9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1634 Presseschau-Absätze - Seite 131 von 164

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2016 - Geschichte

Wer Polen und die Schrecken des 20. Jahrhunderts verstehen will, muss Jan T. Gross lesen, empfiehlt Götz Aly in der Berliner Zeitung. Er hat den von seiner konservativen Regierung scharf kritisierten polnischen Historiker gerade im Lesesaal von Yad Vashem in Jerusalem getroffen, wo Gross an einem neuen Buch arbeitet: "Jan Gross interessiert sich für das Verhalten der Menschen, nicht für glatte Nationalpädagogik, er wechselt gerne die Perspektiven. Anders als die meisten seiner deutschen Kollegen schreibt er wundervoll klar, knapp und dennoch quellenstark. Wer die Schrecken des 20. Jahrhunderts besser verstehen will, der lese Jan Gross und mache sich mit ihm über den Warschauer Politikzirkus lustig."

Die regierende PiS-Partei in Polen arbeitet derweil an einem neuen Zensurgesetz zum "Schutz des guten Rufs Polens", das jenem ähnelt, das als "Lex Gross" 2007 vom Verfassungsgericht kassiert worden war, berichtet Gabriele Lesser in der taz. "Dieses Mal kann Gross nicht auf die Verfassungshüter vertrauen. Diverse PiS-Gesetze haben das Verfassungsgericht weitgehend gelähmt, sodass das neue Wissenschaftszensurgesetz rechtskräftig werden könnte. Im Namen des 'guten Rufs Polens' könnten Gross und die Forscher des Warschauer Zentrums zur Erforschung des Holocaust ins Gefängnis gehen, weil sie sich mit Themen wie Pogromen, Kollaboration und Antisemitismus beschäftigen. Die PiS will einen längst überwunden geglaubten Mythos beleben: die Polen als 'ewige Opfer und Helden der Geschichte'."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2016 - Geschichte

In der FR denkt Arno Widmann darüber nach, was man heute noch von Verdun lernen kann: "Verdun war der Beginn der Götterdämmerung und am Ende war die Welt von gestern untergegangen. 'Rache für Versailles' war die politische Parole des deutschen Nationalismus nach 1919. Das schloss immer auch ein, Verdun rückgängig zu machen. Das meinte nicht nur, diesmal die französischen Stellungen schnell zu nehmen, sondern auch, die traumatische Erfahrung der Sinnlosigkeit des Krieges, aller mit ihm verbundenen Anstrengungen, der körperlichen und seelischen Verletzungen, ja des Todes doch noch zu widerlegen und aus einer Materialschlacht, aus einem industriellen Gemetzel, wieder einen Kampf der Krieger zu machen." Um zu lernen, dass dies nicht möglich war, brauchte es noch einen Zweiten Weltkrieg.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2016 - Geschichte

Die am 21. Februar 1916 begonnene Schlacht um Verdun ist zum Inbegriff des Ersten Weltkriegs geworden. Dabei kennzeichnet sie keinen entscheidenden Entscheidungs- oder Wendepunkt, sondern steht gerade wegen ihrer verlustreichen Sinnlosigkeit für den Verlauf des Krieges, schreibt der Historiker Herfried Münkler in der NZZ: "Verdun wurde auch darum zum europäischen Erinnerungsort, weil hier die Ratlosigkeit der Generalstäbe wie in einem Brennglas gebündelt ist und nirgendwo die Erschöpfung der strategischen Kreativität deutlicher sichtbar wird als in dem hügeligen Gebiet an der Maas. Beide Seiten opferten hier insgesamt etwa eine Viertelmillion Soldaten, ohne sagen zu können, welche Bedeutung das für den Ausgang des Krieges haben werde."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.02.2016 - Geschichte




Die Verdun-Gedenkstätte ist neu gestaltet worden, meldet Francebleu.fr. Sie "präsentiert mehr als 2.000 Sammlungsstücke, und künftig wird nicht mehr der französischen Soldaten, sondern aller Kämpfer von Verdun gedacht, unabhängig von der Nationalität. Symbol dieses heute geteilten Gedenkens wird die offizielle Eröffnung des Mémorial durch Präsident François Hollande und Kanzlerin Angela Merkel am 29. Mai sein." Das Foto zeigt einen durch Geschosse aufgerissenen Schützengraben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.02.2016 - Geschichte

Ziemlich plastisch schildert der Historiker Gerd Krumeich im Gespräch mit Katja Iken von Spiegel online den Horror von Verdun, der vor hundert Jahren begann. Das Schlimmste war der Durst, sagt er, Wasserstellen lagen unter Beschuss: "In den Pfützen der Granattrichter lagen meist Leichen, das Wasser war verseucht. Neben dem Durst trieb die Soldaten am stärksten die Angst um, dass ihnen ein Schrapnell das Gesicht zerfetzt, dass sie durch den Beschuss verschüttet und lebendig begraben werden. Ärzte berichten auch von den Höllenqualen Verwundeter, denen sie die Stiefel auszogen. Die Soldaten hatten sie bis zu drei Monate am Leib - die Schuhe waren mit dem Körper verwachsen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2016 - Geschichte

Dass die Herausgeber von Hitlers "Mein Kampf" eine "Edition mit Standpunkt" vorlegen wollten, findet der Historiker Peter Longerich in der NZZ löblich, recht gelungen sei es leider nicht. Der "Standpunkt" entpuppe sich nämlich als ein Meer von Fußnoten, die dem Text den giftigen Zahn ziehen sollen. Das funktioniert aber nur begrenzt, meint Longerich: "Eine ausführliche Kommentierung in Form von Fußnoten muss sich notwendigerweise in den Schlepptau des Textes begeben, jede auch noch so absurde Wendung des Autors nachvollziehen und den blühenden Blödsinn des Originals auf skrupulöse Weise kommentieren. Eine Analyse der Position Hitlers, die deutlich macht, wie er sich mit seinem ungebremsten Mitteilungsdrang den Zugang zu einer Erklärung der Ursachen der Niederlage von 1918 selbst verstellt, kann so nicht geleistet werden."
Stichwörter: Longerich, Peter, Mein Kampf

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2016 - Geschichte

In der NZZ berichtet Thomas Ribi über erste Veranstaltungen zum 500-Jahre-Jubiläum der Zürcher Reformation 2019.
Stichwörter: Reformation

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2016 - Geschichte


Das Internierungslager Camp de Rivesalte mit dem neuen Ausstellungsgebäude von Rudy Ricciotti. In dem Lager waren zwischen 1939 und 1946 etwa 600.000 Menschen eingesperrt.

Marc Zitzmann besucht für die NZZ das von Rudy Ricciotti gebaute Mémorial du camp de Rivesaltes bei Perpignan, das an das größte französische Internierungslager im Zweiten Weltkrieg erinnert: "Die Geschichte des Lagersystems ist von harten Einschnitten und von fließenden Übergängen gekennzeichnet. Der Wechsel von der Notstandslogik der Dritten Republik (1939-40) zur Ausgrenzungspolitik des Vichy-Regimes (1940-42), dann zum Vernichtungswahn der deutschen Besatzer (1942-44), endlich zur 'Säuberungspraxis' der Résistance und der allmählich wiederhergestellten Republik (1944-46) war für jene Lagerinsassen, die über mehrere dieser Phasen hinweg in Haft verblieben, mitunter kaum erkennbar."

Weiteres: Stefana Sabin besucht für die FR "Die Kampfzone" eine Ausstellung im Jüdischen Museum Wien über Antisemitismus und die Universität Wien. Und in der taz bespricht Ulrich Gutmair den Band "Die Wieder­gutwerdung der Deutschen" mit Texten des 1997 verstorbenen Historikers Eike Geisel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2016 - Geschichte

Ungarn, Polen, Dresden - es ist kein Zufall, dass der erbittertste Widerstand gegen Einwanderer aus dem Osten kommt, meint die ungarische Schriftstellerin Zsófia Bán im Tagesspiegel: "Hinter dem Eisernen Vorhang, hinter der Berliner Mauer war Europa zum Schweigen verurteilt und konnte sich so nicht dem Prozess unterziehen, der notwendig gewesen wäre, um einen wirklichen Sinneswandel hervorzurufen. Alte Denkmuster, Stereotype und Reflexe wurden konserviert wie Fußabdrücke von Dinosauriern in jahrhundertealten Gesteinsschichten und warteten nur darauf, mit dem richtigen Zauberspruch zum Leben erweckt zu werden, in diesem Fall mit der Rhetorik des Hasses."