Magazinrundschau - Archiv

Le Nouvel Observateur

246 Presseschau-Absätze - Seite 6 von 25

Magazinrundschau vom 20.05.2008 - Nouvel Observateur

Anlässlich des Erscheinens seines jüngsten Buchs "House of Meetings" ("La maison des rencontres", Gallimard) spricht der englische Schriftsteller Martin Amis in einem langen Interview unter anderem über den 11. September, Frauen und seine zunehmend apokalyptisch-politischen Buchstoffe. Über den Islamismus und insbesondere den Märtyrertod sagt er: "Ich weiß nicht, wie es in Frankreich ist, aber in Großbritannien herrscht eine große rationalistische Naivität in Bezug auf diese Frage. Die Leute neigen immer dazu, sich einzureden, dass die Selbstmordattentäter, die sich mit ihrer Bombe in die Luft jagen, damit die einzige Waffe einsetzen, die den Armen und Unterdrückten zur Verfügung steht. Sie schaffen es nicht zu sehen, dass der radikale Islamismus in Wirklichkeit eine Sekte ist, ein pathologisches Phänomen."

Magazinrundschau vom 13.05.2008 - Nouvel Observateur

In einem Interview spricht der populäre chinesische Schriftsteller Yu Hua über sein jüngstes Buch "Brother" (Seuil). Darin zeichnet er ein Porträt Chinas der letzten vierzig Jahre und berührt im ersten Teil auch die Kulturrevolution, eine Zeit, die er als Junge noch selbst erlebt hat und ein Thema, das bis heute Tabu ist und über das man in China eigentlich nichts veröffentlichen darf. Einige Figuren seien zwar fiktiv, aber "in China übersteigt die Realität die Vorstellungskraft bei weitem. (...) Es war eine verrückte Epoche: In einer Zeitung aus dieser Zeit habe ich gelesen, dass Pen Zheng, der Bürgermeister von Peking, Mao ernsthaft vorgeschlagen hat, die Verbotene Stadt zu schleifen und an ihrer Stelle die größten Latrinen der Erde zu errichten, damit die gesamte Welt dort pissen und scheißen geht, wo die Kaiser gelebt haben!"

Eine Besprechung dieses Buchs und ein Porträt von Yu Hua ist auch in Le Monde des Livres zu lesen.

Magazinrundschau vom 25.03.2008 - Nouvel Observateur

Der chinesische Historiker und Hochschuldozent in Kalifornien Song Yongyi - früher selbst Rotgardist, später unter Spionageverdacht in China inhaftiert und erst auf internationalen Druck ins amerikanische Exil entlassen - hat ein Schwarzbuch der Kulturrevolution herausgegeben, in dem er erstmals auch das ganze Ausmaß der in ihrem Rahmen verübten Massaker belegt: "Les Massacres de la Revolution culturelle". Gefragt nach seiner Rolle als Rotgardist und ob er selbst an Hausdurchsuchungen oder öffentlichen Kritiksitzungen teilgenommen habe, antwortet er: "Nein, da ich aus keiner sehr 'guten' Familie stamme. Aber auch keiner 'schlechten'. Mein Vater führte ein großes Geschäft. An der ersten Welle - bei den alten Rotgardisten - konnte ich nicht teilnehmen, die war praktisch für Kinder hochgestellter Kader reserviert, und die hatten auch das Recht zu töten. Ich gehörte zur zweiten Welle namens Rebellische Rote Garden. Ich denke, wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, hätte ich mich genauso verhalten wie die Mitglieder der ersten Welle."
Stichwörter: Kulturrevolution, Kalifornien

Magazinrundschau vom 18.03.2008 - Nouvel Observateur

In einem Interview plädiert der amerikanische Schriftsteller Russell Banks entschieden für Barack Obama als nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten: "Wenn Obama als Kandidat der Demokraten designiert wird, wird das der desillusionierten und pessimistischen amerikanischen Jugend wieder Hoffnung geben; doch wenn McCain ihn schlägt oder er gar ermordet werden sollte, wird sich diese Desillusionierung angesichts der geweckten Hoffnungen noch verschlimmern. Die USA werden in Verzweiflung und Negativität versinken. Dies wäre eine Rückkehr zur gängigen Tagesordnung, ohne Ideal, die nichts als Stillstand und Resignation hervorrufen würde. Und sollte es Hillary Clinton werden, die bei den Demokraten die Oberhand gewinnt, wird die populäre Koalition, die sich um Obama geschart hat, bald auseinanderbrechen."

Magazinrundschau vom 11.03.2008 - Nouvel Observateur

In ihrem gleichnamigen Buch, das durchaus zu einem Bestseller werden könnte, sagt Genevieve Ferone, Leiterin des international agierenden Umweltdienstleisters Veolia Environnement, für 2030 den ökologischen Zusammenbruch voraus ("2030, le krach ecologique", Grasset). In einem Interview, in dem sie viele konkrete Zahlen und Beispiele nennt, erläutert sie ihre Thesen. So sei die exakte Terminierung keineswegs der Versuch einer Neuauflage von Orwells "1984". "Mit Orwell hat das nichts zu tun, denn hier handelt es sich nicht um ein Fantasiedatum, sondern um einen strikten, durch die Entwicklung der Schätzungskurven untermauerten Termin. Ich hätte eher 2029 vorgezogen, doch mein Verleger hat sich für die rundere Jahreszahl 2030 entschieden. Jedenfalls wird der traurige Termin in wenigen Monaten unausweichlich." Zeit bleibe jedenfalls keine mehr, sofern sich der nächste G8-Gipfel nicht ernsthaft der globalen Interessen des Planeten annehme. Eine Frage sei doch: "Gibt es tatsächlich irgendeine Notwendigkeit, Orangensaft herzustellen, indem man einen zuvor durch einen energieaufwendige Verdampfungsprozess gewonnenen Extrakt wieder verdünnt?"

Magazinrundschau vom 19.02.2008 - Nouvel Observateur

Der Soziologe Edgar Morin erzählt im Interview, wann er sich vom Kommunismus abgewendet hat: "Ende 1941 wurde ich militanter Kommunist, um in die gigantische Schlacht einer sich unheilbar im Krieg befindlichen Welt einzutreten. Mein Irrtum war viel eher ein Denkfehler als einer aus Unwissenheit. Ich gehörte nicht zu den Naiven, die die UdSSR für ein Paradies hielten, ich kannte die Lüge über die Moskauer Prozesse. Aber ich dachte, alle Makel der Sowjetunion lägen an der zaristischen Zurückgebliebenheit oder der kapitalistischen Einkreisung und dass der Sieg zur Entfaltung einer überlegenen Gesellschaft führen würde. Ich habe zu diesem Zeitpunkt nicht erkannt, dass die totalitäre Logik im Bolschewismus eingeschlossen war. Mein Irrtum hat mich derart gekränkt, dass ich das Buch 'Autocritique' geschrieben habe, in dem ich zu verstehen versuchte, wie es zu meinem Irrtum kommen konnte. Man hat unter dem Stalinismus eine Art Delirium erlebt, dessen Wesen ich zu durchschauen versuchte. Obwohl ich bereits 1948 desillusioniert war, hatte ich ein psychopathologisches Bedürfnis nach Liebe, Bruderschaft, Gemeinschaft und wagte nicht, die Nabelschnur zu durchschneiden. Mein Parteiausschluss hat mich befreit. Danach bin ich zu einem radikalen Anti-Stalinisten geworden."
Stichwörter: Stalinismus, Bolschewismus

Magazinrundschau vom 29.01.2008 - Nouvel Observateur

Im Nouvel Obs in dieser Woche großes Sarkozy-Bashing. Ein ganzes Dossier widmet sich ausführlich der Sondierung des Phänomens, dass die Republik allmählich sarkophob wird. In der Abteilung Reflexions ventiliert der Philosoph Daniel Bensaid im Gespräch das "Unbehagen an Sarkozy" und analysiert dessen Aktivismus in Zeiten des ökonomischen Despotismus und der Krise der Politik.

Ebenfalls in einem Gespräch entschlüsselt der Soziologe Jean-Pierre Le Goff, der dieser Tage bei Gallimard seine Studie "La France morcelee" (die Zersplitterung der französischen Gesellschaft) veröffentlicht, den Sarkozysmus als hochriskante Entweihung des Präsidentenamts. "Man hat seine 'bonapartistischen' und 'populistischen' Aspekte betont, seinen Flirt mit bestimmten Gedanken des Front National... Tatsächlich sprengt Nicolas Sarkozy stets die Schublade, in die man ihn stecken will. Die Realität erscheint mir manchmal rüde, vielleicht fällt es uns deshalb so schwer, sie zu glauben: Man sucht nach einer Kohärenz, wo es keine gibt. Seine Persönlichkeit erklärt sich nicht aus einem homogenen Zusammenhang. Nicolas Sarkozy reichert seinen Ehrgeiz ohne Rücksicht auf den Zusammenhang mit Doktrinsplittern an und liebt es, wie Jean-Pierre Raffarin schrieb, 'im Zentrum einer Ideenschleuder' zu sein. Das zersplitterte Frankreich und ein solcher Patchwork-Präsident sind die Spiegelungen. Ein neues politisches Gemisch gruppiert sich um einen auf seine Person zentrierten Voluntarismus und einen Manager-Pragmatismus, der sich von jeglicher Ideologie befreien will."

Magazinrundschau vom 22.01.2008 - Nouvel Observateur

Unter der Überschrift "Wie ist der Islam zu heilen?" stellt der tunesienstämmige Hochschullehrer, Schriftsteller und Lyriker Abdelwahab Meddeb in einem Interview Thesen seines neuen Buchs vor: "Sortir de la malediction. L'islam entre civilisation et barbarie" (Seuil). Nur eine "tabulose" kritische Lektüre des Koran könne zur Überwindung des Islamismus durch den Islam selbst führen. Auch für den politisch konkreten Sieg über den Islamismus, den er mit dem Faschismus gleichsetzt, sieht er Chancen, selbst im Iran: "Dieses Land kann sich von Faschismus und Totalitarismus befreien, die ihm die islamistische Ideologie aufzwingen, weil es an bestimmten Rändern durch die Werken seiner Künstler, Filmemacher, Fotografen, Bildhauer, Dichter und Denker beiderlei Geschlechts an einer offensichtlichen Modernität festhält. Die Kiarostamis, Panahis und Satrapis sind zahlreich. Außerdem hat sich jeder Iraner, sogar der dogmatischste Mullah, eine Bindung zum vorislamischen Persien bewahrt."

Zu lesen ist außerdem ein Gespräch mit der chilenischen Dokumentarfilmerin Carmen Castillo, deren Film "Calle Santa Fe" an die blutige Erstürmung ihres Hauses 1974, einem Geheimversteck revolutionärer Pinochet-Gegner, erinnnert und als erste ihrer Arbeiten im Kino läuft.

Magazinrundschau vom 15.01.2008 - Nouvel Observateur

"Was er sagt, ist furchterregend", leitet der Nouvel Obs sein Interview mit dem algerischen Schriftsteller Boualem Sansal (mehr hier und hier) ein. Dessen neuer Roman "Le Village de l'Allemand ou le journal des freres Schiller" (Gallimard) erzählt, wie zwei in einer Pariser Banlieue lebende Brüder herausfinden, dass ihr Vater, ein Held der algerischen Befreiungsbewegung FLN, einst SS-Offizier war. Für den Nouvel Obs ist der Roman ein "Schlag ins Kontor unserer Illusionen". Über die Situation in Algerien meint Sansal im Interview: "Wir leben unter einem national-islamistischen Regime und einer von Terrorismus geprägten Umgebung, und wir sehen sehr wohl, dass die Grenze zwischen Islamismus und Nazismus dünn ist. Algerien wird von seiner Jugend als 'Gefängnis unter freiem Himmel' wahrgenommen, so die einen, und von den anderen, die in den Städten langsam zu Grunde gehen, als 'Konzentrationslager'. Sie fühlen sich nicht nur als Gefangene von Mauern und abgeschotteten Grenzen, sondern einer finsteren und gewalttätigen Ordnung, die ihnen noch nicht einmal Raum zum Träumen lässt."

Im Anschluss an das Interview findet sich online übrigens eine Vielzahl interessanter, zum größten Teil anonymer Reaktionen von Lesern.

Magazinrundschau vom 08.01.2008 - Nouvel Observateur

100 Jahre nach ihrer Geburt hat der Nouvel Obs begriffen, was das wichtigste an Simone de Beauvoir war und präsentiert uns auf dem Titel ihren nackten Arsch. Zwei längere Beiträge von Agathe Logeart und Aude Lancelin würdigen die Philosophin zum einen als "Simone, die Skandalöse" und untersuchen zum anderen, ob die bei heutigen Feministinnen für ihre Radikalität geschätzte Autorin von "Das andere Geschlecht" eine Renaissance erfährt. In Kurzbeiträgen melden sich Künstler und Autoren wie Philippe Sollers, Juliette Greco, Arielle Dombasle und Catherine Millet zu Wort. Letztere schreibt: "Mich hat vor allem diese Abmachung zwischen Beauvoir und Sartre bezüglich sexueller Freiheit interessiert, auch wenn so ein Pakt für mich nie infrage gekommen wäre. Zwischen mir und meinem Partner Jacques lief diese Freiheit verschwiegen ab. Ich kann mir nicht helfen, dieser Imperativ zu absoluter Offenheit hat für mich auch eine bourgeoise Seite: immer ehrlich im Leben sein, immer sagen, was man denkt. Ich persönlich verstehe nicht, warum Heucheln eine Schande sein soll. Merkwürdig, dass Beauvoir für mich aber auch immer eine sehr erotische Figur war. Wie eine Heldin von Klossowski: Kalt, intellektuell, straffes Haar."