Magazinrundschau - Archiv

Rue89

91 Presseschau-Absätze - Seite 9 von 10

Magazinrundschau vom 02.09.2008 - Rue89

In Rue89 ist ein kleines Dossier zu dem Anfang August veröffentlichten Abschlussbericht der Mucyo Commission zu lesen (hier als pdf), welche die französische Rolle beim Völkermord 1994 in Ruanda untersuchen sollte. In einem Beitrag stellen Gabriel Peries und David Servenay diesen Bericht in Auszügen vor, zu dem Frankreich bisher offiziell nicht Stellung nahm. Beim Außenministerium war nur von "unannehmbaren Anschuldigungen" die Rede.

In einem Folgebeitrag untersuchen die Autoren, inwiefern Frankreich zwischen 1990 und 1994 in Form einer indirekten Strategie tatsächlich einen heimlichen Krieg geführt habe, der sich an eine in der Militärführung wohlbekannte Doktrin des revolutionären Krieges anlehnt, die auf einen französischen Offizier im Indochinakrieg 1953 zurückgeht. "Was das alles mit Ruanda zu tun hat, fragen Sie? Die Parallelen sind so zahlreich, dass sie über den Status harmloser Zufälle hinausgehen... Die französischen Soldaten haben ihr Wissen nie verloren. Trotz eines Verbots, diese Doktrin im französischen Mutterland zu lehren, was De Gaulle nach dem putsch des generaux (1961 in Algerien) verfügt hatte, trotz politischer Alternativen hielten die Elitekorps (Truppen der Marine, der Legion und der Polizei) an dieser Errungenschaft fest, vor allem in Afrika." In einem dritten Artikel schließlich untersuchen sie die "intellektuelle Matrix" dieser Kriegsdoktrin und werden dabei unter anderem bei dem Buch "Der totale Krieg" des deutschen Militärs, Putschisten und NS-Reichstagsabgeordneten Erich Ludendorff von 1934 fündig.

Ein weiterer Beitrag geht der Frage nach, ob nach dem Vorpreschen Silvio Berlusconis, der Gaddafi fünf Milliarden Dollar zur Begleichung einer italienischen "Kolonialschuld" zusagte, nun auch auf Frankreich und andere Länder mögliche Entschädigungszahlungen zukommen. Vorläufiges Fazit: "Eine Büchse der Pandora"

Magazinrundschau vom 19.08.2008 - Rue89

Sind die Franzosen insgesamt rassistischer geworden oder neigen sie im Gegenteil zu politischer Korrektheit? Die jährliche Erhebung der "Commission nationale consultative des droits de l'homme" (CNCDH) hat ergeben, dass 48 Prozent der Ansicht sind, es gebe "zu viele Einwanderer in Frankreich", und sich satte 30 Prozent ausdrücklich für "rassistisch" erklären. Und der Rassismus kommt heute nicht mehr nur von rechts, sondern auch von der antikolonialistischen Linken und aus islamistischen Kreisen. Der Soziologe und Antisemitismus-Experte Michel Wieviorka warnt deshalb: "Vorsicht: Man kann darauf wetten, dass sich in Umfragen nicht alle Rassisten als solche bezeichnen. Deshalb sind die 30 Prozent unterbewertet, siehe die Stimmergebnisse für den Front National. Sich rassistisch zu nennen, steht heutzutage gesetzlich unter Strafe, für den FN zu stimmen dagegen nicht. Des Weiteren gilt es heute als legitim, die extreme Rechte zu wählen: Der Front National hat diesen Ansichten demokratische Legitimität verschafft."

Magazinrundschau vom 05.08.2008 - Rue89

Nach Jahrhunderten eines erbarmungslosen Zentralisierungsprozesses mit Prügelstrafen für kleine Bretonen, die nicht französisch sprechen wollen, hat Frankreich die Regionalsprachen als "nationales Erbe" unter den Schutz der Verfassung gestellt. Elisabeth Cestor unterstützt diese Entscheidung zwar, aber sie blickt auch mit Grauen auf den Nachbarn Spanien: "Während in Frankreich die Diskussion um Integration und offizielle Anerkennung der Regionalsprachen im Gange ist, hat die spanische Regierung einen Prozess gegen die katalanische Regierung gewonnen, wonach an den katalanischen Grund- und Hauptschulen drei statt zwei Wochenstunden auf Spanisch verbindlich werden, weil der Unterricht nicht ausschließlich auf Katalanisch stattfinden solle."
Stichwörter: Integration, Rue89

Magazinrundschau vom 29.07.2008 - Rue89

Der Karikaturist Sine hat in der satirischen Zeitschrift Charlie Hebdo zwei Sätze geschrieben, über die ganz Frankreich rätselt: Sind sie antisemitisch oder nicht? Bernard-Henri Levy meinte in Le Monde ganz eindeutig: ja. Aber Sine hat auch viele Unterstützer. Das Internetmagazin rue89 bringt eine sehr differenzierte Auseiandersetzung mit der Affäre, scheint aber eher auf Seiten BHLs zu sein, und erinnert an die "Affäre Carbone 14", nach dem Namen eines Pariser Alternativradios der frühen achtziger Jahre: "Mitten in einer schönen Augustnacht des Jahres 1982, lädt der nicht gerade für Anmut bekannte Humorist Jean-Yves Lafesse Sine ein. Gerade hat es das Attentat der Rue des Rosiers im jüdischen Viertel von Paris gegeben, mit sechs Toten. Beide Komiker haben eine Flasche Whisky auf dem Tisch, und man gibt dem Affen ordentlich Zucker: 'Ich bin Antisemit. Ich werde künftig Hakenkreuze auf alle Mauern schmieren... Ich will, dass künftig jeder Jude in Angst lebt, es sei denn er ist für die Palästinenser...' Zweideutigkeit ist hier nicht." Auf rue89 äußert sich Sine auch in einem Video auch zur "Affäre Carbone 14".


Magazinrundschau vom 29.04.2008 - Rue89

Hubert Artus porträtiert das italienische Autorenkollektiv Wu Ming, das sich die Abschaffung des geistigen Urheberrechts auf die Fahnen geschrieben hat und für die freie Zugänglichkeit und Verbreitung von Literatur - Copyleft - plädiert. In einem anschließenden Interview erläutern sie ihr Konzept: "Wir haben bewiesen, dass die Dinge (Verkäufe und Copyleft) nicht inkompatibel sind und sich gegenseitig aufgewertet haben. Täglich laden sich Leute unsere Bücher kostenlos auf ihre Computer. Und dann? Dann kaufen sie sie als eine Form aktivistischer Subskription. Von einem streng strategischen Blickwinkel aus funktioniert das." Über Berlusconis neuen Wahlsieg regen sie sich nicht sonderlich auf, schließlich sei kein Sieg endgültig: "Kein Land ist davor gefeit, ein bisschen Italien zu werden."

Besprochen wird außerdem das Buch "Le jour ou mon pere s'est tu" (Seuil) von Virginie Linhart, eine Erinnerung an 68 und ihren Vater Robert L. Linhart, den Gründer der französischen Maoisten.
Stichwörter: Mons, Rue89, Urheberrecht

Magazinrundschau vom 15.04.2008 - Rue89

Zusammen mit Lehrern, Journalisten und Juristen hat der junge Rechtsanwalt und Spezialist für Medien- und Presserecht Emmanuel Pierrat ein Schwarzbuch der Zensur erarbeitet und herausgegeben: "Le livre noir de la censure" (Seuil). Ein ausführliches Gespräch über dessen Befunde ist nur zu hören, die zentralen Aussagen sind aber in einem Begleittext aufgeführt. Drei Haupttäter hat das Autorenkollektiv ausgemacht: das Scheckbuch, Tugendwächter sowie die neuen Medien in Gestalt von Yahoo, Google oder Microsoft. Letztere auch, weil sie - wie im Fall Google in China - mit Machthabern paktieren, um sich neue Märkte zu erschließen. Die großen Konzerne dagegen, so Pierrat, hätten sich früher damit begnügt, zu aggressiven Medien die Werbebudgets zu kappen, heute attackierten sie sie juristisch. "Ihre Geschützstärke ist verglichen mit den Mitteln für einen Gegenangriff durch Verleger, Journalisten und Schriftsteller enorm." Und die Gefahr mit den Tugendwächtern bestehe darin, dass "jeder Prozess, den sie anstrengen, Kosten verursacht: Anwaltskosten, Nachteile und Interesse. Viel lohnendere Auswirkungen als Kerkerhaft."

Magazinrundschau vom 25.03.2008 - Rue89

In einem Interview spricht der israelische Schriftsteller Aharon Appelfeld über sein jüngstes Buch "La chambre de Mariana", das er gerade auf der Pariser Buchmesse vorgestellt hatte, sein Schreiben und sein zentrales Thema: das Jüdischsein. Israel selbst ist kein Thema für ihn - zumindest nicht literarisch und jedenfalls nicht im Moment: "Wie gesagt, ich schreibe Sagas über die jüdische Einsamkeit. Israel ist ein winziger Teil der sehr langen jüdischen Geschichte. Meine Arbeit besteht darin, das Wesen des Jüdischen zu suchen, herauszufinden, was es heißt, Jude zu sein. Natürlich, es gibt die Intifada. Sie ist wichtig, die Intifada, sehr wichtig. Aber in aller Objektivität stellt sie zeitlich betrachtet ebenfalls nur einen kleinen Abschnitt der jüdischen Geschichte dar. Ich werde über die Intifada und Israel ... in zweihundert Jahren schreiben. Dann bin ich 268 und schreibe über die Intifada in der Geschichte."

Magazinrundschau vom 18.03.2008 - Rue89

In einem Interview spricht die russische Journalistin Oksana Chelysheva über die prekäre Situation der Presse in ihrem Land. So ist ihre Zeitung Novaya Gazeta, eine der letzten Bastionen eines unabhängigen Journalismus, für die auch ihre ermordete Kollegin Anna Politkovskaja schrieb, Repressalien ausgesetzt. Chelysheva erklärt: "Die Regierung hat es fast geschafft, die unabhängige Presse zu vernichten. Selbst wenn sie Novaya Gazeta nicht dicht macht, hat sie eine Atmosphäre der Einschüchterung geschaffen, die dazu führt, dass Journalisten Angst haben und sich selbst zensieren. (...) Am Jahrestag von Annas Tod wurden unsere sämtlichen Computer beschlagnahmt und es wird wegen des Gebrauchs illegaler Software gegen uns ermittelt. (...) 2005 wurden in Nizhny Novgorod Handzettel mit Todesdrohungen gegen mich sowie meinem Namen und meiner Adresse verteilt, auf denen ich beschuldigt wurde, tschetschenische Terroristen zu unterstützen und eine Verräterin Russlands zu sein."

Ein weiterer Artikel wirft nach dem Start der Netzzeitung MediaPart (mehr hier) einen Blick auf vergleichbare Projekte und untersucht, wie diese mit der Form des Zahlabonnements zurande kommen und ob sie es sich leisten können, auf Werbung zu verzichten.

Magazinrundschau vom 04.03.2008 - Rue89

Rue 89 stellt das Buch "Triomphe de la vulgarite" (Editions de l?Olivier) über Sarkozys Frankreich vor, und dessen Autor Marc-Vincent Howlett, Philosoph und Lehrbeauftragter an der Hochschule für Angewandte Künste, der zwar noch nicht so bekannt sei, dessen "Wut, treffsichere Rhetorik und präzise Attacken" jedoch sehr viel versprechend seien. "Nicolas Sarkozy ist in keiner Weise ein neuer oder innovativer Politiker. Howlett zeigt mit heiterer Schärfe, was für ein Sarkozy ist: 'Er gibt sich gern für jemanden anderen aus. Er könnte Putin und/oder Busch sein. Er will uns überzeugen, dass er das Gesicht der Welt verändern wird, indem er der Welt ins Gesicht sieht; doch was er ansieht, ist nicht die Welt. Giscard d'Estaing wollte Frankreich tief in die Augen blicken. Nicolas Sarkozy schaut auf seine Amtsgenossen.' Das Neue an diesem Essay ist, dass es darin weder um Vermenschlichungstaktik und 'Bling-Bling', die Einwanderungspolitik und Diskriminierung, noch um den enthemmten Liberalismus geht, wenn er die Vulgarität des neuen Bewohners des Elysee-Palasts angreift. Sondern um Sarkozys Verhältnis zur Macht und zur Geschichte."

Magazinrundschau vom 22.01.2008 - Rue89

Die französische Kulturpolitik versagt, schäumt der Historiker Antoine de Baecque, und schuld daran sei ein Präsident, der "wenig gebildet und auch noch stolz darauf" sei und der Kultur zutiefst misstraue. Baecques Analyse von zwei kulturpolitischen Papieren Nicolas Sarkozys fällt dementsprechend aus: "Dieses Kulturprogramm glänzt nicht gerade durch Ambition. Sarkozy scheint die Welt der Kultur nicht für die seine zu halten und zeigt sich äußerst zurückhaltend. Im Grunde versucht er, feindliches Gelände zu entminen, das Feld derer abzugrenzen, die er als unüberwindliche Gegner betrachtet, und ihre Angriffe im voraus zu vereiteln. Während er auf zahlreichen Gebieten meist offensiv vorgeht, beschränkt Nicolas Sarkozy die Kultur auf ein paar Klassiker: die Vielfalt, das Erbe, die neuen Technologien und das Aufgabengebiet 'Stadtviertel'."
Stichwörter: Rue89, Sarkozy, Nicolas