Magazinrundschau - Archiv

Nueva Sociedad

7 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 29.04.2008 - Nueva Sociedad

"Wie präsentiert sich das heutige Lateinamerika der Welt? Als eine der wenigen friedlichen, demokratischen Regionen des Planeten? Oder als Gebiet voll kaum verhüllter Konflikte - vom Drogenhandel bis zu massiven Bevölkerungswanderungen -, dessen schwache demokratische Institutionen stets kurz vor dem Kollaps stehen?" Dieser Frage geht eine Vielzahl interessanter Beiträge im aktuellen Heft der Nueva Sociedad nach:

Herve do Alto nimmt die Sicht der europäischen Linken auf aktuelle Entwicklungen Lateinamerikas ins Visier: "Der Populismusvorwurf gegen Politiker wie Chavez oder Morales ist offensichtlich beeinflusst durch eigene Erfahrungen seit den 80er Jahren - Le Pen, Jörg Haider, Pim Fortuyn, Silvio Berlusconi etc. Die - legitime - Furcht vor einer Rehabilitierung des Totalitarismus führt jedoch zu einer pauschalen Zurückweisung aller Projekte, die auf gesellschaftliche Veränderung abzielen, zugunsten einer reinen Politik des Machbaren, die dabei ihren eigenen Projekt-Charakter verschleiert. Vielleicht sollte man dem Vorschlag des französischen Publizisten Marc Saint-Upery folgen und ein fünfjähriges Moratorium für die Verwendung des Begriffes 'Populismus' beschließen."

Magazinrundschau vom 15.01.2008 - Nueva Sociedad

"Lateinamerika ist heute der am stärksten urbanisierte Teil der Dritten Welt", heißt es im Editorial der Nueva Sociedad. Den Megacities Südamerikas ist deshalb auch die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift gewidmet. Einen besonders lesenwerten Beitrag über seine Heimatstadt Mexico City hat Juan Villoro verfasst (pdf): "Walter Benjamins Empfehlung, sich 'in einer Stadt zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt', war seinerzeit gar nicht so einfach nachzukommen: Die städtische Landschaft verfügte noch stets über Bezugspunkte, die ein völliges in die Irre gehen unmöglich machten. In einer Metropole wie der mexikanischen Hauptstadt dagegen ist an die Stelle der Figur des Flaneurs, der spazieren geht, um sich zu verlaufen, längst die des Deportierten getreten, der ängstlich bestrebt ist, den Weg nach Hause zu finden. Die Odyssee ist unser täglich Brot, die größte Herausforderung besteht darin, heil an den Ausgangspunkt zurück zu gelangen. Unterwegs stößt man vielleicht plötzlich auf eine Waschmaschine randvoll mit Puppenköpfen. Stünde sie auf der Documenta oder der Biennale von Venedig, würde man sie der Konzeptkunst zurechnen. Hier hat sie eine andere Bedeutung, auch deshalb, weil die ganze Stadt dieser Installation überaus ähnlich ist."

Alejandro Encinas Rodriguez, langjähriger Präsident des Hauptstadtbezirks, informiert derweil unter anderem darüber, dass die fast vier Millionen Autos von Mexico City täglich 24 Millionen Liter verbrannten Treibstoffs in die Luft pusten.

Magazinrundschau vom 26.06.2007 - Nueva Sociedad

Freihandelsabkommen - mit den USA - oder regionale Wirtschaftsintegration? Emir Sader, Exekutivsekretär des Verbands der lateinamerikanischen Sozialwissenschaftler (CLACSO), vergleicht die zwei für die Staaten südlich der nordamerikanischen Grenze derzeit zur Verfügung stehenden Entwicklungsmodelle: Für Mexiko erwiesen sich demnach die Erfahrungen mit der ersten Variante als "große Enttäuschung. Nach einem kurzfristigen Entwicklungsschub im Grenzgebiet zu den USA - der vor allem Arbeit für Frauen und Kinder in Billiglohnfabriken ohne jegliches Recht auf gewerkschaftliche Organisation mit sich brachte -, wurde das investierte Kapital, sobald sich aussichtssreichere Bedingungen in China abzeichneten, umgehend wieder abgezogen und nach Asien umgeleitet." Anders funktionieren soll es zwischen den Mitgliedern der insbesondere von Venezuela vorangetriebenen Alternativa Bolivariana para las Americas (s. a. hier): "Gerechter Handel, wie ihn das Weltsozialforum vorschlägt: jedes Land gibt, was es kann, und bekommt, was es braucht." Die großen Gewinner dabei wären derzeit "Bolivien, Haiti, Ecuador und Nicaragua".
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Magazinrundschau vom 24.10.2006 - Nueva Sociedad

Kritische Fragen zu den neusten politischen Entwicklungen in Lateinamerika stellt u. a. der französische Soziologe Alain Touraine in der aktuellen Ausgabe der von der Friedrich Ebert Stiftung mitherausgegebenen Zeitschrift Nueva Sociedad: "Die Ergebnisse mehrerer Wahlen in Lateinamerika während der letzten Monate haben Beobachter dazu verführt, von einem Linksrutsch zu sprechen, der sich auf eine breite soziale Basis stützen kann. Die Begriffe 'links' wie auch 'rechts' sind jedoch ungeeignet, um die gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen Lateinamerikas zu beschreiben: Der gesamte Kontinent scheint sich im Gegenteil zusehends vom herkömmlichen Modell einer parlamentarischen Opposition mit Interessengruppen unterschiedlicher Ideologien zu entfernen. Es ist nicht gelungen, eine Verbindung zwischen den diversen sozialen Bewegungen und Parteien herzustellen, die eindeutig bereit wären, die gesellschaftlichen Konflikte in einem, zumindest formell, demokratisch-konstitutionellen Rahmen auszutragen. Lateinamerika scheint so heute weiter von einer politischen Lösung seiner sozialen Probleme entfernt als noch vor 30 Jahren."

Magazinrundschau vom 09.08.2005 - Nueva Sociedad

"Die Linke an der Regierung": Der erstaunlichen Tatsache, dass mittlerweile in fast allen Ländern Lateinamerikas linke oder linksliberale Parteien die Regierung bilden oder kurz vor der Machtübernahme stehen, ist die jetzt freigeschaltete letzte Nummer der in Venezuela von der Friedrich Ebert Stiftung mit herausgegebenen Zeitschrift Nueva Sociedad gewidmet. Von einer "historischen Tendenz, einem tief greifenden Wandel in der politischen Verfassung des Kontinents" spricht der Wirtschaftswissenschaftler und Politiker Teodoro Petkoff, der zugleich zwei durchaus unterschiedliche Gruppen linker Parteien unterscheidet: Pragmatisch operierende Organisationen in Ländern wie Brasilien, Argentinien oder Uruguay, die die Erfahrung von Militärdiktatur und brutaler Repression verarbeitet haben, neben dogmatisch-populistischen Bewegungen wie dem "Bolivarianismo" des venezolanischen Präsidenten Chavez oder dem "paläorevolutionären" Regime Kubas. Möglich wurde die neue linke Vielfalt ironischerweise durch das Verschwinden der Sowjetunion: "Die nordamerikanischen policy makers sahen in lateinamerikanischen Linksregierungen keine Bedrohung ihrer globalstrategischen Interessen mehr. Der Rivale, der sie zu seinen Gunsten hätte instrumentalisieren können, war verschwunden."

Dietmar Dirmoser, der Herausgeber der Zeitschrift, sieht dagegen viele Länder in Gefahr, sich in "Demokratien ohne Demokraten" zu verwandeln: "Vielerorts ist der Ruf nach autokratischen Haurucklösungen zu vernehmen. Die hochgelobte 'Belastbarkeit und Krisenresistenz' der lateinamerikanischen Demokratien hat nicht sehr lange vorgehalten: Die Demokratie in Lateinamerika ist angeschlagen, ihre zentralen Institutionen sind ausgehöhlt und taugen oft nur noch als Fassade." (Dirmosers Beitrag hier auch auf deutsch nachzulesen.)

Magazinrundschau vom 23.08.2004 - Nueva Sociedad

Venezuelas Magazine sind im Internet leider nur schwer zu erschließen, und so muss, wer dem Phänomen Hugo Chavez und seiner gerade gewonnen Volksabstimmung auf den Grund gehen will, auf die sozialwissenschaftliche Nueva Sociedad zurückgreifen. Die hat ihren Sitz in Caracas, wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert und deckt ganz Lateinamerika ab. In der neuesten Ausgabe präsentiert Historiker und Ethnologe Fernando Coronil die zwei vorherrschenden und entgegengesetzten Sichtweisen auf den venezolanischen Präsidenten. Die eine verklärt die Vergangenheit ("Früher waren wir zivilisiert") während es die andere mit der Gegenwart nicht so genau nimmt ("Jetzt sind wir Revolutionäre"). Es seien "zwei Seiten derselben Medaille", die die alte lateinamerikanische Dichotomie zwischen "Zivilisation oder Barbarei" wiederauferstehen ließen. Historisch konnte sie nur durch Dialogbereitschaft gelöst werden, die auch im gegenwärtigen Venezuela dringend nötig wäre, wie Coronil in seinem Fazit schreibt.

Weiterhin: eine detaillierte Analyse der jüngsten Wahlen in El Salvador, wo im März die rechtsgerichtete Arena-Partei erneut die ehemaligen Guerilleros der FMLN schlagen konnte, sowie eine Bestandsaufnahme des argentinischen Politologen Vicente Palermo über die ersten 18 Monate der Präsidentschaft von Luis Inacio Lula da Silva in Brasilien. Schwerpunkt dieser Ausgabe ist indes Kolumbien. Von den acht diesbezüglichen Aufsätzen ist nur einer im Netz frei zugänglich: Eduardo Pizarro Leongomez' Abwägung des gegenwärtigen militärischen Kräfteverhältnisses. Der Sozialwissenschaftler sieht durchaus "Licht am Ende des Tunnels", will heißen, dass der Staat langsam die Oberhand in der Auseinandersetzung mit Guerillagruppen und Paramilitärs erlangen könnte.

Magazinrundschau vom 17.11.2003 - Nueva Sociedad

Die aktuelle Ausgabe der sozialwissenschaftlichen Nueva Sociedad steht ganz im Zeichen von Luis Inacio "Lula" da Silva. Der ehemalige Gewerkschaftsführer regiert seit Januar das fünftgrößte Land der Erde, Brasilien, und der Kurs seiner Mitte-Links-Regierung wird in ganz Lateinamerika aufmerksam verfolgt. Dabei, so meint jedenfalls Joachim Knoop, schlägt sich Lula bislang hauptsächlich mit den bereits unter seinem Vorgänger, Fernando Henrique Cardoso, angedachten Reformen des Renten- und Steuersystems herum. Sein Problem sei die "Macht des Faktischen" in einem Land mit "ungenügendem Wachstum". "Bleibt also mit Lula alles beim Alten? Bislang ja, und das ist gut so", schreibt der deutsche Soziologe. Erst wenn "strukturelle Probleme" und "mächtige Interessen" angegangen würden, beginne die "wahre Regierung Lulas und der PT". (Die PT ist die Partido dos Trabalhadores, die Arbeiter-Partei Brasiliens).

Das heutige Brasilien wird in insgesamt neun Aufsätzen unter die Lupe genommen. Frei zugänglich ist auch ein Text des Politologen Raimundo Santos, der die PT als "soziale Bewegung" analysiert und ihre Beziehungen zu den weiterhin unzufriedenen Organisationen landloser Bauern beschreibt. Auch nachzulesen auf der übrigens von der Friedrich-Ebert-Stiftung finanzierten Nueva Sociedad: eine Analyse des Ecuadorianers Luis Verdesoto über die jüngsten Unruhen in Bolivien.