Magazinrundschau - Archiv

Le point

157 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 16

Magazinrundschau vom 09.05.2006 - Point

Der Anthropologe Malek Chebel hat einen "Kama-sutra arabe", eine Anthologie erotischer Texte aus der islamischen Geschichte, zusammengestellt. Im Interview mit Catherine Golliau streicht er auch einige erotische Passagen im Koran heraus und geißelt den extremen Puritanismus der heutigen Islamisten als unislamisch: "Die Zurückweisung des Fleisches und der Sexualität laufen auf eine Zurückweisung seiner selbst hinaus. Aber wie soll jemand, der sich selbst ablehnt, etwas anderes lieben können, und sei es Gott? Der Islam betont die Wichtigkeit des profanen Glücks als Übergang und Einladung zum sprituellen Glück. Wer diese beiden Formen des Glücks als Gegensätze sieht, handelt als 'Analphabet des Gefühls'."
Stichwörter: Puritanismus, Sexualität

Magazinrundschau vom 25.04.2006 - Point

In einem Interview spricht der Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel über seinen neuen Roman "Un desir fou de danser" (Seuil), sein Interesse am Wahnsinn und seinen Lebensweg als Holocaust-Überlebender. Auf die Frage, wo er in der gegenwärtigen Debatte über den Multikulturalismus stehe, antwortet er: "Ich finde, dass der Multikulturalismus eine Wohltat ist. Jede menschliche Gruppe hat das Recht zu sein, was sie ist, ihr Recht auf Kultur, Erinnerung und Respekt geltend zu machen. Ich bin Jude, aber ich meine, dass keine Religion, keine Tradition, kein Volk den anderen überlegen ist. Es ist mein Ziel, mich dafür einzusetzen, als Jude dazu beizutragen, die Anderen mehr zu respektieren - natürlich unter der Bedingung, dass sie mich respektieren."

In seinen Bloc-notes schwärmt Bernard-Henri Levy von Zeitgenossenschaft im Allgemeinen und seinem Zeitgenossen Andre Glucksmann im Besonderen. Levy definiert "wahre Zeitgenossenschaft" als das "Teilen von Gesten und Reflexen, die dazu führen, dass man im gleichen Moment in gleicher Weise auf die gleichen Situationen und Ereignisse reagiert". Er würdigt die politischen Einsprüche und Stationen von Glucksmanns intellektuellem Leben und empfiehlt dessen "Anti-Memoiren" "Une rage d?enfant" (Plon) der dringenden Lektüre. "Und ich wiederhole es noch einmal: dass es wenige Intellektuelle gegeben hat, mit denen ich mich so wunderbar und stets in Übereinstimmung befunden habe."

Magazinrundschau vom 18.04.2006 - Point

In Darfur, einer Region des Sudan (mehr dazu bei Wikipedia), werden von den herrschenden Arabern nicht mehr nur Christen, sondern auch Muslime verschiedener Stämme umgebracht, die in den Augen der Herrschenden den Nachteil haben, schwarz zu sein: purer Rassismus also. Neu ist, so schreibt Bernard-Henri Levy in seinem "Notizblock" in Le point, dass den letzten Hilfsorganisationen nun der Zugang zu den Regionen der ethnischen Säuberung untersagt wird: "Neu ist in einem Wort die Erklärung des UNO-Sonderbeauftragter für die Verhinderung von Völkermorden Juan Mendez, der meint, dass die Ausweisung der letzten Hilfsorganisationen das Zeichen sein könnte, dass das Regime in die letzte Phase seines Plans eingetreten ist - in der man lieber keine Zeugen haben möchte." Levy kritisiert auch die Organisationen der "Nachfahren von Sklaven" in Frankreich, die dieser Konflikt völlig kalt zu lassen scheint: "Hat der Feind hier etwa nicht das richtige Gesicht? Verkompliziert dieser Konflikt zwischen arabischen und nicht-arabischen Muslimen etwa das Schema? Sollte er die schreckliche Bestätigung der These sein, dass der Mord an den Schwarzen in Afrika ebenso ein afrikanisches und besonders arabisches wie westliches Verbrechen war?"

Magazinrundschau vom 11.04.2006 - Point

In einem Kommentar zu den Protesten gegen die Arbeitsmarktreform stellt der Historiker und Frankreichkritiker Nicolas Baverez ("La France qui tombe") fest, dass der Konflikt nur Verlierer hervorgebracht habe: das politische Duo de Villepin und Chirac, die Reform, die öffentliche Debatte sowie die protestierenden Studenten und Jugendlichen. "Besiegt sind auch die jungen Demonstranten, die, selbst wenn ihnen die Erzwingung einer offiziellen Rücknahme des CPE gelänge, damit nichts erreicht hätten, um der Verzweiflung einer Generation abzuhelfen, die sich mit Fug und Recht als verloren betrachtet und die lediglich die Wahl hat, dass die Begabtesten von ihnen freiwillig ins Ausland gehen (mehr als eine Million) oder in den Staatsdienst eintreten, den anderen dagegen nur sozialer Abstieg, Ausschluss und Kriminalität bleiben. Durch eine tragische Ironie zielt ihr Widerstand, der von Angst und Verteufelung des Liberalismus gekennzeichnet ist, in erster Linie auf die Instrumente ihrer Emanzipation und verstärkt die Absicherungen zu Gunsten jener 'Insider', die sie aus der Gesellschaft ausschließen."

Weiteres: Bernard-Henri Levy argumentiert in seinen Bloc-notes in eine ganz ähnliche Richtung und sieht die Nation "von einem Extrem ins andere verfallen". "Endlos oszilllieren wir zwischen den zwei Gesichtern unseres nationalen Jakobinismus: einen Tag die Technokraten, am andern die, die wollen, dass Köpfe rollen."

Zu lesen ist außerdem ein Interview mit dem italienischen Senatspräsidenten Marcello Pera, ehemals Philosophieprofessor und Vizepräsident der Partei "Forza Italia". Der Atheist und Papstvertraute (mehr) erklärt darin unter anderem, warum die jüdisch-christlichen Werte nicht unbedingt in Gott begründet werden müssten, um sie zu teilen und für universell gültig zu halten.

Magazinrundschau vom 28.03.2006 - Point

In seinen Bloc-notes resümiert Bernard-Henri Levy in dieser Woche den nun schon drei Jahre dauernden Irak-Konflikt. Der erklärte Gegner des Irakkriegs unterzieht darin noch einmal die Hauptargumente gegen den Krieg einer Prüfung. Zur Frage seiner moralischen Berechtigung schreibt er: "Moralisch haben die Neokonservativen Recht gehabt. Moralisch, wenn man so will, im Sinne der großen Prinzipien und Werte. Die Entscheidung, diesen Diktator, der Saddam Hussein gewesen ist, zu stürzen, war eine unangreifbare Entscheidung. Die Wahrheit ist, dass erst später, viel später, in dem Moment, als sich die Frage nach der politischen Handhabung des Konflikts stellte, in jenem Moment also, in dem man, anders gesagt, daran hätte arbeiten müssen, nicht den Krieg, sondern den Frieden zu gewinnen, die Katastrophe begonnen hat. Der Fehler dieser Leute bestand nicht darin, dass sie zu viel Politik gemacht haben, sondern zu wenig. (...) Das Problem, das Verbrechen besteht nicht darin, dass es ihnen an Idealismus gemangelt hätte, sondern dass sie sich durch eine moralische und ideele Voreingenommenheit blenden ließen."

Magazinrundschau vom 21.03.2006 - Point

In seinen bloc-notes staunt Bernard-Henri Levy darüber, dass die Bewegung der "neuen Philosophen" bereits auf eine 30-jährige Geschichte zurückblicken kann. "Die Feinde, ja, die Feinde, damals schon dieselben wie heute; es ist sonderbar zu sehen, inwiefern sie tatsächlich dieselben sind, auf immer und ewig dieselben, sie scheinen ständig wiedergeboren zu werden: Die Namen wechseln, der Hass bleibt, wir waren kaum aufgetaucht, da schrieben sie schon an unserem Nachruf und dicke Bücher darüber, dass wir keine Zeile wert seien. Und dann schließlich der Kampf... die Unterstützung der Dissidenten Mittel- und Osteuropas, dann der bombardierten Zivilisten von Sarajewo. Der Wutschrei über das Martyrium Tschetscheniens oder die vergessenen Kriege Afrikas. Die Verteidigung der algerischen Frauen und all jener Muslime, die mit nackten Händen gegen den Islamofaschismus kämpfen. Und so weiter... Ich glaube, dass wir uns für unsere Geschichte nicht schämen müssen - und noch weniger für unsere Jugend."

Magazinrundschau vom 14.03.2006 - Point

Berlin erfreut sich "beispielloser Beliebtheit" und hat sich zur "Modestadt der unter Vierzigjährigen" entwickelt, konstatiert die Deutschlandkorrespondentin des Point, Pascale Hugues. In ihrer ausführlichen Reportage berichtet sie über die Abwanderungsbewegungen junger Familien ins grüne Umland, die damit Platz für die Jungen schafften, die Entwicklung der beliebtsten Wohnquartiere und die diversen Berliner Talentszenen. "Berlin hat auch Hamburg und das Rheinland entthront, um, zusammen mit München, zur deutschen Kinohauptstadt zu werden. Die jungen Regisseure der neuen deutschen Welle arbeiten in Berlin, und die Studios in Babelsberg locken Großproduktionen an. Berlin ist die Stadt, in der sich die neue deutsche Realität abspielt, der Ost-West-Schock, der für Münchner oder Hamburger so abstrakt bleibt. Eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für Filmemacher und Schriftsteller. In den Cafes im Prenzlauer Berg sitzt einer von zwei Besuchern vor einem Notizblock. Die neue deutsche Literatur wird in Berlin geschrieben."

Magazinrundschau vom 14.02.2006 - Point

Für die französische Journalistin Elisabeth Levy zeigen die Reaktionen auf den Karikaturenstreit wie auch die stürmische Debatte über die französischen "Erinnerungsgesetze" zur kolonialen Vergangenheit vor allem eines: Es werde "in Frankreich immer schwieriger, der Gedankenpolizei zu entkommen". "Redeverbot, Lachverbot, Schockierverbot, Kritikverbot: Frankreich war immer stolz darauf, eine Wiege des kritischen Denkens zu sein, ein Land, in dem Anschauungen miteinander ringen. Jetzt scheint das Land von der Verbotslust gepackt zu sein. Jetzt pflastern vom Gesetz und der Doxa geprüfte offizielle Wahrheiten und amtlich geprüfte, konforme Ansichten die Wege der Erkenntnis. Abweichlern droht ein Meinungstribunal - oder es wird gleich kurzer Prozess mit ihnen gemacht." Levy kritisiert auch das Zurückweichen der französischen Politik vor den islamistischen Protesten gegen die Karikaturen: "Darf denn jede Minderheit neuerdings verlangen, dass sie nicht nur ihre eigene Geschichte kontrolliert, sondern auch noch vor Kritik zu schützen ist?"

Magazinrundschau vom 07.02.2006 - Point

Als "Bombe" apostrophiert Le Point das "Journal atrabilaire" (Gallimard) von Jean Clair, dem derzeitigen Direktor des Pariser Picasso-Museums und Kurator der überaus erfolgreichen Ausstellung über Melancholie im Grand Palais. In seinem "galligen Tagebuch" geht Clair auch mit der französischen Kulturpolitik ins Gericht. Le Point druckt einige Auszüge aus dem Buch, unter anderem Claires Haltung zur paneuropäisch höchst erfolgreich gewordenen Einrichtung der "Nacht der Museen". "Gestern Abend hat das Picasso-Museum 4633 kulturbeflissene Besucher empfangen, die Kinderwagen noch nicht mitgerechnet. Höllischer Lärm und ebensolche Hitze. Um nicht umzufallen, haben sich die neuen abendlichen Besucher an den Bildern abgestützt. Kein Wachpersonal, das sie daran hinderte: es gab keinerlei Geld, um Überstunden zu bezahlen. (...) Hier wie überall tut man nichts anderes, als schamlos die Reichtümer der Vergangenheit zu verschleudern. Man stellt, ohne nachzurechnen, einen Wechsel auf ein Erbe aus, das uns anvertraut wurde, ohne dieses Erbe zu vermehren oder es zu bewahren und zu sichern. Ein dekadenter Ausverkauf."

Im Nouvel Observateur ist ergänzend ein Interview mit Jean Clair zu lesen.

Magazinrundschau vom 27.12.2005 - Point

In einem sehr unterhaltsamen Interview spricht der Doyen des Nouveau Roman Alain Robbe-Grillet (mehr hier und hier) über seine Bücher, seine Arbeit, sein eigensinniges Verhältnis zur Academie francaise und seinen Status als einer, der "bekannt für seine Bekanntheit" ist. Auf die Frage, wie er sich selbst typisieren würde, gibt der inzwischen 83-Jährige folgende Selbstauskunft: "Ich bin ein Atheist, den Gott gelegentlich besucht. Ein nichtexistenter Gott natürlich, eher eine Art Quark oder ein Stück Antimaterie ... Und wenn er mich besucht - das tut er meistens, wenn ich ein Bad nehme - gibt er mir Ratschläge und spricht über mein Genie. Ihm verdanke ich die Lösung meiner technischen Probleme - eine schwierige Wahl, eine bestimmte Seite -, und diese Zusammenarbeit entzückt mich. Meine Mutter, das muss ich zugeben, hat mich ebenfalls für ein Genie gehalten. Aber habe ich Ihre Frage jetzt wirklich beantwortet?"

In seinem "Notizblock" fragt sich Bernard-Henri Levy, ob und wie man die "Faschislamisten" in Teheran noch aufhalten könne. Angesichts der immer wahrscheinlicher werdenden atomaren Bedrohung durch den Iran dürfe man, anders als "bei anderen Totalitaristen wie Hitler, Stalin, den roten Khmer, die uns angekündigt haben, was sie vorhaben", nicht versäumen, "alles zu versuchen, um diese Leute zu stoppen". Und "da Amerika in seinen absurden Irakkrieg verheddert ist, ist es an uns, den Europäern, Fragen zu stellen - dafür bleibt uns sehr wenig Zeit."