Paul' betitelte die australische Tageszeitung The Age ihren Abgesang auf die Sartre-Jahre: die eines rebellischen Frankreichs. Als ob das französische Denken, einst ganz verliebt in die 'Entrüstung', keine Ausnahme mehr darstelle." Flankiert wird der Artikel von einer Liste der 50 französischen "Denkerstars" und einem Verzeichnis der zentralen intellektuellen Institutionen, Bastionen und Tummelfelder.

Weiteres: In einem Gespräch anlässlich des 11. Historikertreffens in Blois plädieren der Regisseur Claude Lanzmann und der Historiker Pierre Nora für die Unabhängigkeit der Zunft und verwahren sich gegen die in Frankreich zunehmende staatliche Verordnung von Erinnerungsformen und -inhalten. Während Lanzman unter anderem besonders "die Idee einer Konkurrenz der Opfer" abstößt, findet Nora, dass Inhalte des Geschichtsunterrichts eine Sache "für den klassischen Behördenweg, also für Lehrausschüsse" sei, und nicht per Gesetz geregelt werden dürften.

Magazinrundschau vom 07.10.2008 - Nouvel Observateur

Eine äußerst geschickte Marketingstrategie fuhr der Verlag Flammarion - seit Frühjahr für ein nun am 8. Oktober erscheinendes Buch: mehr als dass es ein Gemeinschaftsprojekt von zwei namhaften französischen Autoren sei, wurde nicht verraten und die Gerüchteküche damit so ordentlich angeheizt, dass die französischen Buchhandlungen blind über 100.000 Exemplare vorbestellten. Jetzt ist es raus: "Ennemis publics" nannten Michel Houellebecq und Bernard-Henri Levy ihr Werk in Briefform. Diese Geheimhaltungsstufe habe es mitnichten verdient, befindet der Obs, enthalte es doch keinerlei Brisanz. Am Ärgerlichsten an diesem "zweistimmigen Lamento" dieser beiden "unverstandenen Genies" sei die Art, wie sich die etablierten Männer zu "Staatsfeinden" und Opfern eines Systems hochstilisierten, dessen sie sich selbst bedient hätten. Zu lesen sind zahlreiche Auszüge (hier und hier), so schreibt etwa Michel Houellebecq am 26. Januar 2008: "Wir beide symbolisieren perfekt die entsetzliche Schlappheit der französischen Kultur und Intelligenz, wie das Magazin Time kürzlich streng, aber zutreffend ausführte. Wir haben nichts zum Wiederaufleben der französischen Elektroszene beigesteuert. Und wir tauchen nicht mal im Abspann von 'Ratatouille? auf."

Magazinrundschau vom 02.09.2008 - Nouvel Observateur

Mit seinem Buch "La Revolution française n'est pas terminee" kratzt der Sozialist und ehemalige Europaabgeordnete Vincent Peillon an einem französischen Nationalheiligtum, dem Historiker und Spezialisten für das Thema Französische Revolution, Francois Furet. In einem Gespräch mit dessen Schüler Philippe Raynaud begründet und verteidigt er seine Thesen. "Unsere noch immer dominante historische Erzählung ist eine, die uns daran hindert, zu unserer Gegenwart zu gelangen. [Francois Furet] hat unsere nationale Erzählung entlang einer Reihe von Oppositionspaaren geschrieben: Freiheit/Gleichheit, Katholizismus/Protestantismus, Individuum/Staat, II. Republik/III. Republik, gute Revolution von 1789/schlechte Revolution von 1793, Liberalismus/Sozialismus. Ich widerspreche gleichermaßen seiner historischen Lektüre, den philosophischen Grundlagen, auf die sie sich stützt, und den politischen Schlussfolgerungen, die er daraus zieht. (...) Zu sagen, die Revolution sei beendet, hieße, dass es keine Umstürze, Gewaltakte, letztendlich keine Debatte mehr gäbe."

Magazinrundschau vom 26.08.2008 - Nouvel Observateur

Sieben Jahre nach ihrem Skandalerfolg "Das sexuelle Leben der Catherine M." hat Catherine Millet ein neues Buch geschrieben: "Jour de souffrance" (Flammarion). Darin seziert sie, wie sich die Eifersucht in ihre Beziehung zu dem Schriftsteller Jacques Henric geschlichen und wie sie sich angefühlt hat. Grund genug für den Obs, sein Titeldossier dem Thema Frauen, ihren Männern und Liebhabern zu widmen und Millet im Interview ausführlich über die "Hölle Eifersucht" sprechen zu lassen. Sie habe wie ein "durchgedrehter Kompass" reagiert. "Das Leiden ist so zugespitzt, dass es mitunter mit den Trieben von Serienmördern und -vergewaltigern vergleichbar ist. Die erklären anschließend, dass ihre Tat ruchlos sei, dass sie es aber einfach tun mussten, als ob sie sich gespalten hätten. Genau das habe ich erlebt. Das Heftigste an meiner Eifersucht war, dass ich mich sogar informiert und die Aussagen solcher Täter gelesen habe, um zu verstehen, was mit mir passierte. Immer sagten sie: 'Ich habe mir dabei zugesehen, beim Töten, beim Vergewaltigen.' Und ich sah mir dabei zu, wie ich die Sachen von Jacques durchwühlte, mich so weit erniedrigte, ihm nachzuspionieren."

Flankiert wird das Interview von Auszügen aus dem neuen Buch sowie Kurzbesprechungen von Neuerscheinungen vor allem von Autorinnen, darunter Amelie Nothomb und Juli Zeh.

Magazinrundschau vom 29.07.2008 - Nouvel Observateur

Anlässlich Barack Obamas Präsidentschaftskandidatur und seinem Frankreichbesuch widmet sich das Titeldossier dem "langen Weg der Schwarzen". Unter der Überschrift "Alles und nichts hat sich geändert" erklärt Joseph Lowery, ein ehemaliger Mitstreiter von Martin Luther King, im Interview die anfängliche Skepsis und weshalb die schwarze Community lange gezögert hat, bevor sie Obama unterstützte. "Von diesen symbolischen Kampagnen hatten alle genug. Diesmal war angesichts der katastrophalen Wirtschaftslage des Landes niemand willens, so eine Kandidatur zu unterstützen. Erst beim Selma-Gedenkmarsch im März 2007 wurde ich neugierig auf Obama, wollte ihn besser kennen lernen. Ich habe ihn mir angehört, und seine Botschaft hat mir gefallen. Dann habe ich mich gefragt, ob ihn vor allem junge Weiße ernst nehmen. Am Martin Luther King Day habe ich sie gefragt: 'Was reizt euch so an ihm?' Barack Obama... Barack Obama... Vielleicht hat es was mit dem Namen zu tun, und er wäre nicht so attraktiv, wenn er Joe Blow hieße! Doch ich hatte immer noch meine Zweifel. Also ging ich nach Iowa und habe Wahlkampf für ihn gemacht, ich wollte einfach wissen, wie ein weißer Bundesstaat auf ihn reagiert. Und das habe ich erfahren! Dort habe ich begriffen, dass seine Kampagne real und nicht symbolisch ist."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem Architekten und Pritzkerpreisträger Jean Nouvel, in dem er sich unter anderem als "totaler Hedonist" outet.

Magazinrundschau vom 10.06.2008 - Nouvel Observateur

Soll man sich der Globalisierung widersetzen? Diese Frage diskutieren anlässlich des zehnten Geburtstags von Attac dessen Gründerin und heutige Ehrenvorsitzende Susan George und der Wirtschaftswissenschaftler Elie Cohen. Auf die Frage, ob die Globalisierung den Armen nütze oder schade meint George: "Niemand bestreitet, dass eine gewisse Anzahl von Chinesen, die gestern noch von der Konsumwirtschaft ausgeschlossen waren, jetzt davon profitieren. Aber überall auf der Welt sehen wir die Zunahme von Ungleichheiten. (...) Außerdem kann man in einer begrenzten Welt nicht mit dem Verbrauch wie im 19. und 20 Jahrhundert weitermachen. Leider hat sich das indische und chinesische Wachstum entschieden, unseren schlechten Beispiele zu folgen, statt direkt ins 21. Jahrhundert überzugehen, was möglich gewesen wäre." Zur Frage, wer die Weltmärkte beherrsche, meint Cohen: "Mich wundert, dass Sie den Multis noch immer eine so furchtbare Macht zusprechen. Die Welt hat sich verändert. Hätten Sie mich vor zehn Jahren gefragt, wer das mächtigste Unternehmen der Welt ist, hätte ich schlicht geantwortet: Exxon. Aber Exxon und Total sind heutzutage Zwerge in der Ölproduktion, ihre Führungsrolle ist passe. Die Welt wird von den Förderländern beherrscht, die ihre Produktion selbst kontrollieren, die multinationalen Ölkonzerne kontrollieren dagegen nur noch zwischen 15 und 20 Prozent. Wenn Sie sich die Börsennotierungen anschauen, werden sie feststellen, dass sich auf den ersten Rängen chinesische und arabische Ölfirmen finden. Die Welt hat sich wirklich von Grund auf gewandelt."