Magazinrundschau - Archiv

Propublica

8 Presseschau-Absätze

Magazinrundschau vom 21.05.2019 - Propublica

Wer diesen Artikel liest, wird jede Alaska-Romantik fahren lassen. Trübsinniger, als hier beschrieben, kann das Leben kaum sein. Kyle Hopkins ist für Propublica und die Anchorage Daily News in Dutzende abgelegener Dörfer gefahren und hat mit Dorfpolizistinnen gesprochen, die sich mit kaum zu bewältigenden Problem konfrontiert sehen. In Alaska ist die Selbstmordrate höher als irgendwo sonst in den Vereinigten Staaten, Alkohol ist ein riesiges Problem und die Raten für sexuelle Gewalt liegen dreimal höher als im Landesdurchschnitt - außer an der Westküste Alaskas, da sind sie nochmal doppelt so hoch. Eines der größten Probleme, so Hopkins , ist, dass es in vielen Dörfern überhaupt keine Polizei und nicht mal provisorische Gefängniszellen gibt. Hintergrund ist die seltsame Politik der Subvention der Bevölkerung, die die Leute wohl vor Ort halten soll. Deshalb wurden selbst die Mittel für die raren Hilfspolizisten gekürzt: "Statt die Bezahlung zu erhöhen oder neue Leute einzustellen, schlug der Gouverneur Mike Dunleavy dieses Jahr ein Budget vor, das die Mittel für Dorfpolizisten um 3 Millionen Dollar kürzt. Die Einsparungen sind Teil von Einschnitten in Höhe von 1,8 Milliarden Dollar, die es Alaska erlauben sollen, sein Budget einzuhalten und zugleich die Schaffung einer (in Alaska bisher nicht existenten) Einkommenssteuer zu vermeiden. Auch die Öldividende für alle Wahlberechtigen soll erhalten bleiben. Dunleavy, ein Republikaner, versprach im  Wahlkampf zwar mehr öffentliche Sicherheit, aber er versprach auch, dass die Alaskaner weiterhin ihre Ölschecks bekommen sollen und dass ihr Wert sogar steigen werde." Der Scheck liegt immerhin bei 4.000 Dollar pro Jahr. Für alle, die überleben. Hopkins schreibt hier in den Anchorage Daily News über die Umstände seiner Recherche.
Stichwörter: Alaska, Sexuelle Gewalt

Magazinrundschau vom 27.03.2018 - Propublica

In einem Beitrag des unabhängigen News-Magazins berichten Peter Gosselin und Ariana Tobin über den massiven Stellenabbau bei IBM. Ein mächtiger Dämpfer für den American Dream, den das Unternehmen wie kaum ein zweites symbolisierte: "ProPublica schätzt, dass IBM allein in den letzten fünf Jahren mehr als 20.000 seiner US-Arbeitnehmer über 40 Jahren gekündigt hat, das sind rund 60 Prozent aller Kündigungen in diesem Zeitraum. Mit diesen Kündigungen hat IBM Gesetze missachtet, die ältere Arbeitnehmer schützen sollen, wie ProPublica anhand von Dokumenten und Interviews mit mehr als 1000 früheren IBM-Mitarbeitern herausfand. Laut Recherchen von ProPublica hat IBM älteren Mitarbeitern das Recht verweigert, vor Gericht zu ziehen oder sich zu organisieren, ältere gut qualifizierte Mitarbeiter durch junge ersetzt, Kündigungen in Pensionierungen umgewandelt oder erzwungen, Gekündigten geraten, sich für andere IBM-Jobs zu bewerben, die ihnen dann aber von IBM-Managern verweigert wurden, und älteren Mitarbeitern vermittelt, ihre Qualifikationen seien veraltet, um sie nach der Kündigung als geringer bezahlte Vertragsmitarbeiter weiterzubeschäftigen … Mit rund 400.000 Mitarbeitern weltweit und zehntausenden in den USA, bleibt IBM ein Gigant in der Unternehmenswelt. Wie es den Umgang mit seinen Baby-Boomern managt und den Übergang zu einer jüngeren Belgschaft vollzieht, wird als Beispiel für andere Unternehmen dienen."

Magazinrundschau vom 09.01.2018 - Propublica

In New York bei der Müllabfuhr zu arbeiten, stellt ein erhebliches Risiko für Leib und Leben dar - zumal weite Teile dieses Arbeitssegments privatisiert sind und die zur Verfügung stehende Arbeitskraft somit aus Profitgründen effizient ausgepresst werden muss. Folge: Doppelschichten, Übermüdungen, ein kaum zu bewältigendes Arbeitspensum nach Verschleiß-Logik, Hektik bei gefährlichen Aufgaben und schnell ausgesprochene Kündigungen, sobald Arbeiter Sicherheitsstandards einfordern. Das zumindest ist das triste Bild, das Kiera Feldman in ihrer großen Investigativ-Reportage zeichnet. Ihre Quelle war "nach drei Jahren in dem Job von Kopf bis Fuß gezeichnet. Sein linkes Bein wies eine tiefe Narbe auf (Nähte, nachdem Glas in einem Müllbeutel sein Bein aufschlitzte). Unterhalb seiner rechten Kniescheibe befanden sich Kreuznähte (mehr Glas) und gleich darunter eine weitere Narbe, die er sich bei einem missglückten Sprung zugezogen hat, als sein Müllwagen sich zu früh entfernte (ein Sprung, den er wohl geschafft hätte, wäre er um fünf Uhr in der Früh nicht am Ende seiner Kräfte gewesen). Dann war da die tiefe Kerbe auf der linken Seite seines Kopfes, 'etwa vier Inches hinter dem, was mal mein Haaransatz war.' Ein Gewinde habe sich vom Wagen gelöst, erklärt er, und ihm den Kopf aufgeschlagen. Die grausamste Verletzung allerdings stammt aus dem November 2013, als einer seiner Kollegen just im falschen Moment einen Container wegzerrte und seine Hand quetschte. In dieser Nacht verlor er die Spitze seines rechten Zeigefingers. Dieser Finger war es, der mich zu ihm geführt hatte. Über Kontakte recherchierte ich Verletzungen in New Yorks Müllindustrie. In meinen Notizen führte ich ihn als 'versehrter Finger #5'."

Weitere Artikel über Arbeitskultur im Wandel: Für den Guardian hat Snighda Poonam recherchiert, wie sich Betrüger den hoffnungslos überlaufenen Arbeitsmarkt in Indien zunutze machen und mit angeblich lukrativen Callcenter-Jobs locken, bei denen man dann allerdings in Wahrheit auf kriminelle Weise arglosen Menschen per Blind-Call das Geld aus der Tasche ziehen soll. Auf Politico erklärt Danny Vinik, wie sich der US-Arbeitsmarkt still und heimlich zu einem für die Unternehmen zwar lukrativen, für die Arbeiter aber miesen Leiharbeitsmarkt umstrukturiert. Und hingewiesen sei auch noch mal auf den Artikel über die Arbeitsbedingungen in amerikanischen Fleischfabriken in Bloomberg Businessweek.
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Magazinrundschau vom 07.06.2016 - Propublica

Sebastian Rotella porträtiert in einer hochspannenden Reportage den Guatemalteken Enrique Degenhart, ehemals ein erfolgreicher Unternehmer und Manager, der sich 2010 vom linken Präsidenten Alvaro Colom verleiten ließ, den Job des Leiters der Immigrationsbehörde Guatemalas anzunehmen. Er war so erfolgreich in der Bekämpfung der Korruption, dass der neue Präsident Otto Pérez Molina ihn entließ, alle Bodyguards von ihm abzog und ihm sein gepanzertes Auto wegnahm. Was, fragt man sich, macht ausgerechnet die Einwanderungsbehörde so korruptionsanfällig? "In entwickelten und sich entwickelnden Ländern halten Grenzbehörden den Schlüssel zum Königreich für illegale Unternehmen aller Art", erklärt Rotella. "Es gibt wenige Posten, in denen schlecht bezahlte Funktionäre mehr Macht über das Leben von Menschen und den Warenverkehr haben. Ein weiterer Faktor in Guatemala: Das giftige Vermächtnis von Jahrzehnten des Bürgerkriegs. Militärregime hatten die Einwanderungs- und Zollbehörden systematisch für finanzielle und strategische Ziele ausgenutzt. ... Guatemalas Einwanderungsbehörde war außerdem ein Paradies für Dienstvergehen, dank dreier Gewerkschaften, die die Angestellen, einschließlich der Grenzschützer und Verwaltungsbeamten vertraten. Laut guatemaltekischer, amerikanischer und mexikanischer Strafverfolgungsbehörden benahmen sich die Gewerkschaftsbosse wie Verbrecherkönige: sie bekriegten sich, wehrten Untersuchungen ab, gewannen einflussreiche politische Freunde und bereicherten sich durch illegale Aktivitäten."

Magazinrundschau vom 31.05.2016 - Propublica

Bei der Strafbemessung verurteilter Straftäter kommen in den USA immer mehr Algorithmen zum Einsatz, die die Wahrscheinlichkeit berechnen sollen, mit der ein Angeklagter erneut straffällig wird. Eine zweischneidige Sache, denn es gab zwar Hoffnungen, die übermäßig hohe Anzahl schwarzer Inhaftierter durch "objektive" Algorithmen zu verringern. Doch diese Hoffnungen erfüllen sich nicht, stellen Julia Angwin, Jeff Larson, Surya Mattu und Lauren Kirchner fest, die die Ergebnisse anhand von 7000 Verurteilten untersucht haben: Danach wurden Schwarze doppelt so häufig fälschlicherweise als künftige Kriminelle eingestuft wie Weiße. Umgekehrt wurden Weiße fälschlicherweise häufiger als risikolos eingestuft als Schwarze. Die Folgen sind niederschmetternd: "Paul Zilly hörte das erste mal von diesen Vorhersagen während seiner Anhörung für die Strafbemessung 2013 in Wisconsin. Zilly war wegen des Diebstahls eines Rasenmähers und einiger Werkzeuge verurteilt worden. Der Staatsanwalt empfahl ein Jahr im Bezirksgefängnis und anschließend Supervision, um ihm zu helfen, 'auf dem rechten Pfad zu bleiben'. Zillys Anwalt war einverstanden. Aber Richter James Babler hatte die Risikobewertung von Zilly gesehen. Northpoints Software hatte Zilly als hohes Risiko eingestuft, künftig Gewalttaten zu begehen, und als mittleres Risiko für einen generellen Rückfall. 'Wenn ich mir die Risikobewertung ansehe', sagte Babler im Gericht, 'dann kann es schlimmer kaum sein.' Babler ignorierte die Vereinbarung zwischen Staatsantwaltschaft und Verteidigung und verhängte zwei Jahre Haft in einem Staatsgefängnis und drei Jahre Supervision."

Magazinrundschau vom 29.09.2015 - Propublica

Nina Martin erzählt in einer schockierenden Reportage, wie die Behörden in Alabama immer rabiater ihren Machtanspruch auf die Körper schwangerer Frauen durchsetzen. Ihre schärfste Waffe ist ein Gesetz über die "Gefährdung eines Kindes durch chemische Substanzen", das sich ursprünglich gegen Eltern richtete, die in ihrer Garage ein Meth-Labor betreiben. Doch dann wurden auch Eltern belangt, wenn sie eine Crack-Pfeife auf dem Tisch liegen ließen oder im Auto Marihuana rauchten. Inzwischen reicht es, wenn eine schwangere Frau eine Tablette Valium schluckt: "Im dehnbaren Sprachgebrauch des Gesetzes konnte "ein Kind" auch ein Fötus sein, und eine "Umgebung, in der Betäubungsmittelmittel hergestellt und in Umlauf gebracht werden" ein Mutterleib... Eine Frau kann wegen chemischer Gefährdung belangt werden, selbst wenn das Baby vollkommen gesund geboren wird, wenn es ihr Ziel war, ihr Kind vor größerem Schaden zu bewahren. Die Strafen sind außergewöhnlich streng: ein bis zehn Jahre Gefängnis, wenn das Baby keinen Schaden erlitten hat, zehn bis zwanzig Jahre wenn das Baby Schädigungen aufzeigt, zehn bis 99 Jahre, wenn das Baby stirbt."

Magazinrundschau vom 30.09.2014 - Propublica

Jake Bernstein erzählt in Propublica eine Geschichte, die zeigt, wofür stiftungfinanzierter investigativer Journalismus gut sein kann: Sie gibt einen so nahen Einblick in die Finanzaufsicht der Federal Reserve Bank (Fed), dass er dieser in wünschenswerter Weise peinlich sein muss. Nach der Finanzkrise, so Bernstein, sind neue Aufseher in der Behörde installiert worden, die zum Teil direkt in die Banken beordert wurden, so wie Carmen Segarra, die allerdings nach sieben Monaten wegen unziemlichen Verhaltens gefeuert wurde. Sie hatte den freundlichen Umgangston der Herren von der Aufsicht mit Goldman Sachs gestört. Und sie ist die lebende Illustration für die Thesen eines Berichts des Experten David Beim, den Bernstein zitiert: "Der Beim Report betonte, dass die New York Fed eine neue Kultur brauchte, um sich in eine Institution zu verwandeln, die komplexe Institutionen überwachen konnte und Risiken aufspieße konnte. Und das bedeutete, dass man "unkonventionelle Denker" engagieren sollte, selbst falls es sich um "kontroverse Personen" handelte, empfahl der Bericht." Nun herrscht wieder der freundliche Umgangston.


Magazinrundschau vom 14.08.2012 - Propublica

Eine Billion Dollar. Auf diese Summe beläuft sich der jährliche Schaden durch Internetkriminalität, also gestohlene Kreditkarteninformationen, Industriespionage, Computerviren. Das behaupten zumindest Cybersecurity-Firmen, Militärs und Politiker, darunter, Anfang 2009, auch Barack Obama. Peter Maass und Megha Rajagopalan recherchieren in einem aufschlussreichen Artikel auf Propublica, wie diese Zahl zustande kommt, und stellen fest: sie wurde vom Sicherheitssoftware-Anbieter McAfee in die Welt gesetzt - und ist frei erfunden: "Im Gegensatz zu wissenschaftlichen Journalen gibt es kein formales Aufsichtssystem für Studien, die von der Industrie herausgegeben werden. Das wirtschaftliche Interesse der Sicherheitsfirmen ist klar: Je größer die scheinbare Bedrohung, umso wichtiger wird ihre Abwehr-Software. Norton, das zu Symantec gehört und eine beliebte Antivirus-Suite vertreibt, empfiehlt in seinem neuesten Cybercrime-Report: 'Don't get angry. Get Norton.'"