Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 4 von 25

Magazinrundschau vom 24.02.2009 - Nouvel Observateur

Vor dem Hintergrund des Generalstreiks in Guadeloupe ist in Frankreich das Thema des Umgangs mit der eigenen kolonialen Vergangenheit in der Karibik mal wieder sehr aktuell. Im Obs stellt die Historikerin Nelly Schmidt ihr jüngstes Buch mit dem provozierenden Titel "Hat Frankreich die Sklaverei abgeschafft?" vor. Darin erklärt sie, dass die Abschaffung der Sklaverei 1848 anders als in England keine von der Bevölkerung getragene Bewegung, sondern eine "Sache der Eliten" war und die damit beauftragte französische Kommission erbittert ihre ökonomischen Interessen verteidigte. "Drei Losungen haben die Abschaffung der Sklaverei 1848 begleitet: 'Aufrechterhaltung der Ordnung', 'Aufrechterhaltung der Arbeit' und 'Vergessen der Vergangenheit'. Vor allem letzteres hat sich als äußerst wirkungsvoll erwiesen. Die Historiker selbst sind der republikanischen Propaganda gefolgt und haben eine Vergangenheit produziert, die eher den Mythos als die Realität festschrieb. Die Geschichte blieb einseitig und wurde nur aus einem Blickwinkel betrachtet: dem der Kolonialherren und der Regierung." Das habe sich erst in den Sechigern geändert, als britische Historiker anfingen, die französische Kolonialzeit zu erforschen."

Ein ausführlicher Essay zur Geschichte des französischen Postkolonialismus ist unter der Überschrift "Französische Antillen oder Relikte des Kaiserreichs?" in La vie des idees zu lesen.

Magazinrundschau vom 17.02.2009 - Nouvel Observateur

Die iranische Revolution feiert ihren 30. Geburtstag, und nie zuvor war die Kluft zwischen Regime und Jugend größer als heute. Das jedenfalls ist das Fazit einer soziologischen Studie, die der Iran- und Religionsexperte Farhad Khoskrokhavar in Teheran, Gazvin und der heiligen Stadt Ghom durchgeführt hat. Sogar in letzterer, in der sich alles um islamische Gesetze dreht, engagiere sich ein großer Teil der Jugendlichen, wenn auch vorsichtig und heimlich, in einer Bewegung zur Säkularisation. Im Gespräch erklärt er: "Sie versuchen, sich aus Religion und Privatem eine heikle und eigenständige Kombination zu basteln. (...) Unsere Untersuchung zeigt, dass das Regime bei den Jugendlichen zugleich erfolgreich war und scheiterte. Erfolg hatte es insofern, als der Islam in seiner schiitischen Version zum Grundpfeiler der iranischen Identität wurde. Hingegen konnte die Jugend eine echte Distanz zwischen sich und dem Klerus schaffen, dem es nicht gelungen ist, sie geistig rekrutieren. Selbst in einer traditionsverhafteten und konservativen Stadt wie Ghom stößt man auf eine Infragestellung der Politik in ihrer theokratischen Form."

Aude Lancelin feiert das vierzigjährige Bestehen der Experimental-Universität Vincennes, in der Studenten und Professoren auf Augenhöhe miteinander arbeiteten und deren Dozentenliste sich wie ein Who?s who der französischen Geistes- und Sozialwissenschaften liest; hier lehrten unter anderem Gilles Deleuze und Felix Guattari, Jacques Lacan, Michel Foucault und Jean-Francois Lyotard sowie Antonio Negri. Am 18 März wird bei Flammarion die von Jean-Michel Dijan herausgegebene Publikation "Vincennes - Une aventure de la pensee critique" erscheinen.

Magazinrundschau vom 10.02.2009 - Nouvel Observateur

Unter der Überschrift "Bitterer Sieg" zieht der israelische Schriftsteller Abraham B. Yehoshua eine Bilanz des Gaza-Kriegs. Das Image Israels habe international zweifellos darunter gelitten und der offiziell nicht als Krieg, sondern als "militärische Operation" bezeichnete Konflikt habe keinen Sieg, sondern allenfalls "Linderung" gebracht. "Dass der israelische Einsatz im Prinzip legitim, obwohl de facto brachial ist, wird als solches vom Rest der Welt nicht so bewertet, unter anderem aus gerechtfertigte Wut über die Siedlungspolitik im Westjordanland. Ein unabhängiger Gazastreifen ist kein Gefängnis. Er verfügt an der ägyptischen Grenze theoretisch über eine Öffnung zur Außenwelt. (...) Ich bin absolut für die Öffnung von Checkpoints für Personen und Waren Richtung Israel, um die Waffenruhe im Gazastreifen endlich zu sichern. Selbst wenn die Hamas den Staat Israel nicht anerkennt, haben wir eine moralische Verpflichtung und ein politisches Interesse, den Bewohnern in Gaza zu erlauben, ihre Brüder im Westjordanland zu treffen und frei bei uns zu arbeiten und Handel zu treiben."

Magazinrundschau vom 03.02.2009 - Nouvel Observateur

Der Nouvel Obs bringt Auszüge aus einem bisher unveröffentlichten Tagebuch, das Roland Barthes nach dem Tod seiner Mutter 1977 zwei Jahre lang führte. Das "Journal de deuil" erscheint nun bei Seuil. Barthes schreibt darin unter anderem am 5. November, zwei Monate nach ihrem Tod: "Trister Nachmittag. Kurzer Einkauf. In der Patisserie (Belanglosigkeit) kaufe ich einen 'Financier'. Die kleine Verkäuferin bedient eine Kundin und sagt voila. Das war das Wort, das ich sagte, wenn ich Maman etwas brachte, als ich sie pflegte. Einmal, gegen ihr Ende hin und nur halb bei Bewusstsein, wiederholte sie es: Voila (Ich bin da, je suis la, ein Wort, das wir uns das ganze Leben über gesagt haben). Dieses Wort der Verkäuferin treibt mir die Tränen in die Augen. Ich weine lange (zurück in der schallgeschützten Wohnung)." Und am 30. November notiert er: "Nicht von Trauer sprechen. Das ist zu psychoanalytisch. Ich bin nicht in Trauer. Ich habe Kummer."

So sehen laut Wikipedia Frankreich zwei Financiers aus. Es handelt sich um Weichgebäck. Anderenorts wird es als rechteckig beschrieben.
Stichwörter: Barthes, Roland, Mutter, Wikipedia

Magazinrundschau vom 27.01.2009 - Nouvel Observateur

Von Bahgat Elnadi und Adel Rifaat, die unter dem Pseudonym Mahmoud Hussein bereits mehrere Bücher zum Islam geschrieben haben, erscheint bei Grasset nun ihr jüngstes Buch: "Penser le Coran". In dem Essay plädieren die beiden französischen Intellektuellen ägyptischer Herkunft für eine Lektüre des Koran gegen den Islamismus. Im Gespräch erläutern sie ihre Kernthese, wonach das Dilemma der Muslime in einer allzu wörtlichen Lektüre und Auslegung besteht, die die beiden Autoren "rasend macht". Einen Ausweg aus diesem Dilemma sehen sie darin, den Koran zu "denken" statt ihn lediglich zu "psalmodieren". "Man muss ihn ohne Voreingenommenheit lesen. Dann zeigt er sich als eine 'mit der Zeit gehenden Transzendenz'. Seine zeitliche Komponente und sein göttlicher Ursprung sind nicht zu trennen. Gott hat sein Wort in einer ganz bestimmten Welt und zu einer ganz bestimmten Zeit geschrieben. Der Gläubige, der dieses Wort in anderen Gegenden, in anderen Jahrhunderten lebt, kann es deshalb nicht wortwörtlich nehmen. Im Gegenteil, er ist verpflichtet, sich um eine Interpretation zu bemühen. Den Koran 'lesen' bedeutet, ihn zu verstehen, und dies muss die erste Pflicht eines Moslems sein."

Außerdem: In einem weiteren Interview spricht der französische Historiker für zeitgenössische arabische Geschichte Henry Laurens über die Aktualität des Anti-Imperialismus; dabei geht er unter anderem auf die Vergleichbarkeit des römischen und zeitgenössischen amerikanischen Imperialismus ein und erklärt, weshalb der Dschihad keine antiimperialistische Bewegung sein kann. Besprochen wird das Buch "Une histoire des haines d'ecrivains" von Anne Boquel et Etienne Kern, worin es um die Gemeinheiten geht, mit denen sich Schriftsteller des 19. Jahrhunderts von Chateaubriand bis Proust gegenseitig überzogen (Flammarion). Sie sind empörend. Ein Beispiel: Barbey d'Aurevilly sagte über Prosper Merimee: "Er hat zwar die Beine eines Pfaus, aber nicht den Schwanz."

Magazinrundschau vom 30.12.2008 - Nouvel Observateur

In einem wunderbaren Interview spricht der italienische Schriftsteller und Übersetzer Claudio Magris über seine Heimatstadt Triest, Staats- und Sprachgrenzen, Europa und das Glück. "Wenn man das Glück hat, Glück oder zumindest einen Glücksmoment zu erleben, kann man davon erzählen und eine Geschichte oder ein Gedicht schreiben. Aber es zu kommentieren oder zu evaluieren, wäre nahezu blasphemisch. Italo Svevo hat uns gelehrt, wie man die Suche nach Glück vermeidet, um sich den Schmerz des Scheiterns zu ersparen. Ich war ein frühreifer Schüler von Svevo! 1948, mit neun, habe ich leidenschaftlich die Tour de France verfolgt und war völlig aus dem Häuschen über den Triumph von Gino Bartali. Ich habe ihm einen begeisterten Brief geschrieben. Natürlich hätte ich mich über eine Antwort gefreut und wahrscheinlich hätte mir sein Sekretär auch einen Brief geschickt. Aber um der Enttäuschung aus dem Weg zu gehen, hatte ich meine Adresse nicht angegeben. So konnte er mir nicht antworten, selbst wenn er gewollt hätte. Und ich war auf diese Weise vor der Enttäuschung geschützt."

Magazinrundschau vom 09.12.2008 - Nouvel Observateur

In einem unterhaltsamen Interview stellt der Historiker Michel Pastoureau seine Kulturgeschichte der Farbe Schwarz vor ("Noir. Histoire d'une couleur", Seuil). Es geht unter anderem gutes und schlechtes Schwarz und seine unterschiedlichen sozialen Bedeutungen bis hin zur heute dominierenden Symbolik luxuriöser Eleganz. Eine Karrieregeschichte also, zumindest in der Mode, auf einem anderen Gebiet verläuft die Entwicklung dagegen andersherum: "Jahrhunderte lang waren in Europa die Hausschweine überwiegend schwarz. In Folge der Entdeckerreisen wurden sie mit asiatischen Schweinen gekreuzt und zunehmend heller, bis sie so rosa waren, wie wir sie heute kennen - mit einigen Ausnahmen, etwa in Korsika oder der Gascogne. Vor ein paar Jahren habe ich Jean-Jacques Annaud bei den Dreharbeiten zu 'Der Name der Rose' beraten. Er wollte mit rosa Schweinen drehen. Da die Handlung aber im Mittelalter spielt, wies ich ihn darauf hin, dass dies unmöglich sei. Deshalb mussten sie gegen Tiere mit dunklerer Haut und Behaarung ausgetauscht werden."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit Robert Badinter, der zehn Jahre nach der feierlichen Begehung des 50. Jahrestags der UN-Menschenrechtscharta eine ernüchternde Bilanz zieht: "Was für ein Rückschritt seither!" Ebenfalls in einem Gespräch lotet der Historiker Pascal Blanchard, der sich in seinen Büchern mit dem Verhältnis von Körper und Hautfarbe sowie der französischen Kolonialpolitik beschäftigte, nach der Wahl von Barack Obama die Chancen für eine "postrassischen Gesellschaft" aus.

Magazinrundschau vom 02.12.2008 - Nouvel Observateur

Der französische Philosoph Paul Virilio hat gemeinsam mit dem Fotojournalisten und Filmemacher Raymond Depardon in der Fondation Cartier eine Ausstellung zusammengestellt, die sich mit dem Phänomen zunehmender Menschenströme aus Flüchtlingen, Vertriebenen, Immigranten, Asylbewerbern und Umgesiedelten beschäftigt. Im Gespräch erläutert Virilio sein in diesem Zusammenhang zentrales Konzept der "outre ville", in dem sich die hergebrachte Dominanz der Sesshaftigkeit gegenüber dem Nomadentum auflöse, was auch Konsequenzen für den Begriff der Stadt und die Identität dieser "modernen Nomaden" habe: "Das Zirkulieren wird zum neuen Wohnen. Die alte Stadt galt als ein Ort der Wahl, im Sinne der Wohnortwahl. Heutzutage ist die Stadt ein Ort des Ausstoßes. Mit der Omni-Polis ist sie überall und nirgends. (...) Die 'Trajektografie' ersetzt die Geografie. (...) Das Tempo der Telekommunikation gestattet diesen endlosen Personenverkehr. Weshalb also sollte man seine Geburtsidentität behalten? Ein Feuerwehrmann erzählte mir, als es in einem Zug einmal zu einer Geburt kam, habe man diesen angehalten, damit das Kind einen Geburtsort hatte. Heutzutage würde man dafür keinen TGV mehr stoppen!"

Magazinrundschau vom 25.11.2008 - Nouvel Observateur

"Gewagt" nennt der Nouvel Obs das neue Buch des in Nizza lehrenden Philosophieprofessors Abdennour Bidar "L'Islam sans soumission - Pour un existentialisme musulman" (Islam ohne Unterwerfung - Für einen muslimischen Existenzialismus), da der Begriff Islam gemeinhin doch mit Unterwerfung übersetzt werde. Im Gespräch erläutert Bidar: "Es stimmt, gemäß eines verbreiteten a priori sind Islam und Unterwerfung quasi ein Pleonasmus. Mit meinem Titel wollte ich zeigen, dass es eine Möglichkeit gibt, den Islam anders zu verstehen, im Sinne einer Freiheit des Bewusstseins, einer praktischen Freiheit, wie sie bereits in den Verhaltensänderungen vieler Muslime sichtbar ist, besonders in Europa. Nur hat diese Freiheit nie wirkliche Anerkennung gefunden, sondern lediglich eine stille Akzeptanz in bestimmten Milieus. Weil im Islam keine echte Freiheitskultur bezüglich der Religion gibt. Die Frage des Abtrünnigwerdens veranschaulicht das am tragischsten."

Magazinrundschau vom 18.11.2008 - Nouvel Observateur

Stehen uns tatsächlich Kriege ums Trinkwasser bevor? Dieser Frage ging Erik Orsenna, Schriftsteller und Mitglied der Academie Francaise, nach. Angesichts der Tatsache, dass mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung keinen Zugang zu Wasser hat - "Minimum wäre mindestens ein frei zugänglicher Wasserhahn pro Straße" - erklärt er im Gespräch unter anderem, dass dieser Wassermangel Menschenwerk ist: "Wasser ist nicht Öl. Öl versiegt, Wasser nicht. Im Gegenteil. Durch die Erderwärmung schmilzt das Eis, die Niederschläge nehmen zu und der Wasserkreislauf intensiviert sich... Dieser Kreislauf ist natürlich. Was nicht natürlich ist, ist die Tendenz, diesen Kreislauf durch menschliches Zutun dramatisch zu verstärken: In fünfzig Jahren werden die Regionen, in denen es schon Wasser gab, noch mehr haben; und die, in denen es keins gab, müssen sich darauf einstellen, noch stärker unter Wassermangel zu leiden! Und das bei wachsender Weltbevölkerung, die sich in den Städten konzentriert! Zu brutalen wirtschaftlichen Ungleichheiten werden die klimatischen Ungleichheiten noch dazukommen. Übermaß oder Mangel an Wasser: Die Menschheit wird in einer Welt zunehmender Gewalt leben."